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Bedrängtes Nachdenken über Hiobsbotschaften Navid Kermanis »Sommer 24«: ein »Roman«?
Von Wolfram Schütte |
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Der Journalist Florian Illies hat mit seinem Sachbuch »1913 - Der Sommer des Jahrhunderts«, ein literarisches Genre kreiert, dessen Erfolg mittlerweile andere ermuntert hat, es mit solchen literarischen Kaleidoskopien eines Jahrgangs oder Ortes ihm gleichzutun. Der jüngste Nachfolger von Illies ist der Kölner Navid Kermani. Er hat jetzt ein schmales Buch von 157 Seiten vorgelegt, das einen ganz ähnlichen Titel trägt: »Sommer 24«. Ein Jahr zuvor hatte er in gleichem Umfang eine Sammlung von öffentlichen & privaten Reden oder Zueignungen »Über Politik und Liebe« unter dem Titel »Wenn sich unsere Herzen gleich öffnen« publiziert. Während letzteres, wie alle seine Reportagen & Essays bei C.H. Beck erschien, ist der C. Hanser-Verlag für Kermanis Belletristik zuständig. Denn »Sommer 24« wird als »Roman« ausgewiesen. Gleichwohl sind beide Bücher mehrfach miteinander verbunden. So wird im »Sommer 24« z.B. von Kermanis Arbeit an einer Thomas-Mann-Rede erzählt, die in dem anderen Buch enthalten ist, desgleichen spielt er auf seine Abessinien- Reportage an, die in seinem vorletzten Buch (»In die andere Richtung jetzt.«) enthalten war & die Rede, die der Autor zur Hochzeit einer seiner Töchter gehalten hat, dürfte auf eine Hochzeit in »Sommer 24« verweisen, an der er im Roman nur als Gast & Freund des Brautvaters teilnimmt. Wer den Schriftsteller Navid Kermani kennt, seine geisteshelle Existenz als »Öffentlicher Intellektueller« & - Redner, als Reporter oder Essayist & nicht zuletzt als Romancier schätzt, dürfte im »Sommer 24« thematisch auf viel Bekanntes stoßen, was ihm als Kermani-Leser aus früheren Büchern (s.o.) bekannt ist. Der Schriftsteller, dessen öffentliche Resonanz nicht zuletzt darauf beruht, dass er literarisch sowohl als Reporter wie auch als Romancier die suggestive Form des autorfixierten, wo nicht gar autofiktionalen Erzählens favorisiert, kann mittlerweile davon ausgehen, dass seine Leser & Leserinnen über die Intimitäten seiner Biografie & Lebensweise weitreichend informiert sind, z.B. über sein & seiner Familie Herkommen & Beruf oder die Trennung Kermanis von der Mutter seiner zwei überaus geliebten Kinder. Diese zwischen Fakt & Fiktion oszillierende Mitteilungs-Form stiftet eine enge emotionale, quasi freundschaftliche Beziehung zwischen der sich veröffentlichenden Person Navid Kermani & seiner Leserschaft, mit deren verlässlichen Größe, Interesse, ja sympathetischen »Gefolgschaft« der Autor (& seine Verlage!) heute rechnen kann. Ich stelle mir vor, dass Kermani, wie nicht wenige seiner Leser vornehmlich aus dem links-liberalen Milieu, im vergangenen Jahrzehnt durch die galoppierende Akkumulation politisch-gesellschaftlicher Entwicklungen (ich sage nur Trump) & kriegerischen Verwerfungen (Ukraine, Gaza) weltweit tiefgreifend in seinen Ansichten, Erfahrungen & Hoffnungen erschüttert wurde. Seine Reisen zu den wortwörtlichen Brennpunkten des kriegerischen Weltgeschehens in Osteuropa/Vorderasien & Ostafrika, seine Email-Debatte mit Natan Snaider (»Israel«) über den Gaza-Krieg, der politische Rollback in rechtspopulistische Entwicklungen im »Westen«, der Freitod eines engen Freundes & eines anderen, der zur AfD neigt, die Verwerfungen des männlichen Selbstbildes durch die Me-too-Bewegung: alle diese & zahlreiche andere (gleichzeitige) weltpolitische & private kontroversen Erfahrungen verschmelzen ihm zum phosphoreszierenden Bild einer irreparablen Zeitenwende, die er rund um den Sommer des Jahres 2024 erinnernd aufruft, lokalisiert & verdichtet. »Verdichtet«: damit meine ich zweierlei. Zum einen den Vorgang einer Konzentrierung oder & Anhäufung von Ereignissen & Erfahrungen, zum