Glanz&Elend Literatur und Zeitkritik
 

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Bestseller & Geheimtipps

55 Bücher mit Qualitätsgarantie zusammengetragen und empfohlen

von Herbert Debes

 

Die poetische Analyse des Dämonischen

Charles Baudelaire - Les Fleurs du Mal

Diese zweisprachige Ausgabe des Klassikers in der Neuübersetzung von Simon Werle anlässlich des 150. Todestages von Charles Baudelaire setzt einen funkelnden Meilenstein und ist auch buchherstellerisch eines der schönsten Bücher dieses Jahres.
Kaum ein anderes Werk hat die europäische Lyrik so nachhaltig geprägt wie »Les Fleurs du Mal« (1857) des
Décadent und Dandy Charles Baudelaire. Bei seinem Erscheinen in Frankreich ein riesiger Skandal, mehrfach verboten und verbrannt, ist dieser Gedichtzyklus zu einem zentralen Text der Moderne geworden. Grundthema der »Blumen des Bösen« ist die Biopsie des Abgrunds, der in einem Subjekt aufklafft, das die Entstehung des modernen Bewusstseins als seelische Zerreißprobe durchleidet. Das »Böse« dieser Blumen meint nicht eine moralische Kategorie oder ein sittliches Urteil, sondern die unerbittliche Analyse des Dämonischen an der Wurzel jeder existentiellen Erfahrung.
Mit ihrer Sprachmagie, ihren Exorzismen der Verzweiflung, ihrer Ästhetisierung des Makabren, Bizarren und Morbiden, und nicht zuletzt mit ihrer gewagten Erotik, markieren »Die Blumen des Bösen« einen Höhe- und Wendepunkt der französischen Dichtung: in ihrer formalen Perfektion noch der Verskunst des Klassizismus und der Romantik verpflichtet, sprengen und überschreiten sie deren inhaltliche Modelle und erschließen psychologisch wie soziologisch völlig neue Dimensionen.

Charles Baudelaire - Les Fleurs du Mal - Die Blumen des Bösen - Gedichte.  - Neu übersetzt von Simon Werle - Rowohlt - 528 Seiten - 38,00 € - 978-3-498-00677-8 Leseprobe


Eine Hymne auf das Leben
und die Freundschaft

Es gibt Bücher, die glücklich machen. John Steinbecks »Logbuch des Lebens« ist uneingeschränkt eines davon, zumal, wenn es in dieser beispielhaft gestalteten Ausgabe in der Buchhandlung darauf wartet von Steinbeck-Liebhabern an neue Leser-Generationen weitergegeben zu werden. In den letzten Jahren haben sich hierzulande einige Verlage mit bibliophilen Neuübersetzungen darum bemüht, Klassiker in der Gegenwart wieder lebendig werden zu lassen. Der Mare-Verlag macht die schönsten.
Im Frühjahr 1940 verließen John Steinbeck und sein bester Freund, der Meeresbiologe Ed Ricketts, an Bord eines Sardinenkutters den Hafen von Monterey. Sie wollten die Tierwelt der kalifornischen Küste untersuchen, das »wahre Leben« dabei aber keinesfalls aus den Augen verlieren: So enthält Steinbocks »Logbuch« Beschreibungen der von den Gezeiten geprägten Fauna – und daneben höchst unterhaltsame Einlassungen über mythische Meerwesen, den Fortpflanzungstrieb der Biologen oder den widerspenstigen Außenbordmotor namens Seekuh. Steinbecks Aufzeichnungen erscheinen hier in neuer Übersetzung und mit einem Nachruf auf Ed Ricketts, der 1948 nach einem Zugunglück verstarb und zum Vorbild für die Figur des Doc aus »Die Straße der Ölsardinen« wurde. Zusammen mit Steinbecks unsentimentalen Erinnerungen an den Freigeist Ricketts wird das Logbuch des Lebens zu einer Hymne auf das Leben und die Freundschaft.


John Steinbeck - Logbuch des Lebens - Übersetzt von Henning Ahrens - mare Verlag - Leineneinband mit Lesebändchen im Schuber - 368 Seiten - 32,00 € - 978-3-86648-259-3


Vom Leben als Bohemien

Vergessen Sie den Haudrauf und Saufkumpan Hemingway. In diese
m unsterblichen Buch zeigt sich der genußbereite Bohemian Henry Miller als Lebenskünstler, Prophet und Moralist. Jahrelang musste der Roman auf die Veröffentlichung warten. Denn «Stille Tage in Clichy» ist nicht, wie der Titel vermuten lassen könnte, eine Idylle im Werk des „obszönsten Schriftstellers der Weltliteratur“ (Sir Herbert Read). Doch sei es, dass sich sein Erzähler Joey dem Mädchen Nys nähert, das er im Café trifft, sei es Mara-Marignan, die sich auf dem Champs-Élysées nach ihm umdreht: Joeys Abenteuer sind von erstaunlicher Heiterkeit. Ganz gleich, ob eine Mutter unter dem Gekreisch ihrer Kinder entblößt wird oder ob Joey mit zwei Dirnen in der Badewanne Brot und Wein zu sich nimmt, fast immer sind seine Handlungen von Gelächter begleitet, gehen unter in wilder Ausgelassenheit. Zugleich beschwört Henry Miller das Paris der dreißiger Jahre und seiner Atmosphäre überschäumender Lebenslust.

Henry Miller -
Stille Tage in Clichy
- Roman - Übersetzt von Kurt Wagenseil - rororo - 144 Seiten – Mit Illustrationen von Brassaï - 10,00 € - 978-3-499-15161-3

Auf der Suche nach dem glücklichen Leben

Den meisten Literaturkritikern gilt "Der glückliche Tod" als eine Art Entwurfsfassung für Camus' Kultroman "Der Fremde". Diese Einschätzung wird dem Roman jedoch nicht gerecht. Er kann sehr wohl für sich allein gelesen werden. In einer beherrschten sinnlichen Prosa beschriebt Camus die geliebte algerische Landschaft, die mediterrane Sonne, den tiefblauen Himmel, die glühende Erde, die erlösende See, aber auch das Gefühl der Entfremdung und das vertraute Verhältnis zum Tod. Auch dieser frühe Mersault begeht ein Verbrechen, allerdings muß er bald erkennen, daß sich das Glück nicht herbeizwingen läßt, wenn man es von materiellem Wohlstand abhängig macht. Mersaults Odyssee endet schließlich konsequent dort, wo alles Leben begann, im Meer. "Und ein Stein zwischen Steinen, ging er in der Freude seines Herzens wieder in die Wahrheit der unbeweglichen Welten ein."

Albert Camus -
Der glückliche Tod – Übersetzt von Eva Rechel -Mertens- rororo – 208 Seiten, 10,00 € - 978-3-499-22196-5

Joseph Roth in Paris


Seit 1925 wurde Paris zur wichtigsten Stadt in Joseph Roths Leben: Hier fand er zu seinem unverkennbaren Stil, hier verbrachte er, nachdem Frankreich für ihn zum Exilland geworden war, die letzten anderthalb Jahrzehnte seines kurzen Lebens, und hier wurde er am 30. Mai 1939 beigesetzt. Als er im Auftrag der «Frankfurter Zeitung» zum ersten Mal in die französische Hauptstadt kam, wirkte diese auf ihn wie eine Offenbarung. Er schrieb: «Wer nicht hier war, ist nur ein halber Mensch und überhaupt kein Europäer.» In Paris fühlte sich Roth schlagartig von seinen Sinnkrisen befreit. Die Stadt forderte ihn in ihrer Modernität und überwältigenden Vielfalt heraus. Das unmittelbare Ergebnis war eine Reihe von Briefen und Feuilletons, mit denen sich Roth als ein radikaler Chronist der flirrenden Metropole und als einer der einfühlsamsten Journalisten seiner Generation etablierte. Dennoch verweigerte ihm die «Frankfurter Zeitung» 1926 den Posten eines ständigen Frankreich-Korrespondenten. So orientierte sich Roth, der seine Reportagen und Essays mit demselben Anspruch schrieb wie seine Romane, noch einmal neu. Nur eines änderte sich nicht mehr: Paris blieb von nun an der Mittelpunkt seines unsteten Lebens in Hotels, Bars und Bistros.
Der Band enthält Roths gesammelte Paris-Feuilletons sowie einige bislang unveröffentlichte Briefe und ein materialreiches Nachwort, das seinen Spuren durch
die Stadt folgt und seine Arbeiten in ihre Zeit einordnet.


Joseph Roth - Pariser Nächte - Feuilletons und Briefe - C.H. Beck textura - 144 S., mit 2 Abbildungen - 16,00 € - 978-3-406-72631-6

Vom Erinnern an glückliche Zeiten

Es ist nie zu spät, Evelyn Waugh zu lesen oder wiederzulesen. Er ist einer der Großmeister der englischen Prosa des 20. Jahrhunderts.
Charles Ryder befreundet sich in Oxford mit Sebastian Flyte und widmet fortan sein Studium mehr den Drinks als den Büchern. Als Sebastian ihn nach Brideshead in sein prächtiges Zuhause einlädt, ist Charles fasziniert von der exzentrischen aristokratischen Familie, die ihn schon bald als einen der Ihren behandelt. Doch nach und nach erkennt er die Kluft, die ihn von den Flytes trennt: Sie sind geprägt von einer Moral, in der sich Pflichtgefühl und Begehren, Glaube und Glück im Wege stehen. Halb Beteiligter, halb Chronist, erzählt Charles Ryder von seinen Besuchen in Brideshead, von einer trügerisch leuchtenden, scheinbar unbekümmerten Welt – die schließlich unterging und nichts als verbrannte Erde zurückließ. ›Wiedersehen mit Brideshead‹ ist das englische Gegenstück zum amerikanischen ›Großen Gatsby‹: das Porträt der Schönen und Reichen in den Jahren zwischen den Weltkriegen, die Chronik einer Vertreibung aus dem Paradies bei Anbruch der modernen Zeit – und die Geschichte einer unmöglichen Liebe.


