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Dramatiker & Revolutionär |
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Der Dramatiker Ernst Toller, 1883 als jüngstes von drei Kindern in Szamocin geboren und in der Weimarer Republik einer der bekanntesten, in mehr als 20 Sprachen übersetzten Bühnenautoren, schrieb zunächst expressionistische, später Stücke, die der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen sind. Toller entstammte einer jüdischen, wohlhabenden Unternehmerfamilie. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich als Freiwilliger an die Front. Nach einem Nervenzusammenbruch aus der Armee entlassen, war er nach dem Krieg einer der Protagonisten der Münchner Räterepublik. Sein politisches Engagement im Kampf für eine gerechte Gesellschaft durchzieht wie ein roter Faden auch sein literarisches Werk. Im Frühjahr 1919 übernahm er den Vorsitz der bayerischen USPD, die sich nach innerparteilichen Differenzen von der SPD zuvor abgespaltet hatte. Nach der blutigen Zerschlagung der Räterepublik wurde Toller zu fünf Jahren Festungshaft in Niederschönenfeld, einige Kilometer östlich von Donauwörth, verurteilt. Dort schrieb er einige seiner bekanntesten Stücke. Nach seiner Entlassung blieb er politisch aktiv, schrieb weitere Stücke und reiste viel. 1932 lernte er die damals 15-jährige Schauspielerin Christiane Grautoff kennen, die ihn 1935 heiratete. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen und Toller verhaften lassen wollten, weilte dieser in der Schweiz, wo er zunächst blieb, um 1934 zunächst nach London, zwei Jahre später dann in die USA zu emigrieren. Seine Reden fanden großes Echo, Toller wurde, so Ernst Piper, »zur Symbolfigur des literarischen Exils im Kampf gegen den Nationalsozialismus«.
An teils schweren Depressionen leidend, führte er die letzten Jahre ein Leben
als Exilschriftsteller, Intellektueller, politischer Aktivist und Redner, ehe er
im Mai 1939 in New York, »physisch, psychisch und auch finanziell am Ende«
(Piper), Selbstmord beging. Seine autobiografischen Aufzeichnungen »Eine Jugend in Deutschland« erschienen zunächst 1933, in zweiter Auflage 1936. Das Buch beginnt mit Reflexionen zur Kindheit in der Provinz Posen. Die Sprache ist einfach und nüchtern: »Draußen krachen Türen. Im Zimmer ist es dunkel. Dort schläft Vater, dort Mutter.« Toller setzt seine Aufzeichnungen mit den Erlebnissen als Student in Frankreich fort. Das Studium währte wegen des bald beginnenden Krieges nicht lange. Es folgen Kapitel über sein Leben als Kriegsfreiwilliger, die Erfahrungen an der Front, den nervlichen Zusammenbruch sowie die politischen Geschehnisse nach dem Ersten Weltkrieg inklusive seiner Zeit in der Haftanstalt: »Die Zeit verrinnt. Immer heftiger kreisen Gespräche, Gedanken und Träume der Männer um Frauen, nachts pressen wir den Kopf ins Kissen, aus Verzweiflung, aus Hunger nach Wärme.«
Es handelt sich somit
strenggenommen nicht allein um ein Buch über seine Jugend resp. die Jugend in
Deutschland, sondern vielmehr um ein Portrait seiner selbst in den ersten drei
Lebensjahrzehnten; es ist auch nicht »die Geschichte seiner Generation, ihrer
Hoffnung auf Frieden, Gerechtigkeit und Demokratie« in der Weimarer Republik,
wie Julia Franck und Rainer Wieland glauben, denn dafür war diese Generation zu
zerrissen und gespalten und teils stark antidemokratisch ausgerichtet. Auch die
Bünde und verschiedenen Jugendgruppierungen spielen in dem Buch keine Rolle. Es
ist stark politisch geprägt und ein Zeugnis seiner Zeit, das heute vielleicht
eher befremdlich wirkt, liest man es rein literarisch. Als Literatur
funktioniert »Eine Jugend in Deutschland« kaum noch: Die kurzen, fast kalten
Sätze, die Schlichtheit, der nüchterne Duktus. Hinzu kommen die Themen, die
nicht unbedingt en vogue sind. Es wird wohl noch dauern, bis Toller wieder
aktuell ist und man sich für ihn begeistern kann. |
Ernst Toller |
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