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Eine Rehabilitation
Nach verschiedenen
Veröffentlichungen zu Hegels Rechtsphilosophie, eines Kommentars zur
Phänomenologie des Geistes und nach seiner erfolgreichen Hegel-Biografie
legt Klaus Vieweg hier einen Entwurf zu einer ebenfalls hegelianisch
inspirierten Geschichte der Philosophie vor.
Er widmet sich dabei den Anfängen, springt aber aus einer Chronologie heraus und
insistiert auf einem freien Begriff einer philosophisch bestimmten Philosophie,
der danach jeder Geschichte der Philosophie zugrunde liegen muss. Das ist keine
Tautologie, sondern der Hinweis auf die Freiheit der Philosophie, die sich aus
ihren eigenen Gründen herzuleiten hat. In dieser Hinsicht ist Hegel keineswegs
veraltet:
»Eine
Philosophie ist nicht höher oder innovativer, weil sie zeitlich später auftritt.
Mit der bloßen Verkündigung des sogenannten nachmetaphysischen Zeitalters liegt
noch kein Beweis für eine Novität, für eine neue Epoche in der Philosophie vor.
Der meist mit Überheblichkeit vorgetragene Verweis darauf, dass wir uns 200
Jahre nach Hegel um Philosophie bemühen, heißt noch lange nicht, dass wir im
Denken fortgeschritten sind oder Hegels Gedanken aufgehoben haben.«
Unter anderem grenzt Vieweg sich hier
von Habermas ab, der sich als Vertreter einer nachmetaphysischen Philosophie
versteht und 2019 eine an Herder orientierte Auch eine Geschichte der
Philosophie vorgelegt hatte.
Nach Hegel ist vor Hegel
Demgegenüber beharrt Vieweg
auf den Grundgedanken Hegels, dass eine aus dem Denken und dem Begriff der
Wissenschaft der Logik sich entwickelnde Philosophie vonnöten sei, die sich auch
auf dem Bogen der Geschichte auszuspannen hätte. Hegels Phänomenologie des
Geistes, die Wissenschaft der Logik, seine Enzyklopädie und
seine Philosophie der Geschichte sowie seine Ästhetik,
insbesondere aber die Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie
werden hier von Vieweg zu einer solchen Grundlage zusammengezogen. Die hat Hegel
nicht erstellt, sie müsse aber den von ihm etablierten Kriterien gehorchen: Sie
habe bereits selbst eine freie Philosophie zu sein. Denn wenn der Anfang nicht
stimme, so könne auch die weitere Ausführung und das Ende nicht richtig sein.
Daher müsse der Anfangsstein zugleich auch den Schlussstein abgeben. In die
hegelsche Trias von Setzung, Antithese und Aufhebung in der Synthese wird auf
diese Weise auch die Begriffsbildung eingeschlossen. Hegels System bleibt für
Vieweg ohne Alternative gegenüber einer abstrakten mathematischen Logik, die den
Begriff der objektiven Wahrheit leugnet und sich nominalistisch auf subjektive
Entwürfe zurückziehen will:
»Wer die Wahrheit und Gewissheit der
Realität sinnlicher Gegenstände, wer das Dasein äußerer Gegenstände als
absolutes, isoliertes einzelnes, ganz individuelles behauptet, wer die
unmittelbare Realität von äußeren Dingen als diesen annimmt, weiß nicht, was er
sagt. Er weiß nicht, dass er Allgemeines ausspricht (GW 9, 68–70). Sage ich
dieses Stück Papier hier und jetzt, dieser Tisch, diese Hand, so ist alles und
jedes Papier, jeder Tisch, jede Hand, ein dieses Stück Papier, ein dieser Tisch,
eine diese Hand; ich sage somit immer Allgemeines. Wenn wir Einzelheit derart
deiktisch artikulieren wollen, sprechen wir es immer schon als Besonderung eines
Allgemeinen aus. Das Sprechen verkehrt die Meinung des Realisten, die
Gegenstände sind von vornherein begrifflich <kontaminiert>, epistemisch
bestimmt. Das fertig Gegebene, die endliche Welt, die Objektivität als
Vorfindliche werden vom realistischen Standort als vorhanden gesetzt und als
wahrhafte, affirmative, begrifflose Realität unterstellt. Darin besteht der
naiv-realistische Mythos des Gegebenen und das Grundmuster eines Realismus, der
die Kategorie der <abstrakten, negations- und begriffsfreien Realität> als
absolutes Prinzip setzt – aus einer philosophischen Geschichte der Philosophie
jedoch auszuschließen ist, weil er keine Philosophie ist.«
In einem Rekurs auf die
Phänomenologie des Geistes heißt es weiter:
»Materie ist nicht ein seiendes Ding,
sondern das Sein als allgemeines oder in der Weise des Begriffs. Das Sein wird
in ein gedachtes Sein verwandelt, wie das Denken in ein seiendes Denken
transformiert wird. Die Dinge haben in diesem Sinne nur als Begriffe Wahrheit.