Evelyn Waugh -
Wiedersehen mit Brideshead
- Die heiligen und profanen Erinnerungen des Captain Charles Ryder - Aus dem Englischen von pociao. Mit einem Nachwort von Daniel Kampa und einem Vorwort des Autors - Diogenes - Hardcover Leinen - 544 Seiten  - 29,00 € - 978-3-257-06876-4


Wiedersehen mit Havanna


Nach achtzehn Jahren im Exil kehrt der Schriftsteller Fernando nach Havanna zurück, um nach einem verschollenen Manuskript des Dichters José María Heredia zu suchen. Die Rückkehr führt ihn nicht nur zu den Geheimnissen der Freimaurer Kubas, denen Heredia angehörte, sondern auch in die eigene Vergangenheit: Wer hat Fernando vor bald zwanzig Jahren denunziert und damit ins Exil getrieben?
Padura verwebt drei Handlungsstränge: Das Schicksal von Fernando, die Suche nach dem verlorenen Manuskript und die fiktiven Memoiren von Heredia. Gleichzeitig vermittelt er ein atmosphärisches Bild von Kubas Geschichte, vom beklemmenden Lebensgefühl im Exil und deckt erstaunliche Parallelen im Leben der beiden Schriftsteller aus zwei Jahrhunderten auf.
»Dieser Roman ist ein ganz großes Panorama – eine Kultur-, Dichtungs-, Geistesgeschichte von 200 Jahren Kuba und der ganzen hispanophonen Karibik, natürlich mit dem Akzent auf Emigration, auf Solidarität und Dissidenz, über Dialektik von Poesie und Realpolitik. Eine Hymne auf ein ideales Kuba, auf die Literatur und gleichzeitig ein großer Roman der Desillusion und Trauer.« Thomas Wörtche, Literatur-Nachrichten, Frankfurt

Leonardo Padura -
Die Palme und der Stern
– Roman - Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein – Unionsverlag - UT 756 - 464 Seiten – 16,95 € - 978-3-293-20756-1

Flug ins Ungewisse

Wir erzählen uns Geschichten, um uns unseres Daseins zu versichern. Mit dem Tod, und nur mit ihm, hören sie auf.
Es ist eine dieser Nächte, die man durcherzählen muss. Das zumindest findet Bill, der auf dem Flug von Bangkok nach Zürich neben Emma sitzt. Bill geht ihr gehörig auf die Nerven. Mit Donnerstimme erzählt er aus seinem Leben – und um sein Leben, und nicht nur Emma, sondern auch andere Passagiere sind gezwungen zuzuhören. Trotz ihres Widerstands werden sie aber alle, Emma, Michael, Stefan, Walter und ein Junge, ja, auch die japanische Familie in der hinteren Sitzreihe, vom Sog der Geschichten erfasst, wobei eigene Geschichten und Phantasien wachgerufen werden. Alle diese Geschichten fügen sich zu einem Rei­gen, bei dem sich ungeahnte Bezüge und Entspre­chungen und ein geheimnisvoller Mittelpunkt herausschälen. Denn Bill beschwört sprachgewaltig Orte, Leute und seltsame Wesen herauf. Die zwölf Stunden dieser Flugnacht entwickeln einen gefählichen Reiz und bekommen nicht allen gleich gut.


Christina Viragh - Eine dieser Nächte Roman - Doerlemann - 496 Seiten - 28.00 €  - 9783038200567 -  Leseprobe


Juan Gabriel Vásquez in Hochform

Kolumbien 1948: Der liberale Politiker Jorge Eliécer Gaitán wird in Bogotá auf offener Straße ermordet. Sein Tod stürzt Kolumbien in die tiefste Krise seiner Geschichte. Jahrzehnte später wird ein Mann verhaftet, als er versucht, den Anzug Gaitáns aus einem Museum zu stehlen. Überzeugt von einer Verschwörung und besessen von der Suche nach der Wahrheit hinter der Ermordung Gaitáns bedrängt er auch den Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez. Hängt das Attentat auf Gaitán mit dem auf John F. Kennedy zusammen? Und welche Verbindung gibt es zu den Attentaten auf Erzherzog Ferdinand in Sarajevo und Rafael Uribe Uribe in Kolumbien?
Die Gestalt der Ruinen deckt ein komplexes Geflecht von Anhängern und Gegnern der Demokratie auf und fragt nach dem Spielraum der Literatur zwischen Investigation und Skepsis. In seinem schonungslosen Roman verknüpft Juan Gabriel Vásquez die leidenschaftliche Erforschung all dessen, was unsere Freiheit gefährdet, mit klugen autobiografischen Reflexionen: Geschichte und Politik spiegeln sich im eigenen Leben und Schreiben.

Juan Gabriel Vásquez - Die Gestalt der Ruinen - Aus dem Spanischen von
Susanne Lange – Roman - Schöffling & Co. - 528 Seiten - 26,00  € - 978-3-89561-017-2 Leseprobe


Der Kampfgeist einer Frau

Im Land des Feindes
erzählt die wahre Geschichte der französischen Jüdin Marthe Hoffnung Cohn, die ihr Leben aufs Spiel setzte, um in Nazi-Deutschland kriegswichtige Vorhaben auszukundschaften. Aus einer Familie in der Grenzregion stammend, die verfolgte jüdische Kinder bei sich aufnimmt und später Menschen in die Freie Zone schmuggelt, ist ihr dieses Engagement eine Selbstverständlichkeit. Die Résistance, der sich Marthe unbedingt anschließen will, lehnt die zierliche Frau zunächst ab, doch aufgrund ihrer ausgezeichneten Deutschkenntnisse und ihrer unauffälligen Erscheinung wird sie als Spionin nach Deutschland geschickt. In hochdramatischen und gefährlichen Situationen beweist sie Geistesgegenwart und ungeheuren Mut.
Marthe Cohns Geschichte, geprägt vom leidvollen Schicksal ihrer Familie und ihres ganzen Volkes, beeindruckt durch den Kampfgeist einer Frau, die in ihrer Jugend alles riskierte und auch heute noch unermüdlich als Zeitzeugin für Gerechtigkeit und Freiheit eintritt.


Marthe Cohn - Im Land des Feinde - Eine jüdische Spionin in Nazi-Deutschland - Aus dem Englischen von Petra Post und Andrea von Struve - Schöffling & Co - 408 Seiten. Gebunden. Lesebändchen. Mit zahlreichen Fotografien - € 26,00   €[A] 26,80 - 978-3-89561-667-9 – Leseprobe


Analyse der Identitätspolitik

»Wir« zu sagen, ein »Wir« zu bilden ist die politische Handlung par excellence. Wie aber konstituiert sich ein politisches Subjekt? Wie funktioniert diese Identitätsbildung? Und wie hat sie sich historisch in den letzten zwei Jahrhunderten entwickelt? Das sind die Fragen, denen Tristan Garcia in seinem neuen hochaktuellen Buch nachgeht. Eine fulminante Analyse der Identitätspolitik.
Der »Kampf der Kulturen«, die Debatte um »den« Islam, um Geflüchtete, Rassismus, Feminismus oder »politisch korrekte« Sprache, um die Rechte der Tiere – immer geht es darum, im Namen eines »Wir« zu sprechen, sich abzugrenzen oder zu inkludieren, sich zu mobilisieren und zu organisieren. Die Intensität dieser Wir-Bildungen nimmt wieder enorm zu. Garcia tritt einen Schritt zurück und entwirft ein allgemeines Modell, das anhand von Mechanismen der Konturierung, Überlappung und Priorisierung zeigt, wie solche Wir-Identitäten gebildet werden. Und er erzählt die Geschichte ihrer Dynamik, ihrer Kontraktionen und Extensionen: eine Geschichte von Herrschaft und Widerstand.

Tristan Garcia -
Wir - Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann
Suhrkamp - 332 Seiten - 28,00 € - 978-3-518-58724-9 - Leseprobe

Trinkkultur

Welch
e Spirituose kurvte im Glas von Willy Brandt und was trug diese zur Entspannung zwischen Ost und West bei? Warum gefährdete ein katholischer Geheimbund die Brandy-Produktion?
Was brachte Ernest Hemingway zum US-Geheimdienst und Bacardi vor Gericht? Jede Machtverschiebung, jeder Krieg, jede technische Neuerung prägte auch Aussehen und Geschmack der Brände. Neue Absatzmärkte wurden geschaffen, alte brachen ein, exotische Zutaten wurden entdeckt, Weinberge und Industrien gingen in Flammen auf und entstanden neu, Alkoholsteuern machten manchen Krieg erst möglich, finanzierten aber auch Schulen und Eisenbahnen.
»Die Schule der Trunkenheit« folgt den verschlungenen Pfaden der Spirituosen durch die Wirren der letzten Jahrhunderte. Heimat und Wiege der »Schule der Trunkenheit« ist die mehrfach ausgezeichnete Victoria Bar (u. a. auf der Independent-Liste der 50 besten Bars der Welt). 2001 eröffnete sie inder Potsdamer Straße und bietet seither einen Hort für Trinkkultur und -sitte.


Kerstin Ehmer und Beate Hindermann -
Die Schule der Trunkenheit  - Verbrecher Verlag - 288 Seiten - 24,00 € - 9783957323132 – Leseprobe

 

Entdecken Sie Lessie Sachs

1896 in Breslau geboren, entschied sich Lessie (Valeska Luise) Sachs früh dazu, ein Kunststudium aufzunehmen und zog nach München, die damalige deutsche Kunstmetropole.
Während der sich überschlagenden Ereignisse der Novemberrevolution 1918/1919 engagierte sich Lessie Sachs politisch, trat der KPD bei und arbeitete für die Räteregierung. Im Zuge der Niederschlagung der Münchner Räterepublik wurde sie verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt,  danach stand sie jahrelang unter Beobachtung. Nach ihrer Ausweisung aus Bayern zog sie zunächst zurück nach Breslau. Ab 1930 veröffentlichte Lessie Sachs Gedichte und Kurzprosa in renommierten Zeitungen wie der Vossischen oder dem Simplicissimus. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten machte ihre Hoffnungen auf eine Karriere als Schriftstellerin zunichte und zwang sie 1937, mit ihrem Mann, dem Pianisten und Komponisten Josef Wagner, und ihrer Tochter nach Amerika zu emigrieren, wo sie 1942 starb.
Mal voller Humor und Selbstironie, mal nachdenklich und melancholisch: Die Gedichte der deutsch-jüdischen Schriftstellerin Lessie Sachs sind heute zu Unrecht nahezu in Vergessenheit geraten.


