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Genesis, Urknall und der Anfang bei Hegel

Claudia Wirsings Studie beschäftigt sich mit dem Begriff des Anfangs im
Kontext der klassischen Metaphysik und ihrer Kritik im 20. Jahrhundert.

Von Peter Kern
 

Auf die Frage, warum heute noch Hegel zu lesen sei, gibt dieses Buch die erstaunliche Antwort, die „Wissenschaft der Logik“ und die mit der Genese der Welt befasste physikalische Wissenschaft erhellten sich wechselseitig. Der Big Bang der Teilchenphysik und das reine Sein im Übergang zum Werden ließen sich jeweils als Widerlegung des Ursprungsdenkens verstehen. Die mit Kosmologie befasste Physik haucht dem mausetoten Hegelianismus wieder ein neues Leben ein? Claudia Wirsings Buch kontert die zum Vorurteil geronnene Kritik an der „metaphysischen Ideologiehaftigkeit“, und ihre Beweisführung rekurriert auf den argumentativen Goldstandard, die wissenschaftliche Rationalität.

Hegel, das letzte große, leider völlig irrationale philosophische System – so sieht man das an deutschen Universitäten. Wollte jemand ein Seminar über die Große Logik belegen, er könnte von Pontius bis Pilatus, von Hamburg bis München wandern, er würde nirgendwo fündig. Aber ist dies nicht ein gerechtes Urteil? Kein Mensch versteht doch, was es mit dem Kauderwelsch von Sein, Nichts und Werden auf sich haben soll. Die analytische im Doppelpack mit der Bestseller-Philosophie haben ganze Arbeit geleistet. Ein solches Buch hat daher erst einmal alle dem Außenseiter geltende Sympathie für sich. Es bietet einen fruchtbaren, textimmanenten, beinahe zeilengetreuen Kommentar zu den genannten Anfangskategorien. Es gibt bündige, erhellende Auskünfte zu ziemlich dunklen hegelschen Sätzen. Frau Wirsing hält sich mit ihrer Abhandlung nicht an die geltenden philosophischen Verkehrsregeln, welche lauten: Nach Kant und Hegel gebe es keine Erste, mit Kosmologie und Ontologie befasste Philosophie mehr; Erkenntnistheorie, Moralphilosophie und Ästhetik seien alles, was nach dem Totalschaden des deutschen Idealismus übrigbliebe.

Womit das System beginnen, was ist das Unbedingte, das Absolute, war die zentrale Frage des Idealismus. Sie wird wieder aufgeworfen, aber beileibe nicht als Thema der Philosophiegeschichte, vielleicht so interessant wie die geografische Frage, wo die Komoren liegen. Die finden sich im Indischen Ozean nahe Madagaskar, weiß man, aber warum es diese Inseln, den Ozean und die ganze Welt gibt, das weiß man nicht. Solch eine kindische Frage steht hinter diesem Text, und das macht in so schön unzeitgemäß (heutzutage, wo man sich im Kindesalter schon mit der kapitalgestützten Frühstartrente beschäftigen soll).

Warum fängt Hegel sein System mit dem reinen Sein an? Weil für ihn die Philosophie mit Parmenides anfängt. Schlägt man den auf, steht dort, dass alle durch die Sinne erfahrbaren Bestimmungen der Dinge, alles, was man über sie mit dem Auge, der Zunge, dem Gehör erfahre, nur trügerischen Schein böte, wohingegen das wahre Sein sich nur dem Denken enthülle. Mehr noch: Das dem Trug der Sinne entzogene Sein und die Rede, die es erfasst, der Logos, seien identisch. Das ist der Beginn von Hegels Metaphysik, der Faden, den er in der Phänomenologie aufgerollt hat und das Ergebnis, wie es am Anfang seiner Logik steht. Die von allen Besonderheiten der Naturdinge abstrahierende Denkarbeit führe zu ihrem Wesen, und mit dem reinen Sein, der höchsten Abstraktion, sei das Wesen Gottes erfasst. Diese Denkarbeit leistet der Hegel Geist, und sein Werk können empirische Individuen nachvollziehen, sofern sie Hegels Werke lesen.

