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Literatur & Sachbuch

10 Lesetipps mit Qualitätsgarantie

Von Herbert Debes

»To hell with facts! We need stories!« (Ken Kesey)

Ich warne ausdrücklich vor diesem Buch. Es funktioniert wie eine Zeitmaschine und zieht aufnahmegeneigte, offenherzige LeserInnen in eine vergangene Welt hinein, in der alles noch möglich schien und uns jeder Tag mit einem Versprechen lockte, dem wir nicht widerstehen konnten...

Wir befinden uns im Fischerort Kuinak, Alaska, und geografisch wie zeitlich am Ende der Welt. Das Wetter schlägt unerwartet und lebensbedrohlich von einem Extrem ins andere. Der Lachs wird knapp, die Menschen sind gereizt und diverse Weltuntergangspriester verkünden entsprechend: »Diesmal wirklich!«, und überdies scheint sich in Kuinak eine Katastrophe nach der nächsten anzubahnen.
Als eine Filmcrew aus Hollywood mit einer gigantischen Luxusyacht im Hafen aufkreuzt und Kuinak in eine Filmkulisse verwandeln will, wird dadurch alles auf den Kopf gestellt. Seitdem scharen sich schrullige Originale und räudige Köter um unsere beiden Helden.
Da ist zum einen der abgehalfterte Ökoterrorist Ike Sallas, der sich nach seiner Haft nach Kuinak zurückgezogen hat. Außerdem noch Alice Carmody, eine der letzten Angehörigen vom Stamm der Kuinak: Unternehmerin und Künstlerin mit einem Hang zu cholerischen Anfällen. Infolge der Filmaufnahmen werden Ike und Alice intensiv mit Fragen nach ihrer Identität konfrontiert. Am Ende kämpfen sie um nichts weniger, als um die Hoheit über ihre eigene Geschichte sowie um einen Ort, an dem es sich zu leben lohnt.
Mit diesem Roman wirft Kesey Ende der 1980er einen mal psychedelisch und bunten, mal düsteren Blick auf die unruhige See der 2020er-Jahre. Gekonnt lässt Kesey westlich-christliche Erzähltraditionen und archaische indigene Mythen aufeinanderkrachen.
Was ist authentisch in einer Welt, in der jede Tradition zum Merchandise verkommt? Was nützt all der Heldenmut, wenn die Welt ohnehin nicht mehr zu retten ist? Und wird Ike Sallas sich auf seine alten Tage noch einmal dazu aufraffen können, es zumindest zu versuchen?

Ken Kesey, geboren 1935 in La Junta, Colorado, studierte ab 1959 an der Stanford University im kalifornischen Palo Alto Kreatives Schreiben. Nachdem er mit ›Einer flog über das Kuckucksnest‹ (dt. Erstausgabe 1972 bei MÄRZ) Welterfolg gelandet hatte, gründete Kesey eine Kommune bei San Francisco. Sie nannten sich Merry Pranksters.
Mit einem alten Schulbus, den sie entsprechend bunt bemalten und Furthur tauften, tourten sie quer durch Amerika. Bei den sogenannten Acid-Tests lud Ken Kesey die Öffentlichkeit ein, die bewusstseinserweiternden – und dementsprechend als zukunftsweisend gefeierten – Wirkungen von LSD selbst zu erleben. Begleitet von Musik und Farben wollten sie neue Formen der Wahrnehmung erkunden.
Die Tour wurde währenddessen zum Mythos, festgehalten in Tom Wolfes Buch ›The Electric Kool-Aid Acid Test‹. In den 90ern zog sich Kesey schließlich auf seine Farm in Eugene, Oregon zurück. Dort arbeitete er an seinem letzten Roman ›Seemannslied‹. Im November 2001 starb er.

Ken Kesey - Seemannslied - Roman - Aus dem amerikanischen Englisch von Milena - Adam - mit einem Vorwort von Volker Weidermann - März - 703 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag - 38,00 € - 978-3-7550-0055-6

Woher kommt die Kunst?