Lessie Sachs -
Das launische Gehirn - Lyrik und Kurzprosa
Aviva Verlag - gebunden, mit Leseband - 300 Seiten – 20,00 € -  978-3-932338-73-1

 

Ein Leben

Annie Ernaux - Die Jahre


»Das Schwarz-Weiß-Foto eines Mädchens in dunklem Badeanzug auf einem Kieselstrand. Im Hintergrund eine Steilküste. Sie sitzt auf einem flachen Stein, die kräftigen Beine ausgestreckt, die Arme auf den Felsen gestützt, die Augen geschlossen, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Sie lächelt. Ein dicker brauner Zopf fällt ihr über die Schulter, der andere verschwindet hinter ihrem Rücken. Offensichtlich imitiert sie die Pose der Filmstars aus Cinémonde oder aus der Werbung für Ambre-Solaire-Sonnenmilch und will so ihrem demütigend unreifen Kleinmädchenkörper entfliehen. Auf ihren Schenkeln und Oberarmen zeichnet sich der helle Abdruck eines Kleides ab, ein Hinweis darauf, dass ein Ausflug ans Meer für dieses Kind eine Seltenheit ist. Der Strand ist menschenleer. Auf der Rückseite: August 1949, Sotteville-sur-Mer.«
Kindheit in der Nachkriegszeit, Algerienkrise, die Karriere an der Universität, das Schreiben, eine prekäre Ehe, die Mutterschaft, de Gaulle, das Jahr 1968, Krankheiten und Verluste, die so genannte Emanzipation der Frau, Frankreich unter Mitterrand, die Folgen der Globalisierung, die uneingelösten Verheißungen der Nullerjahre, das eigene Altern. Anhand von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen, von Wörtern, Melodien und Gegenständen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre, die vergangen sind. Und dabei schreibt sie ihr Leben - unser Leben, das Leben - in eine die Leser mitreißende Erzählform ein, in eine kollektive poetische Recherche.


Annie Ernaux - Die Jahre 
- Aus dem Französischen von Sonja Finck - Bibliothek Suhrkamp 1502 - Gebunden, 255 Seiten - 18,00 € - 978-3-518-22502-8 Leseprobe


Porträt einer verlorengegangenen Welt

Aharon Appelfeld - Meine Eltern


August 1938: Am Ufer des Flusses Prut in Rumänien versammeln sich die Sommerfrischler, überwiegend säkularisierte Juden, darunter ein Schriftsteller, eine Wahrsagerin, eine früher mit einem Christen liierte Frau, die nun auf Männerschau ist. Auch der zehnjährige Erwin und seine Eltern sind hier, doch das Kind spürt, dass etwas anders ist: Hinter den Sommerfreuden, den Badeausflügen und Liebeleien geht die Welt, die alle kennen, zu Ende. Einige reisen früher ab, andere verdrängen die Nachrichten aus dem Westen. Spannungen bleiben nicht aus, auch nicht zwischen den Eltern, der Mutter, die Romane liest, an Gott glaubt und an das Gute, und dem Vater, dem Ingenieur, der alles rational und pessimistisch sieht. Als die Familie in die Stadt aufbricht, überfällt Erwin die Furcht. In der Schule wurde er geschlagen und als «Saujude» beschimpft – und er beginnt zu ahnen, dass an den unterschiedlichen Haltungen seiner Eltern noch viel mehr hängt: die Zukunft, das Überleben.
Ein feinfühliger Roman, der seismographisch die Brutalität des heraufziehenden Krieges verzeichnet – und zugleich das Porträt einer bürgerlichen Welt vor der Katastrophe.
Aharon Appelfeld ist einer der großen literarischen Zeugen und Bewahrer einer Welt, deren Verlust uns Nachgeborenen durch seine liebevollen Erzählungen schmerzlich bewußt wird.

Aharon Appelfeld - Meine Eltern - Roman - Übersetzt von Mirjam Pressler - Rowohlt Berlin - 272 Seiten - 22,95 € - 978-3-7371-0031-1 - Leseprobe


Flackernd & expressiv

John Williams - Nichts als die Nacht

Es hatte lange gedauert, bis John Williams den Weg zu uns deutschen Lesern fand, und man durfte schon mal verwundert fragen, wieso die literarischen Scouts hierzulande mit Blindheit geschlagen waren. Sein Roman »Stoner« wurde unerwartet ein Bestseller und sein Western »Butchers Crossing« schreit nach einer Verfilmung. Nur sein lehrstückhafter Briefroman »Augustus« scheint seine Leser etwas überfordert zu haben. Nun ist sein Debutroman »Nichts als die Nacht« erschienen, der als der flackernde, fulminante Auswurf eines jungen, verzweifelten Wilden daherkommt.
Das Leben des jungen Arthur Maxley scheint beherrscht von Müßiggang und einem nie verwundenen Trauma aus der Kindheit. Einen Abend, eine Nacht lang, folgen wir Arthur. Zunächst zu einem Dinner mit seinem Vater, den er viele Jahre nicht gesehen hat. Etwas Schwerwiegendes steht zwischen ihnen, Schuld und Scham lasten auf dieser Begegnung, deren hoffnungsloses und abruptes Ende einen Vorgeschmack gibt auf das verheerende Finale dieser Nacht. Die Straßen und Bars des nächtlichen San Francisco sind die Kulisse, vor der sich Arthurs innerer Abgrund auftut. Während er der Verführung durch eine fremde Schöne nachgibt, enthüllt sich Arthurs ganze existenzielle Not: erotische oder sexuelle Erfüllung können es nichtbefriedigen. Sein Begehren birgt ungeahnte Dimensionen.

John Williams - Nichts als die Nacht
- Novelle - Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben - dtv Literatur - Deutsche Erstausgabe, 160 Seiten - 18,00 € - 978-3-423-28129-4 - Leseprobe



Galavorstellung des fantastischen Realismus
José Eduardo Agualusa
Eine allgemeine Theorie des Vergessens

Es ist eine fantastische und doch ganz und gar wahre Geschichte: Am Vorabend der angolanischen Revolution mauert sich Ludovica, nachdem sie einen Einbrecher in Notwehr erschossen und auf der Dachterrasse begraben hat, für dreißig Jahre in ihrer Wohnung in einem Hochhaus in Luanda ein. Sie lebt von Gemüse, gefangenen Tauben und von einer Hühnerzucht, die sie auf der Dachterrasse wie durch Zauber beginnt, und bekritzelt die Wände in ihrer ausgedehnten Wohnung mit Tagebuchnotaten und Gedichten. Allmählich setzt sich aus Stimmen, Radioschnipseln und flüchtigen Eindrücken zusammen, was im Land geschieht. In den Jahrzehnten, die Ludovica verborgen verbringt, kreuzen sich die Wege von Opfern und Tätern, den Beteiligten an der Revolution, ihren Profiteuren und Feinden. Bis sie alle eines Tages erneut vor der Mauer in dem wieder glanzvollen Apartmenthaus stehen. José Eduardo Agualusa hat mit seinem wunderbaren, dicht und spannend gewobenen Roman, der das Fantastische der Wirklichkeit und eine Art höhere Gerechtigkeit beschwört, unvergessliche Szenen geschaffen, tragisch, komisch, grotesk.

José Eduardo Agualusa - Eine allgemeine Theorie des Vergessens - Roman - Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler - C.H. Beck Verlag - 197 Seiten - 19,95 € - 978-3-406-71340-8 - Leseprobe

Ende Legende

Lesley M. M. Blume - Und alle benehmen sich daneben

Durchsoffene Nächte, wilde Affären, hemmungsloser Ehrgeiz. Ellbogen zählen ebenso wie Talent. Der junge Ernest Hemingway hat nichts Geringeres vor, als die Romanliteratur zu revolutionieren, den großen Zeitgeistroman zu schreiben, nach dem alle Verlage fiebern. Mit ›Fiesta‹ gelingt ihm dieser Coup, und er wird, erst 27jährig, auf einen Schlag berühmt. Es sind die wilden Zwanziger in Paris, und die angelsächsische Expat-Gemeinde ist legendär: reiche Männer, schöne Frauen, Mäzene, erfolgreiche Literaten und solche, die es noch werden. im Mittelpunkt Hemingway, ein todestrunkener, stierkämpfender Aficionado, hartgesottener Trinker, hitzköpfiges literarisches Genie und – tatsächlich – Ehemann.
Lesley M. M. Blume erforscht das schillernde Universum, in dem aus einem unbekannten jungen Autor eine Ikone der Weltliteratur wurde und erzählt von den Menschen, die Hemingway (oft wenig schmeichelhaft) in seinem Werk verewigte. Sie dringt ein ins Herz der Lost Generation und zeigt, wie sehr diese bis heute beeinflusst, was wir lesen und wie wir denken – über Jugend, Liebe, Sexualität und Exzess.

Lesley M. M. Blume - Und alle benehmen sich daneben - Wie Hemingway seine Legende erschuf - Übersetzt von Jochen Stremmel - dtv - 24,00  - 978-3-423-28109-6 Leseprobe


Savoir Livre

Iris Radisch - Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben

Jean-Paul Sartre hat einst eine ganze Generation in Europa politisch geprägt. Michel Houellebecq beschreibt inzwischen Frankreich als Land in der Krise. Die französische Literatur der Nachkriegszeit war stets Programm, mal existenzialistisch, mal politisch, immer verführerisch.
Iris Radisch begibt sich auf einen Streifzug durch die neuere französische Literatur und stellt die wichtigsten Autoren vor. Sie lässt sich dabei von ihren eigenen Treffen mit den Autoren leiten und liefert einen einfühlsamen Überblick über die Welt von Sartre und Duras bis zu Patrick Modiano, Yasmina Reza und Houellebecq. Das Buch ist ein persönlicher Kanon der bedeutendsten Schriftsteller Frankreichs – und richtet sich an alle, für die das Land schon immer der kulturelle und literarische Sehnsuchtsort war.
In einem Jahr, in dem in Frankreich gewählt wurde und das Land vor einer ungewissen Zukunft steht, ist das Buch gleichzeitig ein wichtiger Beitrag zur Debatte über den intellektuellen Zustand unseres Nachbarlandes.

