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Glanz&Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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© 2010 by WALDE+GRAF Verlag AG, Zürich © Illustrationen by Robert Crumb. Alle Rechte vorbehalten. Weiterverwendung und Vervielfältigung in jedweder Form nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages und nur in Verbindung mit einer Buchbesprechung gestattet.



Die Monkey Wrench Gang
– ein ökoterroristisches Abenteuer

»Ich höre den Ruf des Flusses.«
»Das ist die Toilette«, sagte sie. «Das Ventil hat sich schon wieder verklemmt.«

Von Goedart Palm

So leicht kann man sich in fundamentalen Dingen irren, wo wir ohnehin schon immer glaubten, dass hier die fatalen Irrtümer am leichtesten fallen. Das »Zurück zur Natur« versank seit je im holistischen Kitsch, der auch dieser Tage kein geringer Motor für politisch wohlfeile Überzeugungen und blütenweiche Geschäftemacher ist. Wir ergehen uns gerne in den Wohligkeiten eines künftigen Ökoparadieses, das neben den unzähligen anderen Paradiesen liegt, dem Urkommunismusparadies, dem utopischen Konfliktabschaffungsparadies, den im Kerker projizierten Sonnenstaaten und Phalanstères, die der Gewächshausfanatiker Charles Fourier vergeblich propagierte.

»Die Monkey Wrench Gang« von Edward Abbey nimmt uns in eine Natur mit, ohne den ambivalenten Sinn für Zivilisation und Technik an der Eintrittskasse des Nationalparks abgeben zu müssen. Hier wird grün bis giftgrün das projiziert, was den meisten nicht gegeben ist, nämlich Abenteuer, Moral und Maschinensturm in saftiger Liebe zur Natur zu leben und doch die neben Läusen juckenden Paradoxien der Zivilisation zu spüren. Edward Abbey sammelte zuvor in der US-Armee einschlägige Erfahrungen, davon zwei Jahre als Militärpolizist, später war er Saison-Ranger und Feuerwache in Nationalparks – was seine martialischen Waldläufer so plausibel macht wie die kundigen Bewegungen durch die Natur. »Monkey wrench« bezeichnet einen gewöhnlichen Universalschraubenschlüssel, metaphorisch geht es weiter reichend um den anarchischen Zugriff auf alle Apparatur, die uns den Weg (zurück) zur Natur verbaut. Die Moral unserer Ökohelden fordert kategorisch kreatives Chaos, jenen Sand im Getriebe, der sich als neuer Baustoff für bessere Gesellschaften anempfiehlt. »Monkeywrenching« wurde zum anregenden Terminus technicus des Widerstands, der sich »marcusianisch« gegen unnatürliche Sachen, nie gegen Menschen, richtet.