andern pejorativ: die Übersetzung, Überhöhung & Ausschmückung in eine fiktionale Erzählung. Rund 15 Seiten, nachdem man lesend in dem »Roman« vorangekommen ist, gelangt man zu einer Passage, in der eine Person C. zu dem Erzähler sagt: »Du schreibst schon wieder einen Roman über den Tod«, und er antwortet: »Ich schreibe keinen Roman«. Er fährt dann fort: »C. findet das Ich, das zu erzählen beginnt – sie hält es trotz der Verweise auf meine Bücher gar nicht für mich selbst -, sowie den Juden Rudolf als dessen Widerpart und verstorbenen Freund geschickt gewählt, um all die Dinge, die uns aktuell beschäftigen, kontrovers zu behandeln, in einer Art posthumem Dialog«. D.h. der Autor klopft sich selbst wegen seiner erfinderischen Geschicklichkeit auf die Schulter! Und er annonciert dem Leser, er möge es im Folgenden so halten wie »C«, die aus welchen Gründen auch immer, alles Winke-Winke des Autors mit dem Zaunpfahl ignoriert. Zu diesem heroischen Lektüre-Verhalten kann ich mich nicht zwingen (warum hat er denn die Verweise auf seine Bücher oder Reden gemacht?). Ich kann mir z.B. nicht aus dem Gedächtnis streichen, dass Kermani öffentlich bekannt hat, dass er mit dem sich selbst als »Reaktionär« feiernden Kollegen Martin Mosebach befreundet ist oder dass es Sybille Lewitscharoffs skandalösen geistigen Entgleisungen zur Reproduktionsmedizin waren, die nun im Roman dem fiktiven Juden Rudolf Meyer, zugleich mit dessen AfD-Sympathien & Palästinenser-Hass zugeschrieben werden. Auch verweist Kermani nicht nur vielfach auf sein öffentliches Wirken (z.B. Bundestagsrede), sondern es schimmert auch bei C., die sich vom Erzähler liebevoll trennt, wie es bei den Kermanis der Fall war, die Autobiografie durch. »Roman« heißt dieser essayistische »Bericht« einer weitverzweigten Selbstbefragung während des Sommers 2024, der mit der Wiederwahl Trumps endet, wahrscheinlich deshalb, weil diese Form der vorgeblichen Fiktion dem Autor größere kompositorische Freiheiten lässt: vor allem zum autobiografischen Verschweigen & zum Erfinden von Figuren, Ereignissen, Erlebnissen & ironischen Spiegelungen oder Kontrastierungen. Letztere vor allem auch mit Thomas Mann – der übrigens ja z.B. im »Doktor Faustus« vielfach collagiert & camoufliert hat, dass es das Zeug hält. Jedoch hat der alte Thomas Mann das biografische Unterfutter des Musiker-Romans aus dem Beginn des 20.Jahrhunderts aus Realien seiner Jugend-Zeit dadurch versteckt & verwischt, dass er zum einen eine längst vergangene Zeit als in sich geschlossene fiktionale Welt erfand, zum anderen den fiktive Erzähler Serenus Zeitblom memorieren lässt - während Navid Kermani sowohl die jüngste Zeit mit ihren realen Zeugnissen & Verwerfungen in seinem Buch des Nachdenkens, Spekulierens & Selbstbefragens hineinzieht, als auch Autobiografisches mit transparent Camoufliertem mischt, bzw. auf- & ineinander häuft. Deshalb dürften Kermanis »Aficionados« es besonders schwer haben, »Sommer 24« gewissermaßen naiv als »Roman« zu lesen & nicht eher als ein Stück hybrider Autobiographie & erzählerische Meditation über den Tod im Lichte christlich-jüdisch-sufistischer Mystik & des rätselhaft-exzentrischen Antonin Artaud. Beim assoziativen Fortschreiben seines mäandrierenden Erzählflusses läuft Kermanis Reflexionsprozess auf die ethisch-ästhetische Problematik des Fakten & Fiktionen verwischenden autofiktionalen Schreibens hinaus, bei dem der Schriftsteller am Ende in die Gefahr gerät, selbst nicht mehr zu wissen, was nun wahr ist & wahr war.
Unverkennbar wird die nachhaltigste
Verunsicherung Navid Kermanis, die er in »Sommer 24« zusammendrängt, sowohl vom
Gaza-Krieg als auch von den Missbrauchsmöglichkeiten der Me-too-Bewegung
ausgelöst. Diese thematischen Beschäftigungen des Buchs sind seine
eindrücklichsten. |
Navid Kermani |
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