Iris Radisch - Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben - Von Sartre bis Houellebecq - Rowohlt - 240 Seiten 19,95 € - 978-3-498-05814-2 - Leseprobe



Zwischen Resistance und Kollaboration

Wolfgang Matz
- Frankreich gegen Frankreich
 
Frankreich ist ein geteiltes Land. Hier die republikanische, laizistische, großstädtische Linke, entstanden aus den Ideen von 1789, die ganz Europa verändert haben, dort die nationale, katholische, häufig antisemitische Rechte, die Frankreich abschotten will gegen die internationale Moderne. Einmal glaubte man diese Spaltung überwunden: Im Ersten Weltkrieg verteidigten alle Parteien gemeinsam ihr Land. Doch Frankreich wurde zum besiegten Sieger, und zwischen den Kriegen machten die inneren Kämpfe die Republik wehrlos gegen die totalitären Ideologien und gegen den militärischen Feind. Die Niederlage 1940 schien diese Wehrlosigkeit zu besiegeln.
Die dauernde Krise ließ die französischen Schriftsteller politisch werden wie nie zuvor. In großen Schlaglichtern ebenso wie mit hierzulande fast unbekannten Texten folgt Wolfgang Matz, der »brillante komparatistische Querläufer« (Süddeutsche Zeitung), den Intellektuellen zwischen der extremen Rechten und der radikalen Linken, zwischen einem bedingungslosen Pazifismus, der die Kollaboration mit dem Gegner in Kauf nimmt, und dem nationalen Widerstand: z. B. André Gide, Céline und Jean Giono, Simone Weil, Georges Bernanos und Drieu la Rochelle. In der zweiten Nachkriegszeit geht es noch einmal um die ideologische Deutungshoheit über die Vergangenheit und für die Zukunft: Was ist Frankreich, zerrissen zwischen der Nation und Europa? Dieser Grundkonflikt prägt Frankreich bis zum heutigen Tag, und er verleiht diesem Buch seine manchmal geradezu gespenstische Aktualität.

Wolfgang Matz
- Frankreich gegen Frankreich - Die Schriftsteller zwischen Literatur und Ideologie - Wallstein Verlag - € 22,00 - 240 Seiten - 978-3-8353-3078-8
 

Schlüsselbiographie

Der Taubentunnel - John le Carré

Was macht das Leben eines Schriftstellers aus? Mit dem Welterfolg »Der Spion, der aus der Kälte kam« gab es für John le Carré keinen Weg zurück. Er kündigte seine Stelle im diplomatischen Dienst, reiste zu Recherchezwecken um den halben Erdball — Afrika, Russland, Israel, USA, Deutschland —, traf die Mächtigen aus Politik- und Zeitgeschehen und ihre heimlichen Handlanger.
John le Carré ist ein exzellenter und unabhängiger Beobachter, mit untrüglichem Gespür für Macht und Verrat. Aber auch für die komischen Seiten des weltpolitischen Spiels. Seine Agentenromane haben die Grenzen des Genres vorbildhaft erweitert hin zur gesamtgesellschaftlichen Skizzen die in ihrer Gesamtheit ein Sittenbild der englischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg widerspiegeln. In seinen Memoiren, die an Spannung nicht hinter seinen Romanen zurückbleiben, blickt er zurück auf sein Leben und sein Schreiben.


Der Taubentunnel - John le Carré - Aus dem Englischen übersetzt von Peter Torberg - Ullstein Verlag - Broschur - 384 Seiten - 12,00 € (erscheint am 1.12.17) - 9783548289854


Abgesang
Don Carpenter - Freitags im Enrico's

In den wilden Tagen der Beat Generation trifft sich die Bohème von San Francisco jeden Freitag im Enrico's, um nächtelang zu trinken und zu diskutieren. Die jungen Schriftsteller sind voller Tatendrang und Lust, das Leben in all seinen Facetten zu ergründen. Der Roman fängt nostalgisch eine Epoche ein, in der alles möglich schien und die Welt sich dennoch weiterdrehte.
Während ganz Kalifornien dem Sommer der Liebe entgegenfiebert, ringen vier aufstrebende Literaten um ihren ganz persönlichen Erfolg: Die 19-jährige Jaime ist die Tochter eines Journalisten und hat das Schreiben im Blut. Ganz im Gegensatz zu ihrem Verlobten Charlie, einem Veteran aus Korea, der verbissen an seinem großen Kriegsepos arbeitet. Die beiden sind befreundet mit dem Müßiggänger Dick, der sich auf dem Erfolg einer einzigen Kurzgeschichte ausruht, die der Playboy veröffentlicht hat. Eines Nachts gesellt sich der Einbrecher und Juwelendieb Stan zu ihnen, der ein außergewöhnliches Talent für das Verfassen von Groschenromanen offenbart. Gemeinsam lachen und streiten sie, ohne zu merken, dass um sie herum eine Dekade zu Ende geht.

Don Carpenter - Freitags im Enrico's
- Roman - Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben - Beendet und mit einem Nachwort von Jonathan Lethem - Klett-Cotta - 462 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag - 25.00 € - 978-3-608-96079-2 - Leseprobe



Tom Franklin - Smonk - Die Stadt der Witwen


Old Texas, Alabama, 1911. Fernab und inmitten abgebrannter Maisfelder gelegen, leidet die kleine Gemeinde nicht nur unter den Folgen des Bürgerkrieges. E.O. Smonk, ein schießwütiger, einäugiger Farmer, tyrannisiert das Städtchen, insbesondere Dutzende Witwen und junge Mädchen, an denen er sich vergeht. Als ihm der Prozess gemacht werden soll, kann Smonk dem Lynchmob entkommen. Doch es scheint eine Verbindung zu geben zwischen Smonk, dem geheimnisvollen religiösen Witwen-Kult und der Truppe um einen christlichen Hilfssheriff, der eine mordende minderjährige Hure entlang der Golfküste verfolgt.
Auf den Spuren von Faulkner und McCarthy kombiniert  US-Autor Tom Franklin Elemente des Southern Gothic und des Western noir und legt in seiner Groteske die Wurzeln der angezählten amerikanischen Nation bloß, die nicht selten Freiheit mit dem Recht des Stärkeren assoziert.

Tom Franklin - Smonk - Die Stadt der Witwen - Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl - Pulp Master, 307 Seiten; 14,80 € - 3927734810 Leseprobe


»Von der Möglichkeit des Lebens als Abenteuer«

Karl Heinz Bohrers
- Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie

Bücher, deren Vortrefflichkeit man zu preisen versteht, sind in Wahrheit bloß mittelmäßig, weil sich das Urteil stets über den Stoff erhebt und ihn auf diese Weise abwertet. Zu Karl Heinz Bohrers Büchern aber kann man immer nur hinaufblicken und muss sich seines eigenen Urteils schämen, weil es doch niemals Bohrer’sche Größe erlangt. Für seine autobiografisch angelegte Geschichte »Jetzt«, ein Dokument deutscher Kulturgeschichte der Nachkriegszeit, gilt dies in ganz besonderer Weise: Jedes Komma gleicht einer geschliffenen Marmorklippe, jeder Satz ist eine rhetorische Oase in der literarischen Wüste der Gegenwart. Bohrers Berichte aus den Schützengräben des Literaturbetriebs zeigen, wie Kritik als Waffe wirkt. Ihren Einsatz hat er selbst zur Meisterschaft gebracht. Auf über 500 Seiten lässt er diese Revue passieren – ein kaum zu beschreibendes Lesevergnügen. Weiterlesen

Karl Heinz Bohrer - Jetzt - Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie
Suhrkamp - 542 Seiten - 26,00 € - 978-3-518-42579-4 - Leseprobe


Eine erschütternde Archäologie des Sozialen

Didier Eribon - Rückkehr nach Reims

Didier Eribons »Rückkehr nach Reims« ist außergewöhnlich, weil mit keinem anderen Werk vergleichbar. Das Buch ist Autobiografie, soziologischer Selbstversuch, Familien- und Gesellschaftsgeschichte. Was jedoch besonders bemerkenswert ist: Es ist nicht nur großartige, nachdenkliche Literatur, sondern gleichwohl eine exzellente philosophische Studie, die ein erschütterndes Sittenbild der französischen Gesellschaft liefert. Eribons Ausgangspunkt ist die Auseinandersetzung mit seinen Eltern, insbesondere mit seinem verstorbenen Vater, Fabrikarbeiter seit seinem 13. Lebensjahr und gewalttätiger Trinker, später Frühpensionär und demenzkranker Pflegefall. Die Familie wohnt in Reims, dort, wo Adenauer und de Gaulle die deutsch-französische Freundschaft besiegelten. In den 1950er und -60er Jahren teilt sich die Stadt in zwei Klassen: Großbürgertum – und arme Arbeiter, zu denen Eribons Familie zählt. Weiterlesen

Didier Eribon - Rückkehr nach Reims - Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn - edition suhrkamp - Broschur, 240 Seiten - 18,00 € - 978-3-518-07252-3 - Leseprobe

 
Schaltwerk der Gedanken

Zur Erinnerung an Egon Friedell
(21.Januar 1878 - 16. März 1938)



»Die Arbeit ist ein Fluch, der über den Menschen verhängt wurde, als er vertrieben ward aus dem Paradies des Nichtstuns.«
»Die Kulturgeschichte der Neuzeit«, deren drei Bände zwischen 1927–1931 erstveröffentlicht wurden, gilt zu Recht als das Lebenswerk des großen österreichischen, Philosophen, Essayisten und Kulturkritikers Egon Friedell, der am 16. März 1938 gegen 22 Uhr mit einem Sprung aus einem Fenster seiner im 3. Stock liegenden Wohnung, in Wien, Gentzgasse 7, der Barbarei zu entkommen suchte. Daß er in diesem letzten Lebensmoment die Umsicht besessen haben soll, die Passanten mit einem warnenden Ausruf »Treten Sie zur Seite« zu warnen, spricht selbst anekdotisch für die große Geistesgegenwärtigkeit eines Kulturmenschen, wie es sie heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, nicht mehr gibt.
In der Schlußbemerkung zu seiner Sammlung von Essays, Satiren und Humoresken »Was soll das Theater?« schrieb Friedell einst ironisch »›schöne Bücher‹ verträgt heute kein Mensch von Geschmack mehr. Man wird sie erst wieder vertragen, wenn sie direkt aus dem Leben geschöpft werden können. Aber ich glaube, dann wird man sie nicht mehr brauchen.«

Egon Friedell - Vom Schaltwerk der Gedanken - Ausgewählte Essays zu Geschichte, Politik, Philosophie, Religion, Theater und Literatur - Herausgegeben von Daniel Kampa, Daniel Keel - Diogenes - Hardcover Leinen - 704 Seiten
978-3-257-06625-8 - € 29.90

Egon Friedell
-
Kulturgeschichte des Alterums / Kulturgeschichte der Neuzeit - Diogenes - Kassette -
Hardcover Leinen - 2800 Seiten - 978-3-257-06786-6 € 48.00 
 


Artikel online seit 23.11.18
 

Kommt Zeit, kommt Buch

Auf Stefan Geyer ist Verlaß, nach seinen Anthologien
»Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten«, »Vom Glück, Fahrrad zu fahren« und »Gefangen« ist ihm nun mit »Vom Warten« wieder eine stoffreiche literarische Cuvée gelungen.
Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht auf irgendetwas warten. Am Bahnsteig, an der Supermarktkasse, im Wartezimmer – auf das Glück, die Liebe, ein besseres Leben. Diese Wartezeiten summieren sich im Laufe eines Lebens auf durchschnittlich fünf Jahre. Das Warten begleitet uns ein Leben lang und es genießt keinen sonderlich guten Ruf. Meist wird Wartezeit als gestohlene Lebenszeit empfunden, als Eingriff in unseren Tagesablauf. Wer warten muss, fühlt sich fremdbestimmt. Doch kann Warten auch als geschenkte Zeit empfunden werden, als Gelegenheit zur Muße. Warten als Chance innezuhalten in einer sich in zunehmendem Maße beschleunigenden Welt, als Möglichkeit zur Entschleunigung. Gegenwärtige Autorinnen und Autoren wie Stephanie Bart, Marion Brasch, Dietmar Dath, Andrea Diener, Werner Frizen, Andreas Göttlich, Nora-Eugenie Gomringer, Vinzent Klink, Ludger Lütkehaus, Andreas Maier, Philipp Mosetter, Katja Thorwarth, Mark-Stefan Tietze u. a. lassen uns in Originalbeiträgen an ihren »Wahrheiten über das Warten« teilhaben und unsere Sicht auf dieses Alltagsphänomen überdenken.


