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Emi hörte die Tür ins Schloß fallen.
Er war schon los zur Arbeit. Sie versuchte sich zu strecken, soweit das möglich
war und kroch aus ihrer "Höhle". Sie war noch schläfrig, aber nicht mehr müde
genug um weiter zu schlafen. Sie musste, wie jeden Morgen erstmal dringend aufs
Klo. Emi liebte diese hochmoderne Toilette genau wie er. Nachdem sie ihr kleines
Geschäft erledigt hatte, schlurfte sie durch die knapp fünfzig Quadratmeter
Wohnung und spähte in sein Zimmer. Er hatte schon wieder sein Bett nicht gemacht
bevor er gegangen war. Er wurde nachlässig, sowas wäre ihm noch vor einem halben
Jahr nicht passiert. Sie vermutete, er hatte Probleme bei der Arbeit, aber sie
konnte darüber natürlich nicht mit ihm sprechen. Männer redeten eh selten über
ihre Sorgen und Ängste. Auch seine Pyjama Hose lag zerknüllt auf dem Boden. Sie
hatte Lust sie aufzuheben, entschied sich aber dagegen. War nicht ihre Sache, es
war ja sein Schlafzimmer, sein Bett und eben auch seine Pyjamahose. Es roch
leicht muffig, sie öffnete das Fenster, durfte aber nicht wie neulich, vergessen
es wieder zu schließen. Er rannte später völlig verstört durch die Wohnung.
Emi ging in die Küche, es war noch etwas Tee übrig. Morgens vor der Arbeit
schaffte er meist bloß eine halbe Tasse zu trinken, weil der Tee zu langsam
abkühlte. Der Tee war noch warm. Sie trank seine Tasse leer, ging zur Spühle und
ließ Leitungswasser hinein, dann stellte sie die Tasse, dorthin, wo sie sie
vorgefunden hatte, wie fast jeden morgen. Sie war nicht seine verdammte Putzfrau
lächelte sie boshaft in sich hinein. Darauf öffnete sie den Kühlschrank. Es war
noch genügend Lachs da und noch ein Rest eingelegtes Gemüse. Schade, vom Omelett
hatte er nichts mehr übrig gelassen. Sechs Joghurts waren noch da, sie nahm sich
gleich zwei und ass sie im Stehen. Danach widmete sie sich dem Lachs. Heute
musste sie unbedingt waschen, Gott sei Dank hatte er eine Waschmaschine und
einen Trockner, so war die Sache meist nach vier bis fünf Stunden erledigt. Sie
machte sich gleich ran. Während die Maschine lief sah sie fern. Emi liebte es
tagsüber fernzusehen (abends las oder schlief sie), sie schaute alles:
durchgeknallte Gameshows, Kochsendungen, Nachrichten, Kinderserien, Soups, alte
Klassiker Filme mit Cary Grant oder Jack Lemmon, und wenn sie die Laune hatte
einen alten Kurusawa oder Tarkowski auf einem der noch übrig gebliebenen
Kulturkanäle.
Raus ging Emi nie, wozu auch? Brauchte sie mal frische Luft, setzte sie sich
eine Viertelstunde (höchstens) ans gekippte Wohnzimmerfenster. Bevor er, meist
gegen sieben, also nach ziemlich genau elf Stunden von der Arbeit zurückkehrte,
räumte sie auf, beziehungsweise, sie beseitigte alles, was sie unordentlich
hinterlassen hatte, das sollte reichen. Wie gesagt, sie war niemandes Putzfrau,
so emanzipiert war sie. Emi ging immer sehr früh zu Bett. Sie war schon als Kind
und auch als junge Erwachsene immer sehr früh ins Bett gegangen, es machte ihr
überhaupt nichts aus. Sie liebte es, auf sich selbst reduziert zu sein, sich
frühzeitig zurückzuziehen und viel zu schlafen. Er hatte ohnehin in letzter Zeit
meistens schlechte Laune, und sprach seit kurzem gelegentlich mit sich selbst.
Emi konnte nicht alles verstehen, das meiste klang recht vernuschelt, aber sie
vermutete, es ging hauptsächlich um seine Probleme auf der Arbeit und um seine
allgemeine instabile seelische Verfassung.
Einmal hörte sie ihn nachts sogar weinen. Es klang aber nach einem wütenden
trotzigen Weinen, wie bei einem Kind, das bei Ikea nicht in die Smaland
Abteilung hineingelassen wird, weil es dafür noch zu jung war. Emi liebte Ikea,
sie war ewig nicht mehr da gewesen, sie vergötterte diese kleinen kompakten
Möbel in unzähligen multifunktionalen Varianten. Irgendwann musste sie da
unbedingt mal wider hin. Leider gab es keinen Ikea in ihrer Nähe. Gerne wäre sie
Designerin oder auch Innenarchitektin geworden, aber es sollte nicht sein. Sie
war einfach zu schlecht in der Schule gewesen, ließ sich immer durch irgendwas
ablenken, meistens durch sich selbst. Aber das war jetzt auch schon egal und eh
schon ewig her. Sie hatte im Grunde nie ihren Platz im Leben gefunden, weder
beruflich, noch privat. So wie ihre Sitaution jetzt war, war es eigentlich am
besten, dass war ihr letztens beim Fernsehen klar geworden, als sie eine Doku
über Obdachlosigkeit sah. Neben Erblindung oder Krebs war es wohl das
Schlimmste, was einem widerfahren konnte - keine Bleibe zu haben. Sie fletzte
sich auf der gemütlichen und kuschelligen Couch hin und her und lächelte in sich
rein. Es war noch etwas Lachs mit Reis im Kühlschrank.
