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Richtig guter Stoff

Die neue Ausgabe des »Schreibheft« Nr. 106 befaßt sich mit Rolf Dieter Brinkmanns ziellosen Reise durch Wahrnehmungsgewitter und lädt ein zu einem Flug über die Jahre mit Jürgen Ploog.

Von Lothar Struck
 

Seit die Witwe Maleen Brinkmann den Nachlass von Rolf Dieter Brinkmann freigegeben und 2023 nach Marbach gegeben hatte, wird jetzt das Gebirge seiner bisher unveröffentlichten Texte bestiegen. Im Frühjahr beginnt eine Briefedition (Briefe von 1956-1958) bei Wallstein, herausgegeben von Markus Fauser und Annkathrin Sonder. Und im neuen Schreibheft von Norbert Wehr kann man eine erste Auswahl finden, getroffen und sparsam kommentiert von Michael Töteberg.

Es beginnt mit einem Text aus 1971, überschrieben als Frage im Brinkmann-Stil Worüber kann man noch schreiben, was? und es scheint so, als erinnere er sich, wenn es um die "albtraumhaft leer[en] Augenblicke am Sonntag nach dem Mittagessen" geht, die er fast herbeibeschwor, womöglich eine Reminiszenz an eine Erzählung von 1963 mit dem Titel Ein langer Sonntag, die sich ebenfalls im Schreibheft findet. Töteberg skizziert die Geschichte dieser Erzählung, die Brinkmann mehrmals umgeschrieben hatte, zeitweise weiter ausführte und als einen Romananfang dachte. Sein damaliger Lektor Dieter Wellershoff schickte sie, als "Werkstück" deklariert, an Walter Höllerer, der damals zusammen mit Hans Bender die Literaturzeitschrift Akzente herausgab. "HB dagegen" findet sich schließlich auf dem Brief und die Erzählung wurde nicht abgedruckt, wanderte ins Akzente-Archiv und wurde von Autor und Lektor vergessen.

Ein langer Sonntag
Der Ich-Erzähler, aus einem "Moorkaff" stammend (natürlich ist es Vechta), lebt in Essen, hat einen Büro-Job in einem Exportunternehmen. Er erhält einen Brief von der Mutter, die ihren Besuch für Sonntag ankündigt. Der kommt so überraschend wie ungelegen, weil er eigentlich eine Bootsfahrt mit seinem Freund Heino und zwei Mädchen unternehmen wollte. Das frühe Aufstehen, die Hitze, die Verpflichtung, die Mutter abzuholen und mit ihr Zeit zu verbringen – all dies peinigt ihn. Schon die Busfahrt zum Bahnhof wird zum Horror, überall Gerüche, Gestank, Menschen, die ihn stören. Am Bahnhof "Pennbrüder", Exkremente, Hässlichkeit. Seine Mutter ist ein "seltsam fremdes Tier", die ihm eine "verschwommene, unerklärliche Verlegenheit" abnötigt. Sie nehmen keinen Bus, gehen zu Fuß; der Ich-Erzähler sieht überall angefressene Häuserwände. Er mag es nicht, wenn die Mutter von Zuhause erzählt, spürt die "Gerüche langweiliger Kleinstadtnachmittage", kommt sich eingemauert vor, empfindet Wut und Zorn, aber auch eine "grausame, reißende Traurigkeit" in sich, stellt sich vor, wie er "in der Brühe des Fruchtwassers" der Mutter geschwommen sein muss. Alleine diese Erzählung lohnt die Anschaffung des Heftes.

Neben einem eher schrägen Dramolett mit Figuren wie "Sterbe Geld" und "Blöd Sinn" werden noch vier weitere, undatierte Romanfragmente abgedruckt, die vermutlich in den 1970er Jahren entstanden sind. Dann Flickermaschine von 1968, ein an die polyphonen Flächengedichte mit ihren "disparaten typographischen Erscheinungsbildern" (Dieter Liewerscheidt) erinnernder Text, der bis auf einen Satz nicht identisch ist mit einem gleichnamigen Werk, welches in einer Anthologie 1969 nachzulesen ist. Das mit Abstand umfangreichste Konvolut trägt mit :Manchmal denke ich die Überschrift der ersten Typoskript-Seite (die auch abgedruckt ist). Frank Witzel erklärt im Nachwort, warum der Doppelpunkt zu Beginn Relevanz haben könnte. Die Übertragung erfolgt im typischen Brinkmann-Stil, d. h. ohne Leerzeichen nach Satzzeichen, bleiwüstenhaft.