Stefan Geyer (Hrsg.), Georg Christian Dörr (Fotograf)
Vom Warten - Über Zeitlöcher und Warteschlangen - Marix Verlag, 272 Seiten, 18,00 €, 978-3-7374-1096-0

Einblicke
Bob Woodward, die legendäre Ikone des investigativen Journalismus in den USA, hat alle amerikanischen Präsidenten aus nächster Nähe beobachtet. Nun hat er sich Donald Trump vorgenommen und enthüllt den erschütternden Zustand des Weißen Hauses unter der Herrschaft des besten Präsidenten aller Zeiten.
Woodward beschreibt, wie Trump seine Entscheidungen trifft, er berichtet von eskalierenden Debatten im Oval Office und in der Air Force One, dem volatilen Charakter Trumps und dessen Obsessionen und Komplexen. Woodwards Buch ist ein erschütterndes Dokument der Zeitgeschichte: Hunderte Stunden von Interviews mit direkt Beteiligten, Gesprächsprotokolle, Tagebücher, Notizen – auch von Trump selbst – bieten einen dramatischen Einblick in die Machtzentrale der westlichen Welt, in der vor allem eines herrscht: Furcht. Woodward ist das Porträt eines amtierenden amerikanischen Präsidenten gelungen, das es in dieser Genauigkeit noch nicht gegeben hat.


Bob Woodward –
Furcht - Trump im Weißen Haus
– Rowohlt - 512 Seiten - 22,95 € - 978-3-498-07408-1 - Leseprobe

Was kommt auf uns zu?

Doch nicht nur wegen Machthabern wie Trump stehen uns dramatische Zeiten bevor: In den nächsten Jahrzehnten könnten Technologien wie die Künstliche Intelligenz und die Gentechnik das Ende der Menschheit herbeiführen oder aber ein goldenes Zeitalter einläuten, das wir uns noch kaum ausmalen können. Oder leben wir etwa heute schon in der Matrix, wie der schwedische Philosoph und Bestsellerautor Nick Bostrom (Superintelligenz) in seinem berühmten Simulationsargument nahelegt.
In den sechs hier versammelten Aufsätzen, von denen einige bereits Klassikerstatus besitzen, wagt Bostrom einen ebenso nüchternen wie detaillierten Blick in unsere Zukunft. Manches liest sich (noch) wie Science-Fiction, könnte aber aktueller und ernster kaum sein.
Wird das auf der Erde entstandene Leben aussterben? Wird die maschinelle die biologische Intelligenz übertreffen? Über die Zukunft der Menschheit zu spekulieren ist wahrhaft kein überflüssiger Zeitvertreib...


Nick Bostrom -
Die Zukunft der Menschheit
– Aufsätze - suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2245, 209 Seiten, 18,00 €  978-3-518-29845-9 - Leseprobe


Was ist Zeit?

Warum stehen wir mit den Füßen auf dem Boden? Newton meinte, weil sich Massen anziehen, Einstein sagte, weil sich die Raumzeit krümmt. Carlo Rovelli hat eine andere Erklärung: vielleicht ja deshalb, weil es uns immer dorthin zieht, wo die Zeit am langsamsten vergeht. Wenn, ja wenn es so etwas wie Zeit überhaupt gibt.
Kaum etwas interessiert theoretische Physiker von Rang so sehr wie der Begriff der Zeit. Seit Einstein sie mit dem Raum zur Raumzeit zusammengepackt und der Gravitation unterworfen hat, wird sie von großen Physikern wie Stephen Hawking und Carlo Rovelli umrätselt. Wenn es ums Elementare geht, darum, was die Welt im Innersten zusammenhält, kommen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den Formeln der großen Theorien zwar nicht mehr vor. Aber geht es wirklich ohne die Zeit? Leben wir in der Zeit oder lebt die Zeit vielleicht nur in uns? Warum der physikalische Zeitbegriff immer weiter verschwimmt, je mehr man sich ihm nähert, warum es im Universum keine allgemeine Gegenwart gibt, warum die Welt aus Geschehnissen besteht und nicht aus Dingen und warum wir Menschen dennoch gar nicht anders können, als ein Zeitbewusstsein zu entwickeln: Rovelli nimmt uns mit auf eine Reise durch unsere Vorstellungen von der Zeit und spürt ihren Regeln und Rätseln nach. Ein packend geschriebenes Lese-Abenteuer.

Carlo Rovelli -
Die Ordnung der Zeit – Rowohlt - 192 Seiten, 20,00 €,
978-3-498-05399-4 Leseprobe


Geschichte atmen
Bild- und wortgewaltig führt Èric Vuillard seine Leser mitten in die Hinterzimmer der Macht. Er läßt die historischen Orte und ihre Atmosphären aufleben, in denen oft mit erschreckender Beiläufigkeit Geschichte geschrieben wurde. Dabei erzählt er eine andere Geschichte als die uns bekannte, er zeigt den Panzerstau an der deutschen Grenze zu Österreich, er entlarvt Schuschniggs kleinliches Festhalten an der Macht, Hitlers abgründige Unberechenbarkeit und Chamberlains gleichgültige Schwäche. Mit der ihm eigenen virtuosen Eindringlichkeit und satirischem Biss seziert Vuillard die Mechanismen des Aufstiegs der Nationalsozialisten und macht deutlich: Die Deals, die an den runden Tischen der Welt geschlossen werden, sind faul, unser Verständnis von Geschichte beruht auf Propagandabildern. In »Die Tagesordnung« zerlegt Éric Vuillard diese Bilder und fügt sie virtuos neu zusammen: Ein trickreiches Buch, das eine überfällige Geschichte erzählt und dafür den wichtigsten französischen Literaturpreis erhielt.


Éric Vuillard -
Die Tagesordnung - Matthes & Seitz, Berlin, 128 Seiten, 18,00 €, 978-3-95757-576-0


Der Kuchen wird verteilt

1884, nach der Berliner Kongokonferenz, begann eine Kolonialherrschaft von ungekannter Brutalität, die das Land bis in die Gegenwart hinein zeichnet. Éric Vuillard zeigt kleine Brüsseler Beamte, aufgeschwungen zu Dschungelherrschern, die zu Vollstreckern der europäischen Rohstoffgier werden, und er verleiht ihren zahl- und namenlosen Opfern eine Stimme. Kongo ist eine mitreißende Erzählung und ein erschreckend lebendiges Zeugnis banaler Grausamkeit und des beginnenden Weltkapitalismus.

Éric Vuillard –
Kongo - Matthes & Seitz Berlin Paperback - 108 Seiten, Broschur, 10,00 € - 978-3-95757-678-1

Sonnenfinsternis

Arthur Koestlers ebenso legendärer wie heute zu Unrecht vergessener Roman über die Schrecken der stalinistischen Schauprozesse und jede Form von Totalitarismus, liegt mit dieser Ausgabe erstmals im deutschen Originaltext vor. Der Roman entstand 1939/40 in Frankreich in deutscher Sprache, Koestlers Lebensgefährtin übersetzte ihn beinahe gleichzeitig ins Englische. Kurz vor dem Einmarsch der Deutschen in Paris erreichte die englische Fassung den Londoner Verleger; das deutsche Original aber ging verloren und galt 70 Jahre lang als verschollen. Die bislang bekannte deutsche Ausgabe war eine - wenn auch von Koestler selbst vorgenommene - spätere Rückübersetzung aus dem Englischen. Erst 2015 entdeckte der Kasseler Doktorand Matthias Weßel Koestlers Originaltyposkript in einer Bibliothek in Zürich. Die neue Ausgabe macht Koestlers ursprüngliche Fassung nun weltweit zum ersten Mal zugänglich.

Arthur Koestler -
Sonnenfinsternis Roman - Nach dem deutschen Originalmanuskript - Vorwort von Michael Scammell - Nachwort von Matthias Weßel - Elsinor Verlag, 256 Seiten, 978-3-942788-40-3; 28, 00 €, eBook: 978-3-939483-44-1


Vom Leben und Töten im Kaukasus

Vom Leben auf dem Landgut der Familie angeödet, begleitete der junge Lew Tolstoi 1851 seinen ältesten Bruder Nikolai, der im Kaukasus dient, an seinen Einsatzort Starogladkowskaja, eine Kosakensiedlung am Terek. Seit Jahrzehnten führte das russische Imperium in der Region Krieg. Erst 1859 gelingt es, die vom Imam Schamil geeinten muslimischen Kaukasusfürstentümer zu besiegen. Doch um welchen Preis!Tolstoi, der als Fähnrich an Gefechten teilnahm und verwundet wurde, kennt den Krieg und seine Akteure aus eigener Anschauung. Er beschreibt die Tragödie aus allen Perspektiven: an der Seite gelangweilter russischer Soldaten, die zum Freizeitvergnügen ein tschetschenisches Dorf zerstören, und neben den untröstlichen Überlebenden, die in den Trümmern ihrer Behausungen hocken. Mit scharfer Beobachtungsgabe und ethnographischem Blick schildert er die Faszinationsgeschichte der »Kaukasier«, der russischen Abenteurer, die sich, bestrickt von der stolzen Schönheit und Unbezwingbarkeit der Bergbewohner, auf ein Leben einlassen, an dessen Fremdheit sie scheitern.
Ein Werk mit dem Titel »Krieg im Kaukasus« hat Tolstoi nie geschrieben. Aber er hat sein Leben lang über den Kaukasus geschrieben. Der Band konfrontiert den frühen mit dem späten Tolstoi. Von der nüchtern protokollhaften frühen Prosa von Überfall (1852) und  Holzschlag (1855) bis zu den romanhaft farbigen Kosaken (1863), dem harten mündlichen Duktus des Gefangenen im Kaukasus (1872) und dem in Montagetechnik verfassten Hadschi Murat (postum 1912) – in Rosemarie Tietzes Neuübersetzung werden sie erstmals in ihrer stilistischen Bandbreite und ihrem sprachlichen Reichtum erfahrbar.