Konstantinos Kavafis verbringt 1897 drei Tage in Paris. Der 34-Jährige ist noch nicht der bahnbrechende Dichter, der er einmal sein wird. Voller Selbstzweifel und Ambitionen ringt er um seine künstlerische Befreiung. Muss man nicht dichten wie ein Duellant, der das Leben herausfordert? Währenddessen geht Griechenland gedemütigt aus dem Krieg mit der Türkei hervor, Frankreich wird durch die Dreyfus-Affäre erschüttert, und Kavafis’ Familie erlebt den wirtschaftlichen Niedergang.
Ersi Sotiropoulos zeichnet das Bild des pulsierenden Paris des Fin de Siècle und beleuchtet die komplexe Beziehung zwischen Kunst, Leben und Erotik – den Ursprung der Schaffenskraft.
Ein Schlüsseltext über drei Tage im Leben des legendären Dichters Konstantinos Kavafis. Eine Einführung in sein Werk. Eine Zeit im Umbruch. Eine Reflexion über die Kunst. Eine lohnende Konfrontation mit der Schlüssefrage aller, die sich mit literarischem Schreiben befassen.

Ersi Sotiropoulos - Was bleibt von der Nacht - Roman - Aus dem Griechischen von Doris Wille - Kanon Verlag - 288 Seiten - € 25,00 - 978-3-98568-179-2

Havanna im Ausnahmezustand

In einem Havanna zwischen Rausch und Verzweiflung beschwört ein epischer Kriminalfall Echos eines bewegten Jahrhunderts herauf. Der historische Besuch Obamas und das legendäre Rolling-Stones-Konzert stehen kurz bevor. Amerikanische Touristen johlen in den Straßen, exklusive Bars servieren teure Drinks. Inmitten der Aufbruchstimmung ermittelt Conde in einem unliebsamen Fall: Ein berüchtigter Kunst-Zensor wird tot aufgefunden, ein Mann, der etliche Leben zerstörte.
Gleichzeitig vertieft sich Conde in eine kubanische Legende: 1909, als der Halley’sche Komet für Weltuntergangsstimmung sorgt, entzündet ein Mord im Rotlichtmilieu eine Fehde zwischen zwei Gangsterbossen. Zu Condes Überraschung ergeben sich zwischen Gegenwart und Vergangenheit ungeahnte Verbindungen.
Wenn man mich fragt, mit welchem Padura-Krimi man einsteigen soll, gibt es nur die eine Antwort: Lesen Sie alle!
Leonardo Padura, geboren 1955 in Havanna, zählt zu den meistgelesenen kubanischen Autoren. Sein Werk umfasst Romane, Erzählbände, literaturwissenschaftliche Studien sowie Reportagen. International bekannt wurde er mit seinem Kriminalromanzyklus
Das Havanna-Quartett. Im Jahr 2012 wurde ihm der kubanische Nationalpreis für Literatur zugesprochen, 2015 erhielt er den spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur, 2023 den Pepe Carvalho Preis. Leonardo Padura lebt in Havanna.

Leonardo Padura -
Anständige Leute - Aus dem Spanischen von Peter Kultzen - Unionsverlag - 394 Seiten, Taschenbuch - 18,00 € - 978-3-293-71057-3

Das »Mädchen aus der Fremde«

»
Die Idee der grundsätzlichen, naturhaften Ungleichheit der Völker, welche die heutige Form der Ungerechtigkeit ist, ist nur zu vernichten durch die Idee von der ursprünglichen und unabdingbaren Gleichheit all derer, die Menschenantlitz tragen.«

Hannah Arendt hat die ganze Geschichte des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib erlebt. Als Tochter aus einem großbürgerlichen Haus wächst sie in der Kant-Stadt Königsberg auf, studiert an der Universität Marburg, jenem Ort, an dem sich die geistige Produktivität der zwanziger Jahre auf einzigartige Weise verdichtet, und verliebt sich dort in den charismatischen Philosophen Martin Heidegger. Hitlers Machtergreifung treibt sie ins Exil, sie wird in Frankreich interniert, entkommt nach New York, wo sie wieder ganz von vorn anfängt. Sie entwickelt sich zu einer politischen Theoretikerin, die englisch schreibt, weiter deutsch denkt und sich dabei immer als Jüdin versteht. Mit ihrem Bericht vom Eichmann-Prozess erregt sie weltweit Aufsehen.
Anschaulich und packend erzählt Willi Winkler das Leben Hannah Arendts als die Geschichte einer Frau voller Widersprüche, einer Frau, die sich nach Verfolgung und Vertreibung in Amerika eine neue Identität aufbaut, mit ihrem messerscharfen Verstand alle Männer ihrer Umgebung überstrahlt, dabei aber immer das «Mädchen aus der Fremde» bleibt, als das sie sich selbst bezeichnet. – Die faszinierende Biographie einer der brilliantesten intellektuellen Ikonen und brillanten Beobachterin ihrer Zeit.