Die Freuden der Explosivliteratur

Noch heute behaupten Rezensenten dieses 1975 in politisch umtriebiger Zeit veröffentlichen Romans, mit dem Edward Abbey seinen Ruhm begründete, dass nach dessen Lektüre den Leser eine unstillbare öko-logische Zerstörungslust durchzittere, wenn er technisches Gerät vor Augen hat. Nun kann das auch auf Lektüreschwäche zurückzuführen sein wie jenes antihermeneutische Gefühl, von dem Theodor W. Adorno sprach, wenn der Kinobesucher nach Filmende seinen Mantelkragen bogartesk hochklappt und für fünf Minuten gefährlich wird, bis er wieder seiner kleinbürgerlichen Existenz anheim fällt. Zuviel Medienkompetenz stört die Empathie. Abbey spart nicht mit Anlässen für Empathie. Die Helden treffen sich über der Idee, den »Glen Canyon Damm« zu zerstören, der rücksichtslos die wilde Natur unkenntlich gemacht hat. Es sind unübliche Verdächtige: »Doc Sarvis« ist ein erfahrener Arzt, der schon mal Staatsanwälte medi-zynisch leiden lässt. Des Nachts leistet er als Adbuster bzw. kommunaler Feuerteufel der Reklametafeln den Notdienst der etwas anderen Art. Nachtaktiv wird er immer in Begleitung seiner kiffenden Geliebten und Assistentin Bonnie Abbzug, die alles andere als eine amouröse Randfigur der ökoterroristischen Rückeroberung der freien Natur sein will, sondern selbst um ihren Platz am Abzug kämpft. Mit von der Partie ist der Polygamist und »Jack-Mormon« Seldom Seen Smith, der viel von der Destruktion destruktiver Technik versteht, aber auch schon mal eine Wunde nähen kann, wenn Not am Mann ist. George Washington Hayduke ist ein sensibles Erdferkel, eben ein Heiducke oder »Hayduke« (Freiheitskämpfer), ständig Bier schlürfend, pyromanisch, ein Green Beret mit moderatem Vietnam-Trauma, der martialischer als seine Freunde agieren würde, wenn da nicht das verdammte Einheitsprinzip der Abstimmung der Aktionen wäre – und, das muss jetzt »raus«, er noch nie jemanden getötet hat. Nach dem vietnamesischen Weltrettungsdesaster gilt jetzt: »Mein Job ist es, die verdammte Wildnis zu retten. Ich wüsste nicht, was es sonst zu retten gäbe.« Als Natur- aber eben auch Waffenfreak scheint er unmittelbar einem rebellischen U-Comix entsprungen zu sein. Im Grunde aber ist die Gang eine multiple Persönlichkeit der Öko-Resistance, die in vier Figuren gespalten ist, ohne deren psychologisches Profil und kommunikative Dynamik allzu weit zu entwickeln. Unsere Sympathie wandert über Abbeys Figuren, gehört aber mehr der Anarcho-Gang als irrwitziger Ökokraft und ihrem Tun und weniger den Charakterskizzen. Abbeys Naturbeschreibungen sind mindestens ebenso wichtige Gravitationsfelder des Werks und nie bloße Kontexte für Figuren und Szenen. Das gerät ihm indes nicht zur bierernsten »ecodefense«, sondern er persifliert die reine Devotion gegenüber der heiligen oder vorgeblich unschuldigen Natur. »Keine Szenesprache, wenn ich bitten darf. Dies ist ein heiliger Ort. Schon gut, aber wo steht der Cola-Automat?« Jean Starobinski hat hierin Rousseaus ungelöstes Dilemma erkannt, nämlich die Spannung zwischen dem abstrakten Begriff von Natur und Tugend, der sich nicht mit der empirischen Natur des eigenen chaotischen Selbst zu einer unschuldigen Einheit verbindet. Wenn es kein »Zurück« zu dieser vermeintlichen Natur des ersten Menschen gibt, gilt eine andere Natur, die uns versichert, dass es widernatürlich wäre, an heiligen Orten nicht auch an Cola denken zu dürfen. Bei Abbey liegen derlei zen-buddhistisch bis psychedelisch zeitgeistige Erleuchtungen zwischen Huineng, Thomas Merton oder Carlos Castaneda wie schwerelos machender Blütenstaub ständig in der Luft. Doc wird von Ameisen angegriffen und zertritt einen Ameisenhaufen. So widerlege er Buckminster Fuller, Walter Gropius et alii. Eine zertretene Bildröhre widerlegt Marshall McLuhan. Tritte sind ein altes Thema praktischer Philosophie, wie wir seit Samuel Johnson wissen, der so Bischof Berkeleys subjektiven Idealismus widerlegen wollte, indem er kräftig gegen einen Stein trat. Der Bilderstürmer Bonifatius beginnt die biopraktische Heidenbekehrung mit dem Fällen der heiligen Donar-Eiche. Das war religiöser und ökologischer Frevel, soll aber wegen der damaligen Machtverhältnisses kein großes Risikogeschäft gewesen sein. 

