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Liebe und Leiche
Der Romancier Thomas Hettche schreibt eine Geschichte, die er schlicht Liebe
betitelt. Hettche ist bekannt für Kriminalromane und Stories, in denen es um
skurrile Figurenkonstellationen geht. Auch in dieser Novelle ist das Setting
entsprechend exotisch. Die Hauptperson Max ist ein Augenglasbläser und seine
Geliebte Anna arbeitete früher als Sekretärin in der Trilateralen
Wattenmeer-Kommission. Allein die Auswahl dieser Umgebung gibt Raum für
verschiedene Erklärungen, wie wir sie früh etwa bei Émile Zola oder auch in den
späteren Kriminalromanen von Agatha Christie finden. Sie spielen in bestimmten
Milieus, deren innere Verspiegelungen zu beschreiben mindestens die
Hälfte eines Buches einnimmt. Am Ende dieser bürgerlichen Szenarien gibt es in
ihrer frühen wie ihrer späten Form immer eine Leiche im Keller, weil der
Kapitalismus dem Verbrechen mindestens so nahesteht wie der Staat dem
Verbrecher; allein die Valenz von Gut und Böse wechselt. Bei Hettche soll es nun
nicht um die Kriminalität in der bürgerlichen Welt gehen, sondern um eine
Ontologie der Liebe. Der Verlauf und das Ende auch seiner Erzählung aber können
sich dem großen gesellschaftlichen Rahmen nicht entziehen. Sie fallen auch hier
gleich aus: Es geht am Ende auch in dieser Liebe alles nur über ihre
Leiche, wie schon Elisabeth Bronfen vor mehr als 20 Jahren festgestellt hat.
Verbotene Orte der Lust
Thomas Hettches neue
Erzählung bleibt in dieser Hinsicht traditionell. Sie handelt von der Liebe
zwischen älteren Menschen mit 60+, die nach verschiedenen Beziehungen
ungeplant seine Hauptpersonen Max und Anna im Alter ereilt. Dabei steht Max mehr
im Licht und Anna eher im Schatten. Da er frei, seine Geliebte aber verheiratet
ist und sie zunächst zumindest in dieser Hinsicht
»treu«
bei ihrem Ehemann bleiben will, werden die Leserinnen und Leser im Hauptteil
Zeuge einer typischen Seitensprungerzählung. Das verweist auf ein Roadmovie:
Die Orte, wo das Paar sich trifft, sind Partys, Weihnachtsmärkte und Hotels.
Neben den immer fälligen Überlegungen zur außergewöhnlichen Berufssituation der
Protagonisten – im Falle von Max schließt das die seltsame Tätigkeit eines
Glasaugenbläsers ein – treten dabei auch philosophische Motive hinzu. Und so
schlägt Hettche, der einen Doktortitel in Philosophie besitzt, eine Brücke zu E.
T. A. Hoffmann und zu seiner Erzählung Der Sandmann von der Puppe
Olympia ebenso wie zu Hegels Überlegung zur Liebe. Diese kann nach dem
schwäbischen Philosophen, so lernen wir, frei und lebendig nur unter
Gleichgestellten sein. Nur dort soll sie nichts Totes haben. Das sind schöne
Stellen, die hier in den Text der Erzählung eingeflochten werden. Kommen Sie
aber auch in der Konzeption des Textes entsprechend zum Zuge?
Innen und Außen
Seit seinen ersten
Veröffentlichungen verfolgt Hettche der Ruf, ein Pornograf im Stile eines D. H.
Lawrence zu sein. Und auch dieses Mal gibt es eine Reihe von Schilderungen
intimer Szenen, die einem solchen Genre zuzuordnen wären. Nach Reiner Kunzes
Definition von Pornografie machen in entsprechenden Filmen Menschen nur mit,
weil die Geschlechtsteile allein nicht laufen können. Nach Umberto Ecos Essay
»Wie man einen Pornofilm erkennt«, bildet die lieblose Umgebung aus Stechpalme
und Sperrmüll-Nachtisch am Bett ebenfalls das entsprechende Kennzeichen in
zweiter Ebene.
Beide Kennzeichen aber treffen auf Hettches Erzählung nicht zu. Bei ihm stehen
die Beschreibungen der sanften und zupackenden Zärtlichkeiten und die
sublimierte des Gefühlslebens als innere und äußere Landschaften nebeneinander.
Man könnte trefflich darüber streiten, welche Seite hier die Überhand gewinnt.
Vermutlich gäbe es weder das eine noch das andere ohne sein Gegenteil.
Liebe gestern?
Das eigentliche Thema des
Buches soll die Liebe und die Begierde im Alter sein; der Kritiker fühlt sich
dabei entfernt an die Lektüre eines Essays von Norbert Elias mit dem Titel
Liebe gestern erinnert.