Willi Winkler - Hannah Arendt - Rowohlt Berlin - 512 Seiten - 978-3-7371-0109-7

Provozierende Ethik

Hannah Arendts gesamtes Denken geht von dem Ereignis aus, das sie selbst „Verwaltungsmassenmord“ nannte: der bürokratisch organisierten Vernichtung des Judentums: „Dies hätte nicht geschehen dürfen“, sagte und schrieb sie verschiedentlich. Ausgehend von diesem Bruch mit all dem, was man als die vermeintlich unhintergehbaren zivilisatorischen Grundlagen der abendländischen Welt anzusehen sich gewöhnt hatte, hat sie ihre Gedanken zur Politik entwickelt. Dem liegt eine Ethik zugrunde, die die Philosophin eher vorausgesetzt als eigens zum Thema gemacht hat.
Peter Trawny, der sich bereits im Jahre 2005 in seinem Buch „Denkbarer Holocaust“ mit der Arendt‘schen Ethik auseinandergesetzt hatte, nähert sich nach 20 Jahren diesem Kern ihres Denkens erneut an, um es unter den gewandelten Bedingungen unserer gegenwärtigen politischen Situation zu betrachten. Das Ergebnis ist, dass Arendts ausdrücklich provozierendes Denken, das nicht immer genau gesehen wurde, nach wie vor von großer Aktualität ist. Zu erkennen, dass der Verwaltungsmassenmord sich nicht so sehr aus einer verbrecherischen Ideologie, sondern aus den Grundbedingungen der modernen Gesellschaft her deuten lässt, bleibt für sie die letzte Zumutung. Gleichwohl ist Arendt davon überzeugt, dass ein echter politischer Wandel sich nur dann einstellen kann, wenn man sich dieser Zumutung aussetzt.

Peter Trawny - Hannah Arendts politische Ethik - Klostermann Rote Reihe 164 - 164 Seiten. Kt 22,80 € - 978-3-465-04727-8


Vom Kampf mit dem Ruhestand

Mister Baldwin wird nicht länger von Stunden und Minuten regiert. Nach vierzig Jahren in derselben Londoner Firma ist er nun ein freier Mann und sicher, dass der Ruhestand mehr bereithält als Erinnerungen. Seine Frau Edith freut sich auf seine Gesellschaft. Doch trotz aller guten Vorsätze türmen sich die leeren Tage schon bald vor ihnen auf. Wer ist man denn noch, ohne die Arbeit? Was erzählt man sich beim Abendessen, wenn man den ganzen Tag zusammen verbringt?
Ein Ausflug ins Weldental bringt neue Ideen: Hier, unter alten Ulmen, lockt ein modernes Haus mit großzügigen Fenstern, die weit in die Zukunft blicken. Vielleicht, wagen die Baldwins zu hoffen, wartet hier ein neues Leben?
R. C. (Robert Cedric) Sherriff, geboren 1896 in Surrey, war Schriftsteller, Drehbuchautor und Versicherungsbeamter. Er besuchte die Kingston Grammar School und arbeitete anschließend im väterlichen Versicherungsunternehmen. Er diente im Ersten Weltkrieg in der britischen Armee und besuchte danach das New College in Oxford. In seinen Werken verarbeitete er auch seine Erfahrungen an der Front. Seine Filmskripte wurden u. a. zweifach mit BAFTA-Preisen ausgezeichnet und waren für den Oscar nominiert. Sherriff starb 1975 in London.

