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Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


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Glanz&Elend
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Klassik-Archiv

Virginia Woolf
(*25.Jan. 1882
28.März 1941)

Die Briefe & Tagebücher

»Eine verwegenere & großzügigere Sicht der Dinge tut not.«

Von Herbert Debes

Der Name Virginia Woolf steht heute für formale Innovation, poetische Redlichkeit und bahnbrechende Weltliteratur, deren Einfluß auf die emanzipatorische Bewegung der Frauen mit dem Beiwort »feministisch« nur geschmälert wird. Sie selbst hat dieses Etikett bereits in den 30er Jahren für »überholt, tot, verkommen« gehalten. Virginia Woolf hatte eigentlich immer über die Seele schreiben wollen, doch wie sie in ihrem Tagebuch am Montag, den 19. Februar 1923 ironisch bemerkt, kam ihr dabei immer das Leben dazwischen.

Ihr Leben war das der englischen Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in dem Familen wie die Stephens, Stracheys, Thakerays und Duckworths über ein verschlungenes und weit verzweigtes soziales Netz alter ausgeprägter Wurzeln verfügten, »das sich weit durch die obere Mittelklasse, den Landadel und die Aristokratie zog. (…) Sie lebten in einer besonderen Atmosphäre von Einfluß, Auftreten, Ansehen, und das war für sie so selbstverständlich, daß sie sich dessen so wenig bewußt waren wie Säugetiere der Luft und Fische des Wassers, in dem sie lebten.« (Leonard Woolf, aus: 'Mein Leben mit Virginia')
Virginias Kosmos war das legendäre Britische Empire, in dessen Fugen es bereits ächzte und das nach dem Ersten Weltkrieg endgültig zu wanken begonnen hatte. Ihre Romane lassen ihre Leser in dieses Universum eintauchen. Es ist die Welt einer in Langeweile versinkenden Gesellschaft, mit all ihren überkommenen Privilegien einer weltvergessenen Oberschicht und ihrer erstarrten Rituale.
Virginia Woolf war die scharfzüngige Protokollantin der psychologischen Verwerfungen der verschiedener Gesellschaftsschichten mit all ihren Auswirkungen auf das Individuum, und sie bleibt bis heute die klarsichtigste Chronistin dieser untergehenden Welt.
Ihre Tagebüchern vermitteln einen intensiven Eindruck, unter welchen existentiellen Bedingungen, gesellschaftlichen Zwängen, gesundheitlichen Einschränkungen und den mit ihnen verbundenen Ängsten Virginia Woolf gelebt und gearbeitet hat. So indiskret und geschwätzig, wie sie über ihre zahlreichen Einladungen zu Tea- und Dinner-Parties und den damit verbundenen Begegnungen mit illustren Persönlichkeiten der britischen Polit- und Kultur-High-Society eine Art von persönlichem Protokoll führt, so rücksichtlos versucht sie, sich in ihrem Tagebuch Klarheit über die Motivation und Qualität ihres Schreibens zu verschaffen. Ein immer wiederkehrendes Thema ist für sie dabei ihr phasenweise sehr stark empfundenes Gefühl, von der Welt getrennt, ausgeschlossen zu sein von dem »natürlichen Glück«. Vielleicht liegt hier auch ein Grund für ihren hemmungslosen Hang, neben ihrem Tagebuch Briefe zu schreiben.

Briefe 1 & 2
Man muß es vorab einmal deutlich sagen, weil so etwas heutzutage leider nicht mehr selbstverständlich ist: Wie ihre Romane, Erzählungen, Essays und Tagebücher, ist auch die Auswahl ihrer Briefe sorgfältig ediert, vorbildlich herausgegeben von Klaus Reichert, und in den wunderschön atmosphärischen Umschlägen von Sarah Schumann erwartet die Leser ein Buch von vorbildlicher herstellerischer Qualität. Hier ist es gelungen, die Intensität der Texte in der sinnlichen Wahrnehmung des Gegenstandes Buch spürbar werden zu lassen.

