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Der Extremismus der Mehrheitsgesellschaft und seine Diagnostiker

Die Leipziger Autoritarismus-Studie liefert
zum zehnten Mal verlässliche Aufklärung

Von Peter Kern
 

Die neue Leipziger Studie, seit 2002 alle zwei Jahre vorgelegt, ist seit ihrem ersten Erscheinen ein Standartwerk für die Hydrologie der deutschen Gesellschaft, vermisst die Studie doch deren Strömungen, vor allem die untergründigen, wo statt Grundwasser eher braune Brühe fließt. Die Wahrscheinlichkeit, mit der der Hydrologe rechnet, wonach, wer tief bohrt, sauberes Wasser findet, ist ja ebenso aufgehoben wie das soziologische Links-Mitte-Rechts-Schema. Wer nach der Mitte sucht, der landet längst schon ziemlich weit rechts. Rituell die Mitte als Stabilitätsanker feiern, heißt die Fakten verkennen. Das politische Hauptstadtpersonal mache sich dieser Verkennung schuldig, heißt es im Vorwort, und dort wird die Erklärung gleich nachgeliefert: Die vermeintliche Mitte ist die zu umwerbende Wählerschaft. Der umworbenen Braut sagt auch keiner die Mängel ins Gesicht, über die er gerne hinwegschaut, der Mitgift wegen. Die Leipziger Studie zwingt seit 18 Jahren dazu, genau hinzuschauen. Was sie zutage fördert, passt nicht zum Ideologem der Mittelstandsgesellschaft. Gerne wird der Bote daher für die Botschaft beschimpft.    

Die neue Studie huldigt ebenso wenig einem Alarmismus, wie es die letzte tat; die FAZ- Kritik geht wieder ins Leere. Die Bundesrepublik hat seit zwei Generationen einen Liberalisierungsschub erfahren, der sich rechtspolitisch niederschlug, und den die AutorInnen (die Hälfte sind Frauen) keineswegs verkennen. Es ist nicht alles schlechter geworden; die Ehe für alle ist durchgesetzt, das rassistische Staatsbürgerrecht durch das jus solis abgelöst. Viel mehr an Lebensentwürfen hat Anerkennung erfahren, als sich die in der Adenauer-Republik groß Gewordenen haben träumen lassen. Die große Mehrheit der Bundesdeutschen steht zu ihrer parlamentarischen Staatsform, zum Rechtsradikalismus bekennt sich eine verschwindende Minderheit.

Diese Minderheit kommt auf etwa vier Prozent; die Studie charakterisiert sie mit einem datengesättigten Sozio- und Psychogram. Was dieses Milieu so gefährlich macht, ist seine Wirkung als Hefeteig. Die Übergänge ins juste milieu sind fließend; die diese Übergänge wiedergebenden Zahlen sind das eigentlich Erschreckende.

Die einschlägigen, dem Populismus gewidmeten Studien der letzten Jahre haben ihre Leser vor allem mit begrifflichen Neuschöpfungen abgespeist. Die AutorInnen der Leipziger Langzeit-Untersuchung bieten dagegen empirisch gesättigtes Material. Begriffe ohne Anschauung sind leer, Anschauung ohne Begriffe ist blind, heißt es bei Kant. Von den Leipzigern bekommt man beides.

Von den 2500 Befragten stimmen 29 Prozent der Ost- und 14 Prozent der Westdeutschen dem Satz zu, es brauche »eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.« Eine diktatorische Staatsform sei die bessere Staatsform, gebe man dem berechtigten »nationalen Interesse« Vorrang, findet jeder zehnte ostdeutschen Befragte; jeder vierte Ostdeutsche stimmt der Aussage partiell zu. In Westdeutschland liegt dieser Wert deutlich niedriger; 3,3 Prozent manifeste und 11,3 Prozent latente Zustimmung für diesen Satz.

Der traditionelle Antisemitismus wird in einer Größenordnung erfasst, die das seit langem bekannte Niveau widerspiegelt: etwa zehn Prozent offene, etwa 25 Prozent latente Judenfeinde; macht ein Drittel antisemitische Deutsche. Diese Zahl ist schon bei der letzten Studie auf große Kritik gestoßen. Ist sie wirklich gerechtfertigt? Die AutorInnen begründen, warum sie bei ihrer Bewertung bleiben, und eine teils/teils-Antwort dem kritischen Tatbestand statistisch zurechnen. (»Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen.«) Ihr Argument leuchtet einem planen Statistiker vielleicht wenig ein, seinem sozialpsychologisch geschulten Kollegen aber durchaus. Ein Befragter will sich in der Regel in Übereinstimmung mit der Mehrheitsmeinung wissen; Konformismus ist ein soziales Gesetz. So wird sich kaum jemand offen antisemitisch äußern; das Ressentiment unterliegt dem Tabu. Aber es löst sich dadurch nicht in Luft auf. Der Fragebogen macht dem Befragten ein Kompromissangebot. Geht er darauf ein, kann er beides sein: Konform mit der Mehrheit und nonkonformistischer Antisemit.

