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Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


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Artikel online seit 16.05.13

Foto: Stefan Geyer
Die Welt-Literatur auf einen Blick

Wie Wolfgang Welt mit seiner autobiographischen
Trilogie des Scheiterns nach über zwanzig Jahren
doch noch als Autor bei Suhrkamp gelandet ist, und
warum die zu seinem 60. Geburtstag bei Klartext
herausgegebene Textsammlung »Ich schrieb mich
verrückt« so lesenswert ist.

Von Herbert Debes


 

Gut Ding will Weile haben, glaubt der Volksmund zu wissen. Und so kann es schon mal eine ganze Zeit dauern, bis man Autor bei Suhrkamp wird. Wie im Fall von Wolfgang Welt, der in dem weitgehend geschmacksfreien Anything-Goes-Stream der 80-iger Jahre des letzten Jahrtausends vom Plattenverkäufer in einem Bochumer »ELPI«-Laden zum gefürchteten Musikkritiker und schließlich, so will es zumindest Willi Winkler, zum »größten Erzähler des Ruhrgebiets« heranreifte, um mehr als zwanzig Jahre nach seinem ersten Telefonat mit dem Lektor Müller-Schwefe als »suhrkamp taschenbuch 3776« zu reüssieren. Der hatte damals gerade Rainald Goetz mit »Irre« herausgebracht, konnte aber Welt unter dem anspruchsvollen Siegfried Unseld nicht durchsetzen. Erst die Fürsprache Peter Handkes, der die Welt-Literatur zwischen den Polen Hermann Lenz und Buddy Holly ausmachte, brachte nun, gefühlte Lichtjahre später, den jungen Welt aufs Buch-Cover und seine autobiographische Trilogie des Scheiterns in die Buchhandlungen.
»Peter Handke, der berühmte Schriftsteller hat bei Suhrkamp ein Machtwort gesprochen und gesagt: »Die Bücher vom Wolfgang müssen bei Suhrkamp erscheinen«. Und die Verlagsleiterin hat dann auf ihn gehört und das Buch ist erschienen. (...) Die haben kein großes Geschiss um mich gemacht, das ist dann auch im Sande verlaufen. Wenn es nur als Taschenbuch rauskommt, dann läuft das nicht so.« (O-Ton Welt)

Als »Schreibchaot, so'ne Art Pop-Dutschke von der Uni« wäre er damals im Ruhrgebiet berüchtigt gewesen, erzählt Wolfgang seinem Kumpel Herbert, während sie durch die Gemeinde ziehn, auf dem Weg vom »Rotthaus« zur »Zeche« in der Kurzgeschichte »Kalter Bauer in Bochum«. Die ist gut und findet sich hinten in der knapp 500 Seiten umfassenden Trilogie neben anderen guten wie »Herbert Grönemeyer lebt nicht mehr hier«, »Einmal Tschibo und zurück« und »Abschied von der Trümmerfrau«, einer petite Hommage an seine Mutter, mit der Welt heute noch in einem kleinen Häuschen der ehemaligen Bergarbeitersiedlung Wilhelmshöhe in Bochum lebt, wo er seit einigen Jahren als Nachtportier am Schauspielhaus beschäftigt ist.

Seine wilde Zeit begann für den heute 60-jährigen Autor in der Bochumer Szene-Kneipe »Spektrum«, nachdem er die beiden Verleger des dortigen Stadtmagazins »Marabo« angequatscht hatte, um ihnen eine Story zum 20. Todestag von Buddy Holly anzudrehen, denn eigentlich hatte Wolfgang immer schon davon geträumt, Schriftsteller zu werden, und nur nicht gewußt, über was er schreiben sollte. Fortan war die Musikszene im Ruhrgebiet äußerst welthaltig, und der Kritikus ein von den Presse-Damen der Plattenfirmen gefürchtetes, weil ständig nervendes Original. Auch die seinerzeit aufstrebenden Barden des Potts, Westernhagen, Grönemeyer und Kunze, durften seine Bekanntschaft machen. Den damals gerade debutierenden, »belesenen Rotzlöffel« Heinz-Rudolf Kunze machte er mit einer rhetorischen Hinrichtung erster Sahne zum Gespött der Szene.

Welts Trilogie ist ein einziger end- und letztlich sinnloser Trip, (allerdings ohne, daß Welt je einen geschmissen hätte!), durch die völlig überhitzte Musikbranche zu Zeiten der Neuen-Deutschen-Welle. Sie besteht aus den drei Teilen »Peggy Sue«, »Der Tick« und »Der Tunnel am Ende des Lichts«; als Zugabe die titelstiftende Story aus der Anthologie »Staccato«, die 1982 von der Spex-Legende Diedrich Diedrichsen by Kübler herausgegeben wurde.
Böswillig könnte man unterstellen, daß Welt uns, besessen vom Glauben an seine Kompetenz und getrieben von einer Gier nach Beachtung, seinen absurden Terminkalender um die Ohren haut, exzessives Namedropping betreibt, und seine Bedeutung als Musikkritikus wie als Autor selbst maßlos überschätzt.

