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Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


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Glanz&Elend
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»Nicht beobachten. Schauen.«

Eine Begegnung mit Peter Handke

Von Lothar Struck

An Goethes Geburtstag hatten wir uns telefonisch verabredet: 30.9., 11.30 Uhr. »Wenn ich nicht verloren gehe…«, werfe ich ob meiner räumlichen Orientierungslosigkeit ein. »Wenn Sie verloren gehen - umso besser!«, kontert Handke, um gleich drauf seine telefonische Lotsen-Hilfe anzubieten, falls ich sein Haus doch nicht finden sollte.

Am vereinbarten Tag komme ich eine halbe Stunde zu früh an. Peter Handke öffnet das Tor und bittet mich, ihm diese halbe Stunde noch »zu geben«. Er war am Vorabend aus Berlin zurückgekommen (Vorstellung des Unseld-Fotobandes). Ich schlendere durch das Städtchen Chaville. An der Hauptstraße gibt es neben anderen Läden einen Lebensmittelhändler, ein Fotogeschäft, eine Fahrschule, ein Immobilienbüro und eine Brasserie. Als ich nun pünktlich zurückkomme recht Handke das Laub vor seinem Tor zusammen.

Kaffee oder Tee, fragt er? Kaffee. Auch er trinke nur Kaffee. Ich möge Platz nehmen oder umhergehen. Der Rasen ist moosig weich und auf den schattigen Stellen noch nass vom Regen gestern. Vereinzelt liegt Fallobst umher, davon auf einem Tisch Äpfel, die er später zu Kompott verarbeiten wird. Man müsse sehr aufpassen, sagt er, denn oft seien Würmer drin. Auf einem anderen Tisch liegt seine »Ernte« von 70 Walnüssen. Und überall Kladden. Er bittet mich, noch einen Stuhl zum Tisch zu stellen und bietet mir den trockenen Stuhl an, der in der Sonne stand. Auf dem Tisch liegen Zwirnrollen, Steine, Muscheln, und ein Gefäß mit Stiften. »Brasilianischer Kaffee« sagt er, schenkt ein und stellt mir die Kanne hin. Wie von Zauberhand erscheinen plötzlich drei Plätzchen und Zucker. Milch hat er keine.

Schnell sind wir bei den Ereignissen in Oslo, anläßlich der Verleihung des Ibsen-Preises. Was für ein Schaden an der Literatur, beklagt Handke. Er selbst könne das verkraften, aber die Literatur. In Frankfurt sei er 1996 auf die Demonstranten zugegangen. »Die waren vollkommen überrascht, dass es mich gibt«. Er habe ihnen seine Adresse gegeben, um diskutieren zu können, aber niemand habe ihm daraufhin geschrieben. Und nun in Norwegen: Aufgehetzte, die nichts von ihm gelesen hätten, denn ins Norwegische seien seine Bücher nie übersetzt worden. Vier Leibwächter aus verschiedenen Ländern habe er um sich herum gehabt; ein Bosnier sei dabei gewesen und ein Libanese. Er habe sich gut mit ihnen unterhalten, am Ende kannte er ihre Lebensgeschichten.