Walt Whitmans Motto »Resist much. Obey little« leitet das Werk ein und Abbey hat diesen Leitspruch später als Scheinparadox formuliert: »A patriot must always be ready to defend his country against his government.« Schon Henry David Thoreau verband »die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" mit dem Zurück zur Natur: »Das Gesetz hat die Menschen nicht um ein Jota gerechter gemacht; gerade durch ihren Respekt vor ihm werden auch die Wohlgesinnten jeden Tag zu Handlangern des Unrechts." Abbey variiert dieses Motiv, wenn etwa die Gang die »dreckigsten Ausdrücke« der Energieherrscher als Ehrentitel ansieht oder der Knast zur Auszeichnung wird. Ökoaktivismus heißt mehr als ein gewandeltes Naturverständnis, es geht nicht ohne die fundamentale Umwertung der politischen Werte.

Logisch? Ökologisch!

Soviel steht fest: Maschinen zu zerstören, die die Erde malträtieren, macht Spaß. Aber warum tut man das eigentlich? Abbey ist vorsichtig und zu reflektiert, um sich auf vorschnelle Festlegungen der Motivation seiner Helden einzulassen, um in die Falle des eindimensionalen Ökoschützers zu tappen. Den Gangmitgliedern ist ihr Motivationsmix längst nicht so klar, so sicher sie alle wissen, dass sie es tun müssen. Sorgen um die Natur, Wut auf die fiesen Kapitalisten, Lüste auf Widerstand, Kampf gegen die Obrigkeit und natürliche Sinnlichkeit mischen sich zu einem anarcho-syndikalistischen Cocktail, der wie jeder gute Cocktail einen Hang zum Explosiven besitzt. Wie gut, dass literarische Explosionen wie dieser »Tequila Canyon Sunrise« so gut überstanden werden, was seinerzeit Roland Barthes auch den de Sade´schen Blutorgien bescheinigte, die eben bei aller Mordlust Literatur und kein Fleisch seien. Das als Packungsbeilage für den Staatsanwalt!

Ein kongenialerer Illustrator für dieses Projekt als Robert Crumb wäre wohl kaum zu finden gewesen, denn seine Figuren schütten des Lesers Projektionswelten nicht zu, sondern umspielen unsere Fantasie, wie denn solche verrückten Helden wohl aussehen könnten - zumal wir es ja insgeheim selbst sind. Wer es weniger aufwendig und gefährlich liebt, darf sich zunächst den politisch unkorrekten »The Animated Monkeywrench Cursor« statt der allfälligen Microsoft-Icons herunterladen. So wie weiland bereits der gelbrote Anti-AKW-Aufkleber die halbe Miete des zivilen Widerstands war und uns so solidarisch mit der unverstrahlten Zukunft machte. Den Widerwillen gegen diese und andere Zivilisationen, der weit über ein bloßes Unbehagen an der Kultur hinausgeht, werden wir nie verlieren. Keiner unter uns, der nicht ab und an von der tiefsten Lust erfasst würde, den ganzen Zivilisationsfrust in purer Gewalt gegen den wuchernden Techno-Schrott und die Unsäglichkeiten einer bürokratisierten Existenz zu entladen. Diese klammheimliche bis geständige Destruktionslust vergeht indes oft so schnell wie sie kommt, wenn wir am Computer von serviler Technik beschwichtigt werden. Diese heterogenen Wirkungen begründen für das Mängelwesen »Mensch« ein ambivalentes Gefühl, das der ohnehin ramponierten »conditio humana« weiteres Kopfzerbrechen bereitet. »Gegenüber den Großaffen, die hochspezialisierte Baumtiere mit überentwickelten Armen für Hangelkletterei sind, die Kletterfuß, Haarkleid und gewaltigen Eckzahn haben, ist der Mensch als Naturwesen gesehen hoffnungslos unangepasst«, schrieb Arnold Gehlen. Monkey Gang-Mitglied George Washington Hayduke kompensiert sein Mängeldasein mit einer Unmenge von martialischem Equipment, als würde jede Kampfsituation ihr je spezifisches Instrument benötigen. Aber die Faszination für gadgets beschränkt sich nicht auf vordergründige Fronten von guter und böser Technik, also den »dual use«. Auch die Instrumente des Gegners, die zerstört werden müssen, die gewaltigen Landmaschinen und künstlichen Kraftwesen, sind faszinierende Gegenstände. Edward Abbey formuliert diese lustvollen Antagonismen einer hypertrophen Maschinenwelt erstaunlich genau. Allein das macht dieses Werk – um im Thema zu bleiben – immergrün: Es ist die Spannung zwischen der coolen Maschinenmacht imperialer Unternehmen und der Natur im Verbund mit ihren Öko-Kriegern, die eben nicht entlang einer simple Frontlinie verläuft. Edward Abbey lässt seine Protagonisten die Macht und Ästhetik des technischen Geräts bewundern, das den überlieferten Begriff der Natur selbst auflöst. Paradigmatisch ist dieser Satz, in dem sich die Liebe zum Kreatürlichen von der alten Unterscheidung von Natürlichkeit und Künstlichkeit befreit: »...Der Todeskampf der Zylinderringe, von geschwollenen Kolben eingequetscht, ist vielleicht – wie andere Formen der Sodomie auch – in den Augen des Deus ex Machina ein Verbrechen wider die Natur; wer vermag das schon zu sagen?« Eine zerstörte Karosserie erscheint dann wie ein »zerquetschter Insektenpanzer.« Charles Baudelaire bescheinigte gar jeder Maschine »heilig wie ein Kunstwerk« zu sein. Doch gleich hinter der Kontemplation kommt radikale Biopraxis.