Nachdem die Doku zuende war, ging sie
in die Küche. Er kam um kurz vor acht. Emi lag schon in ihrem Schlafgemach. Sie
hörte ihn in der Küche leise vor sich hinmurmeln. Er hatte erneut extrem
schlechte Laune, sie erkannte es schon daran, wie laut er die Kühlschranktür
zuknallte. Er führte wieder ein Selbstgespräch. Sie konnte aber nichts
verstehen, da er es größtenteils auf der Toilette hielt, auf der er abends immer
auffallend lange verweilte, es schien sein einziger Rückzugsort geworden zu
sein. Dort konnte er ungestört seinen ganzen aufgestauten Stress abbauen, oder
zumindest einen Teil davon. Nachdem er eine Weile Fern geschaut hatte,
beziehungsweise währenddessen die meiste Zeit auf seinem Handy tippte, der
Fernseher lief nebenbei (fast immer sah er regionale Nachrichten), ging er ins
Bett. Vorher brachte er noch seinen Anzug in seinen begehbaren gigantischen
Kleiderschrank. Emi belauschte dies immer ganz genau. Darauf verschwand er
sofort in seinem angrenzenden Schlafzimmer. Sie hätte eigentlich ganz gerne mit
ihm geprochen, aber es war unmöglich, seine Laune, seine Launen überhaupt; sein
desaströser mentaler Zustand und natürlich die eigenwillige Situation als
solches machten das unmöglich. Es war alles gut wie es war, jedenfalls
vorläufig. Später würde man schauen. Eine Weile könnte es noch genau so bleiben.
Sie sah keinen Handlungsbedarf. Er war in seiner Welt und sie in der ihren.
Warum sollte man daran rütteln? Warum sollte man diese Welten erschüttern?
Am nächsten Tag kam er noch später als
sonst, es war schon nach acht. Nachdem er in der Küche gewesen war - wie üblich
den Kühlschrank laut scheppernd zugeknallt hatte - war er am werkeln. Emi wurde
zuerst vom Knallen der Kühlschranktür und kurz darauf von einer Bohrmaschine
geweckt, die erst im Wohnzimmer und dann in der Küche schwerächzend und dröhnend
ihren Dienst verrichtete. Nach etwa zwanzig Minuten war der Spuk vorbei. Er
hantierte noch etwas herum und darauf verschwand er erneut vor sich hin
brabbelnd (natürlich konnte sie nichts verstehen) im Klo, wo er diesmal
besonders lange meditierte.
Die nächsten Tage verliefen mehr oder
weniger ereignislos, also im Grunde wie fast immer. Auffallend war, es war mehr
Essen im Kühlschrank als sonst. Aus irgend einem Grund hatte er mehr eingekauft.
Vielleicht erwartete er Besuch? Aber irgendwie glaubte sie nicht daran. Besuch
war seit Ewigkeiten nicht mehr da gewesen. Vor drei oder vier Monaten war seine
Mutter einmal vorbei gekommen (meistens fuhr er wohl zu ihr), sie beschwerte
sich, dass er sie zu selten besuchte. Wie oft er das tat, wusste sie nicht.
Jedenfalls spürte Emi, dass es seiner Mutter nicht recht behakte bei ihrem Sohn
zu sein. "Die Wohnung hat eine ungesunde Atmospähre" hörte Emi sie sagen. Er
protestierte, fragte sie, was sie damit meine, und erhielt als Antwort: "Wenn du
es selbst nicht merkst, kann ich dir auch nicht helfen."
Heute ging er mindestens eine Stunde
früher aus dem Haus als sonst. Sie blieb noch etwas liegen, bevor sie aufstand
und zur Toilette eilte. Kaum trat sie aus dem Klo, klingelte es an der Tür. Emi
hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, nie die Tür zu öffen, warum auch, wenn es
die Post war, wozu gab es den Briefkasten, und alles andere interessierte sie
nicht, um ehrlich zu sein, interessierte sie auch nicht die Post. Aber heute war
etwas anders. Das Klingeln ging von beharrlich rasch zum Sturm über. Bevor Emi
die Situation überhaupt richtig einordnen konnte, öffnete sich auch schon die
Tür und er trat ein, gefolgt von zwei Polizisten. Emi war viel zu perplex um zu
reagieren sprich den Fluchtreflex zu aktivieren. Er schaute sie provokant an und
fragte: Wer zum Teufel sind Sie?
Drei Tage später gab es in der
Fukuokaer Tageszeitung NISHINIPPON SHIMBUN folgende kurze Meldung:
»Fukuoka,
Japan – Ein 43-jähriger Mann entdeckte kürzlich, dass eine Frau heimlich in
seiner Wohnung lebte. Er bemerkte zunächst fehlende Lebensmittel und
installierte daraufhin eine Kamera. Der Mann und die Polizei fanden daraufhin
eine 41-jährige obdachlose Frau vor, die seit Monaten in einem Schrank der
Wohnung übernachtet hatte. Sie gab an, keinen eigenen Wohnort zu haben und die
Wohnung nur als sicheren Rückzugsort genutzt zu haben. Berichten zufolge
verursachte sie keinen Sachschaden und nahm lediglich Lebensmittel. Die Behörden
entschieden, keine Anklage zu erheben. Der Vorfall gilt als ungewöhnlich, aber
harmlos und wirft ein Licht auf soziale Probleme wie Obdachlosigkeit und
Einsamkeit in Japan.«
Artikel online seit 29.04.26
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eins. Enter. DIESEN ARTIKEL KAUFEN WIR NICHT. Hätte Batalski sich ja
denken können. Das Buch, irgendein preisgekrönter Schwedenkrimi,
bringt nichts ein - zu alt.« |