Glanz&Elend Literatur und Zeitkritik

 

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Idealer Dialog und reales Geschwätz

Zu
Ernst Jünger »Gespräche im Weltstaat, Interviews und Dialoge 1929–1997«

Von Jürgen Nielsen-Sikora

I
Das Gespräch: Für Ernst Jünger ist es im Idealfall ein Medium des intellektuellen Austauschs; eine Kommunikationsform, die auf den Dissens setzt, auf die unterschiedlichen Auffassungen, die zur Sprache kommen sollen, die allerdings auch nicht unüberbrückbar sein dürfen, damit Verständigung möglich bleibt. Von seinen Gesprächspartnern erwartet er, aus einer solchen Unterhaltung einen noch besseren Text zu machen, denn der Dialog ist bloß das Rohmaterial, das ästhetisch aufgewertet werden muss.

Jünger hat insofern hohe Ansprüche an seine Interviewpartner. Zu ihnen gehört unter anderen Ludwig Alwens, den er 1932 empfängt, und der schon bald ein überzeugter Nationalsozialist sein sollte. Bereits 1928 hatte er an Jüngers Band »Die Unvergessenen«, einer Sammlung über die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, mitgearbeitet; zu ihnen gehört auch die zeitlebens umstrittene österreichische Schriftstellerin Gertrud Fussenegger, ebenfalls eine ehemalige Nationalsozialistin, die gleich zu Beginn des Gesprächs verkündet, sie verdanke Jüngers Büchern ein gutes Stück ihrer Weltsicht. Jünger nimmt dies zur Kenntnis, schweigt aber hierzu und vergibt somit die Möglichkeit, einen echten intellektuellen Austausch zu führen.
Er spricht auch mit Erwin Barth von Wehrenalp, dem späteren Gründer des Econ-Verlags in Düsseldorf, damals gerade einmal 24 Jahre alt (1935).
Literarisch sticht der Bericht des britischen Dichters Stephen Spender über seinen Besuch bei Jünger heraus. Bemerkenswert ist auch das schöne Ende von Didier Raguenets Text aus dem Jahr 1945: »Jetzt begleitete Jünger mich durch den nachtschwarzen Garten, der mich vorhin noch beunruhigt hatte. Um mich zu führen, hielt er meine Finger in seiner mageren und vibrierenden Hand behutsam in die Höhe, und wir gingen auf Zehenspitzen wie Dante und Vergil durch die Fährnisse der Hölle.«

Wiederkehrende Momente der frühen Berichte über die Begegnungen mit Jünger sind vor allem Landschaftsbeschreibungen, die Darstellung der Physiognomie des Schriftstellers sowie kleine Charakterstudien. Hierbei dient Jüngers Wohnort als eine Art Wallfahrtsort seiner Sympathisanten.

Das erste echte Interview in dem Band stammt aus der Mitte der 1960er Jahre von dem nahezu vergessenen Schriftsteller Curt Hohoff (»Woina, Woina«, 1951). Doch mehr als eine zur Schau gestellte, völlig devote Haltung Hohoffs bietet es nicht. Unerträglicher ist nur noch der ebenso unterwürfige Aurel Rău, der Ende der 1960er Jahre sein Vorbild aufsucht. Dissens? Intellektuelle Auseinandersetzung? Fehlanzeige.

 

II

»Gespräche im Weltstaat« lautet der Titel der Sammlung von Gesprächen. Bezugspunkt ist die 1960 von Ernst Jünger publizierte Schrift mit dem Titel »Der Weltstaat. Organismus und Organisation«. Darin entwickelt er seine apokalyptische Weltanschauung, die er mit einer anarchistischen Staatskritik verknüpft. Die Weltgeschichte trete im 20. Jahrhundert in ein finales Stadium ein. Das Ergebnis sei ein die gesamte Welt umfassender Staat – eine Idee, die Jünger bereits in seiner Schrift »Der Arbeiter« (1932) und der Friedensschrift (1944/45) angedacht und in nachfolgenden Büchern wie »Eumeswil« (1977) und »Die Schere« (1990) dann immer wieder neu formuliert hat.