Neben der Naturästhetik um ihrer selbst willen bis hin zu postkartenreifen Ergüssen, die die Malediven für die Welt halten, erleben wir heute die Lust am Widerstand, an grünem Klassenkampf und Abenteurertum. 40.000 Castor-Gegner mit Plakaten, Lampions, Fan-Artikeln aller Sorten, das ist politische Lagerromantik mit hartem Kern. Gorleben, Wendland, Anti-Castor heißt Camp und Abenteuer, Organisation und Idealismus, Selbstiszenierung und politische Wahrheit. Aktuell Polizeiknüppel kassieren oder später an Leukämie sterben, so lautet die Alternative für die Akteure, die hochmoralisch wie immer für die Rettung der Menschheit optieren. Zur unabdingbaren Freiheitspraxis gehört »High sein, frei sein, Terror muss dabei sein«. Abbeys Helden sind gefährliche »Idealisten«, weil Unternehmer und Geschäftemacher mit diesem Typus nicht gerechnet haben und ihn (bis heute) nicht verstehen können. Ökoaktivismus ist im Blick auf die »Kriegsziele« ein asymmetrischer Kampf. »Kriminelle«, denen es nicht um die Kohle geht, sondern um den Canyon und die berührte Natur, passen weder in das biblische System der gottgewollten Ausbeutung einer Erde, die »untertan« zu sein hat noch in das System der Strafjustiz, die schon immer mit ehrenhaften Gesinnungen größte Probleme hatte.

Liebe zur Natur und Widerstand gegen die Zivilisation reiben sich an unserer bequemen Alltagsdialektik von schneidiger Naturausbeutung und folgenloser Freizeitnatur. Für Henry David Thoreau und noch wirkungsmächtiger für den Paten des Natürlichen, Jean-Jacques Rousseau, ist das Grundverhältnis Mensch, Technik und Natur dramatisch bis antagonistisch ausgelegt. Wer Technik will, verliert sein unverbildetes Selbst und hat ein gestörtes Verhältnis zur Natur. Der Weg von der Pervertierung des natürlichen Menschen zur Rückgewinnung der Erde, zum unverbrüchlichen Fundament wahren Menschseins wird umso schwieriger je unübersichtlicher die Zeitläufte werden.

