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Glanz&Elend Literatur und Zeitkritik
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Glanz&Elend
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Seitwert


»Heuchelnder Leser – Bruder –: meinesgleichen!«

Mit einer bemerkenswert scharfklingigen Tirade Occupy the Feuilletons! hat sich der Autor Thor Kunkel (Schaumschwester) über die inhaltliche & personelle Qualität des deutschen Feuilletons empört. Ob die Hybris der darin gescholtenen BedeutungsagentInnen durch Thors harten Hammerschlag Risse bekommen hat, wage ich angesichts der splendid isolation, in der sich der Literaturbetrieb höchst selbstreferentiell und-gefällig inszeniert, zu bezweiflen.

Indes brachte mich Kunkels Beitrag dazu, wieder einmal einen Blick in die Bestsellerlisten des Börsenblatts des Deutschen Buchandels zu werfen. Dort fand ich unter den 45 bestverkauften Büchern neben allerlei belanglosem Kinderkram folgende 13 Titel:

»Schweinskopf al dente, Erlösung, Töchter der Sünde, Tote Augen, Schändung, Angst, Schoßgebete, Der dunkle Thron, Erbarmen, Ausgelöscht, Die stillen Wasser des Todes, Endlose Angst, Feuchtgebiete.«

Anstelle eines Kommentars gestatte ich mir, den geneigten Lesern unter Ihnen Charles Baudelaires an den Leser gerichtetes Widmungsgedicht der »Fleurs du mal« in der Übersetzung von Therese Robinson vorzustellen.

Mit den besten Empfehlungen

Herbert Debes


 

Blumen des Bösen


An den Leser

In Dumpfheit, Irrtum, Sünde immer tiefer
Versinken wir mit Seele und mit Leib,
Und Reue, diesen lieben Zeitvertreib,
Ernähren wir wie Bettler ihr Geziefer.

Halb sind die Sünden, matt ist unsre Reue,
Und unsre Beichte macht sich fett bezahlt,
Nach ein paar Tränen rein die Seele strahlt
Und wandert froh den schmutzigen Pfad aufs neue.

Satan, der Dreimalgrosse, übt die Künste,
Auf seinem Kissen wiegt er unsern Geist,
Bis das Metall, das Kraft und Wille heisst,
Vom Zaubrer aufgelöst in fahle Dünste.

Des Teufels Fäden sind's, die uns bewegen,
Wir lieben Graun, berauschen uns im Sumpf,
Und Tag für Tag zerrt willenlos und stumpf
Der Böse uns der Hölle Stank entgegen.

Wie an der Brust gealterter Mätressen
Der arme Wüstling stillt die tolle Gier,
So haschen nach geheimen Lüsten wir,
Um sie wie dürre Früchte auszupressen.

Gleich Würmern wimmelnd ist ins Hirn gedrungen
Die Teufelsschar, die uns zerstören muss,
Wir atmen, und ein unsichtbarer Fluss,
Der Tod, strömt klagend hin durch unsre Lungen.

Wenn Notzucht, Gift und Dolch und alles Böse
Noch nicht geschmückt mit holder Stickerei
Des Schicksals Grund voll fadem Einerlei,
Dann ist's, weil unsre Seele ohne Grösse.

Doch zwischen Panthern, Schakalen und Hunden,
In der Skorpionen, Schlangen, Affen Welt,
Die kriecht und schleicht und heult und kläfft und bellt,
Im Tierhaus unsrer Laster ward gefunden.

Das schlimmste, schmutzigste von allen Dingen,
Die Qual, die nicht Gebärde hat noch Schrei,
Und doch die Erde macht zur Wüstenei
Und gähnend wird dereinst die Welt verschlingen:

Der Überdruss! – Tränen im Blick, dem bleichen,
Träumt vom Schafott er bei der Pfeife Rauch.
Du, Leser, kennst das holde Untier auch,
Heuchelnder Leser – Bruder –: meinesgleichen!

(Charles Baudelaire)
 


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