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Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


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Glanz&Elend
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mit 176 Seiten, die es in sich haben.

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Was, wenn es keine Orte mehr gibt?

Peter Handkes heiter-melancholisches Weltendrama
»Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße«

Von Lothar Struck
 

 

Am Ende seines »Königsdramas« Zurüstungen für die Unsterblichkeit lässt Peter Handke eine »Raumverdrängerrotte« auftreten, die sich anlässt, die Enklave des Königs Pablo zu usurpieren. Es sind Figuren, die »drachengroß, mit Flügeln« daherkommen, inszeniert von Claus Peymann am Burgtheater in Wien wie Außerirdische. Handke hatte das Stück 1995 unter dem Eindruck des zerfallenden Jugoslawien, seines Arkadiens, geschrieben. Die Enklave – metaphorisch das Land, das Handke das »Neunte Land« nannte, von dem er 1991 bereits Abschied nahm - war hierbei ein Synonym für eine politische Utopie, einer Möglichkeit eines gerechten und friedlichen Zusammenlebens jenseits der »Allerwelt«, die man ein bisschen polemisch, aber nicht ganz falsch mit »globaler Welt« gleichsetzen könnte.

Fast zwanzig Jahre und einige Dramen später ist aus der Enklave nur noch eine Landstraße geworden. Eine Figur, die Ich genannt wird, allerdings in Versalien, um sie nicht doch allzu schnell mit dem Autor zu verwechseln, hat hier ihre letzte Zuflucht gefunden, nachdem alle anderen Refugien verloren sind. Es gibt auch keine Raumverdränger mehr. Stattdessen wird die Straße von »Unschuldigen« bevölkert. Sie machen dem ICH den Raum nicht mehr direkt streitig, aber sie streiten sich mit ihm, oder, genauer: mit den zwei ICHs, dem Dramatiker und dem Erzähler. Zwei Seelen in dieser Brust; sie reden nach-, mit- und teilweise gegeneinander. Zusätzlich gibt es noch einen Doppelgänger vom ICH, der sich in die Unschuldigen eingereiht hat.

Diese personalen Aufspaltungen des Protagonisten kennt der Handke-Leser aus zahlreichen Erzählungen und Theaterstücken. Besonders deutlich und bestimmend wurde dies im Niemandsbucht-Epos von 1997. Hier rang der Sprachkritiker (und Jugoslawien-Utopist) Gregor Keuschnig mit dem Erzähler (und Privatier) Filip Kobal um Handlungsoptionen. Beide Figuren waren (und sind) Teile von Handkes Persönlichkeit. Die Entscheidung für den Sprachskeptiker hatte unmittelbaren Einfluss auf Handkes Schaffen: Es begründete sein Jugoslawien-Engagement ab Mitte der 90er Jahre. Im neuen Stück Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße variiert Handke dieses Ringen mit sich selber auf den Konflikt zwischen Dramatiker und Erzähler. Und gleichzeitig erlebt der Landstraßen-Mann die Konfrontation mit den »Unschuldigen«, deren Sprecherin (der »Häuptlingsfrau«) und der »Unbekannten«. Auch diese Figuren bekommen zum Teil unterschiedliche Bezeichnungen – je nach der Positionierung dem Landstraßen-Mann gegenüber.

Dies alles geschieht sehr spielerisch und zuweilen komisch, zumal sich Handke auch selber persifliert. Grundsätzlich jedoch wird aus der Verachtung für die Welt der Unschuldigen kein Hehl gemacht. Stammelnd (daher die kleinen Pausen), aber durchaus im Stil der Publikumsbeschimpfung schreit er ihnen entgegen:  

»Hundsfotte … Kassendiebe … Hirnschritt … Tätowierte Schwimmlehrer … Menschgewordene Fischgrätmuster […] Sprechblasenkrebse […] Rundinformierte … Freiheitsliebende […] Horizonträuber! ... Gotteskrieger … Friedenssoldaten! ... Existenzuntergraber…« Und schließlich: »Ihr … ewig Heutigen! ... Ihr … halblustigen Unernsten … Ihr … Unberührbaren … Ihr … Unbesiegbaren … Ihr … Unbeleckten … Ihr … Unablenkbaren … Ihr … Unguten!«

 Natürlich ist das Rubrum »Unschuldiger« ein Euphemismus. Sie sind die (vom ICH verabscheute) Mehrheit und demzufolge die Herrscher: »Wir sind die Macht und die Macht bei uns«, so stürzt es einmal aus ihren Reihen. Unschuldig ist nur ihre Erscheinung; eine gespielte Harmlosigkeit. Von dieser Camouflage lässt sich der »Idiot der Landstraße« nicht beeindrucken:  