:Manchmal denke ich erinnert an die posthum erschienenen Erkundungen, sind aber nur Text, ohne Collage. Einmal ist 1972 als Jahreszahl vermerkt. Bereits damals rang Brinkmann mit der auf ihn einprasselnden Gegenwart, notierte manisch-sprunghaft "bloße Reaktionen auf die Welt". "Keine Zeit für die Vergangenheit", heißt es einmal. Er kann sich nicht dagegen wehren, alles wahrzunehmen; Geräusche, Gerüche, Wortfetzen, Gedanken, Lektüreeindrücke (eher selten; Hans Henny Jahnn, Jean Paul). Unablässig scheint er in Bewegung zu sein, bekleidet mit einer "schillernden zweiten Haut aus Angst". Synästhesie als Folter. Das Verschieben der Sinne, innere Zerrissenheit: "…ich hörte etwas anderes, als ich sah, und ich roch etwas anderes als ich spürte, und ich dachte etwas anderes als ich fühlte, und ich fühlte etwas anderes als ich sah, und ich sah etwas anderes als ich roch, und ich roch etwas anderes als ich dachte, und ich dachte etwas anderes, als ich hörte."

Keine Geschichte kann sich bilden, fast alles wird sofort zertrümmert, nur sekundenhaft bleiben Wahrnehmungen erhalten, etwa eine "Velásquez-Stimmung" oder beim Betrachten der Stillleben von Georg Flegel. Und obwohl Witzel im Nachwort leise aufstöhnt (und sich den Sonntags-Erzähler Brinkmann von 1963 zurückwünscht), ist es diese Zumutung, die einen zugleich fasziniert und abstößt die Essenz dessen, was Brinkmann ausmacht. Allen, die nun sagen, dass es so etwas heute nicht mehr gebe sei gesagt: Es braucht auch nicht mehr, denn Brinkmann ist Brinkmann und wir, die Leser, werden wohl in den nächsten Jahren noch so einiges von ihm zu lesen bekommen.

Im abdruckten Rundfunkessay für den WDR 1971 über Michel Butor beschäftigte sich Brinkmann mit dem "Nouveau Roman" und manchmal meint man, er versuche, sich selber in diese Kategorie (die er eigentlich unglücklich formuliert findet) einordnen und vielleicht passt er ja auf eine besondere Art und Weise da hinein, nur eben als Gegenwartszertrümmerer, während Witzel im Nachwort eher an Georges Perec denkt.

Schwenk zum Cut-up-Autor Jürgen Ploog
Aber vielleicht liegt auch der Schriftsteller Jürgen Ploog (1935-2020) richtig, der 1991 über Brinkmanns Schreiben als "ziellose Reise" schrieb, "getragen von Bewegung in der Zeit durch einen Raum, in dem sich Welt als Film irritierender Versatzstücke offenbart". Freilich seien die tagebuchartigen Texte Brinkmanns "für den kulinarischen Leser gänzlich untauglich". Es brauche einen "neuen Leser", "unvoreingenommener", "ohne vorgefertigte ästhetisch-kategoriale Erwartungen". Ploog erklärt auch, warum Brinkmann bei "den notorischen Einordnern des bürgerlich-feuilletonistischen Establishments" auf "verständnislosem Widerstand gestossen" sei bzw. stoßen musste.

Diese Einschätzung findet sich im Essay Exhibition des zufälligen Ichs – Brinkmanns Reise durch stürzende Paradigmen. Im aktuellen Schreibheft folgen auf 90 Seiten Brinkmann 80 Seiten Ploog. Neben einer (auto)biographischen Collage bilden die Tagebücher von 1964-2018 den Schwerpunkt der Publikation. Überschrieben sind sie mit Im Flug über die Jahre, eine Anspielung auf Ploogs Beruf. Der war von Ende der 1950er Jahre bis zu seiner Pensionierung 1993 Berufspilot und betrieb das Schreiben bis dahin sozusagen "nebenher". Kuratiert wurden die Auszüge von Wolfgang Rüger, der zusammen mit David Ploog bereits im letzten Jahr in der Edition W des Westend-Verlags eins Art Lesebuch mit "mit Texten von und über Jürgen Ploog" (auch zahlreichen Fotografien und Bildern) herausbrachte. Auch hier finden sich Tagebuchauszüge, beginnend von 1954. Zwischen den beiden Publikationen gibt es nur sieben Übereinstimmungen.