Vor der Schwäche der von Parmenides und Platon überkommenen Metaphysik verschließt dieser Idealismus nicht die Augen, und es war der am Beginn der Neuzeit stehende Nominalismus, der sie Hegel öffnete. Das Besondere, das Einzelding, wie kommt es in diesem das Allgemeine, die Universalien feiernden System zu seiner Existenz? Hegels Lösung geht so: Da das reine Sein aus dem abstrahierenden, alle Besonderheiten der Einzeldinge negierenden Geist hervorgeht, eignet diesem Prozess auch seine Umkehrung. Dann ist es das reine Sein, das sich negiert und diese fortlaufende Negation, diese Entleerung des Seins ist die Weltwerdung. Seine Wissenschaft der Logik sei der bloße zuschauende Nachvollzug dieser Geistesbewegung und damit das Erfassen der „Gedanken Gottes vor der Erschaffung der Welt“, wie er in aller Bescheidenheit schreibt.

Hegel nimmt für sein System in Anspruch, es habe die klassische Metaphysik, die via antiqua, und ihre nominalistische Kritik, die via moderna, in sich aufgehoben: Das Sein wird zum Etwas und das Allgemeine unterschlägt das Besondere nicht. Wirsing verschließt nun ihrerseits die Augen nicht; sie sieht das „Dilemma in der Anfangslogik, das retrospektiv den Übergang von Sein und Nichts…betrifft: Wie kann aus der absoluten Unbestimmtheit des voraussetzungslosen Anfangs…der Pfad zur Bestimmtheit, zu bestimmten Inhalten wie dem Werden führen?“ Es ist dies beileibe keine nur epistemologische Frage.

Wie ist die Natur und ihre Geschichte zu denken? Reicht Darwin hin? Wie entsteht aus der anorganischen Natur ein organisches Gebilde? Kann sich eine höhere Entität aus einfach strukturierter Materie entwickeln? Ist Emergenz, das planlose Sich suchen und finden stofflicher Elemente, die Zauberformel? Chaotische Autopoiesis als Verursachung der von Gesetzen regierten Natur? Der hegelsche Anfang mit dem reinen Sein, das mit dem Nichts identisch ist, und durch sein „Nichten“ das Etwas hervorbringt – die entzauberte Gedankenakrobatik wirft längst an die Naturwissenschaften delegierte Fragen auf. Auch ruft sie einen gegen den Idealismus formulierten Einwand Goethes in Erinnerung: „Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zurecht.“

Die Erfahrungswissenschaften ihrerseits überheben sich, wenn sie in einem Take Over die Philosophie übernehmen wollen. Die Kritischen Theorie, in diesem Buch beinahe abwesend, hat die Kritik des Ursprungsdenkens auch am Szientismus festgemacht. So Karl Heinz Haag: „Eine Anfangssituation der Welt ist für die Methode der physikalischen Wissenschaften prinzipiell unergründbar. Sie kann mit ihrer Methodik die Sphäre der von Bedingungen abhängigen Wirklichkeit nicht auf ein Unbedingtes: ein hyletisch Erstes hin transzendieren. Ihre inhaltlichen Aussagen über Wirkliches beruhen auf der Erkenntnis seiner Bedingungen. Daher darf sie niemals behaupten, in einer Realität, bis zu der sie die Weltgenese zurückverfolgt hat, den Anfang des Universums zu besitzen. Alle wahrhaft kritischen Naturwissenschaftler sehen …das.“

Frau Wirsing sieht in der Atomphysik eine Stütze ihrer Argumentation, was im Fortgang ihrer Studie dann wirklich erstaunt. Denn der Anfang mit dem reinen Sein, dessen Übergang zum Werden im Dunkeln bleibt, hindert sie nicht daran, dieses hegelsche Beginnen zu feiern, denn nun schreibt sie von der „Seinsautarkie“, der das Vermögen zukomme, „aus der eigenen Leere und unbestimmten Unmittelbarkeit heraus emergent eine Seinsvermittlung“ zustande zu bringen. Ex nihilo nihil fit, heißt es bei den Alten; nun soll mit Hegel der Umkehrsatz gelten. Sie sieht „entropische Energien“ am Werk sowohl in Hegels Prozessdenken wie in der mit der Weltgenese befassten Atomphysik. Hier wie dort gäbe es eine ursprüngliche, „primordiale Unschärferelation.“

Heisenberg mit der Unschärfe klingt an, der thermodynamische Hauptsatz mit der Entropie klingt an. Assoziationen in Schwingung bringen, heißt nicht, ein Argument anbringen. Denn um naturwissenschaftliche Theoriebildung macht die Autorin eigentlich einen Bogen. Der als Big Bang bezeichnete, als reine Energie verstandene Urstoff gibt keinen hinreichenden Grund ab, in ihm die Verursachung all der anorganischen und organischen Gebilde zu sehen, die aus ihm entstehen sollen. Reine Energie, so würde Hegel vielleicht sagen, ist „unterschiedslose Einheit mit sich selbst.“ Auch der Satz von der „Unschärferelation der Logik des Anfangs“ tritt als Argument auf die Bühne, aber bevor es zu seiner Vorstellung kommt, ist der Vorhang schon wieder zu.

