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Mikrophysiker der Macht

Joseph Vogls kurze Theorie der Gegenwart »Kapital und Ressentiment«

Von Peter Kern
 

Wäre eine Person zu identifizieren, welche die Dreifaltigkeit aus Informationstechnologie, Finanzkapitalismus und Hochfrequenz-Börsenhandel verkörpert, fiele einem der Uli Hoeneß ein. Der saß lange gelangweilt in seiner VIP-Lounge und war auf der Suche nach einem neuen Kick. Sein immer siegreicher FC Bayern verschaffte ihm nur noch Langeweile. Was sich auf dem grünen Rasen jeden Samstag abspielte, hatte jedes Spannungsmoment verloren. Wie segensreich war dem Uli dann die Handy-App für die Börse. Mit den Blitz-Geschäften war plötzlich wieder der Hazard da. Der Finanzkapitalist Hoeneß, wusste die BILD, handelte mit allem, was die Nase rausstreckte: Rohstoffe, Derivate und Devisen. Er fieberte mit den grünen Kursverläufen, ihm bangte vor den rot hinterlegten Abstürzen.

Joseph Vogl analysiert ein Finanzsystem, das Innenleben von handelnden Personen geht ihn nichts an. Es ist eine Symbiose, die er beschreibt, zu der eine Wirtschaftstheorie in Gestalt der Mathematik ihren Beitrag leistet. Deren Modelle errechnen Wahrscheinlichkeiten mit dem Anspruch, sie an den elektronischen Handelsbörsen bewahrheitet zu sehen. Die in den Blick genommenen Unternehmen entstammen der crème de la crème: Amazon, Apple, Google und Facebook. Sie stehen für einen Finanzkapitalismus, der steigende Profitraten verspricht, während zugleich die Investitionen in die sogenannte Realwirtschaft sinken.

Macht es analytisch Sinn, die genannten US-Konzerne einer Finanzwirtschaft zuzurechnen und diese von einer realen zu unterscheiden, schließlich umgreift der Kreislauf des Kapitals die Geld- und die Warenzirkulation? Wenn, so schätzt man, fünfzig Mal mehr Geld nach Verwertung sucht, als welches in Produktionsprozessen steckt, dann sind profitable Investitionschancen knapp. Dann japst das Geld nach der Verwandlung in stoffliche und menschliche Warenkörper, um mehr Geld zu werden. Die profitable Umwandlung wird an der Börse versprochen. Eine gute Börsenstory ist hier oft wichtiger als eine seriöse Geschäftsidee. Zwei Drittel ihres Budgets stecken die Newcomer an den Technologiebörsen in die PR und ins Marketing, erfährt man bei Vogl. Brand awareness schlägt Fundamentaldaten: Eigenkapitalquote, Cashflow, Rückstellungen. Es ist die Zeit der wie die Supernova am Sternenhimmel erscheinenden Wirecards.

Finanzkapitalismus als Begriff gibt wenig her, digitaler Kapitalismus ebenso wenig. Google kauft Robotik-Unternehmen und versucht sich als Player auf dem Markt der Maschinenbauer. Das Gerücht, Apple plane ein E-Gefährt, treibt den Autobauern den Angstschweiß auf die Stirn. VW kooperiert mit Microsoft, um seinen Golfs und Passats Updates aufzuspielen und Services anzubieten. Amazon liefert dem Siemens-Konzern seine Server zu, damit der Konzern seinen Industriekunden die nächste Stufe der Fabrikautomatisierung verkaufen kann. Der Kapitalismus des Silicon Valley kooperiert mit dem rheinischen Kapitalismus und sieht die Welt und seine Rolle darin durchaus nicht bloß durch die digitale Brille.

Der von Joseph Vogl behauptete Finanzkapitalismus erscheint als die Nacht, in der alle Katzen grau sind. Die Theorie muss zur Empirie passen, und die Vorgaben der Politik dürfen sich mit der Konsistenz der Theorie nicht beißen. Aber diese Kluft tut sich bei ihm auf. Vogl lässt unberücksichtigt, welche Konsequenz die EU-Kommission aus der letzten Finanzkrise gezogen hat. Die Kommission forciert - eingedenk der Tatsache, dass die Mitgliedsländer mit einem hohen Industrieanteil von der Krise in 2008 nur moderat beeinträchtigt wurden - eine Industriepolitik, mit der die EU-Staaten ihre Wertschöpfung mittels traditioneller Industrie über die 20 Prozent-Marke hieven sollen. Sie fördert Handfestes wie Batterietechnik oder Brennstoffzellen, keine windigen Finanzprodukte. Der ehemals verhätschelten Finanzwirtschaft im Allgemeinen und der Londoner City im Besonderen gefällt dies gar nicht; ein Grund, warum die City den Brexit forciert hat. Die Biden-Regierung wiederum legt ein Keynesianisches Programm auf, das die marode, für die Industrie so ineffiziente Infrastruktur des Landes, sein Schienen- und Straßennetz, seine Wasserwege, seine Versorgung mit regenerativer Energie und mit schnellem Internet, modernisieren soll. Und die beschämend niedrige Besteuerung der Internetgiganten wollen die G 20-Staaten endlich auch angehen; mit dem Ende der Trump-Administration stehen die Chancen dafür ziemlich gut.