Ploog schrieb rund zwei Dutzend Bücher, zumeist Prosa, aber auch Essays und beteiligte sich an zahlreichen Underground-Zeitschriften. In seiner Prosa lehnte er Plots kategorisch ab und orientierte sich an William S. Burroughs, übernahm dessen spezielle Collagetechnik des Cut-up und sah sich lebenslang als eine Art deutscher Beat-Schreiber, inspiriert und geprägt von Autoren wie Burroughs, Ginsberg und Kerouac (die für ihn so etwas wie ein Dreigestirn bildeten) mit denen er auch in Kontakt stand. Der Existentialismus sei seine erste Liebe gewesen, schrieb er in den 70ern. Knapp zwanzig Jahre später, bei der Camus-Lektüre, sah er ihn "zu Papier zerfallen". 1989 rief Ploog das "Kybernetische Zeitalter" aus. Ploog wollte zurück zu den revolutionären Wurzeln der Moderne. Aber anders als die gängige Kulturkritik sah er in der Postmoderne nicht das Ende von Kultur. Postmoderne sei "Beat plus die dunkle Seite Ernst Jüngers" postulierte er einmal und später: "Gar nichts zu wollen ist besser als alles zu wollen." Ploog blieb politisch ein Anarchist, der wusste, dass dies auch keine Lösung gewesen wäre. Er lehnte sowohl das Bürgerliche ab (sah allerdings bei sich selber Tendenzen dazu) als auch die institutionalisierte Linke. Die "Krankheit Europas" sei die "Sehnsucht nach Gleichheit."

Als Pilot stach Ploog als Gutverdiener heraus, was ihn zum einen ökonomisch unabhängig machte, zum anderen jedoch für viele Schreiberkollegen und den Literaturbetrieb einen gewissen Stallgeruch vermissen ließ. Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Es fehlte ihm an nichts, außer an Bucherfolgen, so Johannes Ullmeier im Essay über Ploogs "Schreibpilotprojekt" und ergänzt zur Reaktion des Betriebs auf ihn: "Was blieb einem...anderes übrig, als ihn wenigstens zu ignorieren." Ploog blieb selbstbewusst, nahm die Misserfolge hin, schrieb weiter. In einem schwachen Moment 1970 nahm er das vorweg: "Man wird bitter, wenn man dauernd verschaukelt wird." Die meisten seiner Prosa-Bücher erzielen mittlerweile in Online-Antiquariaten horrende Summen, weil sie nie nachgedruckt wurden und nicht mehr lieferbar sind.

Ploogs Essays über Literatur sind heute noch bisweilen instruktiv. Die Tagebuchaufzeichnen, die im Schreibheft abgedruckt werden, widmen sich literaturästhetischen Aspekten (vor allem den Beat-Schreibern), dem eigenen Schreiben und Lektüreeindrücken. Zeitgeschehen gibt es selten (im Westend-Buch einen interessanten Eintrag von 2008 zum radikalen Islam, den er den "faschistischen" nennt). Ab 1970 nimmt Ploog die Eigenart der Beat-Bewegung an, die Konjunktion "und" durch das "&"-Zeichen zu ersetzen. In den Bewertungen über die deutsch(sprachig)e Literatur des 20. Jahrhunderts dominieren Desinteresse bis hin zur Verachtung. Dies schließt durchaus Autoren wie Thomas Mann ein (er versucht sich spät am Zauberberg). Für die Gruppe 47-Literatur hatte Ploog nichts übrig. Peter Handke mochte er nicht; Martin Walser noch weniger. Erste Zweifel kamen 1975: "Woher nehme ich den Mut, fast die gesamte deutschsprachige Literatur meiner Zeit zu verwerfen, als kalten Kaffee abzutun?"

Mit Wolf Wondratschek, mit dem er sich gelegentlich traf, blieb das Verhältnis ambivalent. Gelten ließ er Louis-Ferdinand Céline, Gottfried Benn und Arno Schmidt, mit dem er stilistisch bisweilen verglichen wurde. Auch Konrad Bayer, Ernst Jünger und Jörg Fauser kommen noch gut weg. Immer wieder findet man Einwürfe und Einsichten über Rolf Dieter Brinkmann, den er öffentlich einmal als "Amokläufer" bezeichnete. Mal ist von einer Distanz die Rede, dann wiederum lobte er seine Verbissenheit. Interessant, wenn er darüber spekuliert, wie sich Brinkmann entwickelt hätte.
Es gibt keinen deutschsprachigen Autor, über den Ploog mehr räsonierte. Roberto di Bella spricht in einem kleinen Addendum über die beiden von "einer Beziehung der verpassten Gelegenheiten und biografischen Ungleichzeitigkeiten".

