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Die Autorin ist bei uns nahezu
unbekannt. Ihr Roman »Leere
Schränke«
ist bereits 1966 in Portugal erstmals erschienen, und jetzt, von Wiebke Stoldt,
wie man mir versicherte, bestens übersetzt. Obwohl seitdem ganze sechzig Jahre
vergangen sind, wirkt dieser kleine Roman wie gestern geschrieben. Und wie von
Camus. Unprätentiös, schnörkellos, kristallklar und packend. Also wirklich eine
Entdeckung.
Dora Rosario ist erst Mitte dreißig,
ihre Tochter sieben Jahre alt, als ihr noch junger Mann Duarte überraschend
stirbt. Sie hatte ihn vor zehn Jahren kennengelernt und gab alles, was sie
vorher gemacht hatte, für ihn auf. Sie besuchte keine Ausstellungen mehr, traf
sich nicht mehr mit Freundinnen. Sie hatte ihren Mann sehr geliebt, sogar mehr
als die Tochter. Die Ehe bedeutete für sie »eine völlige Ablösung ihrer
bisherigen Interessen«. Duarte interessierte sich eigentlich für nichts. Er war
»ein kleiner Schreiberling in einer Seifenfirma«, für den »das Leben ein
vorübergehender Zustand ohne Sinn und Zweck« war. Da klingt etwas von der Zeit
an, in der das Buch entstanden ist. Eben auch Camus. Da klingt aber auch etwas
an, was dieses Buch heute so bedeutsam erscheinen lässt. In aller
Betriebsamkeit: die Isolation des Einzelnen.
Dora Rosario war es »schon immer schwergefallen, einen Schritt auf andere
Menschen zuzugehen«. Sie fühlte sich deshalb von Anfang an wohl mit diesem Mann.
Nach seinem überraschenden Tod scheint auch für sie das Leben eigentlich
abgeschlossen. Es war auch nicht einfach, eine Arbeit zu finden. Doch mit etwas
Glück bekommt sie eine Stelle in einem Antiquitätengeschäft. Sie trägt weiterhin
schwarz, geht auf kein Fest und lebt mit ihrer Tochter Lisa sehr zurückgezogen.
Ganze zehn Jahre lang.
An Lisas siebzehnten Geburtstag erfährt sie von ihrer Schwiegermutter Ana, dass
Duarte sie, schon krank, für eine andere verlassen wollte. Dieser Mann, den sie
mit »Gutherzigkeit, Unverdorbenheit, fehlendem Ehrgeiz und Kampfgeist« verband,
war nun nicht nur gestorben. Er hatte sie verraten. Nach dem anfänglichen Schock
überkommt sie jetzt das Gefühl, »vor allem von einer Last befreit zu sein«.
Dora Rosario beginnt plötzlich wieder zu leben. Sie beginnt ein Verhältnis mit
Ernesto, dem Partner ihrer einzigen Freundin Manuela. Als der einen Autounfall
verursacht, bleibt er zwar unverletzt, ihr aber bleibt davon eine hässliche,
große Narbe im Gesicht zurück. Ernesto tröstet sich inzwischen mit Doras Tochter
Lisa. Die beiden Frauen, Dora und Manuela, sind die Verlierer. Manuela war für
Ernesto nur so lange interessant, so lange sie ihn »anhimmelte« und
»beklatschte«. Und Dora verliert ihren Liebhaber an ihre eigene Tochter.
Maria Judite de Carvalho beschreibt die Situation dieser Frauen in schlichten,
aber klaren Sätzen. Ihre Situation im Portugal der fünfziger und sechziger Jahre
ist schwierig. Sie sind sozial und ökonomisch vom Mann abhängig. Männer haben
das Sagen. Sie verdienen das Geld. Die Rolle der Frau ist zementiert. Sie ist
Ehefrau und Mutter. Zu sagen hat sie nichts.
Leere Schränke, das heißt hier auch, dass nur wenig passiert. Auf die Handlung
kommt es aber auch kaum an. Was passiert, das spielt sich im Innenleben der
Figuren ab. Maria Judite de Carvalho zeigt das Leben dieser drei Frauen. Sie
zeigt, was an Leben möglich ist, in dieser noch katholisch geprägten
patriarchalischen Übergangsgesellschaft des damaligen Portugals. Eine
Militärdiktatur, die an Vorstellungen des alten Salazar-Regimes noch festhielt.
Ein stockkonservatives Regime. Dabei geht es de Carvalho nicht um die große
Politik. Sie zeigt die Spuren, die sie im Leben der Menschen hinterlassen hat.
Sie zeigt, wie das Leben dieser drei Frauen geprägt, auch zerstört wird, durch
das Verhalten von zwei Männern. Sie beschreibt ihre Beziehungen, ihre
Verhaltensweisen, ihre Verletzungen. Sie beschreibt den geringen Spielraum, der
den Frauen bleibt. Sie lässt aber auch schon den Wandel ahnen, der in der
portugiesischen Gesellschaft bevorsteht. Eine neue, junge Generation tritt ins
Leben. Eine Generation, für die Lisa steht. Selbstbewusst, emanzipiert, fähig,
ihr Leben selbst zu bestimmen. Vorzeichen der anstehenden Nelkenrevolution.
Hier zeigt sich der Doppelsinn des Titels. Die Schränke sind leer. Die
portugiesische Gesellschaft hat abgewirtschaftet. Es ist, auch in den Schränken,
Platz für das Neue. De Carvalho ist es gelungen, ohne darüber Worte zu
verlieren, eine gesellschaftliche Entwicklung an ihren Figuren sichtbar zu
machen. Ein schmales Buch. Ein großer Roman. Ein Glück, das wir ihn jetzt haben.
Artikel online seit 24.02.26
Wir danken Strandgut - Das
Kulturmagazin für Frankfurt & Rhein-Main
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Maria Judite de Carvalho
Leere Schränke
Aus dem Portugiesischen von Wiebke Stoldt
S. Fischer Verlag
160 Seiten
24,00 €
978-3-10-397616-8
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