[…] Das Postulieren eines Gegebenen war jedoch bei den Common-Sense-Realisten
Thomas Reid und Beattie akzeptiert: belief im Sinne einer Einstellung,
die ohne Beweis aufgrund einer instinktmäßigen, angeborenen Neigung glaubt oder
blindlings Vertrauen schenkt. Es herrscht die Vorstellung, dass die Dinge außer
dem Bewusstsein an und für sich sind, dass der objektive Gehalt der Gedanken aus
den Wahrnehmungen erwächst. Nur hat das unmittelbare oder äußerliche Objekt
keine wahrhafte Realität, ist ein bloß scheinbar Selbständiges (Enz GW 20,
428f.). Die Natur ist kein an und für sich seiendes Dasein, keine gegebene
Tatsache. Eine Behauptung, dass die Realität von äußeren Dingen als <Diesen>
absolute Wahrheit besitzt, drückt eben ihr Gegenteil aus, ist eben keineswegs
rein unmittelbares Wissen. Doch noch heute findet sich eine Insistenz auf
<Einzeldingen> (token) oder einem physikalistisch-materialistischen Atomismus.
Hegels Argumente werden dabei zumeist einfach als Metaphysik diskreditiert und
ignoriert. Wer die unmittelbare sinnliche Gewissheit suggeriert, belegt damit
immerhin, dass er nicht nachgedacht hat.«
Das ist gegen einen Realismus im
Wissenschaftspositivismus gerichtet. Aber auch dort, wo Habermas und seine
Schülerinnen und Schüler mit einer Verständigungstheorie à la Herder und einem
Pragmatismus nach Rawls eine revisionistische Richtung einschlägt oder wo
Horkheimer und Adorno auf ein totalitäres Moment des Systems selbst abzielen und
dagegen auf eine negative Dialektik setzen; wo Karl-Heinz Haag auf ähnliche
Weise die negative Metaphysik bei Kant betont oder wo Walter Benjamin mit
Novalis und Friedrich Schlegel auf das Fragment und die Verkleinerung des
Systems als Monade setzt – überall dort will Vieweg an Hegels Konzeption
festhalten, die er verteidigt und nicht für überholt hält. An vielen Stellen
seines Donnerpathos erinnert er in seinem Sprachgestus an
Renaissance-Philosophen wie Paracelsus, vor allem aber an Hegel selbst. Vieweg
kann sich für seine Argumentation zudem auf prominente Mitstreiter wie Dieter
Henrich oder Wolfgang Welsch berufen. Weitere Namen finden sich in der
Dankabteilung des Buches; der größte Dank aber gilt hier Hegel selbst.
Hegel im Handgemenge
Hegel wird bekanntlich
vorgeworfen, dass er mit seinem System der Philosophie den preußischen Staat
legitimierte, in seiner Ordnung der Dinge diesen eine Richtung als Wesen
vorschreibe, die sie selbst nicht einschlügen und das von ihm durch die beiden
Pole der Begriffsbestimmung benannte Ganze nicht das Wirkliche und Wahre,
sondern ebenfalls nur eine partielle Konzeption sei. Dagegen macht Vieweg
bereits in seinen frühen Schriften geltend, dass Hegels Philosophie aus dem
Geist der Freiheit geboren, die Wirklichkeit eine erst zu erschaffende und aus
diesem Geiste der Freiheit herzustellende sei.
Wo andere Linien der Frankfurter
Schule wie etwa Günter Mensching oder Peter Bulthaup an dem einen Begriff der
objektiven Wirklichkeit festhalten, um mit Karl Marx‘ elfter Feuerbach-These
eine Realität zu benennen, die zu verändern sei, beruft sich Vieweg, der in der
DDR aufgewachsen ist, ohne einen offiziellen Rekurs auf Marx auf einen durch die
Französische Revolution und die Freiheit inspirierten Hegel. Er will dessen
Idealismus mit dem Ziel einer Voraussetzungslosigkeit des Denkens erneuern. Er
sieht in Hegel keinesfalls einen Realisten im Sinne eines Materialismus, wie es
eine dialektische materialistische Interpretation nahelegt, die über Hegel
hinausgeht.
