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Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


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Glanz&Elend
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»Dem Theater ein Fremder«

»Nebeneingang oder Haupteingang?«
Peter Handke im Gespräch mit Thomas Oberender

Von Lothar Struck



 

Thomas Oberender, von 2006-2011 verantwortlich für das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele und aktuell Direktor der Berliner Festspiele, führte 2012 mit dem österreichischen Schriftsteller Peter Handke vier Gespräche über dessen durchaus stattliches, fast 50jähriges Theater-Œuvre. Sie liegen nun in einem Band mit dem schönen und vieldeutigen Titel "Nebeneingang oder Haupteingang?" in der "spectaculum"-Reihe bei Suhrkamp vor (eine gänzlich andere "Spectaculum"-Reihe ist als jene, die man von den bunten Willy-Fleckhaus-Umschlägen Jahr um Jahr in seiner Stadtbibliothek wachsen sah und die irgendwann – warum? - eingestellt wurde).   

Das Buch beginnt mit einem Lapsus. Im Vorwort schreibt Oberender: "Die ersten beiden Gespräche fanden im September 2012 statt […] Für die anderen beiden trafen wir uns ein Vierteljahr später…" Auf Seite 21, dem Beginn des ersten Gesprächs, ist dann der tatsächliche Termin genannt: "April 2012". Die anderen beiden Interviews waren dann auch nicht ein "Vierteljahr später" sondern im September 2012.

Teile der beiden April-Gespräche wurden schon im von Katharina Pektor und Klaus Kastberger 2012 bei Jung und Jung herausgegebenen Band Die Arbeit des Zuschauers – Peter Handke und das Theater publiziert. Ein kursorischer Vergleich der beiden Versionen zeigt einige rhetorische Glättungen, die vermutlich der Transkription von Handkes Antworten geschuldet sind. Die kleinen Korrekturen bei Oberender verblüffen dann doch ein wenig, etwa wenn einmal etwas "überraschend" ist (Seite 12 bei Jung und Jung) und dann plötzlich "einigermaßen überraschend" (Seite 34). Oder wenn das Stück "Der Ritt über den Bodensee" im Kastberger/Pektor-Band noch eine "sehr episches Stück" (Seite 18), im aktuellen Band dann als "episches Stück" (Seite 68) sozusagen heruntergestuft wurde.

"Engel der Frechheit"

Manche halten das für Petitessen und die Freude auf diesen Band sollte man sich dadurch in keinem Fall verderben lassen. Wobei der Zeitpunkt der Veröffentlichung günstig ist, denn im September bekommt Peter Handke den renommierten Ibsen-Preis überreicht, was damals natürlich nicht abzusehen war. Oberender, ein veritabler Kenner des dramatisch-epischen Werks von Peter Handke, durchmisst souverän zusammen mit dem Autor dessen Werk, entdeckt Parallelen, Allegorien, entwickelt nicht nur auf Nebenstraßen neue, beflügelnde Deutungen und thematisiert das Heterogene in der Handkeschen Dramatik. Es gehört zu den interessantesten Stellen, wenn dabei trotz der großen auch formalen Unterschiede in den Stücken eine Art Kontinuum von 1966 bis 2012 erarbeitet wird, wobei dann einigermaßen überraschend "Die Unvernünftigen sterben aus" als das formal und inhaltlich konventionellste Stück Handkes erscheint.

Handke findet für sich immer wieder Selbsteinschätzungen, um sein Theaterschreiben einzuordnen: Da ist beispielsweise vom "Stümper" oder vom "Dilettanten" die Rede, dem "Engel der Frechheit", den früher zuweilen der "Übermut" gepackt habe um sein "episches Theater" zu entwickeln. Dies sind nur teilweise Koketterien, denn Handke sieht sich immer noch als Außenseiter, der "autark in einem fast illegitimen Sinne" sein "Zeug" schreibt und es vielleicht sogar genießt "dem Theater ein Fremder" zu sein. Diese Distanz geht so weit, dass er bekennt, die Leute, die ins Theater gehen, nicht zu mögen, was er jedoch sofort wieder als "Vorurteil" eingrenzt und sich dabei wie so häufig wieder zurücknimmt.

Achtungsvoll Handkes Bild vom Schauspieler (wenn es nicht gerade dessen "Scheißhöflichkeit" ist) und seiner Durchlässigkeit, wobei er dem "Wahrspieler"-Mythos an zwei Stellen (zu Beginn und am Ende) abzuschwören scheint. Oberender bohrt hier nach. Und am Ende scheint es dann so, dass doch nur einer Handkes uneingeschränkte Bewunderung erhält: Ulrich Wildgruber in seiner Rolle als "Kaspar" (die Aufführung war 1968 in Oberhausen). Wildgruber "ist Kaspar" gewesen, so Handke, er habe ihn eben nicht nur dargestellt. 

Arminia Bielefeld und Michael Haneke

Oberender zitiert zuweilen ausgiebig aus Handkes "Welttheater"-Stücken (T. O.) und beleuchtet damit zuweilen sogar für den Autor neue Werk-Zusammenhänge. Zurückhaltend-ambivalent Handkes Urteile zu "seinen" Regisseuren und deren Inszenierungen, wobei Dimiter Gotscheff als "Immer noch Sturm"-Regisseur noch am besten wegkommt. Dagegen behandelt er Claus Peymann ein bisschen schnippisch. Als Oberender den Regisseur eines Theaterstücks als eine Art Fußballtrainer bezeichnet, wird Peymann von Handke nicht der FC Barcelona oder Real Madrid zugesprochen, sondern nur Arminia Bielefeld. Anekdotisch wird es auch, wenn Handke verdeutlicht, dass er seinem "Kaspar" Sätze aus den verschiedensten Büchern in den Mund gelegt hat.   

