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Deus ex machina?
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Der Osnabrücker Philosoph und
Mathematiker Rainer Mühlhoff behandelt in seinem bei Reclam mittlerweile in der
11. Auflage erschienenen Büchlein ein brandaktuelles Thema: Neuer Faschismus und
Künstliche Intelligenz. Er nimmt die Kahlschläge zum Anlass, die Elon Musk,
Donald Trump und ihre Leute zu dessen zweitem Amtsantritt in Amerika in den
staatlichen Institutionen unter dem euphemistischen Stichwort
„Entbürokratisierung“ veranstaltet haben: Die Schließung unliebsamer
Institutionen wie der USAID, die für die Entwicklungshilfe zuständig war,
die Ausweisung von illegalen Einwanderern inklusive ihrer Kinder, die Entlassung
kritischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Behörden, die auch nur irgendwie
mit dem Wokismus zu tun haben oder die „Säuberungen“ der Universitäten, Museen
und sonstigen Kultureinrichtungen von politischen Gegnern. Mühlhoff klärt in klarer Sprache über die verschiedenen Aspekte der neuen Technologie auf. Er befindet sich damit in der Tradition einer kritischen Theorie, die bereits bevor die entsprechenden Denkmodelle in Computern umgesetzt wurden, auf die defizitäre Logik des Positivismus aufmerksam gemacht haben. Max Horkheimer und Friedrich Pollock hatten sich bereits in den 1930 und 40er Jahren kritisch mit den ersten Rechenmaschinen und ihren Auswirkungen auf die Wirtschaft und die ideologische Sphäre befasst. Herbert Marcuses Buch Der Eindimensionale Mensch untersucht für die 1960er Jahre in Amerika den Umgang mit der angeblichen Alternativlosigkeit der entsprechenden Technologie. Und Erich Fromm spricht in seinem ansonsten eher simplifizierenden Werk Haben oder Sein 1973 von einem „kybernetischen Sozialcharakter“, also von etwas, was wir heute mit Kopfhörer bewaffnet und scrollend auf Bahnsteigen, an Bushaltestellen und an Badestränden erleben. Auf diese Weise findet allerorten eine Umwidmung des öffentlichen Raums zu einer ungefügten Leere, in der jeder machen kann, was er will im Dienst einer neuen digitalen Ordnung statt. Dieser Umbauprozess im Straßenverkehr, auf dem Arbeitsplätz, in den Schulen und Universitäten, in Bus und Bahn oder im einfachen Gespräch, das nun ständig durch den Blick in die KI in seinem Fluss unterbrochen wird, zeigt einen affirmativen Umgang mit den telematischen Maschinen, der bereits tief in den sozialen Körper der Menschen vorgedrungen ist. Den Maschinen wird nun per Medienmessianismus zugetraut, die Demokratie ebenso zu retten, wie die Klimakrise zu überwinden, die ihre Manager und politischen Führer dabei weiter leugnen. Diese Stränge nimmt Mühlhoff auf und führt sie im Sinne einer kritischen Informatik weiter. Er erinnert dabei an Joseph Weizenbaums Klassiker Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft von 1978.3 Weizenbaum war einer der ersten, der das interaktive Computerprogramm Doctors entwarf, mit dem die Benutzer einen Dialog führen konnten. Es war ähnlich programmiert, wie in der Verhaltenstheorie die Sätze des Gegenübers vom Therapeuten schleifenartig aufgenommen und wiederholt werden. Das Prinzip nutzt einen psychologischen Mechanismus, der ähnlich narzisstisch wie ein Kompliment funktioniert und bei dem Probanden ein trügerisches Vertrauen im Umgang schafft. Als Resultat einer solchen Pseudo-Individualisierung wird mit der Maschine so gesprochen wie mit einem Therapeuten. Ja, mehr noch: durch diese vermeintlich intime Situation werden dem mechanischen Gegenüber auch geheimste Wünsche anvertraut. Dieser Mechanismus liegt den heutigen Kommunikationsmodellen der sozialen Medien und der künstlichen Intelligenz zugrunde. Die Daten, die früher geschützt und verborgen wurden, werden nun freiwillig und im großen Maßstab spielerisch preisgegeben, handelt es sich nun um Gesundheitsoperatoren oder um persönliche Vorlieben bis hin zu sexuellen Perversionen. Dieses Verhältnis lebt von einem vagen Wohlfahrts- und Autoritätsvorschuss gegenüber der Maschine, die