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Literatur und Zeitkritik


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»Es ist noch nichts erzählt.«

Corinna Belz' feinsinniges Filmporträt »Peter Handke -
Bin im Wald. Kann sein, daß ich mich verspäte.«

Von Lothar Struck

Die Bilder des jungen Peter Handke. Dann die Überblendung. Leider sei er nicht mehr so frech wie er gerne wäre, kommentiert er rund fünfzig Jahre später bei einem Glas Wein. Aber nie habe er sich von anderen beeinflussen lassen. Handke besteht auf seiner "Rolle", einer Rolle, die er sich selber verordnet hat. Man darf es nicht mit einer Dichterinszenierung verwechseln (obwohl Handke nicht ganz frei von Eitelkeiten ist), sondern könnte es annäherungsweise Autonomie des Handelns nennen. Die hat Handke bis hin zum Eigensinn nie aufgegeben; mit allen Konsequenzen.

Handke ist Stolz auf seinen Trotz. Das sieht man ihm an. Das Schreiben sei nämlich damals ein "Tabubruch" gewesen, so Handke zur überrascht nachfragenden Corinna Belz. Auch der Zuseher zögert, aber Handke hat sich, wenn er dies sagt, in sein Dorf in der Marktgemeinde Griffen in die 1950er und 1960er Jahre begeben. Damals war Schreiben als brotlose Kunst verschrien (nicht nur dort). Und heute erscheint so manchem Handkes Leben in Chaville (oder Marquemont, dem Haus seiner Frau) ebenso exotisch wie es die Passion des jungen Handke für die Dorfbewohner damals war. Die Wendungen in seinem Schreiben (Ende der 1970er Jahre, mit den Jugoslawien-Texten und schließlich die Wiederaufnahme des epischen Erzählens vor zehn Jahren) geschahen nie aus Kalkül sondern aus innerer Notwendigkeit. Einem Publikumsgeschmack hat er sich nie unterworfen.

Gleich zu Beginn, wie beiläufig, eine Art Geständnis: Er habe nie seine Scheu vor Menschen ablegen können. Immer noch? Ja, immer noch. Handkes Scheu geht allerdings gleichzeitig einher mit einer unbändigen Neugier, ansonsten würde es diesen Film von Corinna Belz nicht geben. Dieses Spannungsverhältnis muss Handke ständig ausbalancieren. So gibt es vermutlich kaum einen freundlicheren und großzügigeren Gastgeber wie Peter Handke. Und es gibt den Schimpfenden, der auch vor seinen besten Freunden kein Pardon kennt, wenn es wieder einmal um Alles geht. Die Beschreibungen sind Legion. Es sind die Momente in denen er sich "verhaspele". So umschreibt Handke dies ein paar Minuten später im Garten sitzend und er ringt nicht um sondern – selten genug - mit den richtigen Worten. Wut? Nein, das sei nicht das richtige Wort. Es sei "manchmal fast bestialisch", so Handke und er wählt ein Bild, das er sofort wieder verwirft: Es sei als wolle man eine Tür öffnen, die nicht mehr aufgehe. "Man rüttelt und rüttelt und zerstört die Klinke noch dazu", stoße sich den Kopf. Ob man die Türe nicht eintreten könne, fragt Belz nach und Handke verneint wie ein Wissender und Leidender. Er wirkt in diesen Momenten wie ein Gefangener seiner Unzulänglichkeiten. Zwei kurze Szenen zu Beginn, die zu den intensivsten dieses Films gehören.

"Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte" hat Corinna Belz ihren Film über Peter Handke genannt. Ein Schild, das so mancher Besucher vorfindet, der sich mit dem Schriftsteller verabredet hat. Auch Belz fand es einmal vor. Sie hat gewartet und Handke überzeugen können einen Film über ihn und sein Werk zu drehen. Handke hatte sich vorher Belz' Film von 2011 über Gerhard Richter angesehen.

Als die Rücken der Bücher von Handke eingeblendet werden wird einem bewusst, wie groß dieses Œuvre aus fünf Jahrzehnten  ist: 38 Prosa-Bücher (Erzählungen und Romane), mehr als 20 Theaterstücke, zahlreiche Filme bzw. Filmdrehbücher, Tagebücher ("Journale"), Essays, Kritiken, Hörspiele und mehr als dreißig Übersetzungen.