Gutherzig muß man heute (2013) jedoch sagen, daß sich in Welts atemloser Trilogie des Scheiterns eine ganze Generation von abgebrochenen Germanisten, Philosophen und Politologen wiederfinden kann, die damals alle gedacht hatten, mit ihrer Schreiberei den Journalismus neu erfinden zu können, und so etwas wie einer Avantgarde anzugehören, die eine neue kulturelle Identität zu stiften in der Lage sei. Stadtzeitungen schossen im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden, Buchhaltung hatte zwar keiner gelernt, aber Subjektivität war angesagt, und schließlich hatten ein paar von ihnen Hunter S. Thompson gelesen, hielten sich für Bob Woodward oder Carl Bernstein.
Für eine wunderbare, verrückte Weile kochte die Szene, eine sich überschätzende, im luhmannschen Sinne selbstreferentielle brodelnde Blase, der dann, irgendwann nach der Wiedervereinigung nahezu geräuschlos im Prinzenlook die Luft ausging. Wolfgang Welts Geschichte ist weit mehr als eine Trash-Komödie mit regionalem Flair. Sein »Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe« ist ein dem wirklichen Leben abgerungener, tragikkomischer Bildungsroman eines mutigen Möchtegerns, und als solcher das authentische Dokument einer Zeitspanne zwischen anything goes - but nothing happens.

»Doris hilft« heißt sein 4. Roman. Es steht an einer Wand der Bochumer Uni, an der Wolfgang Welt in seinem Wahn vorbeiläuft. Doris, hieß so nicht auch die Bedienung in seinem Stammlokal, die er geliebt hatte? Welt schreibt von dem, was er am besten kann. Seinem aberwitzigen Leben als Autor, Biertrinker, Dauersohn und Nachtwächter auf der Bochumer Wilhelmshöhe und in deren Umgebung. Nachrichten aus seiner Wirklichkeit so um 1990, die erst durch den »größten Erzähler des Ruhrgebiets«, so Willi Winkler über Wolfgang Welt, der sie für uns aufgreift und »anleuchtet«, sichtbar gemacht werden. Nichts destotrotz braucht man beim Lesen gute Nerven, weil das geschilderte Elend einen ganz schön mitnimmt. But such is life...
Im Anhang findet sich, quasi als Bonustrack einer der besten Artikel des Musikjournalisten Wolfgang Welt aus dem Jahr 1991, »Bob Dylan & Buddy Holly. Kein Vergleich«.

Im Herbst letzten Jahres, rechtzeitig zu seinem 60. Geburtstag, ist im Essener Klartext Verlag eine umfangreiche Sammlung mit Texten von Wolfgang Welt aus den Jahren 1979-2011 erschienen. Herausgegeben von Martin Willems finden sich in dem Band mit dem treffenden Titel »Ich schrieb mich verrückt« Musik- Literatur- und Theaterkritiken, Reportagen und Konzertberichte, in denen sich neben der Popgeschichte der 80er Jahre auch ein Stück Kulturgeschichte des Ruhrgebietes spiegelt. Und so schreibt Welts Förderer und literarischer Schutzpatron Peter Handke in seinem Vorwort: »Wo die üblichen Historiker für ihr Erzählen sogenannt große Gestalten auftreten lassen, in sich zuspitzenden, dramatischen Geschehnissen, wo zuletzt jeder Schritt und/oder eben jede Sekunde des geschichtemachenden Helden bedeutsam wird, erzählt Wolfgang Welt von Anfang bis Ende zwar auch solche Schritte, Sekunden, Augenblicke, aber das sind seine, Welts, eigene Blicke, Sekunden und Schritte, Schritte, die eher ein Zickzack beschreiben, kein zielgerichtetes, geschichtsträchtiges Handeln, sondern ein monotones undramatisches Vor und Zurück, ein Streunen, ein Tapern (wie das Rolf-Dieter Brinkmann genannt hat), ein unablässiges Greifen nach etwas, das zugleich schon ein ebenso ständiges Fallen lassen, Verzichten, Ausscheren, Beiseitetreten, Sich Wegkrümmen ist. Nie wird Wolfgang Welt, der ganz andere Geschichtsheld, als sein eigener Historiker bedeutsam, aber dafür umso stärker bezeichnend.«
Was Peter Handke damit meint, können Sie u.a. nachlesen in Welts »Besprechung« von Handkes »Langsame Heimkehr« (Marabo 12, 1979), die mit dem Satz endet: »Wörter pflastern seinen Weg.«
Herbert Debes
 















Martin Willems (Hrsg.)

Ich schrieb mich verrückt

Texte von Wolfgang Welt 1979-2011
Mit einem Vorwort von Peter Handke
Klartext Verlag
358 Seiten
19,95
9783837507478

Wolfgang Welt
Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe
Drei Romane
suhrkamp taschenbuch 3776
488 Seiten, Broschur
Euro 15,00 [D] / Euro 15,50 [A] / sFr 27.40
ISBN 978-3-518-45776-4


Wolfgang Welt
Doris hilft
Roman
Mit einem Nachwort von Willi Winkler
suhrkamp taschenbuch 4051
246 Seiten, Broschur
Euro 8,50 [D] / Euro 8,80 [A] / sFr 15.60
ISBN 978-3-518-46051-1

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