Lew Tolstoj -
Krieg im Kaukasus - Die kaukasische Prosa
- Neu übersetzt und umfassend kommentiert von Rosemarie Tietze - Suhrkamp, 590 Seiten, Mit Abbildungen, 978-3-518-42836-8 Leseprobe
 

Auferstanden aus Ruinen

Die Kathedrale von Reims ist als Krönungskirche, Nationaldenkmal und Meisterwerk der Gotik ein bedeutender Ort der französischen Geschichte und Identität. Dass gerade dieses einzigartige Monument von deutschen Truppen im Ersten Weltkrieg bombardiert und erheblich beschädigt wurde, führte zu einem radikalen Bruch in den deutschfranzösischen Beziehungen. Thomas W. Gaehtgens legt die symbolische, architektonische und historische Wirkungsmacht der Kathedrale dar und schärft damit das Bewusstsein für die politische Bedeutung kultureller Monumente.
Der Angriff auf Reims im September 1914 hatte weitreichende Folgen und löste einen beispiellosen Propagandakrieg aus, in dem Frankreich die Zerstörung des Gotteshauses als vorsätzlichen Akt der Barbarei anprangerte. Im vorliegenden Buch geht Thomas W. Gaehtgens nicht nur auf die historische und politische Bedeutung der Kathedrale von Reims ein, sondern auch auf Fragen des Schutzes und der Wiederherstellung von Denkmälern. Das Buch endet mit der schwierigen Annäherung Frankreichs und Deutschlands nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Durch das Engagement Charles de Gaulles und Konrad Adenauers wurde Reims schließlich als „Friedenskirche“ zu einem Erinnerungsort der Versöhnung und der europä
ischen Vereinigung.

Thomas W. Gaehtgens - Die brennende Kathedrale - Eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg - C.H. Beck, 351 S., mit 88 Abbildungen, 29,95 €, 978-3-406-72525-8


Versuch einer Rekonstruktion

Über kaum einen historischen Vorgang neuerer Zeit herrscht so viel Unklarheit und Dissens wie über die deutsche Revolution von 1918/19. Hat die sozialdemokratische Führung, die am 9. November 1918 die Regierung übernahm, die Revolution gemacht oder niedergeschlagen? Hat sie Deutschland vor dem Bolschewismus gerettet oder der Reaktion zum Sieg verholfen? Ist sie ein Ruhmesblatt oder ein Schandfleck der deutschen Geschichte?
Sebastian Haffner, für seine präzisen, scharfsinnigen Analysen und Kommentare zum Zeitgeschehen bekannt, rekonstruiert hier die Ereignisse vom November 1918 bis zum März 1920 und räumt mit alten Legenden auf: mit der Leugnung des Faktums, dass überhaupt eine Revolution stattgefunden hat, mit der Behauptung, dass die Revolution eine bolschewistische gewesen sei, und schließlich mit der berühmten, bis in unsere Tage überlieferten Dolchstoßlegende.
»Deutschland krankt an der verratenen Revolution von 1918 noch heute«, schrieb Haffner in seinem 1969 erstmals erschienen Buch. Gilt das vielleicht für das Deutschland des Jahres 2018 noch immer?

Sebastian Haffner -
Die deutsche Revolution 1918/19 – Rowohlt, 256 Seiten, 15,00 €, 978-3-498-03042-1 Leseprobe


Korrespondenzen

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Thomas Mann- und Stefan Zweig-Forschung, dass eine der letzten Lücken im weitgespannten Korrespondenznetz der beiden Autoren den gegenseitigen Briefwechsel betrifft. Dieses Versäumnis wird mit der Edition dieses Bandes nachgeholt. Die Bedeutung des Briefwechsels liegt dabei vor allem in seinem dokumentarischen Wert für die Jahre des Exils. Darüber hinaus gibt er Einblick in das komplexe und widersprüchliche Verhältnis zwischen Thomas Mann und Stefan Zweig. Die Ausgabe bringt erstmals alle gegenwärtig bekannten Schriftstücke aus der Korrespondenz in neuer Transkription. Der Briefwechsel wird durch einen umfangreichen Anhang ergänzt, der Dokumente und Texte zusammenführt, die für den Briefwechsel und die chronologische Darstellung von Bedeutung sind.


Thomas Mann – Stefan Zweig - Briefwechsel, Dokumente und Schnittpunkte
Kartonierte Sonderausgabe - Hrsg. von Katrin Bedenig und Franz Zeder, Klostermann Verlag, 464 Seiten, 39,80 €, 978-3-465-04373-7 Leseprobe



Eine gelungene literarische Ausgrabung

Anders als ihre Romane ist Virginia Woolfs Theaterstück »Freshwater« heute fast in Vergessenheit geraten. Dabei ist die kurze, 1935 im halbprivaten Rahmen des Bloomsbury-Kreises aufgeführte (und dort von Virginia Woolf selbst inszenierte) Komödie nicht nur ein Stück Zeit- und Gesellschaftskritik, sondern lässt seine Autorin als humorvoll-ironische Dramatikerin in einem ganz neuen Licht erscheinen.
In einer kleinen Künstlerkolonie im Küstenort Freshwater auf der Isle of Wight wird der »Dienst an der Kunst« ins Groteske getrieben. Die AkteurInnen sind Künstlerpersönlichkeiten des viktorianischen Zeitalters, darunter die berühmte Fotografin Julia Margret Cameron, Virginia Woolfs Großtante. Sowohl die junge Schauspielerin Ellen Terry als auch Julia Margret Cameron planen ihre Flucht aus diesem Elfenbeinturm – mit ganz unterschiedlichen Motiven. An einer Wiederaufführung Anfang der 1980er Jahre in Paris waren u.a. Eugène Ionesco, Alain Robbe-Grillet und Nathalie Sarraute beteiligt; die erste Aufführung in Deutschland fand erst 1994 in Mainz statt. Anders als in England, Frankreich, Italien oder Spanien wurde »Freshwater« in Deutschland bislang nicht in Buchform veröffentlicht und fehlt auch in der bei Fischer erscheinenden Gesamtausgabe. Tobias Schwartz’ »Bloomsbury«, das Woolfs Komödie als »Stück im Stück«, neu übersetzt durch den Autor, enthält, ist ein Theaterstück rund um die Uraufführung von »Freshwater«. Dem historischen Kontext des Werkes von Virginia Woolf wird in Schwartz‘ originellem Rahmenstück neues Leben eingehaucht. Verbürgtes, aus Originalzitaten Montiertes und fiktional Ergänztes lassen den poetologischen Kosmos und das biografische Umfeld dieser modernen Klassikerin aufleuchten. Der ebenfalls von Tobias Schwartz übersetzte Essay Virginia Woolfs über Julia Margaret Cameron sowie ein Nachwort des Virginia Woolf-Herausgebers Klaus Reichert vervollständigen diesen Band.

Tobias Schwartz / Virginia Woolf -
Bloomsbury & Freshwater - übersetzt von Tobias Schwartz mit einem Nachwort von Klaus Reichert - Aviva Verlag - 144 Seiten
978-3-932338-92-2

 

Was es heißt,
ein Indianer zu sein ...

... und wie ein Weißer Etnologe versucht, zwei alte Indianer zu verstehen, ohne ihnen auf den Leim zugehen. Kent Nerburn wird eines Tages von einer jungen Frau angerufen, die ihn bittet, ihren Großvater in einem weit entfernten Reservat aufzusuchen.
Nerburn erfüllt ihren Wunsch und trifft Dan, einen uralten Lakota-Indianer, der über viele Jahre hinweg Aufzeichnungen gemacht hat, aus denen, mit Nerburns Hilfe, ein Buch entstehen soll.
Dan jedoch erkennt in Nerburns Text nicht mehr wieder, was er sagen will und worum es ihm eigentlich geht. Die beiden geraten fortwährend in Streit über die Unterschiede zwischen weißen Amerikanern und Native Americans, es entspinnt sich ein sehr persönlicher Austausch, unterhaltsam und voller Ironie.
Was dieses Buch so besonders macht, ist seine romanhafte Erzählung einer listig arrangierten Reise, die Dan mit seinem Freund Grover, seinem steinalten Hund und eben Kent unternimmt. Diese Reise ist die eigentliche Lektion, eine Art On the Road mit zwei Indianern und einem Weißen. Ein saukomisches und überaus geistreiches Buch jenseits allen Gutmenschengelabers.


Kent Nerburn -
Nicht Wolf nicht Hund - Auf vergessenen Pfaden mit einem alten Indianer - C.H.Beck, 349 Seiten, 24,95 €, 978-3-406-72498-5, Leseprobe
 

Popdialektik

Zeit meines Lebens habe ich Pop geliebt und gehasst. Pop war hier Befreiung und da Unterdrückung, hier Explosion der Wahrhaftigkeit und dort Implosion der Verlogenheit. Pop bewahrte das innere Kind und förderte die Vergreisung, Pop rebelliert und korrumpiert. Pop konstruiert die kleinen Unterschiede der Klassen und setzt sich über die gesetzten Grenzen hinweg. Pop ist universal, regional und national; Pop macht einfach alles mit, denn es ist der Ausdruck des Kapitalismus in der Demokratie, wie es der Ausdruck der Demokratie im Kapitalismus ist. Ohne Pop würde es diese prekäre Einheit gar nicht geben, und ohne Pop wären die Spannungen zwischen beiden nicht auszuhalten. Zugleich aber reagiert Pop auf die Brüche und Widersprüche, wie es keine »Hochkultur« und keine Wissenschaft kann. Jede Erkenntnis und vor allem Selbsterkenntnis einer Gesellschaft ist in ihrem popkulturellen Sektor »irgendwie« schon da. Pop ist das Klügste und gleichzeitig das Dümmste, was wir haben und was wir kennen.