Über viertausend Briefe von Virginia Woolf sind bisher bekannt; eine Auswahl daraus liegt nun in zwei Bänden zum ersten Mal in der deutschen Übersetzung von Brigitte Walitzek vor.
Wie anregend und schlagfertig Virginia Woolf im Gespräch gewesen sein muß, vermitteln ihre Briefe sehr eindrucksvoll. Spontan, mit übersprudelnder Phantasie und unverhohlener Freude an Klatsch korrespondiert sie mit ihrer Familie und ihrem großen Freundeskreis aus Künstlern und Literaten. Dabei offenbart sich ihre Fähigkeit und Bereitschaft, intensiv, mit Wärme und Anteilnahme auf ihr Gegenüber einzugehen, aber auch viel von sich mitzuteilen. Nach den ersten Schreibversuchen der Sechsjährigen und frühen Briefen an die Familie dokumentiert die viele Jahre dauernde Korrespondenz mit Violet Dickinson, der mütterlichen Freundin und Vertrauten, Virginia Woolfs Entwicklungsweg zum eigenständigen Leben – und Schreiben.
Die Briefe an die intellektuellen Freunde aus der »Bloomsbury Group« erfordern, bei allem Sinn für Komik, einen ernsthafteren Ton. In ganz neuem Licht erscheinen wichtige Freundschaften und Beziehungen, vor allem die leidenschaftliche Liebe zur Schriftstellerin Vita Sackville-West.
Im literarischen Leben ist Virginia Woolf spätestens seit der Publikation ihres Romans Jacobs Zimmer präsent; über die Entstehung von Mrs Dalloway und Zum Leuchtturm schreibt sie 1922 dem Maler Jacques Raverat: »Ich wünschte, ich könnte in diesem Augenblick mit Dir über die Kunst des Schreibens diskutieren. Ich bin beschämt, oder vielleicht auch stolz, zu sagen, wieviel meiner Zeit damit verbracht wird, über die Literatur nachzudenken, nachzudenken, nachzudenken.«
Der zweite Teil dieser Auswahl führt in die Jahre ihrer schriftstellerischen Erfolge. Der Roman Orlando, eine Liebeserklärung an ihre Freundin Vita Sackville-West, erscheint und wird von Publikum und Presse gefeiert. Sie arbeitet bereits an ihrem großen Essay zum literarischen und politischen Feminismus, Ein eigenes Zimmer. Dieser Text erregt die Bewunderung der Komponistin und Frauenrechtlerin Ethel Smyth, mit der sich eine spannungsreiche Freundschaft und intensive Korrespondenz entwickelt. Der älteren Freundin gegenüber offenbart Virginia Woolf viel über ihr Leben, ihr Schreiben und ihre psychische Labilität: »Als Erfahrung ist Wahnsinn großartig, das kann ich Dir versichern, und nichts, worüber man die Nase rümpfen sollte; und in seiner Lava finde ich noch immer die meisten der Dinge, über die ich schreibe.« (Virginia Woolf an die Komponistin und Frauenrechtlerin Ethel Smyth)
Urteile über die Werke von Kollegen sowie das eigene Schreiben sind wiederkehrende Themen in diesen späteren Briefen. »Weißt Du, manchmal packt mich eine solche Leidenschaft für das Lesen, daß es wie diese andere Leidenschaft ist – das Schreiben – nur auf der falschen Seite des Teppichs.«
Aber auch die Verzweiflung und tiefe Erschöpfung bei der Arbeit an den Romanen Die Wellen und Die Jahre klingen durch, nicht nur zwischen den Zeilen. Krankheit und Tod naher Freunde – des Schriftstellers Lytton Strachey, der Malerin Dora Carrington, des Malers und Kunsthistorikers Roger Fry – erschüttern Virginia Woolf zutiefst.
Als ihr Neffe Julian Bell im Spanischen Bürgerkrieg tödlich verwundet wird, versucht sie in täglichen Briefen ihre Schwester Vanessa zu stützen. Der eigenen Depression, der Zerstörung der Wohnung in London durch einen deutschen Bombenangriff und schließlich der Furcht, wieder wahnsinnig zu werden, kann sie nicht mehr standhalten.
Nach dem Überfall auf Holland und Belgien im Mai 1940 beschließen die Woolfs, gemeinsam aus dem Leben zu gehen, falls es zu einer deutschen Invasion Englands kommen sollte, und besorgen sich Gift. Leonard Woolf ist Jude.
Die Luftschlacht um England hat 1941 ihren Höhepunkt erreicht, und täglich fliegen deutsche Bomber Angriffe auf London. Bei einem dieser Angriffe wird ihr Haus am Mecklenburgh Square schwer beschädigt. Virginias gesundheitlicher Zustand verschlechtert sich immer mehr. Am 27. März bringt Leonard Woolf seine Frau zu einer Ärztin nach Brighton. Einen Tag später ertränkt sich Virginia Woolf im Fluß Ouse bei Lewes in Sussex. Sie ist eine gute Schwimmerin, deshalb wickelt sie einen schweren Stein in ihren Mantel ein.
In ihrem Abschiedsbrief an Leonard Woolf schreibt sie
am Freitag, dem 28. März 1941:
»Liebster, (…) wenn überhaupt jemand mich hätte retten können, wärst Du es gewesen. Alles ist von mir gegangen bis auf die Gewißheit Deiner Güte. Ich kann Dein Leben nicht länger ruinieren. Ich glaube nicht, daß zwei Menschen glücklicher hätten sein können als wir es waren. V.«