In einem Interview mit Julien Hervier aus dem Jahre 1985 heißt es hierzu: »Wenn der Weltstaat jemals verwirklicht werden soll oder zumindest jene Vorstufe der Bildung eines vereinten Europa, werden die Nationen, wie sie nach 1789 entstanden sind, nach und nach beseitigt werden, also die Vaterländer. Die Regionen hingegen … werden eine größere Bedeutung bekommen. Der Zentralismus wird auf dieser Ebene abnehmen und auf riesige Einheiten übertragen werden.« Das bleibt einigermaßen nebulös. Fest steht hingegen, dass die Gespräche, die hier zusammengetragen worden sind, nicht wirklich »Gespräche im Weltstaat« sein können, da dieser offensichtlich noch nicht Realität ist.

Vorerst leben wir also weiter in einem »titanischen Zeitalter«, wie Jünger in Anlehnung an Schopenhauer glaubt: Auf einem Spielfeld blinder Kräfte und Mächte. Das klingt mythisch aufgeladen bis kitschig – wie auch die Rede vom »Zeitalter des Wassermanns«. Esoterik und New Age standen wohl Pate, und man fragt sich ernsthaft: Ist Jünger noch Vorsokratiker oder schon Teil des musikalischen Universums von Ragni und Rado, deren Auftaktsong aus dem Musical »Hair« bekanntlich mit folgenden Zeilen einsetzt:

When the moon is in the Seventh House
And Jupiter aligns with Mars
Then peace will guide the planets
And love will steer the stars
This is the dawning of the age of Aquarius
Age of Aquarius
Aquarius
Aquarius …
 

III
Die Herausgeber betonen zu Recht die oft widersprüchlichen Antworten Jüngers. So sind Bücher für ihn zunächst »moralisches Rüstzeug für den nächsten Krieg« (1929), dann wiederum können sie nicht viel ändern (1961). Einerseits hat er für das Tagebuchschreiben nicht viel übrig, dann wiederum ist es eine besondere literarische Form.

Auf diese Widersprüche weisen seine Dialogpartner aber kaum hin. Die Gespräche sind überhaupt frei von Kritik. Eine solche Kritik wäre dann angebracht gewesen, wenn Jünger Sätze wie die folgenden von sich gibt:

Ich gebe die Dinge so wieder, wie sie sich zugetragen haben.
Nein, gerade dies tut er nicht. Er verzerrt, verwischt, entstellt, deutet an.

Das Ziel meiner verschiedenen Erfahrungen liegt jenseits der Zeitmauer. Es kann erahnt, aber nicht erreicht werden. Das ist der ganze Unterschied, den Kant zwischen dem Transzendentalen und der Transzendenz einführt.
Es ist stark zu bezweifeln, ob Jünger Kant wirklich verstanden hat, doch das interessiert seine Gesprächspartner auch gar nicht. Es reicht, dass sich das gut anhört, auch wenn unklar bleibt, was er meint.

Nehmen Sie die alte österreichisch-ungarische Monarchie, dort gab es alle Arten von Nationalitäten, und dies verhinderte nicht ihr Zusammenleben.
Hat er das wirklich gesagt? Kaum zu glauben!

Dann behauptet er, im Ersten Weltkrieg sei nicht nur der Soldat, sondern auch Homer abgetreten. Auch hier bleibt völlig schleierhaft, was er eigentlich sagen will.

1981 heißt es dann, es gebe keine Ethik, die den Problemen der Zeit begegne. Man muss die Prämissen all jener Ethiken, die damals im Umlauf waren, ja nicht teilen, aber Hannah Arendt, Hans Jonas, Karl-Otto Apel, Jürgen Habermas und andere waren 1981 dem intellektuellen Milieu Deutschlands durchaus Begriffe.

Ausgeschwiegen wird sich zudem über Aussagen wie »Alles ist relativ«, »Wir befinden uns in einem weltweiten Bürgerkrieg« (1969), oder: »Ich folge stets dem Willen der Erde«. Doch was zeichnet diesen Willen aus? Scheinbar interessiert das seine Interviewer nicht wirklich.

Verräterisch ist aber vor allem Jüngers Satz: »Ecce homo von Nietzsche war vielleicht das letzte Buch, das mich begeistert hat.« In der Tat lebt Jünger literarisch und geistig im 19. Jahrhundert, aus dem er nie wirklich herausgefunden hat. Und er besitzt eine Gabe, die konkreten Themen seiner Zeit außen vor zu lassen.
 

IV
Viel lieber sinnt er über den Arbeiter nach, für ihn eine »mythische Figur«, oder er bekundet seine Sympathie für Otto Weininger. Kritik vom Dialogpartner? Rhetorische Frage!

