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Ein aztekischer Schreiber

Giuliano da Empolis illusionslose Analyse,
»Die Stunde der Raubtiere.
Macht und Gewalt der neuen Fürsten
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Von Wolfgang Bock
 

Der schweizerisch-italienische Bestsellerautor und Journalist Guiliano da Empoli beginnt seine Karriere als Lokalpolitiker in Florenz und als Berater des späteren italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi. Sein Arbeitsfeld sind die kulturellen Auswirkungen der neuen Technologien als Machtdispositiv. Zuletzt war er mit seinem Insider-Roman über einen Berater Wladimir Putins mit dem Titel Der Magier im Kreml erfolgreich. Dessen Verfilmung in diesem Jahr mit Jude Law als Putin ist auch in Deutschland gerade in den Kinos zu sehen.1

Das neue dünne Büchlein hat kaum mehr als 100 Seiten und überrascht durch seinen pointierten Stil. Erwartet der vorurteilende Leser zunächst eine langatmige Herleitung über schurkige Tech-Barone oder Oligarchen wie Donald Trump, Mark Zuckerberg, Jeff Bezos oder Elon Musk im Zusammenhang mit kurzschlüssigen Vergleichen zu Niccolò Machiavelli à la Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch Der Fürst und seine Erben – so kommt da Empoli erfreulicherweise ganz anders daher.2 Er beschreibt Szenarien der weltweiten Elite, die bei Gelegenheiten wie der Vorstellung neuer KI-Bots-Versionen zusammenkommen, aus der Perspektive einer oppositionellen Maus, die zufälligerweise geladen ist und mit am Tisch sitzt. Mit wenigen Strichen skizziert er den Habitus der einzelnen Akteure und die Stimmung wie auf einem Treffen von Mafiabossen. Wohl geht es ihm auch um die Anmaßungen der neuen Machtelite von Staatschefs und Tech-Milliardären, die spätestens mit Donald Trumps zweiter Amtszeit die analoge nun nach dem Muster der digitalen Welt unter sich aufteilen. Seine instruktiven Schilderungen dienen aber hauptsächlich dem Verständnis der Übergänge verschiedener Machtsysteme. Die neuen lassen auch die vorherigen Eliten weitgehend ratlos zurück.

Mit seinem Einschleichverhalten gleicht da Emboli dem Bildjournalisten Erich Salomon, dem Ähnliches zur Zeit der Weimarer Republik gelang und der mit Fotos aus internen Diplomatenkreisen berühmt wurde.3 Verwandt ist solches Vorgehen auch mit Alfred Sohn-Rethels Erfahrungen als interner Beobachter 1931 beim Mitteleuropäischen Wirtschaftstag, dem Interessenverband der führenden deutschen Industrieunternehmen, Banken und Verbände. Deren Zusammenhang mit dem Faschismus wurde ihm auf diese Weise bereits frühzeitig und ohne Illusionen klar.4 Di Emboli sieht sich also als eine Art getarnter und schwarzfarbiger Clownfisch Nemo im Haifischbecken der großen Raubtiere, von denen im Titel seines Buches die Rede ist. In zwölf Szenarien, die jeweils nach einer internationalen Konferenz in der entsprechenden Stadt benannt sind, schildert er exemplarische Szenen aus dem Leben seiner „Freunde, der Billionäre“. In jedem ist von einer machtpolitischen erfolgreichen Aktion die Rede, in der die Akteure mit den bekannten Formen brechen und durch unerwartete und verblüffende Handlungen hervortreten. In New York verfolgt er im September 2024 das Gockelverhalten der Staatschefs auf der Hauptversammlung der UNO. In Florenz wird ihm im Jahre 2012 der Grund für die weltweite Aufrüstung deutlich, da er erkennt, dass die aggressiven Waffensysteme wie Drohnen und bakterielle Waffen sich mittlerweile sehr viel billiger herstellen lassen als die diese abwehrenden Raketen. In Riad beobachtet er genau die Aktionen des Kronprinzen Mohammed bin Salman 2017, die nach dem Vorbild von Cesare Borgia und seinem Sekretär Niccolò Machiavelli zur Entmachtung seines Vaters und zur Bedrohung seiner Konkurrenten führen. Wieder in New York des Jahres 2024 beschreibt er die Aktionen des jungen Präsidenten von El Salvador, Nayib Bukele, der sein Land von einer Mordrate, die dreimal höher als die von Haiti war, mit harter Hand in neue Verhältnisse führt. In Washington analysierte er Trumps zweite Amtszeit und dessen Gebaren, mithilfe von Elon Musk, Tausende Regierungsmitarbeiter zu entlassen. In Chicago 2017 widmet er sich der Stiftung Obama und den Demokraten, die gegen Trumps Populismus hilflos auf Rechtsstaatlichkeit, kostenloser Geschlechtsumwandlung und Wokismus setzen.