Ich lege ihm den von Google aus dem Norwegischen übersetzten Text von Karl Ove Knausgård vor, in dem er die überzogene und diffamierende Kritik in Norwegen an Handke und seinen Büchern vehement anklagt. »Es gab keine Debatte, es gab ein Gericht«, ist einer der Sätze, der ihm gefallen müsste. Er überfliegt den Text und amüsiert sich über die Grammatik der Übersetzung. Der Artikel beginnt mit einem Bild von William Nygaard, dem Verleger und Vorstandsmitglied des norwegischen PEN, der ihn übel beschimpft hatte. Ausgerechnet der, sagt Handke. Er habe sich in Oslo zu ihm an den Tisch begeben und gesagt: »Ich verehre Sie, Herr Handke«. Sie seien doch beide gleich alt. So ein Heuchler. Dann beginnt Handke, über Gastfreundschaft zu erzählen. Davon hätten die Norweger nichts gezeigt. Sie sollten mal die balkanische Gastfreundschaft sehen, schwärmt er und bittet mich, mehr Kaffee zu trinken. Ich berichte ihm von den suggestiven Fragen von Mari Brenna Vollan von der Zeitung »Klassekampen«, die alle nur aus zweiter oder dritter Hand Behauptungen aufstellen (»There are several authors…«; »Some of the people I have talked with…«). Er bittet mich, mit dieser Sache aufzuhören. Aber jetzt gäbe es publizistische Korrekturen in Norwegen, werfe ich ein. Nygaard habe einiges zurückgenommen. Ja, meint Handke, das kenne er vom Heine-Preis noch. Da habe die FAZ erst gezündelt und dann geschrieben, man solle ihm doch den Preis geben.

Zum Glück bekäme er von sowas normalerweise nichts mehr mit. Nur gestern in Berlin der Artikel von Steinfeld in der SZ. »Warum schreibt der so?« Er wollte wohl nur auf den Artikel von Knausgård hinweisen, werfe ich als Möglichkeit ein.
Ich lese ihm aus Goethes Brief an Carl Friedrich Zelter von 1830 vor: »Seit den sechs Wochen, daß ich die sämtlichen französischen und deutschen Zeitungen unter ihrem Kreuzband liegen lasse, ist es unsäglich was ich für Zeit gewann und was ich alles wegschaffte.« Handke grinst. In Chaville gebe es keine ausländischen Zeitungen mehr und aus Frankreich nur »Le Parisien« und die Sportzeitung »L'Equipe«. Die überfliege er. Heute sei das Champions League Spiel PSG gegen Barcelona. Er fürchtet, daß Paris das nicht schafft; Barcelona sei wieder stark geworden und er schwärmt von Messi, wie der während der WM in seiner Mannschaft fast alleine agierte, weil seine Mitspieler ihn nicht verstanden hatten.

Wir kommen auf Ibsen. Er hat die Briefe von ihm anhand einer Ausgabe von 1905 studiert und bewundert seine Konzeptionsstärke. Ibsen sei ein »unendlich klarer Kopf« gewesen, der abstrakt habe denken können. Ich werfe ein, dass Ibsen doch Norwegen verlassen, mit seinem Land gehadert habe. Ja, sagt Handke, er habe diesen Protestantismus nicht ausgehalten. Da war selbst der deutsche Katholizismus besser.   

Die Berufsbezeichnung »Journalist« ist für ihn inzwischen zum Schimpfwort geworden. Ich sage ihm, dass man aus dem »Zeit«-Interview mit Peter Kümmel im Internet nur seine knalligen Aussagen zitiert habe (zum Zeitpunkt des Gesprächs war das Interview noch nicht online). Handke erinnert sich an seinen Text für die »Zeit« zu Hans Barlach. Er habe ihn mit Bleistift geschrieben und als Titel »Mit HB für HB« ausgewählt. »Verstehen Sie«, sagt er, »'HB' war die Stärke des Bleistifts.« Aber in der Redaktion habe man eine andere Überschrift gewählt und alleine dadurch sei der ganze Text verändert worden.

Dann schimpft Handke auf den Buchpreis. Der sei wirklich scheußlich; diese Art von Wettstreit, die so rein gar nichts mit dem griechischen Wettdichten zu tun habe. Er konstatiert, dass sich die Literatur verbiege, um einen solchen Preis zu erhalten. Ich frage ihn, ob er damals mit der »Morawischen Nacht« wegen Tellkamps »Turm« auf die Nominierung verzichtet habe? Nein, »wo denken Sie hin«. So tief sei er doch gar nicht drin. Er habe damals den »Turm« lesen wollen, aber ganz schnell keine Luft mehr bekommen und abgebrochen. Und jetzt »Kruso«. Man habe ihm am Vortag in Berlin das Buch gegeben und alle seien voll des Lobes gewesen. Lutz Seiler sei ja ein sehr guter Lyriker. Aber »Kruso« - dieses Buch sei »grauenhaft«.