Über diese wunderbaren Tagebücher und Briefe nahezu unmittelbar am Leben & Schreiben, an den Höhenflügen & Höllenfahrten der Schriftstellerin & Frau Virginia Woolf teilhaben zu können, ist eine beglückende Leseerfahrung von seltener Intensität & literarischer Güte. Herbert Debes
 


Kurzbiographie

Virginia Woolf
Briefe 1
1888-1927
Herausgeber: Klaus Reichert
Übersetzt von Brigitte Walitzek
S. Fischer Verlag
564 Seiten, Leinen Fadenheftung
Preis € 39,00
ISBN 3-10-092556-4


Virginia Woolf
Briefe 2
1928-1941
Herausgeber: Klaus Reichert
Übersetzt von Brigitte Walitzek
S. Fischer Verlag
528 Seiten, Leinen Fadenheftung
€ 39,00
ISBN 3-10-092564-5


Virginia Woolf
Tagebücher 4
1931-1935
Herausgeber: Klaus Reichert
Aus dem Englischen von Maria Bosse-Sporleder
S. Fischer Verlag
Preis € 39,00
592 Seiten, Ln Fadenheftg
ISBN 3-10-092562-9



Virginia Woolf
Tagebücher 5
1936-1941
Herausgeber: Klaus Reichert
Aus dem Englischen von Claudia Wenner
S. Fischer Verlag
Preis € 39,00
604 Seiten, Leinen Fadenheftung
ISBN 3-10-092566-4
 

Klaus Reichert war Professor für Anglistik an der Universität Frankfurt am Main. Er arbeitet über die Renaissance, die klassische Moderne und über Übersetzungstheorie und -geschichte. Er hat u. a. Shakespeare, Lewis Carroll, James Joyce, John Cage und das Hohelied Salomos übersetzt. Er ist Herausgeber der deutschen James-Joyce-Ausgabe. 1993 gründete er das interdisziplinäre ›Zentrum zur Erforschung der Frühen Neuzeit‹ in Frankfurt. Seit 2002 ist er Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Virginia Woolf
Das Lesebuch
S. Fischer Verlag
512 Seiten, gebunden
Preis € 12,00
ISBN 3-10-092588-2
 
Virginia Woolfs Romane sind Weltliteratur. Sie war aber auch eine der lebendigsten Essayistinnen ihrer Zeit und gehörte zu den ersten Autorinnen, die sich konsequent um Geschichte und Zukunft weiblichen Schreibens in unserer Gesellschaft gekümmert haben. Damit wurde sie zu einer Symbolfigur der internationalen Frauenbewegung. Auch ihre Tagebücher sind als ein bedeutendes literarisches Werk zu betrachten. Dieses Lesebuch zeigt die große Spannweite von Virginia Woolfs literarischem Schaffen: die Kraft ihrer Romane, die schwebende Zartheit mancher kurzer Prosastücke, den Reichtum ihrer Essays an Themen und Assoziationen, die Entschiedenheit ihrer feministischen Plädoyers und schließlich, in ausgewählten Briefen und Auszügen aus den Tagebüchern, die genaue und sensible Beobachtung ihrer Innen- und Außenwelt.

HermioneLee
Virginia Woolf
Ein Leben
Aus dem Englischen von Holger Fliessbach
Fischer Taschenbuch Verlag
1152 Seiten, Broschur
Preis € 12,95
ISBN 3-596-17374-4



»Mein Gott, wie schreibt man eine Biographie?«
Dieses Zitat Virginia Woolfs eröffnet eine Lebensbeschreibung, die in vielen Rezensionen als biographisches Meisterstück gerühmt worden ist. Mit ihrem monumentalen Werk macht Hermione Lee unser Bild von Virginia Woolf um einige Klischees ärmer und um viele Nuancen reicher. Sie setzt sich intensiv und skeptisch mit den oft wiederholten Darstellungen von ihr als Opfer - ihres düsteren viktorianischen Elternhauses, der sexuellen Zudringlichkeit ihrer älteren Brüder, ihrer Geisteskrankheit - auseinander und zeigt, mit welchem Mut Virginia Woolf sich im Lauf ihres Lebens ihren frühen Erfahrungen und inneren Widersprüchen stellte und sie kraftvoll umsetzte in ihr literarisches Werk. Mit großem Feingefühl geht die Autorin den wichtigsten Beziehungen in Virginia Woolfs Leben - zu ihrer Schwester Vanessa, zu ihrem Mann Leonard, zu Vita Sackville-West - nach und definiert sie anders, als man es bisher gewohnt war.
 


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