Vor einigen Jahren zeigte Belz den deutschen Künstler Gerhard Richter als Berserker in seinem Atelier, was diesem schmeichelte aber noch mehr irritierte. En passant gelangen ihr Einblicke in Richters Leben und künstlerisches Denken. Für ihren Handke-Film hat sie mit Kennerschaft und Geschick Texte ausgewählt, die zum einen die unterschiedlichen Schreibphasen des Dichters zeigen, zum anderen aber auch biographische Epochen spiegeln. So liest Handke unter anderem Auszüge aus dem "Versuch über den geglückten Tag", seinem Erstling "Die Hornissen", der "Kindergeschichte" und natürlich "Wunschloses Unglück", die Erzählung über den Suizid der Mutter. Auch der Serbienkomplex wird behandelt (ein kleiner Ausschnitt aus der "Winterlichen Reise").

Neben den Lesungen bedient sich Belz auch filmischen Materials. Es gibt einen Ausschnitt aus der "Publikumsbeschimpfung", die Szene mit dem "Erzähler" Curt Bois in "Der Himmel über Berlin" (die konstituierend für Handkes Schreiben steht) und eine wunderbare Montage zwischen dem aktuellen Handke, der in der U-Bahn sitzt und aus dem Fenster schaut und Hanna Schygulla in dem Film "Falsche Bewegung" aus dem Jahr 1975, die langsam in einen Zug einsteigt. Für einen Moment wird suggeriert, die beiden schauten sich über den Bahnsteig hinweg an.  

Immer wieder greift die Regisseurin zu Rückblenden: Handke in Princeton 1966, als er den "Stuss" (Handke heute) geredet habe, aber es musste einfach sein. Mit Vehemenz und Schüchternheit zugleich befragte er die damaligen Autoritäten der Gruppe 47, die längst zu selbstgefälligen Institutionen geworden waren und positionierte sich mit seiner sprachkritischen Prosa gegen den etablierten Realismus-Zwang der Flakhelfer-Generation. Unlängst hat der Germanist Karl Wagner darauf hingewiesen, dass es 23 Jahre gedauert hat, bis Handkes Rede vollständig transkribiert und durch die Literaturwissenschaft aufbereitet wurde. Die mediale Aufregung um die Intervention begnügte sich damals mit den Schlagworten.

Weiterhin werden Ausschnitte aus einem Gespräch mit Friedrich Luft von 1969 und aus Georg Stephan Trollers "Personenbeschreibung" von 1975 mit Handke als alleinerziehendem Vater gezeigt. Weniger schmeichelhaft ist der Ausschnitt aus dem Akademietheater 1996 anlässlich seiner Lesung der "Winterlichen Reise" – trotz Erläuterungen seiner Frau Sophie Semin über die Motivationen zu Handkes Jugoslawien-Engagement bleibt dieser Abschnitt etwas unterbelichtet im Film.    

Außer Ehefrau Sophie Semin kommt nur noch Handkes älteste Tochter Amina Handke zu Wort; Léocadie, die jüngste Tochter, hat nur einen kleinen Auftritt. Keine Experten drängen dem Zuseher ihr Wissen auf, niemand bastelt Theoriegebäude. Belz zeigt Handke bei dessen Tagwerk, bei der Baumpflege, beim Pilze putzen, Kastanien schälen, dem Warten auf die S-Bahn nach Paris. Sie lässt ihn schweigen und sprechen, fragt nur gelegentlich nach (weniger als bei Richter). Fast scheint es als sei sie dabei auf der Lauer gewesen, etwa wenn er nach der Lektüre einer Arbeit von Léocadie über drei Filme (Antonionis "Sonnenfinsternis" ["Liebe 1962"], Fords "Stagecoach" ["Ringo"] und Ozus "Reise nach Tokyo") über das Erzählen anhebt, ein Erzählen, in der die Geschichte nicht das Entscheidende ist. Ein Erzählen der Verwandlung des Lebens in Fiktion, ein Erzählen, dass auch gleichzeitig ein "Erfinden" ist, das er "Materie schaffen" nennt und auf das er eine Hymne anstimmt. Dieses Schaffen sei "das Schönste überhaupt", schwärmt Handke und er spüre nie so sehr das Leben als beim Schreiben.