Hettche verbindet seine einzelnen Szenarien zu einer schlanken, bittersüßen
Erzählung zwischen Traum und Lust. Diese ist an einem stillen Nachmittag zu
bewältigen. Sie kann überdies vielleicht an entsprechende eigene Überlegung und
Erfahrungen der Leserinnen und der Leser anknüpfen. Hettche ist seit seinem
Erstlingswerk Animation ein Meister der kleinen Beschreibungen,
philosophischen Überlegungen und skurrilen Geschichten, die er auch hier wieder
zu einem Erzählkosmos zusammenfügt.
Maßverhältnisse des Liebeslebens
Und so zieht sich diese
Erzählung hin zwischen dem Plan des Buches und den ausgeführten Darstellungen.
Die Liebenden lernen sich etwas unvermittelt kennen – auch das ist so, als wenn
sie in einem Film mitspielten, der nur 90 Minuten dauern darf und doch Aussagen
über ein ganzes Leben machen will. So können wir lesend die Konzeption erkennen
und auch die aufgeladenen Szenerien der Dystopien, in denen sich das
inoffizielle Liebesleben bereits nach Sokrates sublimiert abspielt: Restaurants,
Opernhäuser, Strände und Betten, aber auch solche Zwischenräume der Erotik wie
Häuserecken, Dünen oder Strandpromenaden finden sich hier. Einen etwas
entfernteren Hintergrund bildet der Ukraine-Krieg mit donnernden Tornados und
abgeschossenen Flugzeugen der Malaysia Airline, deren Fluglinien in die
Beschreibung der Ostseeküste als Zeitmaß eingespannt werden.
In Effi Briests Welt
Die
Landschaftsdarstellungen zitieren und variieren leicht Theodor Fontanes
Beschreibung des Küstenstreifens bei Effi Briest, dort allerdings noch
ohne Flugzeuge. Auch die Konstruktion des Paares ist durchaus ähnlich. Bei
Fontanes Darstellung des (Miß-)Verhältnisses von Baron von Innstetten und Effi
geht es hauptsächlich um den Mann. Auch bei Hettche stehen Max und seine
Liebesprobleme im Vordergrund. Anna bleibt in dieser Hinsicht wie Effi, deren
Namen an das schmückende Efeu erinnern soll, blass gezeichnet. Beide Damen sind
eigentlich nur dazu da, den Stab zu umrahmen – Maßverhältnisse eines
Liebeslebens also, bei Fontane allerdings kritisch, bei Hettche dagegen eher
konventionell gehalten. Mehr eine abstrakte Allegorie der Liebe als eine reale
Figur ist bei Hettche auch der Name der Dame ein solcher einer ideellen
Gesamtfrau, heißt sie nun Anna, Hanna, Maria, Eva, Evi oder Effi. Der Traum ist
so ihr Element wie das von Max die körperliche Begierde. Zum Glück aber für alle
Beteiligten macht Anna in dieser Geschichte in der Erotik keine Geschichten,
sondern alles mit und verweigert sich Max und seinen Phantasien nie. Bis auf,
dass sie sich zunächst nicht scheiden lassen will. Aber soll vielleicht gerade
so sein. Denn als dieser Widerstand schließlich überwunden ist, gleitet die
Geschichte ins Irreale ab. Die Spannung der sexuellen Lust fällt in sich
zusammen. Mit dem erfüllten Paradies des Zusammenlebens ohne Rivalen lässt dann
auch der Tod der Frau nicht lange auf sich warten.
Verbot als Garant der Lust
Denn auch hier gibt es wie
bei Fontane noch eine unheimliche Hinterwelt. In das Umfeld der Augenmotive
fügen sich gleich zu Beginn diejenigen der Puppe und der Verletzungen ein. Hegel
wird genannt und wie bei Fontane der »Gespenster-Hoffmann«. Zumindest offiziell
außen vor aber bleibt Sigmund Freud: Das Augenmotiv ist nach der Psychoanalyse
mit der Kastration verbunden, die Liebe mit dem Tod, sowie das Unheimliche mit
dem Heimlichen.
Bis zum 14. Kapitel ist Anne noch verheiratet und zugleich mit der Heimlichkeit
gibt es in Hettches Erzählung die Sehnsucht nach einer Welt, in der die
Liebenden wirklich zusammen sein können. Sie müssen sich an geheimen Plätzen
treffen, die dadurch aufgeladen werden. Es sind aber diese Treffen an
Nicht-Orten, die die innere Logik und den Reiz der Erzählung ausmachen. Liebe
und Verbot verhalten sich zueinander wie kommunizierende Röhren, das eine ist
nicht ohne das andere. Als das Buch schließlich die Stelle erreicht, an der die
Scheidung vollzogen ist und die Liebenden auch offiziell zusammenkommen, ahnt
man als Leser, dass es mit der Liebe wie mit der Geschichte bald zu Ende geht.