Handkes Verhältnis zu den "klassischen" Theaterautoren der Moderne – Brecht, Pirandello, Wilder, allen voran natürlich Beckett – wird ausgiebig behandelt. Mit "Warten auf Godot" beispielsweise kann er nicht viel anfangen. Sehr aufschlußreich die Diskussion der beiden über die Pausen, die Beckett verordnet. Fast nebenbei wird auch das Kino berührt und Handke gesteht seine Affinität dem Western gegenüber (bei ihm fast gleichbedeutend mit John Ford): "…alles habe ich eigentlich aus dem Western". Leider geht Oberender überhaupt nicht auf Handkes cineastisches Opus ein und versäumt es damit, Parallelen oder auch formale Unterschiede zum Drama-Schaffen zu spezifizieren. Ein bisschen mehr Insistenz hätte man sich schon gewünscht, wenn der Kinogeher Handke sagt, er fühle sich aus dem Kino kommend immer "ein bisschen übers Ohr" oder "übers Auge gehauen". Immerhin äußert sich Handke hier wohl erstmalig öffentlich über seinen großen ästhetischen Dissens zu Michael Haneke, den er in Bezug auf "Das weiße Band" als "Naturalist" und "Ideologe…Mystifikator und…Denunziant" bezeichnet. Dabei differenziert Handke sehr schön Naturalismus von Realismus. Letzterer zeigt den Alltag nicht nur, er "verwandelt" ihn.

Aber nicht nur Haneke bekommt ein wenig Schimpf vom "Epikureer" (P.H. über P. H.) ab. Sogar Goethe wird nicht verschont. Er habe einen "Scheißfaust" geschrieben, so Handke, und auch "Wilhelm Meisters Wanderjahre" seien "zusammengekleistert" aus "Bruchstücken", ein am Ende "lebloses Ding". Auch "Dramatiker" möchte er ihn nicht nennen, obwohl: "'Torquato Tasso' oder 'Iphigenie', das sind schon auch reine Stücke". Hier bleibt der Theatermann Oberender eher bedeckt, während er in seinem Element ist, wenn es um Ästhetisch-Formales geht. Etwa über die Bedeutungsmöglichkeiten, wenn in den Stücken plötzlich Erzähler auftreten. Oder über Handkes Affinität zum "Volksstück" (Raimund, Nestroy). Und selbstironisch wird über den "Privatmythos" des Einbaums gesprochen – und man ist danach klüger.  

Manches lässt Oberender dagegen womöglich absichtsvoll im Ungefähren. Etwa wenn er zwar den "Wechsel vom Zuschauen zum Engagement" anschneidet und damit einen interessante Bogen zum Jugoslawien-Engagement Handkes schaffen könnte, dann aber auf halber Strecke stehenbleibt und abbiegt. Auch Handkes in den Stücken immer wieder auftauchenden Beschwörungen neuer Gesellschaftsentwürfe, bleiben ein bisschen in der jeweiligen Deutung der jeweiligen Protagonisten stecken. Auch die Definition von "Volk" (früher das ominöse "Volk der Leser") bleibt diffus.

Sehr schön dagegen gelingt die Auffächerung von Handkes Ahnenkult, der sich schon sehr früh zeigt. Nicht ganz unerwartet dabei, wenn sich Handke im Gespräch als "vaterlos" bezeichnet, was sich, wie Oberender richtig bemerkt, auch in den Stücken zeigt, in denen es sehr wenige Vater- dafür umso mehr Mutterbegegnungen gibt. Schließlich gibt es einige Figuren in Handkes Stücken, die vaterlos sind.

Bis auf ein Stück werden alle dramatischen Werke Handkes angesprochen. Auch eher unbekannt Werke wie "Hilferufe" und "Quodlibet" finden Berücksichtigung. Auf "Publikumsbeschimpfung", "Kaspar", "Über die Dörfer", "Das Spiel vom Fragen", "Zurüstungen für die Unsterblichkeit", "Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg", "Bis das der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts" und vor allem "Immer noch Sturm" liegen Schwerpunkte. Und sogar ein noch gar nicht geschriebenes Stück bringt Handke ins Spiel und nennt einen typischen Namen: "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße". 

Als sich Oberender einmal für sein sprunghaftes Fragen mit den Worten "Ich bin da eher ein schlechter Journalist" entschuldigt, schallt es von Handke sofort: "Sie sind kein Journalist!" Die Narben sind eben noch da. Und nein, ein Journalist ist Oberender wahrlich nicht. Ansonsten wäre nicht ein derart reiches Buch entstanden. Alleine die Differenzierung am Ende zwischen Empfindlichkeit von Empfindsamkeit ist grandios. Die besten Momente entstehen, wenn die Rollen "Frager" und "Antworter" aufgehen in ein beiderseitiges Suchen und Finden. "Nebeneingang oder Haupteingang?" dürfte ein ähnliches Standardwerk der Handke-Forschung werden wie Herbert Gampers "Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen" von 1987. Unverzichtbar für nahezu jeden: den Experten, den gelegentlichen Theaterbesucher, da auch Grundsätzliches verhandelt wird und den Verwirrten, der sich ein bisschen Orientierung verschaffen möchte. Lothar Struck

Artikel online seit 21.07.14
 

Peter Handke, Thomas Oberender
Nebeneingang oder Haupteingang?
Gespräche über 50 Jahre Schreiben
fürs Theater
Gespräche mit Thomas Oberender suhrkamp spectaculum
Broschur, 199 Seiten
20,00€
978-3-518-42437-7

 


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