»Verflucht ihr Unschuldigen, dass ihr keine Landstreicher, keine Wegelagerer, keine Erzbösewichte, keine Killerbande, keine Verbrecherrotte seid! Nur eine Landplage. Nur? Nur eine Menschenplage. Nur? Dreimal verflucht sollt ihr sein, auch wenn das Verfluchen inzwischen noch weniger ausrichtet als je das Wünschen. Unschuldsengel ihr? Unschuldsteufel.«   

 In den Dialogen mit dem »Häuptling« der Unschuldigen, die gelegentlich ein ähnlich heiter-ernstes Niveau haben wie die zwischen »Mauerschauer« und »Spielverderber« im Spiel vom Fragen, bekommt er allerdings Kontra: »Wach auf! Zeit, daß du aufwachst, höchste Zeit, sonst wehe dir«. Und: »Warum kannst du die Straße hier nicht endlich mit uns andern teilen? […] Die Landstraße da: Sie schreit nicht nur nach Benutzung, sondern – so schändlich unnütz sie daliegt mit dir als ihrem Verweser – nach Nutzbarmachung, Nutzbarmachen: der Anfang von allem. […] Und was ist sie geworden, die liebe alte Straße hier, unter deiner angemaßten Alleinherrschaft? Eine – ja, das ist sie, das ist das Wort: eine: Brache«. Die perfekt durchökonomisierte Welt kann Brachen nicht gebrauchen.

Der Landstraßen-Bewohner als Störenfried. Aber es geht noch deftiger wie im wunderbaren Monolog der »Frau«, die den Landstraßen-Mann lachend »in Koloratur« fast verspottet, wie man es zuletzt von Handke bei der Figur des Vaters in Lucie im Wald mit den Dingsda gelesen hat. Schließlich legt eine (die) »Unbekannte« nach: »Ja doch, der Mann da ist das Letzte. Ein Volksfeind. Ein Sozialfall, und noch dazu einer, der, für sich allein, als Ingroup auftritt.« Für sie ist er ein Verräter, der aber, im Gegensatz zu den »Unschuldigen« wenigstens noch etwas zu verraten habe.

Handke jongliert mit seinen Figuren. Manchmal verwandeln sie sich während sie reden. Oder sie verschwinden einfach. Ein andermal verflüchtigt sich sogar die Landstraße. Nichts ist so, wie es scheint; eine große Herausforderung für einen Bühnenregisseur. Als die Häuptlingsfrau und später die Unbekannte zu ihren Monologen anheben, denkt man kurz an Nova und ihre Rede aus Über die Dörfer. Aber es gibt keinen Gesellschaftsentwurf mehr; der »ewige Frieden«, einst emphatisch als Möglichkeit verkündet, weicht nur noch dem Wunsch des In-Ruhe-gelassen-werden-wollens. Gleichzeitig braucht der Landstraßen-Mann auch die anderen. Er hebt die liegengelassenen Papierschnipsel der Unschuldigen mit Auszügen aus Werbesprüchen, Supermarktrechnungen, Telefonnummern, Sinnsprüchlein, Liebesbeweisen und Packungsbeilagen auf und memoriert sie vor sich hin. Kurz blitzt der frühe Handke auf, der Autor von Kaspar. So spinnt Handke Motive aus seinen anderen Stück weiter, was demjenigen, der in den Text-Geweben des Autors ein bisschen heimisch ist, einen kleinen Mehrwert bietet.

Die epische Erzählung vom Jahr in der Niemandsbucht hat mit diesem »Schauspiel in vier Jahreszeiten« seine Entsprechung im Drama gefunden. Das Fazit des dramatischen ICH: »Der Epische Schritt versichert: meinetwegen. Der Dramatische Schritt verunsichert: recht so!« Die Verunsicherung spiegelt sich in der dialektischen Form des Stückes. Niemandsbucht, Enklave, Landstraße. Und dann? Was, wenn es keine Orte mehr gibt? Keine Orte mehr für Landstraßen-Idioten, Enklavenbewohner oder Ex-Autoren? Überall nur diese Unschuldigen, eine Melange aus Despotie und Mittelmaß und mit dem als unrühmlich empfundenen, ja gefährlichen Zeitgeist. »Ausweg, wo bist du?« heißt es einmal – aber die Antwort lautet: »Aporie«.

Das Ende irritiert, denn nach dem spielerischen Feuerwerk besonders in den Dialogen ertönt fast eine Art Schwanengesang. »Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich« sagt Karoline in Ödön von Horváths Kasimir und Karoline, um dann zu fortzufahren »aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als war man nie dabei gewesen«. Für gebrochene Flügel scheint kein Platz mehr zu sein. Das vielschichtige Stück ist dennoch von einer seltsam lebensbejahenden Melancholie durchzogen, ohne jegliche Endzeitstimmung oder Bitternis. Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße ist ein großartiges Stück, vielleicht sogar Handkes dramatisches Opus magnum.

Artikel online seit 29.03.15
 

Peter Handke
Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße

Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten
Suhrkamp
Klappenbroschur, 177 Seiten
20,00 €
978-3-518-42472-8

Leseprobe

 


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