»Holding out for a hero« (Bonnie Tyler)

Umweltaktivisten sind Helden in einer Zeit, die das Heldentum längst entsorgt hat. Aus Achill wurde Brad Pitt, was an sich nicht schlecht ist, aber einen unhintergehbaren Mythenwandel anzeigt, vom heroischen Mythos zum cineastisch inszenierten, der beliebig reproduziert, aber nicht mehr erzählt werden kann. Ex-Außenminister sind Ex-Streetfighter, was zwar den Begriff der bürgerlichen Karriere erstaunlich dynamisiert, doch nie in die Nähe des Göttlichen kommt. Und das neue profane Heldentum, das Edward Abbey besingt, ist zudem eine höchst skrupulöse Angelegenheit: Seine Helden vernichten einen riesigen Caterpillar »Hyster« mit Lust an der Zerstörung. Aber was ist geschehen? »Mord an einer Maschine. Gottesmord.« Übersetzt heißt das: Wenn die Evolution doch diese Stahlungeheuer will, wie kann man dann dagegen sein? Bonnie will noch die Sitze aufschlitzen. Halt! Das ist bereits »Vandalismus«. Wir begreifen langsam die Idiosynkrasien der Öko-Moral, die Abbey über den vulgären Gegensatz von göttlicher unberührter Schöpfung und Menschenwerk hinausgelangen lässt. Oder wie steht es mit der Moral der Bierdosenwerfer? Einer sagt, dass er gegen die Naturfrevler kämpft, die Bierdosen in Gottes schöne Landschaft werfen. Hayduke bekennt prompt, dass er genau das tue. Aus politischer Überzeugung. Wir vermüllen die Landschaft, um es den Geschäftemachern und Ausbeutern aller Sorten zu zeigen. Jean Starobinski hat dieses Prinzip ökoterroristisch eingesetzter Bierdosen avant la lettre bei Jean-Jacques Rousseau entdeckt und hegelianisch als »Negation der Negation« eingeführt. Zurück zur Natur heißt deren Negation durch die Gesellschaft und deren hohle Verstellungen in einer unwahren zweiten Natur zu negieren. Der Angriff gilt gerade diesen zivilen Ordnungsstrukturen, die sich paranatürlich vor die Natur geschoben haben. Mit anderen Worten: der glatte Asphalt durchs Terrain, die schmucken Mülleimer am Straßenrand, die niedlichen Toilettenarchitekturen für Touris – alles das muss weg! Diese Bierdosendialektik verrät uns – wir haben es schon geahnt – , dass es weiterhin kein wahres Leben im falschen gibt. Ambivalenz ist unser natürliches Grundgesetz, der edle Wilde ist ein lächerliche Fiktion. Die letzten Mohikaner verkommen bei Abbey zu zweifelhaften Peripheriewesen.

Das Heldentum wird in der ökologischen Erlösung der Welt vom Übel permanent beschworen, weil es für den einzelnen Protagonisten einen plausiblen Persönlichkeitsentwurf anbietet, damit die Outdoor-Lust einen konkreteren Anlass findet als wohliges Wallen über Waldwege in wilder Watzlandschaft. Robin Wood – pointierter kann man das alte mit dem neuen Paradigma nicht kurzschließen. Nicht mehr heldischer Kampf im Wald für die Armen, sondern heldischer Kampf für den Wald und gegen den Feinstaub. Piratenromantik: »Klar zum Entern! - Klimaschutz selber machen«. Die grüne Semantik lässt keine Fragen offen: von »Rainbow Warrior« und »Grünhelmen« bis hin zur radikalen »Earth Liberation Front« erweitert die ökologische Mobilisierung die Kampfzone genauso wie der ewige Widersacher, das marodierende Geld, mit dem für alle verbindlichen Motto: think global, act local. Globaler Kampf für den Globus – die ökologisch unhintergehbare Tautologie. »Wir rekrutieren junge Muslime und junge Christen und alle Menschen guten Willens für diese Bauteams, die eines klar wissen: Die Schöpfung darf von uns nicht einfach zerstört werden.« Diese Friedensrekrutierung der Grünhelme kaschiert das Problem, weil die Welt nicht so einfach gestrickt ist, dass der Gutmenschen-Voluntarismus, der alle bestehenden Differenzen ignorieren möchte, bereits die Lösung wäre. Verkoppelt sich das mit Sendungsbewusstsein, wird die Packung vollends brisant. Der Biosoph Ernst Fuhrmann machte es uns auf Schopenhauers Holzweg vor: »Im Grunde aber können nur Menschen Geschichte machen, die ganz im Sinne des biologischen Willens der Natur stehen…« Das ist für Adepten ein gefährlicher Glaube, keinen Steinwurf von der Unbedingtheitsethik von Gotteskriegern entfernt.