tendenziell mit Objektivität oder einem höheren Wesen verbunden wird. „Der Computer Nummer Drei sucht für mich den richtigen Boy“ sang bereits 1968 beim Grand Prix d’ Eurovision die französische Schlagerpuppe France Gall.4 Die Hoffnung auf eine bessere Welt verbindet sich auf diese Weise mit der Datensammlung der Bürokratie und daraus erstellten Zukunftsmodellen. Diese schaffen tendenziell eine Welt von sicheren Aussagen als Fakten, die allerdings selbst auf bestimmten Voraussetzungen beruhen, ab und ersetzen sie durch Modelle der Wahrscheinlichkeit. In sieben Kapiteln untersucht Mühlhoff diese Zusammenhänge. Im ersten Kapitel erläutert er die Entstehungsgeschichte der KI und die utopischen Hoffnungen, die sich damit verbinden. Das zweite Kapitel widmet sich der Veränderung des Wahrheitsbegriffs, der auf wahrscheinlichen Voraussetzungen beruht. Im dritten Kapitel geht es um den gesellschaftlichen Hype, der der KI mehr zutraut, als sie innerhalb einer rationalen Beurteilung zu leisten in der Lage ist. Das vierte Kapitel untersucht dezidiert die Ideologien hinter dem aktuellen „Sommer der KI“. Hier geht der Autor auf die Tendenzen der „Weißen alten Männer“ ein, die durch Transhumanismus, Eugenik und Auslese die bestehenden Herrschaftsverhältnisse im Spätkapitalismus beizubehalten und auszuweiten sich bemühen. Die entsprechenden dunklen Phantasien eines solchen Dark Enlightments wie Cyberliberalismus, Blutsverwandtschaft, Trolle und Manosphäre, Neoreaktion, CEO-Monarchie und neue Soziale Auslese aufgrund von gesammelten Daten werden im fünften Kapitel detailliert behandelt. Das liest sich über weite Strecken wie ein Katalog von Science-Fiction-Themen, die in den entsprechenden Serien wie Per Anhalter durch die Galaxis, Star Trek oder Perry Rhodan bereits in verschiedenen utopischen Szenarien abgehandelt worden sind. Das alles aber beginnt mit der Ausweitung der künstlichen Intelligenz eine neue Stufe zu erreichen nun für alle Menschen sehr viel ernster zu werden. Der jetzt rasant vorwärtsgetriebene Ausbau von riesigen Rechenzentren für die Ressourcen verschlingenden KI-Anlagen benötigt Unmengen von Strom und Kühlwasser. Dafür werden Flüsse umgeleitet, neue Atomkraftwerke geplant und die Menschen in ihren Wohngegenden permanentem Lärm ausgesetzt. Mühlhoff unterscheidet die rationalen Möglichkeiten der Technik und verweist zugleich auf ihre Grenzen: Was kann die KI und was wird ihr nur phantasmagorisch zugetraut, was sie nie zu erreichen in der Lage sein wird? Der Zusammenhang mit dem neuen Faschismus, der auf diese Weise weltweit eine politisch und technologisch gestützte Renaissance erfährt, macht es auch nötig, sich den Faschismusbegriff neuerlich anzusehen. Das tut Mühlhoff in seinen letzten beiden Kapiteln. Programmatisch für einen bewussten und kritischen Umgang mit der KI sind die letzten beiden pragmatischen Abschnitte seines Textes: „Antidemokratische Kräfte isolieren“ und „Anders über die KI-Technologie sprechen“. Mühlhof legt den Finger auf die neuralgischen Punkte dieser Technologie als einer neuen Herrschaftsform. Er erläutert den technologischen Hintergrund und lässt die ideologische Seite nicht außer Acht. Sein Buch bildet daher die ideale Ergänzung zu Giuliano da Empolis Beschreibungen der neuen KI-Elite und der Politik in seinem Buch Die Stunde der Raubtiere.5 Letzteres ist emphatisch aus der Perspektive der Anschauungen und Effekte der politischen Sphäre geschrieben und entbehrt ein wenig der begrifflichen Seite. Darauf aber liegt der Schwerpunkt Mühlhoffs. Immanuel Kant lehrt bekanntlich: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ Zusammengenommen entsteht aus beiden genannten Büchern eine erweiterte kritische Perspektive auf den Horizont und Umfang der neuen Technologie, mit der und ihren Folgen wir noch lange zu tun haben werden.
1
Zum italienischen Faschismus vgl.
https://www.glanzundelend.de/Red20/d-f-20/umberto-eco-der-ewige-faschismus.htm.
Artikel online seit 15.08.26 |
Rainer Mühlhoff |
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