18 Prozent der Ostdeutschen sehen sich als Mitglieder einer Nation an, die anderen überlegen ist; noch immerhin neun Prozent der Westdeutschen unterliegen dem gleichen Wahn. Neun Prozent der Ostdeutschen attestieren dem Nazireich auch seine guten Seiten.  Mut zu einem starken Nationalbewusstsein wünschen sich 41 Prozent der Ostdeutschen und 33 Prozent hegen im Westen denselben Wunsch. »Hart und energisch« möchten 28 Prozent der Ost- und 18 Prozent der Westdeutschen die Interessen Deutschlands durchgesetzt sehen. Ebenso viele glauben, dass »die Ausländer« den Sozialstaat ausnutzen. Den Satz, die Bundesrepublik sei »in einem gefährlichen Maß überfremdet«, unterschreiben insgesamt 25 Prozent, in Ostdeutschland gar 38 Prozent der Befragten.

Befunde früher Studien finden sich meist bestätigt. Eine geschlossen rechtsextreme Einstellung geben die Jüngeren im Osten häufiger als die Älteren zu erkennen; im Westen tendieren die älteren Jahrgänge stärker zum rechten Extrem.  Wer ohne Job ist, neigt doppelt so stark zur Befürwortung von Diktatur und Judenhass als ein Berufstätiger. Wenig überraschend: Mehr als 50 Prozent der Befragten mit der Parteipräferenz AfD präferieren ‚Ausländer raus‘. Atheismus und Rechtsextremismus gehen gut zusammen. Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft und Xenophobie schließen sich nicht aus; 16 Prozent der Gewerkschafter neigen den rechten Sprüchen zu.

Die Hälfte der Deutschen fühlt sich, der Muslime wegen, fremd im eigenen Land. Mehr als die Hälfte dichtet Sinti und Roma kriminelle Neigungen an. Der rechte Mob, der sich zum Beispiel in Chemnitz ausgetobt hat, findet bei 16 Prozent der Bundesbürger Verständnis; die braven Bürger finden es gut, dass es »Leute gibt, die mal ihre Fäuste sprechen lassen, wenn's anders nicht mehr geht.« Personen mit niedrigem oder mittlerem Haushaltseinkommen (bis 2000 Euro) und mit geringem Bildungsstand sind besonders anfällig für rechtsradikale Agitation.

Autoritarismus hat also Konjunktur. Was die Frankfurter Kritische Theorie sekundären Antisemitismus nannte, einen Antisemitismus ohne Juden, der sich für seinen gestauten Hass immer neue Abflusskanäle sucht, das macht die Leipziger Studie in all seinen Facetten kenntlich. Verschwörungstheorie ist im Kommen, Antifeminismus, Antiziganismus. Die neuen Hassobjekte ergänzen die alten.

Bildungsabschluss und Haushaltseinkommen lassen leider nur vage Rückschlüsse auf das berufliche Umfeld zu, in dem sich die Befragten befinden. Hier würde man gerne mehr erfahren: über die Unqualifizierten, über die Industriearbeiterschaft, über die in den technischen und administrativen Büros Beschäftigten. Die Industriearbeiter müssen sich gegenwärtig heftig sputen, wollen sie nicht abgehängt werden, und bei diesem Spurt fehlt es hinten und vorne an Unterstützung (Die zeitgleich erschienene Umfrage der IG Metall klärt darüber schonungslos auf). Die An- und Ungelernte gehen in die gegenwärtigen technologischen Umbrüche mit den geringsten Chancen; ihre Arbeitskraft wird bald unverkäuflich sein. Was die Lage der deutschen Arbeiterklasse so prekär macht, bleibt nicht ohne Einfluss auf ihre Anfälligkeit für die simplen Lösungen. Die vor unseren Augen ablaufende, durch das Virus noch zusätzlich erschwerte Transformation der deutschen Industriegesellschaft kann als der Hintergrund des vorgelegten Zahlenmaterials nicht ausgeblendet werden.

Die Herausgeber der Leipziger Studie können für sich reklamieren, mit sozialpsychologischen Kategorien ihren Gegenstand auszuleuchten (was kaum eines der wie Pilze aus dem Boden schießenden Bücher über Populismus kann). Es werde verdrängt, schreiben sie »was unter dem Druck der lebenslangen Vergesellschaftung ausgeschlossen werden muss – und dann ein Eigenleben beginnt.« Aber die Herausgeber verdrängen ebenfalls. Zu monieren ist die Blässe ihres Begriffs der lebenslangen Vergesellschaftung. Dem im Kessel der Ökonomie gegenwärtig herrschenden Druck spürt die Studie nicht nach. Der Aufstand gegen die Moderne, von dem die Rede ist, was motiviert ihn? Ein zeitloses Unbehagen in der Kultur, von dem Sigmund Freud handelt, oder ein zeitlich, räumlich, ökonomisch zu bestimmendes Unbehagen? Der Kampf um Anerkennung – er wird zur Erklärung des Autoritarismus ebenfalls herangezogen - ist doch auch einer um Jobs!