Schotter dir einen!

Es geht um Befreiung und die alten Ludditen sind nicht weit. Ned Ludd galt als verrückt, aber er konnte den Feind klar erkennen, heißt es bei Abbey. Nun mag das bei 12.000 eingesetzten britischen Soldaten vorderhand nicht schwer gewesen sein. Heute ist das anders. Denn der Feind ist dieses metastasenhafte System mit zahllosen Ein- und Ausschlussfunktionen, ja mehr: die Freund-Feind-Kennung, von der Carl Schmitt träumte, hat sich nicht nur im Politischen aufgelöst. Freund-Feind-Verwischungen werden daher oft mit Wut gegen die Zumutungen besserer Erkenntnis nachkonturiert. Aus der Beobachterperspektive verfugen sich die emotionalen Intensitäten auf beiden Seiten zu einer schrillen Psychopathologie des Kampfes, indem sich beide Seiten wechselseitig als Kriminelle bezeichnen. Die Polizei stöhnt: »Diese Intensität der Straftaten haben wir 2008 nicht gehabt.« (FAZ-Zitat 07. November 2010) Ziviler Ungehorsam heißt nun: »Castor? Schottern!« Schottern bedeutet, Schottersteine aus dem Gleisbett zu entfernen. Die Monkey Wrench Gang geht gegen die Technik des Bösen ungleich härter vor, aber die Publicity der modernen Ökoschotterer reicht dafür über ein paar Sprayattacken mit wildromantischen Namenszügen hinaus. Und die Fünf Finger-Strategie des Durchlaufens von Frontstellungen der Polizei rechnet auch nicht zwingend mit Knast, mit dem Maschinensturm schon je geahndet wurde. »Charlotte Roche und Bela B. sind ab jetzt auch dabei«, freuen sich die Schotterer, die nicht nur den Schienen das Fundament entziehen wollen. »Charlotte: "Ich habe den Aufruf unterschrieben. Ich bin gegen Gewalt gegen Polizisten aber absolut für Sachbeschädigung im Dienste der guten Sache." Alternativ bietet sie noch mehr Öko-Aktivitäten an: Sex mit dem Bundespräsidenten Christian Wulff, damit der ob so viel aufgedrängter Lust den Atomvertrag nicht unterzeichne.

»Ökologie« ist auch jenseits der ideologischen Feucht- und Seichtgebiete eine widersprüchliche Sache: Plädieren wir für Öko, retten wir die Welt, vernichten aber vielleicht Arbeitsplätze. Umweltschutz heißt nach alter Lesart, Kapitalisten zu bekämpfen und Prosperität zu vernichten. Das ist längst komplexer geworden. Heißt jetzt »Öko« Arbeitsplätze zu schaffen und böse Ausbeutergewinne abzuschöpfen? Aber wie wollt ihr sie dann noch – grün gesprochen – an ihren Früchten erkennen? Der schillernde Terminus »Grüner Kapitalismus« steht für die Absorptionskraft eines Prinzips, das jede Ethik, jede Ideologie verarbeitet, wenn es der Fruchtbarwerdung des Geldes dient. Edward Abbey hätte von diesen windigen Dialektiken nichts gehalten, weil das karzinogene Geldverhältnis per se pervers sei: »Wachstum um des Wachstums willen ist die Ideologie der Krebszelle.« Widerstand heißt, man muss die Maschinerie gut begreifen, ohne dass der Begriff widernatürlicher Technik auch nur ansatzweise helfen würde, dieses Phänomen zu deuten.