Im November bekommt Handke die Fahnen für sein neues Stück »Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße«. Dann wird noch ein bisschen gefeilt und im Frühjahr kommt es dann heraus. »Und dann ans Epische?«, will ich wissen. Vielleicht, sagt er, aber das Herz. »Mit 70 kommt das Alter«, dann merke man es.

»Ich lade Sie zum Mittagessen ein«, beschließt Handke. Er ruft in einem Restaurant an. »Ich muss fragen, ob die überhaupt geöffnet haben.« Wir müssten in dieses Lokal, denn man habe dort kaum Gäste und sonst käme der Gerichtsvollzieher vorbei. Es ist geöffnet. »In 5 Minuten im Garten« sagt er. Ich solle mir mal seine Beletage ansehen und von dort oben den Ausblick auf die Wälder genießen. Nach exakt 5 Minuten stehen wir dann im Garten vor seiner blühenden Efeu-Hecke, die von Bienen umsummt wird. »Manchmal sind es aber auch nur Fliegen« meint er trocken. Er drückt mir das Buch »Von Welt zu Welt«in die Hand, der Briefwechsel 1910-1918 zwischen Romain Rolland und Stefan Zweig mit einem Vorwort von ihm. »Das müssen Sie lesen; es ist so rührend«. Auf der ersten Seite seines Textes korrigiert er rasch noch ein Wort. Und besorgen Sie sich das Heft »Sinn und Form«, empfiehlt er mir. Dort hat er was über den Briefwechsel von Carlfriedrich Claus und Franz Mon geschrieben. Das sei so klar und schöne Lektüre gewesen.



Dann brechen wir auf und gehen den kurzen Weg zum Restaurant »La Tonnelle«. Immer wieder halten wir inne und er erklärt mir die Topographie der Landschaft, zeigt die Wälder. »Ihre Niemandsbucht«, werfe ich ein. »Ja, ich nenne das immer noch so.«

Im Lokal scherzt er mit der Besitzerin über die Liebe. Wir sitzen draußen. Trotz des herrlichen Wetters sind wir die einzigen Gäste und ganz sanft höre ich eine Orchestermusik von »My Way«. »Ich sag' ihr gleich, dass sie das abstellt«, sagt Handke, »Scheiß Sinatra-Ding«. Und als hätte sie es gehört, verstummt die Musik sofort. Handke besteht darauf, dass ich was »Vernünftiges« esse; keinen Salat. Die Speisekarte ist eine große Tafel die auf einen herbeigeholten Plastikstuhl gestellt wird. Er bestellt Krebsschwänze für uns als Vorspeise, Wasser und eine Flasche Weißwein. »Ich dachte schon, Sie sind so ein TA«, sagt er. »TA?« »Trotteliger Asket«. Nein, versichere ich, kein Asket.

Der Wein ist exzellent; das Lamm auch. Wir kommen auf einige Schriftsteller zu sprechen, die er gefördert und gelobt hat. Hermann Lenz: Die letzten Bücher wie »Herbstlicht« seien doch eher schwach gewesen. Es fehlte ihm damals die zeitliche Distanz, der Abstand. Aleksandar Tišma: Kein ganz großer, weil er »zu desillusioniert« war. Kein Wunder, sagt Handke, bei diesen Erlebnissen als Jugendlicher im Krieg. Ihm fehlte das Helle. »Die Hoffnung?«, frage ich. »Ich sage lieber Zuversicht,« erwidert Handke. Immer wieder schenkt er uns Wein nach. Ich bin überrascht, dass er so manches Leseurteil revidiert. Ist er strenger geworden? Oder ist es so, dass man beim Wiederlesen nach Jahren eine andere Haltung bekommt? Unverändert indes sein Lob zu Ivo Andrić und dessen Prosa. Dann erkundigt er sich nach Wolfgang Welt: »Hat der nun den Preis bekommen?« Ich muss passen. »Es war doch selbstverständlich, dass ich mich der Aktion für einen Preis für Wolfgang Welt anschließe«, sagt er. Er bewundere ihn, weil der nach 30 Jahren noch wüßte in welchen Bus er damals gestiegen ist. Der Knausgård schreibe ja ähnlich, aber er favorisiert Welt. Wenn nur diese Sexszenen nicht wären, sagt er; widerlich. Zu Josef Winkler kommen wir, weil er den österreichischen Begriff für den Freitod mit dem Strang einbringt: »heimdrehen«. Winkler gehe ihm auf die Nerven, sagt er und er stimmt mir zu, dass er doch mal was anderes schreiben soll.