Mit der Hegemonie der Digitalkonzerne ist es nicht so weit her, wie der Autor behauptet; auch hier wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Der Gegensatz zum analogen Kapitalismus gerät konstruiert, die Begriffsbildung schwammig. Der Autor haut ja mächtig auf die Sahne:

»Bis vor kurzem und am Beispiel des modernen Industriekapitalismus wollte man mit Geldfunktion und Warenwirtschaft eine allgemeine ‚Verdinglichung‘ … konstatieren, deren Wirklichkeit sich in ‚Phantasmagorien‘ und ‚Fetischismen‘, in den Verzauberungen der Waren- und Konsumwelt entstellte. Solche ideologischen Entstellungen werden im gegenwärtigen Finanz- und Informationsregime allerdings durch eine Hegemonie von Codes und Informationsbegriffen überboten.«

Es kommt gar noch dicker; denn »der Kapitalismus ist ontologisch verwurzelt und schickt sich an, die Struktur elementarer Seinsbeziehungen zu prägen. Der damit verbundene Schematismus lässt sich wohl weniger den Regionen ideologischen Überbaus als den Basisstrukturen jüngster Produktionsverhältnisse zuschlagen.«

Wie sind diese Sätze zu verstehen? Doch wohl nur so: Der Kritik des Warenfetischismus und der Verdinglichung ist der Boden entzogen. Denn diese Kritik lebt von der Differenz zwischen Wesen und Erscheinung. Was als Vermögen der Dingwelt erscheint, verdankt sich demnach dem kombinierten Arbeitsvermögen der Gesellschaftsmitglieder. Nicht das Kapital schafft den Güterreichtum dieser Welt, sondern die lebendige Arbeit. Wer verdinglicht denkt, glaubt dagegen, dem Gegenstand wohne das produktive Vermögen inne. Das prozessierende Geld, das Kapital, produziere also Reichtum wie ein Birnbaum Birnen erzeugt. Marx nannte diese verkehrte Stellung des Gedankens zur Gegenstandswelt Fetischismus. Seine Hoffnung galt dem, was er »ein enormes Bewußtsein« nannte. Dem revolutionären Subjekt, so Marx, gelingt »die Erkennung der Produkte als seiner eigenen.«

Laut dem Autor ist diese Erkennung nicht mehr möglich. Wenn der Kapitalismus »ontologisch verwurzelt« ist, wenn er die »Seinsbeziehungen prägt«, dann fallen Erscheinung und Wesen zusammen. Was in Marxscher Terminologie, als ein Phänomen des falschen Bewusstseins gilt, hätte dann als das Wesen des Gegenstandes zu gelten. In der mit der Informationstechnologie fusionierten Finanzwirtschaft sei die im Code festgehaltene Information wichtiger als das Geld geworden, schreibt Vogl; die Information sei »zur Wertform geronnen.«

Nimmt man diese Sätze zu ihrem Nennwert, dann können sie nur folgendes bedeuten: Die Erste Natur, die eine innere Form besitzt und das Arbeitsvermögen, das dieser inneren Form gemäß produziert, hätten sich in Luft aufgelöst. Der »postindustrielle Kapitalismus« käme völlig ohne Natur aus. Der Begriff der Produktion würde aber keinen Sinn mehr machen; an die Stelle der Produktion wäre eine creatio ex nihilo getreten. Es gäbe keinen widerständigen Naturstoff mehr, weder auf Seiten des Objekts, noch auf der des die Objektwelt bearbeitenden Subjekts. Es seien nur noch Datenströme und Prozesshaftes auszumachen, kein Ansichsein empirischer Dinge mehr. Der Datengeist würde eine Welt erzeugen, und die in Infos aufgelöste Welt sei mit diesem Geist identisch.