Auch den alten deutschen, den akademischen Antisemitismus des Kaiserreichs trieb ein verteufelt simples Motiv an. Promovierte und habilitierte Juden tauchten nach ihrer rechtlichen Gleichstellung an den Universitäten auf, und mit ihnen war plötzlich um die Hörstühle zu konkurrieren. Die Verfasser der Leipziger Studie sollten für ihre Folgestudie Fragen ins Auge fassen, die dem Zusammenhang von ökonomischer Situation und seelischer Verarbeitung nachforschen. In den qualitativen Interviews sollten sich solche Fragen gut unterbringen lassen.

Was die Studie auf der einen Seite gewinnt, verliert sie so auf der anderen Seite.  Sozialpsychologie ist ein Gewinn, aber nur, wenn das die Gesellschaft und die Psyche ihrer Mitglieder dominierende ökonomische Regime nicht unterbelichtet bleibt. So ist der Leser der Erhebung zu sehr auf spekulatives Nachdenken angewiesen. Ist die bundesdeutsche Gesellschaft in zweierlei Arten von juste milieu zerfallen? In das der Industriearbeiter mit der berechtigten Angst, abgehängt zu werden und in das der Angestellten, das sich Diversität und Singularität durchaus gefallen lässt, sich damit sogar ein wenig schmückt. Und hat, was in Zeiten der Hochkonjunktur als Statuskonflikt erscheint, in Krisenzeiten das Potential, zu einem richtigen Konflikt zwischen zwei Gesellschaftsschichten zu mutieren?  Eine offene Frage.

Der Historiker Jürgen Kocka hat in seiner klassischen Studie Die Angestellten in der deutschen Geschichte, die mit den 80er Jahren endet, eine Prognose gewagt: Der alte Konflikt zwischen den beiden Schichten werde sich abschleifen. Es finde gleichsam eine hegelsche Aufhebung statt. Die alte Angestelltenkategorie verliere völlig ihre Bedeutung, und am Horizont tauchten die »neuen Arbeiter«, die Techniker und die Ingenieure, auf. Kocka hatte mit seiner Prognose recht, und er lag dennoch schief. Wie sehr er recht hatte, lässt sich ermessen, wenn man einen Blick in die Personalliste eines modernen Konzerns wirft. Weit mehr als die Hälfte der Belegschaft ist in den technischen und kaufmännischen Ateliers beschäftigt, als klassischer Facharbeiter verdient vielleicht noch ein Viertel, als angelernte Kraft ein weiteres Viertel sein Geld. Unter die Kategorie Techniker und Ingenieure sind all die Datentechniker und IT-Spezialisten subsumiert, ohne die ein heutiger Produktions-, Administrations- und Distributionsapparat nicht mehr läuft.

Ein heutiger Industriearbeiter dagegen findet für sein Beschäftigungsproblem keine individuelle Lösung mehr. Den Datentechniker auf der Abendschule wird niemand mehr machen können. Warum? Weil der tägliche Arbeitsprozess alle Kräfte aufsaugt, sodass am Abend keine mehr bleiben. Die Berufsaussichten der An- und Ungelernte sind katastrophal. Die Bereitschaft des Konzernmanagements auf Weiterqualifizierung zu setzen, ist erschreckend gering, die Gewerkschaften verweisen ständig darauf. Chancenreich auf den Arbeitsmärkten sind in der gegenwärtigen Krise nur noch hoch spezialisierte Arbeitskräfte.

Nun gibt es glücklicherweise keinen Mechanismus von der Art, dass ökonomische Krisen Wasser auf die Mühle des Rechtsradikalismus schaufeln, eher ist das Gegenteil zu beobachten. Die rechte APO braucht die hochkonjunkturelle Phase, damit ihr Hetzgeschäft blüht. Gibt es kein anderes Mittel, um ihr das Geschäft zu verderben, als auf den Wirtschaftsaufschwung zu setzen, ist die deutsche Gesellschaft in einem ewigen double bind befangen: Die Rezession drückt die Rechte ins Abseits, und mit jeder wirtschaftlichen Erholung kommt das braune Gespenst gestärkt zurück.

An den Empirie-Teil der Studie schließen sich Texte an, die en detail behandeln, was die Daten en gros erfassen, theoretische Texte, die beispielsweise die boomende Esoterik in Zeiten des grassierenden Virus behandeln. Abseitig ist der Gegenstand, dem sie sich anschmiegen, der alles mit allem amalgamierende Wahn.

Artikel online seit 18.12.20
 

Oliver Decker, Elmar Brähler (Hg.)
Autoritäre Dynamiken
Alte Ressentiments - neue Radikalität / Leipziger Autoritarismus Studie 2020
Psychosozial-Verlag
385 Seiten, Broschur
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978-3-8379-3000-9, Bestell-Nr.: 3000

 

 

 


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