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Geflüsterte Selbstgespräche

Gedenkblatt zum Tod von António Lobo Antunes am 05. März 2026

Von Wolfram Schütte
 

Die portugiesische Literatur des 20.Jahrhunderts besaß drei überragende Autoren von unbezweifelbarem Weltrang: Fernando Pessoa, José Saramago & António Lobo Antunes. Obwohl Saramago den Literaturnobelpreis erhielt – möglicherweise dank einer gezielten Lobbyarbeit seines Verlages in Schweden –, ist der 1942 in Benfica geborene António Lobo Antunes mit seinen rund 30 umfangreichen Romanen der innovativere Romancier & literarische Solitär gewesen.

Der ausgebildete Mediziner, der 1971/73 in der portugiesischen Kolonial-Armee in Angola diente, danach bis 1985 als Chefarzt in der Psychiatrie im zentralen Lissaboner Krankenhaus Miguel Bombarda arbeitete, bis er ganz & gar zur Literatur wechselte, hat in seinen ersten Büchern seine medizinberufliche & seine Kriegserfahrungen verarbeitet, bevor er dann erzählerisch weiter in die Geschichte & Gegenwart Portugals (& seiner afrikanischen Kolonien) unter der Diktatur Salazars ausgriff.

António Lobo Antunes – wenn man das Faszinosum seiner an Metaphern reichen Prosa weltliterarisch verorten will – verdichtet sein monologistisches assoziatives Erzählen aus dem Innersten seiner Personen & findet einen ganz eigenen Weg zu seinen epischen Familien- & Klassen-Katastrophen, die in ihrer melancholisch-düsteren Verhängnishaftigkeit an William Faulkners große Romane erinnern.

Das literarische Oeuvre von Lobo Antunes erwächst aus (geflüsterten) Selbstgesprächen seiner Protagonisten, die teils aus der beherrschenden bourgeoisen Oberschicht Portugals, teils aus deren servilen, ignoranten (meist weiblichen) Opfern bestehen – vor dem Hintergrund einer gleichgültigen, wenn nicht gar jubilierenden Natur.

Dem akustischen Charakter dieser eigenartigen Inneren Monologe, die wohl nicht zuletzt ihre Farbigkeit & Intensität den psychiatrischen Erfahrungen des Mediziners verdanken, entspricht eine polyphone thematische Musikalität seiner von den Traumata der portugiesischen Geschichte imprägnierten Romane (mit deren obsessiven Ausgestaltung er sich buchstäblich am Leben hielt.)

Die Präsenz des umfangreichen Oeuvres von António Lobo Antunes im Deutschen verdanken wir der Übersetzerin Maralde Meyer-Minnemann. Über Jahrzehnte hinweg  hat sie das Entstehen der Erzählwelt des portugiesischen Beschwörers menschlicher Einsamkeiten verfolgt & kontinuierlich ein Werk vom Umfang der Proustschen „Suche nach der verlorenen Zeit“ uns immer aufs Neue zugänglich gemacht. Auch dieser übersetzerische Lebensleistung sollte in diesem Augenblick des Abschieds von António Lobo Antunes dankbar gedacht werden.

Erst vor einigen Tagen erschien sein letztes Buch in deutscher Übersetzung:

Wörterbuch der Sprache der Blumen

Er ist gebildet, elegant und zurückhaltend. Julio Melo Fogaca ist der Sohn einer verarmten Großgrundbesitzerfamilie. Und er ist aktives Mitglied der Kommunistischen Partei Portugals. Letzteres wird ihn in die Fänge der Polizei und schließlich in die entsetzlichen Gefängnisse des Salazarregimes bringen. Dass die Partei nicht zu ihm stehen wird - vermutlich wegen seiner Homosexualität -, ist nur eines von vielen weiteren Hindernissen auf seinem Lebensweg.
Mit seinem
»Wörterbuch der Sprache der Blumen« setzt António Lobo Antunes einer bedeutenden, aber in Vergessenheit geratenen portugiesischen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts ein Denkmal in 23 Kapiteln, die von 23 Menschen erzählt werden, die ihm begegnet sind. In seinem unnachahmlichen eigenen Sound und Rhythmus offenbart Antunes die vielen Facetten und Schattierungen eines Menschenlebens in wahrhaft schwierigen Zeiten.

António Lobo Antunes - Wörterbuch der Sprache der Blumen - Roman - Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann - Luchterhand - 448 Seiten - 28,00 € - 978-3-630-87736-5

Artikel online seit 06.03.26
 

 


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