Jeweils wird genau eine einzelne Szenerie und die Hilflosigkeit der demokratischen Akteure geschildert, die mit dem neuen Machtspiel der technischen Eliten und ihrer Unterstützung durch neue ökonomische Formen wie den Bitcoin nichts anzufangen wissen. Wo die alten Eliten wie Henry Kissinger und Ernest Mandel auf ihr Adressbuch setzen, programmieren die neuen wie Cambridge Analytica längst nicht mehr nur Computer, sondern Menschen. Das haben sie zwar immer getan, kann man hier kritisch anmerken, aber dieses Verhalten erreicht nun eine neue Stufe.

Die Rahmenerzählung, mit der da Empoli sein Buch ausstattet, ist diejenige von Montezuma angesichts der Invasion der Spanier. Hätte sich der Inkaherrscher sofort dazu entschlossen, die Eindringlinge militärisch zu erledigen, so wäre das für ihn kein Problem gewesen. Doch ihm fiel Vieles zu den Konquistadoren ein. Aufgrund seines zögerlichen Verhaltens wurden er und sein Kontinent zu Opfern der Skrupellosigkeit der Spanier, die diese von den Kreuzzügen gegen die Muslime nach Südamerika mitbrachten. Der Autor sieht sich selbst in der Position eines „aztekischen Schreibers“, der „eher in Bildern als in Begriffen“ den Atem der heutigen Welt einzufangen versucht, kurz bevor sie in den Abgrund einer neuen eiskalten Machtergreifung stürzt.

Dieses Anbiedern der alten an die neuen Machthaber zeigt sich exemplarisch im neunten Kapitel, in welchen von Christian Lindners Offerte an Elon Musk die Rede ist.5 Die Antwort von Musk, der mittlerweile selbst in die Schusslinie von Trump geraten ist, bleibt aber dieselbe wie die der amerikanischen Regierung: Da unterstützt man doch lieber das Original der AfD. Und es ist deutlich, dass genau diese Art des Haltens des eigenen Fähnchens in den Wind der Macht das fatale Verhalten ist, dass bereits den Inka dieselbe gekostet hat. Da Empoli sieht daher nicht ohne Grund Kafkas Romane Der Prozess und Das Schloss als Schlüsseltexte zum Verständnis dieser neuen Machtformen an. Diese verbergen sich hinter sogenannten „sozialen Netzwerken“ und „Kommunikations-Agenturen“ und tun mittlerweile alles andere, aber nicht kommunizieren im emphatischen Sinne des Wortes.6

Im Schlusskapitel schildert da Empoli die Versuche des Bürgermeisters des Pariser Vorortstädtchens Lieusaint, dem Autoverkehr, der bei der Benutzung des Google Apps Maze durch seine kleine Stadt geleitet wird, Herr zu werden. Er bekommt keinen menschlichen Verantwortlichen an die Strippe. Die Macht verzweigt sich nach oben ins Wolkige des Netzwerkes und der geheim bleibenden Algorithmen.