R. C. Sherriff - Vor uns die Zeit - Roman - Aus dem Englischen von Rainer Moritz - Unionsverlag - 336 Seiten - € 26,00 - 978-3-293-00635-5

Neues von den »Essex Dogs«

England nach der Großen Pest: Das harte, leise hoffnungsvolle Leben der einfachen Leute prallt auf den ungeniert feierlustigen Hof in Windsor. Das zwielichtige Milieu der Piraten und Profiteure lockt mit leichtem, aber schmutzigem Geld, während verarmte Ritter sich in eine Welt zu retten versuchen, die langsam, doch unaufhaltsam zu Ende geht. Die Zeiten sind schwer, aber die Essex Dogs geben alles für einen Neuanfang: Millstone und Thorp versuchen sich als Bodyguards einer Prinzessin, Scotsman wird als Schaukämpfer schikaniert und Romford arbeitet für einen Ritter, der ihn schamlos ausnutzt. Loveday will um jeden Preis seine Familienidylle retten und ahnt doch, dass er schon bald in seine letzte Schlacht ziehen muss. Denn über allem und allen steht der englische König Edward III., der sich achselzuckend seinem Motto treu bleibt:
»It is as it is.«
In Löwenherzen verbindet Bestsellerautor und Historiker Dan Jones unangestrengte Mittelalter-Begeisterung und profundes akademisches Wissen zu einem temporeich inszenierten historischen Roman, in dem alles echt ist - und alles Fiktion. Er taucht tief ein in das vom Schwarzen Tod gezeichnete England, wo die dekadente Welt des königlichen Hofs in Windsor auf das herbe Leben in Winchelsea trifft, ein beschauliches Küstenstädtchen, vor dem eine bedrohliche Armada von kastilischen Piraten ankert …

Dan Jones - Löwenherzen
- Roman - Aus dem Englischen von Heike Schlatterer und Wolfram Ströle - C.H. Beck - 381 S., mit 1 Karte - 26,00 € - 978-3-406-84197-2 - Leseprobe & Infos



Vom Pilger zum Kriegermönch

Sie begannen als Pilger, kämpften als Kriegermönche, bereicherten sich als Bankiers und endeten als Häretiker: Der britische Historiker Dan Jones hat die Quellen zu den Templern neu gelesen und bietet mit diesem Buch ein Meisterstück an historischer Erzählkunst: auf dem neuesten Forschungsstand, mit sicherem Gespür für außergewöhnliche Episoden und spannend von der ersten bis zur letzten Seite.
Jerusalem 1119. Eine kleine Gruppe von Rittern sucht nach dem Ersten Kreuzzug nach einer neuen Aufgabe und gründet die «Arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem», um Jerusalem-Pilger zu beschützen. Schon bald beginnt ein wundersamer Aufstieg: Die neuartigen Kriegermönche werden zur militärischen Eliteeinheit, die für die Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land kämpft. Landgüter in Europa, horrende Lösegelder und Tribute sorgen für sprudelnde Einnahmen. Die «arme Ritterschaft» wird zum Bankhaus, von dem Kaufleute und Könige in Orient und Okzident abhängig sind. Doch der sagenhafte Reichtum weckt Begehrlichkeiten. Es beginnt die Zeit der Verfolgung. Der letzte Großmeister verbrennt 1314 auf dem Scheiterhaufen.
Dan Jones versteht es meisterhaft, den Leser ganz in die Zeit der Kreuzzüge hineinzuversetzen und zugleich die kritische Distanz zu den Quellen zu wahren. Wer sein eindrucksvolles Buch gelesen hat, wird zutiefst verstehen, warum Aufstieg und Untergang der Tempelritter seit dem Mittelalter und bis heute die Phantasie beflügeln.

Dan Jones - Die Templer
- Aufstieg und Untergang von Gottes heiligen Kriegern - C.H. Beck - 512 S., mit 28 Abbildungen und 9 Karten - 20,00 € - 978-3-406-84174-3

 

Wer war Julio Melo Fogaca?