Der Film besteht scheinbar aus ganz vielen solcher Lauer-Momente, mit denen aber nichts bloßgestellt und niemand überlistet werden soll (am wenigsten Handke), sondern die etwas sichtbar, erkennbar machen und irgendwann, an und in den schönsten Momenten, selber zu einer kleinen Erzählung werden. Die Pilzernte etwa, das Putzen mit dem Messer (gerne noch ein bisschen Erde an die Pilze lassend) und wie ein Kind freut sich Handke über ein Prachtexemplar und geniert sich fast, es aufzuschneiden und damit zu zerstören. Oder später, als er mit Muscheln und Muschelresten die Begrenzung für einen Gartenweg anlegt und plötzlich rinnt aus einer Muschel Sand heraus, der, so Handke, "zwei Millionen Jahre" alt sei -  da beginnt dann gerade eine dieser realen Fiktionen des Dichters. Oder Handkes Versuch des Einfädelns, was zunächst misslingt, sein Humor dabei ("Ein paar Mal hab' ich es geschafft im Leben"), der leise Fluch und dann doch, fast unverhofft, das Gelingen und wenn es dann nur für drei Stiche reicht.   

Wer genau schaut erkennt die Reminiszenzen in seinen Räumen an seine "Sippe", die Familie seiner Mutter. Überall gibt es Fotografien, besonders von ihr und den beiden Brüdern Gregor und Hans, die beide 1943 im Krieg gefallen sind (mit 30 bzw. 21 Jahren). Handke tippt auf ein Foto von Hans, dem "hellsten" Kopf in der Familie, der studieren sollte. Er hat eine Wehrmacht-Uniform an. "Hier sieht man auch wie er sich freut", sagt er und Belz versteht in diesem Augenblick nicht: "Der sieht doch total traurig aus". Ja, das habe er andeuten wollen, so Handke trocken.

Ein kleiner Aufreger im Telefonat mit seinem Verlag. Er ist nicht einverstanden mit der Inszenierung von Duncan MacMillans Adaption von "Wunschloses Unglück" (aus 2014; Regie hatte Kathie Mitchell), weil ein Bild der Mutter zusammen mit Hitler fingiert sei. "So kann man nicht mit einem gelebt-habenden Menschen umgehen", so Handke zur Verlagsmitarbeiterin. Diese Inszenierung sei eine "hirnrissige Erfindung". Nein, einen Skandal möchte er nicht daraus machen; er wollte es nur mal loswerden.

"Wie soll man leben?" fragte Handke schon 1971 zu Beginn seines Films "Chronik der laufenden Ereignisse". Corinna Belz' Film zeigt wie Handke gelebt hat und, vor allem, wie er heute lebt. Oberflächlich betrachtet wirkt er dabei wie ein Aus-der-Zeit-Gefallener, der ohne Smartphone und Computer und ohne all die Dinge, die uns heutzutage so unentbehrlich erscheinen in einer Einsiedlerei lebt. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. Handke ist ein Welt-, Natur- und Menschen-Zugewandter, ein Sinnenfroher, ob im Garten, beim Auf-und-Ab-Gehen, Spazieren, Zeichnen, Sticken, Lesen oder Schreiben. All dies geschieht bei ihm je zu seiner Zeit mit Leidenschaft, Hingabe und Konzentration und mit einer guten Portion Zähigkeit.

Corinna Belz hat keine Hagiographie inszeniert. Aber ihre Wertschätzung für Person und Werk sind zu spüren. Ihr Film verlangt Muße, ein Sich-Einlassen, vielleicht sogar Hingabe. Eventuelle Vor-Urteile (in welche Richtung auch immer) sollten für die Dauer des Films ruhen. Dann ist es möglich, neue Einsichten zu gewinnen. Dies gilt sowohl für den Laien als auch für den (vermeintlichen) Experten. Ein feinfühliger und dabei erhellender Film. Und ein famoses Kunstwerk.

Artikel online seit 08.11.16

 

Peter Handke - Bin Im Wald. Kann sein, daß ich mich verspäte.

Buch und Regie: Corinna Belz
Montage: Stephan Krumbiegel
Kamera: Nina Wesemann, Axel Schneppat, Piotr Rosolowski
Ton & Sound Design: Andreas Hildebrandt
Mischung: Martin Steyer
Colorist: Gregor Pfüller
Animation & Titeldesign: Jutojo / Toby Cornish

 


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