Bis zur nächsten Apokalypse

Die Liebe zur Natur geriert sich als Religionsersatz und ist oft nicht weniger fundamentalistisch als jene. Der norwegische Philosoph Arne Næss  definiert seine »Tiefenökologie« (!) so: …ich könnte sie auch »Grün« nennen – die Grüne Bewegung ist eine Bewegung in der man nicht nur Gutes für den Planeten im Interesse der Menschen tut, sondern auch im Interesse des Planeten selbst. Das heißt, man betrachtet den Globus als Einheit und spricht über die einzelnen Ökosysteme, man versucht, sie am Leben zu erhalten als ein Wert für sich.« Tiefenökologische Ansätze sind säkularisierte Versionen des alten Schöpfungsglaubens, des Vertrauens in die gute Einrichtung der natürlichen Welt. Ein endloses Kapitel bleibt darin die unauflösliche Spannung zwischen der vorgeblich unschuldigen äußeren Natur und der inneren unbefriedeten Menschennatur, die Immanuel Kant fast euphemistisch und für einen Pflichtenethiker bemerkenswert exkulpatorisch auf den Punkt brachte: »Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.« Das hören Naturholisten und Apostel des Authentischen freilich nicht gern. Jean-Jacques Rousseau war der in sich zerrissene Prophet, der zugleich den Revolutionären von 1789 das philosophische Rüstzeug für widernatürliche Eingriffe an die Hand bzw. Guillotine gab. Henry David Thoreau war für die puristisch nordamerikanische Ökovariante der Zivilisationsflucht zuständig, wobei sein Widerstand gegen die Unsinnigkeiten seiner Zeit eben zum Fundamentalismus neigte, weil ihm die Dialektik fehlte zu begreifen, dass Zivilisationen angesichts ihrer unheimlichen Technik wachsen und reifen. Für den Meister der Holz- und Feldwege aus Deutschland, Martin Heidegger, lag dagegen gerade in der immer mächtigeren Technik die eigentliche Herausforderung des Seins. Das Exil in den Wäldern - mit oder ohne survival kit - ist dagegen eine romantisch-eskapistische Version der Zivilisationsmüdigkeit. Die Natur als Schrecken, als Chaosfeld der Viren und Bakterien, der fragilen Sollbruchstellen und perennierenden Katastrophen, wie sie bisher keine Technik beherrscht, das alles soll nicht existieren.

Wer die Monkey Wrench Gang in ihrem Tun verfolgt, kann nicht überlesen, dass das Buch nach seinem großartigen Auftakt Längen hat, so wie sie Feld- Wald und Wiesenwege nun einmal haben. Die zahllosen Destruktionsschritte nutzen sich über ein paar hundert Seiten auch ab. Einige technische Details zum allfälligen Zerstörungswerk hätte sich Edward Abbey im Sinne seines literarischen Unternehmens durchaus schenken sollen. Er peinigt uns nicht so schlimm exkursiv wie Hermann Melville, der einen nolens volens zum Walwissenschaftler macht, während man doch nur über einige apokalyptische Finsterwellen reiten wollte. Der vormalige Ranger Abbey schickt den Leser immer wieder in den Wald, auch zum Studium der lateinischen Namen der Botanik. Das liegt in der Familie. Rousseau erging sich in der Betrachtung von Pflanzen, als ob sie ihm – wie Jean Starobinski bemerkt – die vegetabilische Unschuld zurückgeben könnten. Giftige Pflanzen mied er. Diese böse, widerwärtige Natur ist für erdgebundene Sozialromantiker kein Gegenstand ihres Engagements.