Die Voglsche Kritik, die besonders radikal sein will, landet bei einem Hegelianismus, der sich, wie man bei Karl Heinz Haag erfährt, mit einem Positivismus ganz gut verträgt. Kritik der Verhältnisse? Im »kapitalistischen Realismus« ist sie unmöglich geworden. Denn wenn die vom Finanzkapital in ihrer Synthese mit der Informationstechnologie entstandene Welt realistisch ist, dann ist der Kritik der Boden entzogen. In der entstandenen Zeichenwelt sind, so Vogl, »Interpretant und Objekt zusammengefallen.«

Denken, das vorgibt, wahr zu sein - und das will ja das kritische - muss seinem Gegenstand entsprechen, im Unterschied zur Ideologie, die ihn verfehlt. Wenn nun die Gegenstände dieser Welt nur Datenkombinationen sind, dann ist der, der diese Daten lesen kann, das erkennende Subjekt und der sie erzeugende Programmierer gar das identische Subjekt-Objekt (nach dem die idealistische deutsche Philosophie gefahndet hat).

Auf solch schwindelerregende Höhenzüge führen einem die Reflexionen des Autors. Was sein Buch so ärgerlich macht, sind die Anleihen, die es nimmt und nicht zurückzahlt. Die Kategorien der klassischen Ökonomiekritik werden durchgängig metaphorisch verwendet. Vogl eignet sich, wie erwähnt, den Begriff der Wertform an und setzt ihn gleich mit der in Daten geronnenen Information. Im Wert einer Ware drückt sich die Zeiteinheit aus, die es braucht, um sie zu erzeugen, das ist der Wortsinn von Wertform. Brauche ich nur einen Click, um eine Info zu erhalten, dann tendiert der Wert gegen null. Das kann nicht gemeint sein, aber was ist gemeint? Oder was bedeutet »Verhaltensmehrwert«, wie geht Aneignung des »Mehrwerts an Codes«?

Auch die Kantischen Kategorien müssen leiden, nicht nur die Marxschen. Er bemüht, wie zitiert, Kants Schematismus. Wir sind also gezwungen, die Welt des Kapitals in Kategorien zu verstehen, die uns das böse Ding aufgezwungen hat. Warum ist es dem Joseph Vogl gegeben, sich diesem Schematismus zu entziehen und seine Verstandeskategorien davon rein zu halten? Oder das Schöne laut Kant in Vogls Version: Finanzökonomische Urteile, wie sie auf der Basis mathematischer Modelle und in der Bits & Bytes-Welt gefällt werden, besäßen einen fast ästhetischen Charakter, schreibt er. Das Wohlgefallen, heißt es in der Kritik der Urteilskraft, ist ein interesseloses. Ein Wirtschaftsinformatiker mag sich an der Schönheit unregulierter Märkte erfreuen, vielleicht sind sie das Eldorado seiner Wahrscheinlichkeitsrechnung. BlackRock, die Fondsmatadore, mögen an den Börsen noch nach etwas anderem suchen.

Der Autor formuliert flott, und als Leser steht man ein wenig wie der Ochs vorm Berg. Ist das jetzt ganz weise, und ich bin zu blöd, es zu verstehen? Das deutsche Feuilleton, das in gedruckter und gesendeter Form das Buch sehr gelobt hat, (im Perlentaucher kann man‘s nachlesen) hat sich dazu verstanden, ein Buch der Weisheit in Vogls neuem Werk zu sehen.  

Vogls Reflexionen nehmen mitunter einen ganz bodenständigen Ausgang, zum Beispiel, wenn er vom Unterschied zwischen Wissen und Information handelt. Hier schreibt er erhellende Sätze über die »systematische Delegitimation von Wissen,« das umständlich mit Logik, Begründung, Rechtfertigung hantieren muss, während die allgegenwärtige Info als Springinsfeld daherkommt. Hier gelingen ihm richtig schöne Formulierungen: »Inmitten einer informationellen Explosion hat sich eine Ausweitung von Ignoranzzonen eingestellt.«

Während der Ausflug in die Theoriewelt für den Leser unerfreulich ausgeht, hat er etwas von dem Buch, sobald sein Verfasser von der empirischen Seite kommt. 70 Prozent aller Börsenbewegungen gehen auf das von Algorithmen verursachte Buy, Hold, oder Sell zurück. Was beim Auto noch nicht funktioniert, die steuernde Künstliche Intelligenz, ist beim Finanzprodukt längst realisiert. Oder folgende Beobachtung: Die Rating-Agenturen, die in 2008 die griechische Ökonomie beinahe in den Orkus befördert haben - Herr Schäubles Isch ower sei in Erinnerung gerufen – fällen Urteile über Volkswirtschaften, aber wenn Standard & Poors daneben liegen, hat es die Konsequenz einer journalistischen Falschmeldung. Auch die Passagen, die sich dem alten Habermas-Thema, dem Strukturwandel der Öffentlichkeit widmen, sind anregend zu lesen. So beliefert Google die Öffentlichkeit mit seiner Informationsware, aber der Lieferant unterliegt keinerlei Restriktion durch das Publikationsrecht.