Vieweg weist ebenso die Kritik an dessen System aus dem Kunstdiskurs, wie ihn
Nietzsche führt, zurück, wenn dieser die Metapher anstelle des Begriffs
hochhalten und alle Begriffe als poetische Metaphern abtun will: Die Metapher
entspringt wie das Bild bereits nach Kant zwar ebenfalls der Einbildungskraft,
sie bleibe aber noch der Sphäre der Anschauung verbunden, die erst der Begriff
im Sinne der Autonomie des Denkens durchbricht. Dieser vermittelt zwischen dem
abstrakten Anfang, der bestimmten Negation des Gegenstands und der Aufhebung des
zu sich selbst kommenden Begriffs.
Anfang, Ende, Vermittlung: vom Denken
des Seins zum Begriff
In diesem Sinne entwirft
Vieweg eine Kritik der Anfänge in der Philosophiegeschichte, die er in den
Kontext seiner aus Hegel gewonnenen Rahmenkonstruktion einsetzen möchte. Der
Verfasser geht dazu in vier Schritten vor. Im ersten Abschnitt will er
Hegels philosophische Logik als Wissenschaft rehabilitieren, die auf den von ihm
erläuterten Elementen Begriff und System aufsetzt. Auf diese Weise
werde die Dichotomie zwischen Ideen und Phänomen dialektisch aufgehoben und die
Metaphysik an ihre Stelle gesetzt. Im zweiten Teil versucht Vieweg die
bei Hegel nur bruchstückhaft vorliegenden Applikationen der Geschichte auf das
System des Denkens anzuwenden. Als Muster dienen ihm hier dessen Schriften zur
Philosophie der Geschichte und die Vorlesungen über die Geschichte der
Philosophie. Der dritte Teil befasst sich genauer mit der Kategorie
des Anfangs, die Vieweg mit dem Eröffnungszug eines Schachspiels vergleicht, für
den er auch den hermeneutischen Zirkel heranzieht. Im ersten Zug liegt bereits
das ganze Spiel so beschlossen wie man den ersten Satz eines Textes nur
versteht, wenn man das Buch bereits durchgelesen hat. Ähnliches gilt für den
philosophischen Anfang: Man beginnt entweder mit der Einzelheit, wie Hegel in
der Jenenser Phänomenologie des Geistes (Variante A der Vermittlung) oder
mit dem abstrakten Sein wie in der Heidelberger Enzyklopädie (Variante B
der Unmittelbarkeit von Sein und Nichts). Jeweils ist das andere Moment im einen
bereits keimhaft enthalten und besitzt eine sich gegenseitig dialektisch
konstituierende Verfassung: »Das Unbestimmte selbst ist das Bestimmte, da es dem
Bestimmten entgegensteht.«
Knotenpunkte und Kreis
Nach solchen methodischen
Überlegungen wendet Vieweg sich dann in seinem umfangreichen vierten Teil
den Knotenpunkten als den konkreten Anfängen der »philosophischen Geschichte der
Philosophie« zu. Gemäß der Prämisse findet sich der Grundgedanke in den
einzelnen Ausführungen wieder. Die zunächst abstrakte Bestimmung einer
Philosophie des reinen Seins als Einheit von Denken und Welt ohne Zusätze
wird mit Hegel zunächst bei Parmenides (Sein) angesetzt, um dann über den
Buddhismus (Nichts, unbestimmte Negation) und Heraklit (bestimmte Negation,
gegenstrebige Fügung) zum Atomismus von Leukipp und Simplikos (Für sich sein) zu
gelangen. In der zweiten Abteilung der Reflexionsphilosophie (dem
Löwenanteil der Geschichte der Philosophie) geben in der Antike Platon
(Rohdiamant der Dialektik) und Aristoteles (Idee als Wirklichkeit) die Stufen
ab. In einem strukturellen Zwischenstück geht Vieweg auf Hegels Adaption des
Pyrrhonismus als notwendige Skepsis und negative Philosophie und auf den
alexandrinischen Neuplatonismus (mit Philon, Plotin, Porphyrios und Proklos) als
stufiges System (Emanation aus dem Einen und Triplizität der Entwicklung) ein.