Abbeys kämpferische Ökotopie wird inzwischen von Formen des Öko-Widerstands angereichert, der gelernt hat, dass Maschinen zu zerstören nur eine punktuelle Geste ist, ein symbolischer Akt in einer Welt, die endlos reproduziert, was so oder so zerstört wird. »Macht kaputt, was euch kaputt macht.« Selbst den frühen Adepten solcher Mottos war klar, dass das nicht bereits die Lösung ist. Es gibt eine bedingt erhellende Historiker-Diskussion über die Frage, wen oder was die Maschinenstürmer treffen wollten. So viel steht inzwischen fest: Sie hassten, von Ausnahmen abgesehen, nicht Maschinen aus einem technophoben Ressentiment heraus, sondern wollten ihre Arbeitsplätze und Lebensbedingungen sichern. Es handelte sich in den Worten von Eric Hobsbawm um den nicht immer erfolglosen Kampf am Rande des »starvation level«. Heute geht es auch um weniger dramatische Kampf- und Partizipationsformen, die den Widerstand in seinen vielfältigen Formen entwickeln, die sich einnisten und rhizomatisch, also in subversiver Pflanzentechnik, im und über den öffentlichen Raum verteilen. Die 1979 im Südwesten der USA gegründete Bewegung »Earth First!« wurde unmittelbar von Edward Abbeys fröhlicher Bibel des Ökoaktivismus inspiriert. Im Logo von Earth First! kreuzen sich heute noch Abbeys Universalschraubenschlüssel und ein selbst fabriziertes Steinzeitbeil. Earth First! und Monkey Wrench Gang spielen dieselben Spiele: Baumaschinen werden mit Sand gefüttert, Vermessungsmarkierungen werden verlegt oder entfernt, Masten umgestürzt und Kabel aller Sorten (Nervensysteme der Technik) durchtrennt. Im Grunde zeichnet »The Monkey Wrench Gang« auch das Schisma bei Earth First! vor, als sich 1992 die gewaltbereitere »Earth Liberation Front« konstituiert. Während Doc Sarvis die »kleinen gelben Blumen« vermisst, geht ihm der parodisierende, doch durchaus ernst gemeinte Slogan durch den Kopf: »Unterstützen auch Sie Ihre örtliche Öko-Terror-Gruppe«. Was nun Öko-Terrorismus von »ecodefense« unterscheidet, ist selbst Teil des Kampfes. Die Earth Liberation Front avancierte in der Wahrnehmung des FBI zur erstrangigen Terrorgruppe, während deren immergrüne Rechtfertigung lautete, dass Menschen nicht zu Schaden kommen. Das ist auch für Abbey die Demarkationslinie. Sprengstoff hat allerdings »überschießende Tendenzen«, was schnell jedes ökopazifistische Selbstverständnis in den Sog der Ereignisse ziehen kann. In dem automatischen Zug, den die Gang hochgehen lässt, saß doch ein menschlicher Kontrolleur. Damned! »Collateral damage« wäre eine armselige Erklärung auch und gerade für Ökokrieger, die ohne spin doctors und Lügenmoral demokratischer Kriegsherren mit ihrem eigenen Gewissen auskommen müssen. In Abbeys moralischem Lehrstück schafft es der letzte Mensch der Automatenwelt dann noch knapp, mit dem Leben davonzukommen. Für die literarische Dramatik ist das ein Spannungsverlust. So wird der Sprengstoffprofi Hayduke schließlich in Fetzen gerissen. Das hat er nun davon, wenn er ständig mit soviel Sprengstoff herumspielt. Halt! Es war doch nur ein literarisch-dramatischer Stunt, der seine Wiederauferstehung zulässt, die ihn wieder mit den Gefährten zusammenführt. Doc, der Kampf geht weiter! - bis zum nächsten Ende der Welt. Goedart Palm
 

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Edward Abbey
Die Monkey Wrench Gang
Übersetzt von Sabine Hedinger
Mit 50 schwarzweissen Illustrationen von Robert Crumb
Neuedition Walde+Graf  2010
472 Seiten
15,5 x 23,0 cm

Leseprobe

Lektüren

Dave Foreman
Ecodefense – A Field Guide to Monkeywrenching
Abbzug Press (!) 1993

Ernst Fuhrmann
Was die Erde will. Eine Biosophie, München 1986

Martin Henkel/Rolf Taubert, Maschinenstürmer
Ein Kapitel aus der Sozialgeschichte des technischen Fortschritts, Frankfurt 1979

Richard Kahn, From Herbert Marcuse to the Earth Liberation Front:
Considerations for Revolutionary Ecopedagogy 

Jean Starobinski
Rousseau
München 1988. 



 


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