Nun muss die Seite des Todes hervortreten. Zu paradiesisch scheint die Welt, wo
die Liebenden sich angeblich im alten Pfarrhaus an der Küste gefunden haben
sollen. Und so wird das Ende der Geschichte denn auch vom Schatten des Todes
beherrscht, den Anna mit ihrem ersten Kuss angekündigt hatte.
Einseitige Phantasien
Diese Erzählung mit Norbert
Elias nun selbst als eine »Liebe gestern« zu kennzeichnen, ist vielleicht für
dieses kleine Buch nicht angebracht. Denn es handelt ja von einer heutigen
Liebe, nur sind die Protagonisten die Gestrigen geworden, die aus einer anderen
Lebenszeit stammen. Die Liebe wird in der Regel der Jugend zugeordnet. Zugleich
aber soll sie auch zeitlos sein, ja mit dem Alter auch im Hinblick auf die
Sexualität noch stärker werden. Hettche bearbeitet das Thema damit auf eine
herkömmliche Weise. Deren reale physiologischen Grundlagen und Probleme im Alter
spielen in dem Büchlein keine Rolle. Sie werden vielmehr der Phantasmagorie
einer ewigen Potenz anheimgegeben. In jeder Ecke klappt der Akt. Das ist eine
männliche Wunschwelt der Kontinuität, die Virginia Wolfe und Simone de Beauvoir
schon in ihren historischen Romanen aufs Korn genommen hatten.
Bereits die Wortgeschichte der Sexualität ist keinesfalls, wie gemeinhin
angenommen wird, ahistorischer Natur. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard
erinnert daran, dass Sex mit dem sechsten Gebot: »Du sollst nicht ehebrechen!«
und mit der Erbsünde zu tun hat. Die Benennung setzt den Bruch des Gesetzes also
bereits voraus, heiligt aber zugleich die Institution Ehe auch noch in der
vermeintlich neutralen Rede von der Sexualität.
Chercher l‘homme
Wichtiger aber ist hier die Rebellion, ja die konstitutive Verbindung von
Lust und Verbot: Was verboten ist, macht uns erst richtig scharf. So ist es auch
in diesem kleinen Büchlein. Die Liebe, von der hier die Rede ist, ist dort
interessant, wo die Ehe gebrochen wird. Hat sich Anna scheiden lassen und ist
wie Max nun gleich und frei, wie es bei Hegel zitiert wird, ist es vorbei
mit der Anziehungskraft. In diese mischen sich damit nicht nur auch so
hochgelobte Begierden nach der Andren, sondern anscheinend zugleich auch nach
dem Gleichen: Mit Freud müsste man hier nach dem Mann hinter der Frau fragen,
der sich unter dem Etikett der »großen Liebe« ein vergleichsweise unscheinbares
Dasein führt. Hat sich die Frau von ihrem Ehemann scheiden lassen, so ist die
Geschichte dann auch rasch zu Ende und der Autor lässt seine Protagonistin
sterben.
Max und Anna und
die »große Liebe«
Anna war ohnehin nie recht am Leben und mehr Puppe als Fleisch oder gar eine
eigene Seele. Ihre Existenz gehört bereits in der ersten Szene, in der sie
auftritt, einer verschobenen Phantasiewelt an. Dazu trägt der verfremdete
Charakter der Szenerie des Romans bei. Die Aufrufung von Exotismus ist oft die
beste Weise, Herkömmliches zu verschleiern. Wie der griechische Sänger Orpheus,
so redet auch Max viel von der großen Liebe. Im entscheidenden Moment aber, als
die Geliebte Eurydike vom Sänger aus der Totenwelt gezogen, die Schwelle zum
Leben erreicht, dreht Orpheus sich bekanntlich um, um sie vollends dem Hades zu
überantworten. Die herkömmliche Rationalisierung nennt hier Orpheus‘ zu große
Liebessehnsucht als Motiv. Skeptischere Stimmer aber rekurrieren eher auf die
tiefe Angst des Mannes vor einer freien Frau.
Ähnliches veranstaltet Hettche mit seiner literarischen Figur Anna. So viel also
zum komplexen Problem der Objektwahl, das auch bei Hettche unter dem vielleicht
etwas zu schlichten Titel
Liebe daherkommt.
Artikel online seit 27.04.26
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Thomas Hettche
Liebe
Kiepenheuer & Witsch
176 Seiten
22,00 €
978-3-462-00204-1
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