Er ist gebildet, elegant und zurückhaltend. Er ist der Sohn einer verarmten Großgrundbesitzerfamilie. Und er ist aktives Mitglied der Kommunistischen Partei Portugals. Letzteres wird ihn in die Fänge der Polizei und schließlich in die entsetzlichen Gefängnisse des Salazarregimes bringen. Dass die Partei nicht zu ihm stehen wird - vermutlich wegen seiner Homosexualität -, ist nur eines von vielen weiteren Hindernissen auf seinem Lebensweg.
Mit seinem
»
Wörterbuch der Sprache der Blumen« setzt António Lobo Antunes einer bedeutenden, aber in Vergessenheit geratenen portugiesischen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts ein Denkmal in 23 Kapiteln, die von 23 Menschen erzählt werden, die ihm begegnet sind. In seinem unnachahmlichen eigenen Sound und Rhythmus offenbart Antunes die vielen Facetten und Schattierungen eines Menschenlebens in wahrhaft schwierigen Zeiten.

António Lobo Antunes - Wörterbuch der Sprache der Blumen - Roman - Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann - Luchterhand - 448 Seiten - 28,00 € - 978-3-630-87736-5


Wenn Borges vom Regen sprach...

Nach dem Tod des Vaters kümmert sich Simon Schneider Reus um das verfallene Elternhaus in Cadaqués und um seine literarische Tätigkeit: Er beliefert Autoren mit literarischen Zitaten. Einer dieser Schriftsteller ist sein Bruder Rainer, der 20 Jahre zuvor nach New York ausgewandert, dort mit der Publikation seiner Romane zu einem der größten Stars der Literaturszene geworden ist und eine Art pynchoneske Existenz lebt. Es gibt keine Fotos von ihm, niemand weiß, wo er wohnt, zu seinem Werk äußert er sich, wenn überhaupt, nur schriftlich.
Auf der Suche nach Inspiration unternimmt Simon an einem Oktoberwochenende 2017, als die katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen ihren Höhepunkt erreichen, einen Spaziergang. Auf diesem sinnt er nicht nur seinem Leben und seinem Beruf nach, sondern muss sich auch mit der Nachricht seines Bruders auseinandersetzen, dass dieser auf dem Weg nach Barcelona sei und ihn unbedingt sehen müsse. Bei diesem Treffen prallen nicht nur zwei gegensätzliche Charaktere aufeinander, sondern auch zwei gegensätzliche Ansichten, wie es um die Originalität in der Literatur bestellt ist. Mit stilistischer Eleganz und feinem Humor lotet Vila-Matas in diesem Roman die Fragen nach Originalität sowie nach dem Verhältnis von Realität und Fiktion in der Literatur aus. Ein spannendes, weil inspirierendes literarisches Gedankenspiel.

Enrique Vila-Matas -
Dieser sinnlose Nebel - Roman - Übersetzt von Petra Strien-Bourmer - Wallstein - 237 Seiten -
€ 25,00 - 978-3-8353-6018-1


Unheimliche Erzählungen

In einem letzten Versuch, ihre erkaltende Liebe zu retten, fliegt ein Paar nach Kreta. Als sie anderntags in der Morgensonne erwacht, ist er bereits schwimmen gegangen. Als sie ihn gegen Mittag anruft, klingelt sein Handy in der Ferienunterkunft. Und als sie am Strand steht, weiß sie sofort: Hier ist er nicht. Aus Stunden des Suchens werden Tage, Wochen, Monate – nichts in diesen Geschichten ist, was es ist. Ob etwa die todkranke Frau, der im Wald immer wieder zwei geisterhafte Kinder begegnen, noch in der Realität oder schon in einer Zwischenwelt lebt, bleibt in der Schwebe. Und das seit Jahrzehnten leerstehende Hotel Sudeten, in dem eine seltsame Gesellschaft haust – ist es ein Nachtasyl oder vielleicht doch eine psychiatrische Klinik?
Alles, was Joanna Bator in klarem, hartem Duktus erzählt, ist in ein Zwielicht getaucht. Sechzehn romanhaft verschränkte unheimliche Erzählungen, die uns dieselben Protagonisten in ständig neuer Perspektive zeigen. Während wir sie lesend immer besser kennenlernen, verirren wir uns immer tiefer in einem Spiegellabyrinth. Spannend, überraschend, verstörend.

Joanna Bator - Die Flucht der Bärin
- Aus dem Polnischen von Lisa Palmes - Suhrkamp - 317 Seiten - 26,00 € - 978-3-518-43285-3 - Leseprobe & Infos


Artikel online seit 25.02.26
 

 


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