Georg Seeßlen -
Is this the end?
- Pop zwischen Befreiung und Unterdrückung  - Tiamat, Critica Diabolis 251 – Broschur - 224 Seiten, 16,00 €, 978-3-89320-228-7 Leseprobe

Früchte des Meeres

15 Bücher über das Leben auf und mit dem Meer

Der Ozean, die See oder das Meer spielen in der Geschichte der Literatur und dem Abenteuer des Lesens seit Anbeginn eine bedeutende Rolle. Das Leben auf und mit dem Meer birgt ein unendliches Reservoir an Mythen, Motiven und literarischen Stoffen, die sich mit seinen lebensspendenden wie zerstörerischen Urkräften auseinandersetzen.
Homers »Odyssee«, Melvilles »Moby Dick«, Travens »Totenschiff« Londons »Seewolf« oder Conrads »Der Spiegel der See«, um nur einige zu nennen, ragen dabei als monolithische Klassiker (wenn auch häufiger im Munde geführt als gelesen) hinein in unsere Zeit.
Wir haben uns einmal umgesehen, was in letzter Zeit an Büchern über das Leben auf und mit dem Meer erschienen und in den Buchhandlungen zu finden ist und stellen daraus eine Auswahl an 15 lesenswerten Büchern vor. Das dabei allein 6 Titel aus dem Hause Mare kommen, liegt nicht allein in der Natur der Sache, vielmehr überzeugt der Hamburger Verlag mittlerweile über Jahre und personelle Veränderungen hinweg inhaltlich durch seine konsequente Programmarbeit, die immer wieder literarische Perlen hervorbringt, die dann auch noch herstellerisch in allerfeinste Schale gebracht werden.

Nicht uferlos, aber tiefgründig und einmalig ist die Philosophie des Meeres: Indem sie uns das Meer aus den Blickwinkeln bedeutender Denker und verschiedener philosophischer Disziplinen betrachten lässt, bietet sie zugleich einen perfekten und verständlichen Einstieg in die Philosophie generell – von der Antike bis zur Moderne. Wer der Mensch ist, das hat sich seit jeher an seinem Verhältnis zum Meer gezeigt. Thales betrachtete das Wasser als Quell allen Seins; Kant hingegen glaubte, die Ozeane würden über kurz oder lang den Weltuntergang herbeiführen. Edmund Burke wählte den Anblick des Meeres, um den Begriff des Erhabenen zu definieren, und Hegel wiederum warnte seine Studenten, der Akt des Philosophierens selbst ähnele dem Sprung in einen uferlosen Ozean ...
Gunter Scholtz -
Philosophie des Meeres -
288 Seiten - Mare - 26,00 €
978-3-86648-249-4

Der Fischer Gilliatt ist ein Außenseiter, allein lebt er im Haus "Weges-Ende" nah bei den Klippen, den Menschen im Dorf erscheint er als seltsamer Kauz. Seit er beobachtet hat, wie Déruchette, die Nichte des Reeders, seinen Namen in den (auf Guernsey äußerst seltenen) Schnee geschrieben hat, kommt er gedanklich nicht mehr von dem Mädchen los – und lässt sich, um ihre Liebe zu erringen, auf einen dramatischen und furchtbaren Kampf mit den Naturgewalten ein.
Beeindruckende, intensive Meeresschilderungen, der Konflikt zwischen Aberglaube und moderner Welt sowie eine gigantische Herkulesarbeit im Dienst der Liebe vereinen sich in Victor Hugos bereits zu Lebzeiten gefeiertem Roman zu einem wahrhaft ozeanischen Werk. Endlich ist die erste ungekürzte Ausgabe in der "prachtvollen Neuübersetzung" (F.A.Z.) Rainer G. Schmidts wieder lieferbar, überarbeitet, sorgfältig ediert und luxuriös ausgestattet.
Victor Hugo -
Die Arbeiter des Meeres -
Roman - Mare - Übersetzt und herausgegeben von Rainer G. Schmidt - 672 Seiten - 48,00 € - 978-3-86648-254-8

Zeitungsleser in ganz Amerika waren besorgt, als Jack London ankündigte, mit einem Segelboot um die Welt reisen zu wollen – und Monate später vor allem amüsiert: Denn das Boot, das der Autor sich eigens bauen ließ, wurde und wurde nicht fertig, verschlang Unsummen von Geld und wurde bald zum Gespött der Nation. Jack London ließ sich nicht beirren. Im April 1907 stieß die Snark endlich in See und verließ San Francisco mit Kurs auf Hawaii. Doch bereits kurz nach dem Auslaufen setzten sich die Pannen fort: Der Schiffsmotor erwies sich als unbrauchbar, die Inneneinrichtung fiel auseinander, der Schiffskoch konnte nicht kochen, niemand an Bord beherrschte die Navigation und der Hilfsnavigator glaubte fest daran, dass das Schiff im Inneren einer hohlen Erdkugel segelte. Keine Frage: Die Reise war ein Debakel. Und trotzdem verbrachte Jack London an Bord der Snark, in Gesellschaft seiner über alles geliebten Frau Charmian, die wohl glücklichste Zeit seines Lebens. Dies zeigt auch sein Bericht über die Reise, der selbstironisch, unterhaltsam und ohne Aussparung der peinlichen Details von allen Heldentaten, Malheurs und Abenteuern erzählt: von der katastrophalen Überfahrt nach Honolulu, einem Besuch der Leprakolonie auf Molokai, ersten Erfahrungen mit dem Surfsport, von Begegnungen mit exzentrischen Einsiedlern, gefährlichen Riesenkakerlaken und von dem endlosen Warten auf einen Fliegenden Fisch. Voller Leben und Komik ist diese Geschichte eines grandiosen Scheiterns, in welcher Jack London mit Inbrunst einer einzigen Maxime folgte, die da hieß: "I like".
Jack London -
Die Reise mit der Snark -
Mare - Ü̈bersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann - 352 Seiten - 28,00 € - 978-3-86648-244-9

Sie sind jung und verliebt und haben alles, was sie brauchen. Aber ihr Pariser Leben langweilt sie, also nehmen Louise und Ludovic ein Sabbatjahr und umsegeln die Welt. Bei einem Ausflug auf eine unbewohnte Insel vor Kap Hoorn reißt ein Sturm ihre Jacht und damit jegliche Verbindung zur Außenwelt mit sich fort. Was als kleiner Ausbruch aus dem Alltagsleben moderner Großstädter gedacht war, mündet urplötzlich in einen existenziellen Kampf gegen Hunger und Kälte. Nicht weniger aufreibend ist das psychologische Drama, das sich zwischen den Partnern entspinnt. Wer trägt die Schuld an der Misere? Wer behält die Nerven und trifft die richtigen Entscheidungen? Und was wird aus der Liebe, wenn es ums nackte Überleben geht? Herz auf Eis ist ein Psychothriller der Emotionen - und die einsame Insel ein Sinnbild für alle großen Herausforderungen, denen sich die Liebe zuweilen stellen muss.
Isabelle Autissier -
Herz auf Eis -
Roman - Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig - 224 Seiten - 22,00 € - 978-3-86648-256-2

Er galt als blinder Fleck, als Problem, als Ende der Welt und ewig ungelöstes Geheimnis: der Nordpol. Während andere rätselten und rechneten, schritt ein verrückter Zeitungsverleger auf der Jagd nach Sensationsgeschichten zur Tat. Er kaufte ein Schiff, erkor einen Kapitän und schickte im Juli 1879 dreiunddreißig Männer ins Eis – fest überzeugt von der Theorie eines offenen Polarmeeres. Doch nördlich der Beringstraße blieb die USS Jeannette im Packeis stecken. Was folgte, war einer der härtesten Überlebenskämpfe der Geschichte; meilenweite Märsche über das gefrorene Meer, Schneeblindheit, Erfrierungen, Stürme und Hunger brachten die Mannschaft an ihre physischen und mentalen Grenzen.
Mit erzählerischer Kraft und einem unvergleichlichen Gespür für Dramaturgie entfaltet Hampton Sides in seinem NYT-Bestseller die tragische Geschichte dieser großen, gescheiterten Polarexpedition und zeigt die fatalen Folgen falscher Hypothesen und den Wahnwitz menschlicher Ruhmsucht.
Hampton Sides - Die Polarfahrt -
Von einer unwiderstehlichen Sehnsucht, einem grandiosen Plan und seinem dramatischen Ende im Eis - Mare - Aus dem Amerikanischen von Rudolf Mast - 584 Seiten mit Abbildungen, 28,00 € -
978-3-86648-243-2


Stephen Crane war ein Getriebener, er lebte ein Leben unter Hochdruck, als hätte er geahnt, dass ihm nur wenig Zeit bemessen war. Geboren 1871 in Newark, New Jersey, starb er nur achtundzwanzigjährig an Tuberkulose, die er sich vermutlich als Schiffbrüchiger nach dem Untergang der Commodore zugezogen hatte – eine Erfahrung, deren literarische Verarbeitung seinen Ruhm als Erzähler begründen sollte.
Kritiker sahen in Crane durch seine intensiven Milieustudien und die Nähe zur Reportage den ersten amerikanischen Naturalisten, doch weist der Autor mit seinen Stilbrüchen, der rhythmisierten Sprache und den geradezu filmischen Dialogen eher ins 20. Jahrhundert, zu Faulkner und Joyce.
Hier nun sind Stephen Cranes stärkste (Meeres-)Erzählungen vereint – größtenteils erstmals auf Deutsch. Sie laden ein, diesen noch viel zu wenig bekannten Pionier der nordamerikanischen Moderne (neu) zu entdecken.  Autoren wie Hemingway und Conrad schwärmten von ihm, und trotzdem blieb er ein Geheimtipp: Stephen Crane. Die Erfahrung eines Schiffsuntergangs, die er literarisch in Das offene Boot verarbeitete, begründete seinen Ruf als brillanter Erzähler, doch gibt es unendlich viel mehr von diesem Pionier der nordamerikanischen Moderne zu entdecken. In dieser edlen Ausgabe sind Cranes stärkste (Meeres-)Erzählungen – größtenteils erstmals auf Deutsch – vereint.
Stephen Crane -
Das offene Boot und andere Erzählungen
Herausgegeben und ubersetzt von Lucien Deprijck - Mare - 240 Seiten - 26,00 € - 978-3-86648-263-0