Jünger will schreiben und sprechen wie ein Klassiker, das ist überall zu spüren, doch nirgends wird er seinem eigenen Anspruch gerecht. Er bleibt ein in seinen Mitteln beschränkter Autor. 1989 erscheint dann ein Gespräch, das beinahe dadaistische Züge aufweist. Seine  Antworten auf die Fragen lauten: Ja, gut. So? Meinen Sie? Na ja. Natürlich. Nein. Nicht? Ja, eben. Aha. Und: Wenn Sie das sagen.

Ein ideales Gespräch? Irgendein Dissens? Wenigstens eine kleine intellektuelle Herausforderung? Wenn Sie meinen …

Einzige Ausnahme: 1981 nimmt er Francis Fukuyamas´  These vom Ende der Geschichte vorweg. Ansonsten präsentiert er sich wahlweise als intellektueller Kleingeist, als Fatalist, als mediokrer Dialogpartner, als Hinterwäldler, orakelnd und suggestiv. Selten bis gar nicht wird wirklich tiefschürfend über Literatur gesprochen, fast immer aber über Krieg, Geschichte, Politik.

Das ist nicht zuletzt der Grund, warum seine Romane heute nur derjenige noch liest, der sich ihnen aus literaturwissenschaftlichen Gründen widmet. Aber wie sagt Jünger selbst? »Reue ist ein Verrat an sich selbst.«
 

V
Der von Rainer Barbey und Thomas Petraschka herausgegebene Band versammelt insgesamt 43 »Gespräche«, die zwischen 1929 und 1997 geführt wurden. Nicht ersichtlich ist, warum Texte wie »Alpenfreund und Menschenfeind« oder »Was schenkt die Literatur?« aufgenommen wurden. Ein Prinzip der Auswahl war es, keine redundanten Gesprächsinhalte zu veröffentlichen. Gespräche mit niedrigem Reflexionsniveau wollten die Herausgeber ebenfalls unberücksichtigt lassen. Das ist nicht immer gelungen.

Denn die Wiederholungen sind kaum zu übersehen: Die Rede über den »Sturm«, jenes Buch, von dem er gleich mehrmals behauptet, er habe schlicht vergessen, dass er es geschrieben hat. Dann die Begegnungen mit Mitterand: Leider tappt auch Ulrich Raulff, der ehemalige Direktor des Literaturarchivs Marbach, in die Falle – wohl im Glauben, 1996 einen noch nicht thematisierten Aspekt bei Jünger zu besprechen. Ergebnis: Nichts als Wiederholung.

Niekisch und Heidegger, Schmitt und Bloy, LSD und Nietzsche, die Sanduhr, die Marmorklippen, der Arbeiter, der Anarch, Ariost, die Titanen tauchen x-mal auf, was nicht weiter problematisch wäre, wenn Jünger nicht die immer gleichen Sätze dazu von sich gäbe. Sie sind im Grunde sehr ermüdend – diese gewollt-intellektuellen Auseinandersetzungen. Schlimm ist es wirklich in Bezug auf sein Geburtsjahr 1895, dem Jahr der »Dreyfus-Affäre« und der »Entdeckung der Röntgenstrahlen«, wie wir nun wirklich ganz genau wissen.

Auch Jüngers Friedensschrift aus dem Jahre 1943 taucht in regelmäßigen Abständen auf, ohne dass wirklich ein einziges Mal kritisch darauf eingegangen würde: Die Schrift erklärt den Zweiten Weltkrieg immerhin zum ersten allgemeinen »Werk der Menschheit«. Gleich am Anfang heißt es ein wenig kryptisch: »Die hohen Meister, die ihn [den Krieg] aus dem Chaos stiften, müssen nicht nur die alten Bauten prüfen und verbessern, sondern auch neue schaffen, die sie überhöhend vereinigen.« Der Krieg, so Jünger weiter, müsse »für alle Frucht bringen.« Er lässt den Leser über das, was diese Frucht sein könnte, unaufgeklärt. Was auch immer sie sein mag, sie könne jedenfalls nur dort gedeihen, wo der Mensch für andere lebe, stürbe und Opfer brächte. Die Schrift ist eine intellektuelle Bankrotterklärung. Und auch das Gespräch ist eben nur im Idealfall (wie bei Sokrates) ein Medium des intellektuellen Austauschs.


Artikel online seit 05.09.19
 


Hrsg: Rainer Barbey, Thomas Petraschka
Ernst Jünger - Gespräche im Weltstaat
Interviews und Dialoge 1929–1997
Klett-Cotta
575 Seiten
45,00 €
978-3-608-96126-3

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