Obwohl bei da Emboli viel von Menschen und Konferenzen die Rede ist, erliegt er doch nicht der Illusion, die neue Herrscherstruktur sei das Produkt des Verhaltens „großer Männer“, wie sie der böse Machiavelli in seinem Fürstenratgeber aufgeschrieben hat. Dass diese sogenannten großen Männer, die von ihm als Raubtiere tituliert werden, die Welt beherrschen, ist für ihn Teil der Illusion. Er behandelt sie ebenso als austauschbare Charaktermasken eines Apparates wie er auch nicht verkennt, dass Machiavelli nicht nur böse, sondern auch aufklärerische Züge trägt. Dessen Ratschläge enthalten auch Versuche, den Machtsumpf des Renaissance-Italiens auszutrocknen. Auch vorgängig zum Handeln der heutigen neuen Eliten liegt eine historisch-politische Struktur, die sie mehr oder weniger planvoll zu nutzen wissen. Aus dem Stoff einer Reduktion des Diskurses auf vermeintlich große böse Männer baut dagegen Peter Sloterdijk seine politische Bühne auf. Er bewegt sich damit im Horizont von Friedrich Nietzsche oder Carl Schmitt, also in Theorien, die zwar den Einen und die Vielen, aber keine Gesellschaft kennen wollen. Mit diesem Ansatz bleibt Sloterdijk Teil des Problems, nicht der Lösung. Er hält immer noch an der Kritik des Verbrenners fest, während die Welt sich auf die Wasserkraft und das Elektroauto umstellt, um dabei neue Probleme zu produzieren.7 Sein neuer Essay macht daher Reklame für eine alte vorsoziologisch gefassten Welt von vorgestern. Vor allen Dingen sieht er sich selbst als einen solchen Großen. Sloterdijk fehlt es sowohl an Verständnis für die dialektische Position Machiavellis als auch wie Trump an Scham. So scheut er sich beispielsweise nicht, bei Veranstaltungen des Magazins Cicero mit dem Titel Gipfeltreffen der Geistesgrößen aufzutreten, der anderen aus vielerlei Gründen die Schamröte ins Gesicht treiben würde. Nicht so Sloterdijk, der dort 2014 mit anderen gernegroßen Figuren wie – Überraschung: Martin Walser diskutiert: Mäuschen als Tiger.8 Im Kontrast dazu verhält es sich bei da Empoli dagegen umgekehrt: Er spricht von Menschen, aber er setzt dabei immer eine politische Machtsituation voraus, die die Einsichtsfähigkeit dieser Akteure übersteigt; das macht sie in seinen Augen zurecht so gefährlich. Im stilistischen Vergleich zu diesen italienischen Essays nehmen sich die hierzulande hochgelobten deutschen Versuche dann doch sehr hinterwäldlerisch aus. Je weiter Machiavelli in der Welt herumkommt, umso provinzieller werden seine Interpreten.

1 Guiliano da Empoli, Der Magier im Kreml: Roman, München: C. H. Beck 2024.
2 Peter Sloterdijk, Der Fürst und seine Erben: Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute, Berlin: Suhrkamp 2026.
3 Erich Salomon: Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken. J. Engelhorn Nachf., Stuttgart, 1931.
4 Alfred Sohn-Rethel, Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973.
5 «Elon, ich habe eine politische Debatte angestoßen, die durch Ideen von Ihnen und Milei inspiriert wurde. Während die Migrationskontrolle für Deutschland von entscheidender Bedeutung ist, steht die AfD gegen Freiheit, Unternehmertum – und sie ist eine rechtsextreme Partei. Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse aus der Ferne. Lassen Sie uns zusammenkommen, und ich zeige Ihnen, wofür die FDP steht.»
6 Vgl. in diesem Sinne auch Thomas Brussig, Schiedsrichter Fertig. Eine Litanei, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 2009, S. 26-31.
7 Vgl. Peter Sloterdijk, Die Reue des Prometheus. Von der Gabe des Feuers zur globalen Brandstiftung, Berlin: Suhrkamp 2024.
8 „‘Ich lebe von Zustimmung.‘ Gipfeltreffen der Geistesgrößen – Peter Sloterdijk und Martin Walser über Schönheit als politische Kraft, den Aufstieg der Expert Theokratie und das Mädchen Gesicht der Angela Merkel - eine denkwürdige Begegnung im Berliner Ensemble“, https://m.youtube.com/watch?v=mOY3QnP9y7E; zuletzt aufgerufen am 19.04. 2026.

Artikel online seit 20.04.26
 

Giuliano da Empoli
Die Stunde der Raubtiere
Macht und Gewalt der neuen Fürsten
Aus dem Französischen von Michaela Meßner
C.H. Beck
127 Seiten
15,00 €
978-3-406-83821-7

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