Michael North bietet einen eindrucksvollen Überblick über mehr als 3000 Jahre Weltgeschichte der Meere. Er schildert die Auseinandersetzung des Menschen mit den Herausforderungen und Gefahren der Ozeane und zeigt die Möglichkeiten, die sie uns eröffnen. Güter zu transportieren und damit reich zu werden oder existenzielle Nöte zu erfahren und alles zu verlieren, neue militärische Optionen zu nutzen und seine Macht über Kontinente auszudehnen – das alles war und ist bis heute mit der Beherrschung der Seefahrt, der Kunst des Schiffsbaus, der Nautik und der Herrschaft über die Seewege verbunden. Nicht zuletzt aber bildet das Meer gleichsam den Naturraum der Globalisierung, wie uns tagtäglich angesichts der Flüchtlingsströme ebenso bewusst wird wie angesichts der skrupellosen Zerstörung dieses einzigartigen Lebensraums –Prozesse, vor denen niemand die Augen verschließen kann. Über diese und viele weitere Themen informiert die neue Weltgeschichte der Meere.
Michael North - Zwischen Hafen und Horizont -
Weltgeschichte der Meere - C.H.Beck - 340 Seiten mit 10 Abbildungen und 19 Karten - 19,95 € - 978-3-406-69839-2 Leseprobe

Man muss sich Jonas als einen glücklichen Menschen vorstellen, schreibt François Garde über den biblischen Propheten, den ein großer Fisch verschlang und vor Ninive wieder ausspuckte – immerhin war dieser Fisch ein Wal. Ein Wesen, das die Phantasie, die Jagdlust, den Hunger, das Sprachvermögen und die Abenteuersehnsucht der Menschheit seit jeher befeuert, ein mythisches Tier. François Garde erzählt in seinem charmanten, kurzweiligen, klugen und durchaus auch komischen Buch alle erdenklichen Geschichten und Kuriositäten über den Wal. Er reist dem Meeresriesen nach, zu den Walhäfen und dem einzigen Walrestaurant, aber er mustert auch Straßenschilder und Sternenbilder und die literarischen Spuren, die das gewaltige Tier hinterlassen hat. Ein glänzend geschriebenes, ebenso lehrreiches wie unterhaltsames Buch über eines der spannendsten und mysteriösesten Wesen der Natur.
François Garde - Das Lachen der Wale
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Eine ozeanische Reise - Aus dem Französischen von Thomas Schultz 231 Seiten - 19,95 € - 978-3-406-68957-4 Leseprobe

Vor unseren Augen spielt sich eine doppelte humanitäre Katastrophe ab: Der syrische Bürgerkrieg fordert nach wie vor zahllose Menschenleben. Millionen Syrer sind auf der Flucht. Einige von ihnen wagen von Ägypten aus die Überfahrt nach Europa. Bei diesem Unterfangen sterben Jahr für Jahr Hunderte Menschen, das Mittelmeer ist damit die gefährlichste Seegrenze der Welt. Der Zeit-Reporter Wolfgang Bauer hat syrische Flüchtlinge begleitet. In ihren Verstecken in Ägypten, im Boot, auf den Straßen Europas. Er schildert die Schicksale, die sich hinter den abstrakten Zahlen verbergen, und die dramatischen Umstände der Flucht. Ein authentisches Dokument und zugleich ein leidenschaftlicher Appell für eine humanitärere Flüchtlingspolitik.
Wolfgang Bauer - Über das Meer
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Mit Syrern auf der Flucht nach Europa -Eine Reportage. Mit Fotos von Stanislav Krupar - edition suhrkamp -
133 Seiten - 14,00 € - 978-3-518-06724-6 - Leseprobe


Eine neuzeitliche Odyssee ohne Happy End.

Stefano D'Arrigos monumentales Epos »Horcynus Orca« -
»Und es war ein betrübliches Hören, wie es bei einem Wind vorkommt, wenn er schutzlos fällt, und über dem neuen Wind, der sich erhoben hat, den unglücklichen Zug macht, wieder zu wehen, und doch nur ein erbarmungswürdiger Auswurf bleibt.«
Eine sprachgewaltige Tragödie
Von Jürgen Nielsen-Sikora - Ausführliche Rezension lesen
Stefano D'Arrigo - Horcynus Orca -
Roman - Aus dem Italienischen von Moshe Kahn - S. Fischer - 1472 Seiten - 58,00 € - 978-3-10-015337-1
Leseprobe


Wer einmal zur See gefahren ist, der wird dieses Buch lieben. Lukas Hartmanns grandioser Roman über die abenteuerliche Reise des Malers John Webber mit Captain Cook »Bis ans Ende der Meere«. Der Maler John Webber (Johann Wäber, 1751-1793), Sohn des nach London ausgewanderten Schweizer Bildhauers Abraham Wäber, nahm als Expeditionszeichner an der dritten und gleichzeitig letzten Reise (1776-1779/80) von James Cook teil und dokumentierte diese mit über 200 Gemälden und Zeichnungen. Darunter findet sich auch das Porträt von Poetua, der Tochter des Königs Orio von Ulietea, die als »Mona Lisa der Südsee« in die Kunstgeschichte eingegangen ist, und nun das Cover des Romans »Bis ans Ende der Meere« von Lukas Hartmann ziert.
Lukas Hartmann - Bis ans Ende der Meere - Die Reise des Malers John Webber mit Captain Cook - Diogenes - Roman - Hardcover Leinen, 496 Seiten - 21,90€ - 978-3-257-06686-9

Zwei Freunde in einem kleinen Boot, die sich einen lang gehegten Traum erfüllen: Aus den Tiefen des Nordatlantiks wollen sie einen Eishai ziehen, jenes sagenumwobene Ungeheuer, das sich nur selten an der Oberfläche zeigt. Während sie warten, branden wie Wellen die Meeresmythen und Legenden an das Boot, und Morten A. Strøksnes erzählt von echten und erfundenen Wesen, von Quallenarten mit dreihundert Mägen, von Seegurken und Teufelsanglern. Von mutigen Polarforschern, Walfängern und Kartografen und natürlich vom harten Leben an arktischen Ufern, vom Skrei, der vielen Generationen das Überleben auf den Lofoten sicherte, von der Farbe und dem Klang des Meeres. Eine salzige Abenteuergeschichte über die Freiheit und das Glück, den Naturgewalten zu trotzen – und ein atemberaubendes Buch, das uns staunen lässt über die unergründlichen Geheimnisse des Meeres.
Morten A. Strøksnes -
Das Buch vom Meer oder Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen - Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger, Sylvia Kall - DVA - 368 Seiten, 19,99 €- 978-3-421-04739-7 Leseprobe Link zum Interview mit Morten A. Strøksnes

Gestrandet in einer abgelegenen Pension am Meer treffen Menschen zusammen, die vom Leben gezeichnet sind und unterschiedlicher nicht sein könnten: Ein einsamer Maler, der das Meer mit Meerwasser malt, ein seltsamer Wissenschaftler, der die Wellen erforscht, um die Grenzen des Ozeans festzulegen, ein junges Mädchen, das an einer seltsamen Krankheit leidet. Über philosophisch anregende Gespräche versuchen sie, ihre jeweiligen Sehnsüchte - nach Liebe, Erkenntnis oder gar Vollkommenheit - zu stillen. Jenseits jeglicher zeitlichen oder räumlichen Einordnung erzählt dieses poetische Märchen von den vielen Facetten des Lebens, die von unendlicher Liebe und Angst bis hin zu Hoffnungslosigkeit und sogar Hass reichen.
Alessandro Baricco - Oceano Mare
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Übersetzt von Karin Krieger - Atlantik Verlag - 304 Seiten - 10,00 € - 978-3-455-65087-7

»Käpt’n Klare Kante«. So nennt ihn die Hamburger Morgenpost, in der 126 seiner Kolumnen erschienen. Kapitän Jürgen Schwandt wurde mit seinen klaren Ansagen zu einer bundesweit bekannten Kult-Figur. Sein Biographie »Sturmwarnung« rangierte ein halbes Jahr lang in der SPIEGEL-Bestsellerliste. In den Sozialen Netzwerken folgt ihm eine Fan-Gemeinde, zahlreich wie die Einwohner einer Großstadt. Mit Augenzwinkern und Selbstironie, mit viel Empathie, aber gelegentlich auch mit Wut im Bauch beschreibt der Seemann Schwandt, Jahrgang 1936, den Wahnsinn unserer Zeit. Er bezieht Stellung gegen die neuen Rechten, wundert sich über die »Generation Wischfinger«, schreibt über den Kampf mit einem Maulwurf in seinem Garten ebenso wie über die Autoknacker von Chicago. Dieser Band sammelt seine besten Kolumnen und kurzen Geschichten. Zum Schmunzeln, zum Nachdenken, zum Aufregen.
Jürgen Schwandt  - Klare Kante -
Ankerherz - 183 Seiten - vierfarbig mit zahlreichen Fotografien - Halbleinen mit kaschiertem Deckel - Fadengebunden - Lesebändchen - 20,00 € - 978-3-945877-18-0

Wer erzählt die besten Geschichten vom Meer?Kapitäne berichten von wilden Stürmen, von Monsterwellen, von Stunden zwischen Leben und Tod. Von gefährlicher Fracht, geheimnisvollen Aufträgen, von harten Matrosen und leichten Mädchen. Sie erzählen von ihrer Liebe zur See und von einer Romantik, die es vielleicht nie mehr geben wird. Orkanfahrt sammelt 25 Liebeserklärungen an die Seefahrt, an einen Beruf, der wie kein anderer Sehnsüchte, Fernweh, Romantik und die Lust auf Abenteuer weckt. Orkanfahrt ist eine Hommage an alle mutigen Männer auf See. Geschichten aus der Wirklichkeit, spannend aufgeschrieben von Reporter Stefan Krücken, erstklassig fotografiert von Achim Multhaupt, liebevoll illust­riert von Jerzovskaja. Denn nichts ist so fesselnd wie das echte Leben.
Stefan Kruecken - Orkanfahrt
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25 Kapitäne erzählen ihre besten Geschichten - Ankerherz - Fotograf: Achim Multhaupt - Illustrator: Jerzovskaja - 176 Seiten mit 35 ganzseitigen Abbildungen - Durchgehend zweifarbig - 29,90 € - 978-3-940138-00-9


Glanz & Elend
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