Viele Urteile sind Momentaufnahmen und Reflexionen. Wenn er sich über Betriebsdinge äußert wird es interessant. Etwa die Notate über den "Fall" Sascha Anderson gegen Wolf Biermann. Belebend auch die Ausführungen zu Marcel Reich-Ranicki ("Alles an ihm ist gegen Geist…") und dann die These, warum ausgerechnet er die Nachkriegsliteratur bestimmte. Mehrmals beschäftigte sich Ploog mit Günter Grass, an dem er eine gewisse "Tragik" ausmachte, sein Talent an der Blechtrommel verschwendet (oder erschöpft) zu haben. Sezierend sein Kommentar zum Grass-Interview in der New York Times über dessen SS-Zugehörigkeit. Grass, der "nationale moralische Saubermann", der jegliche Kunst mit Gut/Böse-Dichotomien überzog, war in seine eigene Falle getreten. Denn für Ploog war große Kunst nie moralisch, "denn Moral ist nicht schöpferisch". Der Fall Grass zeigte ihm, dass der "sich proletarisch tarnende Kleinbürger schlimmer [ist] als der bürgerliche Spiesser, der in der Weimarer Zeit entlarvt wurde." Fast prophetisch dann: "Die Entlarvung des linken Ökokleinbürgers steht noch bevor, auch wenn seine ideologische Dominanz nahezu total ist."

Europäische Literatur wurde für ihn nur noch in Südamerika geschrieben. Besonders hatte es ihm Borges angetan. Joyces Ulysses war der letzte Roman des 19. Jahrhunderts; danach sei die Gattung erledigt gewesen. Die Zukunft lag im Science-Fiction-Genre und "filmisch bleibt Blade Runner unerreicht". Lebenslang reflektierte er über sein Dreigestirn und dem Cut-up-Prinzip, was er als Variante sogar bei Robbe Grillet zu erkennen glaubte. Obwohl er Treffen der Beat-Szene beiwohnte, fürchtete er sich vor Verklärung – um dieser bisweilen selber zu erliegen. Die Literatur von Kathy Acker faszinierte ihn. Entdeckungen waren Fernando Pessoa, Dashiell Hammett, Paul Bowles und, spät, Hans Sahl. Er bewunderte die "Katharsis" des Heiner Müller, stieß Überlegungen zu Leben und Werk von Georges Simenon an (insbesondere was dessen Frauenaffären angeht), begeisterte sich für den Verfasser der Allgemeinen Semantik Alfred Korzybski und lobte W. G. Sebald, den er mit Chatwin verglich. Dass er Stéphane Hessels Empört Euch! als "schriftstellerisches Meisterwerk" ansah, verblüfft. Wie so vieles. Aber alles liest man mit Neugier.

Im Westend-Buch wird aus einer E-Mail von 2006 von Ploog zitiert, in dem er den Großteil seines "Werks" (seine Anführungszeichen!) auf 1.600 Seiten schätzt, die "in der Schublade" ruhen. Das Schreibheft zeigt endgültig, dass es hier etwas zu entdecken gibt. Wer traut sich und nimmt sich der Tagebücher, die übrigens auch Zeichnungen und Collagen enthalten, an?

Artikel online seit 04.03.26
 

Schreibheft
Zeitschriftfür Literatur


Nr 106:
ZERSPLITTERTE GEGENWART

Rolf Dieter Brinkmann –
Unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass

Zusammengestellt von Michael Töteberg und Norbert Wehr
Mit Beiträgen und Fotos
von Josef Breuer, Rolf Dieter Brinkmann, Jean Crozier, K. Wayne Egan, Isolde Ohlbaum,
Ralf-Rainer Rygulla, Michael Töteberg, Klaus Willbrand und Frank Witzel

WORTPILOT. BILDERKAPITÄN
Jürgen Ploog – Im Flug über die Jahre
Unkontrolliertes Tagebuch 1964–2018

Zusammengestellt von Wolfgang Rüger und Norbert Wehr
Mit Beiträgen und Fotos
von Rolf Dieter Brinkmann, Michael Kellner, Jürgen Ploog, Wolfgang Rüger, Johannes Ullmaier und Norbert Wehr

SPRACHE IN BEWEGUNG
Cole Swensen

Zusammengestellt von Jürgen Brôcan
Mit Beiträgen und Bildern
von Etel Adnan, Jürgen Brôcan, den Brüdern von Limburg, Aaron Lopatin, Thomas Nozkowski, Cole Swensen und Zao Wou-Ki

Roberto Di Bella  
Mir ist klar, dass ich mit einem Toten spreche“

Brinkmann bei Ploog:
ein nachgeholter Dialog


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