Dem Heisenbergschen Theorem zufolge sind der Ort eines Elektrons und sein mit Masse und Geschwindigkeit definierter Impuls nie exakt zu bestimmen, denn das zur Bestimmung notwendige Licht verändert die Bewegung des Elektrons, wodurch seine Lage zwar genauer, sein Impuls aber ungenauer zu erfassen ist. Der subjektive Akt der Beobachtung verändert das Objekt. Daraus ist nicht zu schließen, dem Objekt gehe die Gesetzmäßigkeit ab. Die ziemlich präzisen Wahrscheinlichkeitsberechnungen der Quantenmechanik zeugen von keiner Regellosigkeit. Heisenbergs Theorie ist keine ontologische Aussage über die Natur, sondern als ein Verweis auf ein erkenntnistheoretisches Problem zu nehmen.

Denken und Sein sind identisch, das proton pseudos, der ursprüngliche Irrtum der Hegelschen Philosophie: In diesem Punkt lässt die Autorin nicht mit sich reden. Kommt man eingefleischten Hegelianern mit dem Hinweis, die behauptete Identität unterschlage die Materialität der Dingwelt, erhält man wie auf Knopfdruck den beschwichtigenden Hinweis, Hegel habe der Unmittelbarkeit der Gegenstandswelt ebenso Rechnung getragen wie der Vermitteltheit allen Seins. Dem kritischen Einwand ergeht es wie dem Hasen bei seinem Versuch, gegen Herr und Frau Igel das Rennen zu machen. Ick bün all hier, höhnen die beiden. Wessen Entschluss es einmal war, im Hegelschen Geist sein intellektuelles Leben zu führen, dem kann man mit einem läppischen Einwand nicht kommen.

Wo Claudia Wirsing gegen ihren Heroen denkt, sind die besten Stellen des Buchs. Wären die logischen Formen und die Realgeschichte wirklich eins, wären die biologische Geschichte und die Menschengeschichte von der Kategorienabfolge diktiert, hätte es eine Geschichte gegeben, aber es gäbe keine mehr. Wo bliebe dann die Freiheit des eingreifenden geschichtlichen Handelns? Dies, so die Braunschweiger Philosophin, sei eine „höchst ernstzunehmende Kritik.“

Man könnte eine weitere anführen. Der von Hegel in Anspruch genommene Gott, in seiner Funktion aufgehend, die geschichtliche wie die kreatürliche Welt am Laufen zu halten – was ist das für einer? Ist er nicht verzichtbar und durch den Begriff der Natur zu ersetzen, wie es der von Hegel auf den höchsten philosophischen Thron gesetzte Spinoza tut? Auch Hegels Gott existiert nur als die Welt, die aus ihm hervorgeht. Er ist keine substantiell zu denkende Entität mehr wie in der alten Metaphysik. Er, der am Anfang des Systems reines Sein war, ist zur reinen Tätigkeit geworden. Hegel bereitet die positivistische wie systemtheoretische Reduktion der Natur auf bloße Funktionszusammenhänge vor. Auch dies ein Frankfurter, ein Haagscher Gedanke, leider ohne Berücksichtigung.

Der idealistische Erzeugungsidealismus, dessen Höhepunkt mit Hegel erreicht ist, er ist so wahr wie unwahr zugleich. Er ist wahr, denn die Hegelschen Kategorien zeichnen die Herrschaft der abstrakten ökonomischen Formen über die lebendigen Individuen nach. „Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, heißt Wirklichkeit zerstören“, heißt es in den Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. Am Zustand der Natur ist das Zerstörte mit den Händen zu greifen. Ihr gönnt der Kapitalismus kein Ansichsein, darin liegt die Unwahrheit.

Artikel online seit 24.07.26
 

Claudia Wirsing
Anfang und Ursprung

Die klassische Metaphysik und ihre Kritik im 20. Jahrhundert
Felix Meiner Verlag
170 Seiten
24,90 €
978-3-7873-4714-8

 

 


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