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Protokoll einer Zustimmung

Von Harald Müller
 

Die Zustimmung erfolgt täglich.
Sie ist nicht verpflichtend. Das wird immer wieder betont.
Niemand ist gezwungen.
Die Zustimmung ist ein Angebot.
Ein Vorschlag.
Eine Form der Teilhabe.

Jeden Morgen erscheint die Abfrage.
Sie ist schlicht gehalten. Keine Farben, keine Hervorhebungen.

Nur ein Satz:
„Sind Sie einverstanden?“

Darunter zwei Felder.
Ja.
Später.

Die meisten entscheiden sich für Ja.
Es geht schnell. Ein kurzer Druck, kaum spürbar.
Eine Bewegung, die in Fleisch und Gewohnheit übergeht.

Später wird selten gewählt.
Später bedeutet, dass man erneut gefragt wird.
Und dann noch einmal.
Und irgendwann entscheidet man sich doch.

Es gibt keine Konsequenzen.
Auch das wird betont.
Die Zustimmung hat keine unmittelbaren Auswirkungen.
Keine Änderungen im Alltag.
Keine sichtbaren Unterschiede.

Alles bleibt, wie es ist.

Die Zustimmung wird gespeichert.
Das ist bekannt.
Sie wird nicht ausgewertet.
Nicht im engeren Sinne.

Es geht nicht um den Einzelnen.
Auch das wird betont.

Die Menschen haben sich daran gewöhnt.
An den Satz.
An die Felder.
An den kurzen Moment der Entscheidung.

Er ist Teil der Morgenroutine geworden.
Wie das Zähneputzen.
Wie das Aufschlagen der Zeitung.

Manchmal wird gefragt, wozu das dient.
Die Antworten bleiben zurückhaltend.

Es gehe um ein Gesamtbild.
Um eine Stimmung.
Um ein Gefühl von Übereinstimmung.

Ein Begriff wird häufig verwendet:
Kohärenz.

Die Systeme arbeiten leise.
Sie sammeln nichts, was nicht ohnehin vorhanden ist.
Sie greifen nicht ein.

Sie beobachten.

In seltenen Fällen wird nicht zugestimmt.
Das kommt vor.
Es ist vorgesehen.

Die Möglichkeit besteht.

An Tag 4.381 entscheidet sich eine Person für Nein.

Ein Novum.

Die Oberfläche reagiert nicht.
Der Satz bleibt stehen.
Die Felder verschwinden nicht.

Nichts ändert sich.

Die Person wartet.
Nicht lange. Nur einen Moment.

Es folgt keine Rückfrage.
Keine Bestätigung.
Keine Korrektur.

Der Tag verläuft wie üblich.
Die Abläufe bleiben stabil.

Niemand spricht die Entscheidung an.

Am nächsten Morgen erscheint die Abfrage erneut.

„Sind Sie einverstanden?“

Die Person betrachtet den Satz länger als gewöhnlich.

Die Felder sind dieselben.

Ja.
Später.

Das Feld für Nein ist verschwunden.

Es wird nichts erläutert.
Es gibt keinen Hinweis.
Keine Anmerkung.

Die Person entscheidet sich für Später.

Die Abfrage kehrt zurück.
In kurzen Abständen.
Unaufdringlich.
Beständig.

Im Verlauf des Tages häufen sich die Momente.
Der Satz erscheint zwischen anderen Tätigkeiten.

Beim Gehen.
Beim Warten.
Beim Sitzen.

Immer gleich.

Die Person wählt erneut Später.

Die Systeme reagieren nicht.
Sie bleiben im Hintergrund.

Am dritten Tag beginnt sich etwas zu verschieben.

Nicht im Außen.
Im Verhältnis.

Die Person hat das Gefühl, beobachtet zu werden.
Nicht konkret.
Nicht von jemandem.

Eher wie ein leiser Druck.
Ein Fehlen von Übereinstimmung.

Die Gespräche verlaufen korrekt.
Die Antworten sind angemessen.

Doch etwas fehlt.

Ein kaum benennbarer Rest.

Es gibt keine direkte Reaktion.
Keine Maßnahme.
Keine Einschränkung.

Nichts, was sich greifen ließe.

Die Person beginnt, die anderen zu beobachten.
Die kurzen Bewegungen am Morgen.
Die kaum sichtbaren Gesten.

Das Drücken.
Das Bestätigen.

Es geschieht beiläufig.
Ohne Aufmerksamkeit.
Ohne Bedeutung.

Am vierten Tag erscheint die Abfrage häufiger.

Die Person entscheidet sich nicht.

Der Satz bleibt.
Er verändert sich nicht.

Die anderen scheinen ihn nicht mehr zu bemerken.

Die Person beginnt, den Moment zu fürchten.

Nicht die Abfrage selbst.
Sondern das, was nicht geschieht.

Es gibt keine Konsequenz.

Und genau darin liegt das Problem.

Ohne Konsequenz gibt es keine Abweichung.
Ohne Abweichung keine Entscheidung.

Die Person erkennt, dass die Zustimmung nicht für das System notwendig ist.

Am fünften Tag wird die Abfrage entfernt.

Für alle anderen bleibt sie bestehen.

Die Person wird nicht mehr gefragt.

Der Morgen beginnt ohne Satz.
Ohne Felder.
Ohne Entscheidung.

Es fehlt etwas.

Die anderen drücken weiterhin.
Kurz.
Unbemerkt.

Die Person beobachtet die Bewegung.

Das Ja.

Es ist überall.

Ohne die Möglichkeit, nicht zuzustimmen, verliert die Zustimmung ihren Sinn.
Ohne die Möglichkeit, gefragt zu werden, verliert die Entscheidung ihre Form.

Die Person beginnt, den Satz zu vermissen.

Am sechsten Tag erscheint er wieder.

„Sind Sie einverstanden?“

Die Person zögert.

Die Felder sind vollständig.

Ja.
Später.

Kein Nein.

Die Person drückt Ja.

Die Bewegung ist leicht.
Vertraut.

Nichts ändert sich.

Alles bleibt.

Die Zustimmung erfolgt täglich.

Sie ist nicht verpflichtend.

Niemand ist gezwungen.

Und genau darin liegt die Übereinstimmung.



Artikel online seit 26.03.26
 

Harald Müller,
geboren 1979 in Krefeld,
schreibt phantastische und gesellschaftskritische Texte.
Er arbeitet als Arzt im öffentlichen Gesundheitswesen und nutzt das Schreiben als Gegenpol zu seinem beruflichen Alltag.
Seine Geschichten bewegen sich häufig zwischen Realität und System, zwischen Ordnung und Abweichung. Dabei interessiert ihn weniger das Offensichtliche als das, was sich darunter verbirgt.
Er lebt und arbeitet in Brandenburg.
 


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