Einige andere Schriftsteller und auch Exegeten kommen noch schlechter weg. Die hielten sich alle für die größten Dichter, aber es seien nur B- oder C-Schreiber. Ja, er sei schon manchmal ungerecht, sagt er und die »Scheißhausliteratur«, die er Ingo Schulze zugeschrieben hat – da sei er schon etwas »angeheitert« gewesen. Es geht bei Handke immer ums Ganze, um die Literatur bzw. den Begriff, den er von Literatur hat. Die Person dahinter schiebt er in seinen Beurteilungen zunächst weg. Daher diese Schroffheit, die auch vor langjährigen Freunden nicht Halt macht. Der gegenwärtigen Literaturkritik wirft er vor, dass sie nicht mehr genug differenziert, alles gut findet. Im Grunde ist es die fehlende Haltung zur Literatur, die Handke anmahnt; vielleicht so etwas wie Respekt. Stattdessen Buchpreis und Kommerz.

Wir reden noch einmal über Jugoslawien. Vorher, im Garten erzählte bereits er von seinen Besuchen in Srebrenica, Velika Hoca und in Belgrad mit dem »armen Teufel« Dragoljub Milanović, den man jetzt noch einmal angeklagt habe und der einfach nicht schreiben könne. Ich vergleiche »sein« Jugoslawien mit Camus' Algerien. »Sie haben doch Jugoslawien geliebt!" Er verschluckt sich fast, überlegt. Nein, nicht geliebt, es sei ihm »ans Herz gewachsen«. Er murmelt etwas, gibt mir dann doch Recht. Man müsse aber nicht nur die Parallelen sondern auch die Unterschiede herausarbeiten zwischen ihm und Camus. Ja, das werde ich tun, verspreche ich ihm. Im nächsten Jahr vielleicht.

Er zahlt und gibt ein großzügiges Trinkgeld. Jetzt geht es in den Wald und spüre förmlich seine Lust, in die Landschaft einzutauchen. Ich rekapituliere die Strecke zur Station und stelle mich ein bisschen dumm an. »Kommen Sie eventuell mit?" Handke darauf scharf: »Nein!« Er zeichnet den Weg auf. »Was machen Sie noch in Paris«? »Ich gehe in den Jardin du Luxembourg und spiele ein bisschen 'Die Stunde da wir nichts voneinander wußten'«. »Aber nicht beobachten. Schauen!«, trägt er mir auf.
Es folgt ein freundlicher Abschied. Er geht in den Wald, ich in die rue Lamennais. Den Weg zur Station habe ich problemlos gefunden. Und PSG gewann 3:2.



Artikel online seit 09.10.14
 



Peter Handke in seinem Garten in Chaville
© Lothar Struck


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Strucks Analyse stellt die bequemen Urteile über Handkes Äußerungen zu Jugoslawien infrage und öffnet so den Weg zu einer Neubewertung. Dabei wird gezeigt, wie Biographie, Sprachkritik und Politik einen Dreiklang bilden, in den Handke seine Stellungnahmen für ein Jugoslawien bettet, das für ihn zu einem Ideal eines möglichen Europa wurde, eines Europa, »wie es sich gehört hätte oder wie es hätte werden können«.

Verlag Ille & Riemer



 


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