Beide Formen bedürften freilich einer ergänzenden Korrektur, um bei Hegel
richtig aufgenommen zu werden. In der frühen Neuzeit treten Descartes‘ (cogito,
ergo sum) und Spinozas Philosophie (Wesen, Substanz) als weitere, gleichsam
halbfertige Knoten hinzu. Noch aber fehle hier der Schritt des selbstbewussten
Subjekts zum Begriff. Der erfolge im deutschen Idealismus mit Kant (Einstieg in
die Philosophie des Begriffs), Reinhold (falsche Grundsucherei) und schließlich
Fichte (Anfang und deduktives System). Diese Konzepte will Vieweg mit Hegel als
dessen notwendige Vorstufen verstehen. Jeweils werden die Verdienste gewürdigt,
zugleich aber auch auf ihre Unzulänglichkeiten im Hinblick auf den Anfang
hingewiesen, die Hegel dann beseitige. Damit schließt sich der Kreis des Buches.
Erfreulich an dieser Darstellung ist Viewegs Herausstellung des tiefen
Einflusses orientalischen Denkens auf Hegel, dem heute oft ein Eurozentrismus
vorgehalten wird. Vieweg verweist hier nicht nur auf Spinoza und dessen
orientalischen Ursprung; Hegels philosophische Knoten zeigt er auch metaphorisch
anhand der Knotenschrift der Inkas, Khipu, von der er auch ein Bild auf
die Vorderseite des Buches setzt. Das ist anschaulich ausgewählt; er hätte sich
dazu auch auf Hegels Habilitationsschrift über die Planetenabstände beziehen
können.
»Questions,
Questions, Questions« (Frank Zappa)
Dem vorliegenden
Buch geht es um den Anfang des Philosophierens. Das ist alles sehr klar
ausgeführt, nicht ohne Lokalkolorit als Lob der Stadt Jena und der
Konstellationsforschung, dabei mit vielen Beispielen und Akzentuierungen
versehen. Es ist zugleich Darstellung, Kommentar, Kritik und Weiterführung von
Hegel, gleichsam die strukturelle Seite seiner Biografie. Was aber wäre, wenn
Hegels Bedeutung nicht im Anfang und der Selbstsetzung des Ichs läge, sondern im
Vollzug einer Dialektik von ich und Welt? Und damit gerade im Heraustreten aus
einer, wenn auch begrifflich abgestützten, Selbstbezogenheit gesehen wird, eines
begonnen Versuchs, sich einer trotz der Selbstreflexion außer ihm bestehenden
Welt zu stellen? Wenn also nicht der Idealismus Hegels Stärke wäre, sondern
seine Anbahnung eines materialistischen Denkens, dass sich von einer
nominalistischen Setzung einer fremden realistischen Außenwelt unterscheidet?
Dann wäre Hegel der Denker, der einem Objekt außerhalb des Ichs Rechnung trüge.
Das setzte freilich kein allgemein menschliches Ich voraus, sondern bestimmte
Menschen, die sich zur Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit der
Gesellschaftsformation zu verhalten hätten. Nicht also das im Anfang
selbstgesetzte Ich allein, sondern die Vermittlung oder Unmittelbarkeit des
Anderen als Objekt durch die Gesellschaft wären dann seine Leistung. Er wäre
dann auch tendenziell ein Überwinder des Idealismus im Hinblick auf einen
dialektischen Materialismus. Ist aber eine Ableitung aus einem Materialismus die
Umkehrung einer solchen aus dem Idealismus? Ist die Materie gefrorener Geist,
der im Medium des Denkens wieder flüssig gemacht werden kann? Oder wird das
Denken und das Bewusstsein nicht erst umgekehrt durch die Materialität der
Warenlogik produziert? Gilt eine materielle Logik auch noch in der Sphäre der
Digitalisierung, die sich einer Veräußerlichung und Verdinglichung von
formalisierten positivistischen Logiken verdankt, die von einer dialektischen
Logik nicht wissen wollen? Diese Fragen stellen sich mit dem Buch.
Klaus Vieweg aktualisiert den
hegelschen Versuch und hebt ihn auf die Stufe des Diskurses heutiger Probleme.
Darin liegt ein großer Verdienst. Damit aber endet die Diskussion nicht, sondern
auch sie fängt nun erst an. Denn wie Klaus Vieweg richtig sagt: Eine Welt ohne
die Berücksichtigung des hegelschen Denkens ist eine aus der Zeit vor der
Französischen Revolution. Aber auch nach der Französischen Revolution hat sich
viel getan.
Artikel online seit 10.05.26
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