86 Prozent der sogenannten Shares, die eine deutsche Partei auf Facebook etc. erhält, kommen der AfD zu. Für die Hassverkäufer sind die Social Media unverzichtbar; hier kommt die zeitgemäße Hetzmeute zusammen, von der Elias Canetti in Masse und Macht schreibt. Die stärksten Passagen des Buchs handeln vom Zerfall der Öffentlichkeit. Vogl zeichnet die Logik der Facebook Community nach. Hier wird Gesellschaft depotenziert und Gemeinschaft potenziert. Dazu braucht es in rauen Mengen den Stoff Ressentiment. Joseph Vogl spricht von der Tribalisierung und einer Sprache, die »gleichsam ballistischen Charakter« hat.

Die Foren des Internets haben eine »spezifische Form des Sozialen hervorgebracht,« und das Spezifische daran ist der dauergereizte Ton. Es sind, könnte man spekulieren, die Affekte einer Angestelltengesellschaft, die sich krampfhaft als mittelständig begreifen soll, und deren Krämpfe sich zeitweilig lösen, indem sie – in Stellvertretung einer oberen Klasse, die es ja nicht geben darf- Minderheiten und ausgeguckte Personen attackiert, die Migranten, die Brüsseler Bürokraten, die Virologen, den Herr Scholz, den Herr Zuckerberg. Gegen alle läuft tendenziell Fahndung; je abstrakter das System, je undurchsichtiger seine Macht, desto mehr Mikro-Identitäten und Schuldige müssen her.

In seinem Schlusskapitel befasst sich Vogl mit dem Lebensneid derer, die sich zurückgesetzt fühlen und sich im Internet austoben. Sie suchen nach Anlass für ihre Freude am Verurteilen und Abstrafen. Sie sind von der Phantasie gequält, der Andere genieße schamlos, was sie selbst entbehrten. Die letzte neueste Ware haben sie doch gekauft, aber die lässt sie genauso unzufrieden zurück, wie der Konsum der vorletzten. Der Wohlfühlfaktor in der Entfremdung tendiert gegen Null.

Das Buch legt seinem Leser Resignation nahe. Zum optimistischen Hurra gibt es wahrlich keinen Grund. Dennoch, was Vogl schreibt, ist zu viel des Bösen. Die Abstraktion Macht stattet er mit einer Machtfülle aus, gegen die nichts und niemand mehr ankommt. Seine radikale Kritik gerät ihm völlig konsequenzlos. Keine politische Kraft reicht, folgt man dem Autor, an die Governance der Konzerne ran. Ob sich die Europäische Kommission gegen die Datenkrake Google stemmt, ob sie den Mitgliedsstaaten zu einem höheren Anteil klassisch-industrieller Wertschöpfung verhelfen will, ob die Praxis der Internetriesen, Steuern in homöopathischer Dosis zu zahlen, beendet wird, ob die Zentralbanken und die Europäische Bank die Privatisierung der Geldschöpfung à la Bitcoin zu verhindern wissen - für Vogls Großgemälde haben solche Schattierungen keine Bedeutung. Und die Dimension sozialer Kämpfe kommt in seiner Perspektive gar nicht vor.

Vogl, der Mikrophysiker der Macht, schreibt die Theorie von Deleuze und Guattari fort. Als der französische Theorieexport zum ersten Mal an der Frankfurter Uni Anfang der 70er auftauchte, fragte ein Student den als Zwischenhändler auftretenden Prof., was nun zu tun sei. Der junge Professor: »Machen Sie es wie ich. Suchen Sie sich einen Job, bei dem man ordentlich verdient. Lernen Sie surfen, und fahren Sie so oft wie möglich nach Kalifornien, dort sind die Wellen am besten.«

Artikel online seit 23.04.21
 

Joseph Vogl,
Kapital und Ressentiment
Eine kurze Theorie der Gegenwart
Hanser Verlag
224 Seiten
18,- Euro
978-3-406-76953-5

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