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Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


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Der prätendierte Divinator

oder
Der Untergang des Abendlandes als genüssliches Exotikum.
Zu Michel Houllebecqs Auftritt in Köln und seinem Roman »Unterwerfung«

Von Peter V. Brinkemper

 

Michel Houellebecq stellte seinen neuen Roman »Unterwerfung«, »Soumission«, am 19. Januar in der rheinischen Domstadt vor. Am Ausweichort des Kölner Schauspiels im rechtsrheinischen Mühlheim, hinter der beliebten türkischen Restaurant- und Geschäftsmeile Keupstraße, 2004 das Anschlagsziel des rechtsradikalen NSU-Nagelbombers. Umringt von der Presse und den Medien, als einzige Ausnahme-Veranstaltung des Autors nach dem mörderischen Angriff auf die vier Redaktionsmitglieder des Satiremagazins mit stark sinkender Auflage, auf dessen Titelbild eine Karikatur von Houellebecq als potentiellem Konvertiten zum Islam wie eine neue Ikone prangte.

Der Auftritt

Er liest eine Erklärung vor, in einem fragmentarischen, immer wieder von Pausen und Brüchen durchzogenen Tonfall, der für einen matten Moderator, eine diffuse Übersetzerin und ein kritikarmes Publikum viele Anlässe zu Vagheiten, Widersprüchen und Interpretationsspielräumen gibt. Es geht dem Autor in seinem eigenen Vorab-Statement um die »liberté d’expression«, auf die, über die ihm nahestehenden Menschen und Freunde hinaus, ein Anschlag verübt worden sei. Frankreich sei ein besonderes oder besonders exponiertes Land dieser Meinungsfreiheit. »Unterwerfung« sei als Projekt und Intention kein »islamophobes« Werk. Houellebecq gibt zu erkennen, wenn er schon auf dem Präsentierteller stehe, so sei er nur wie zufällig und unverstanden in die Situation hineingerutscht. Unverstanden von allen Seiten. Dennoch sieht er bedenkliche und sogar unausweichliche gesellschaftliche Entwicklungen. Er spricht vernünftigerweise nicht von »islamkritisch«, eine Vokabel, die in Deutschland längst zu einer hirnlosen Kampfvokabel vermeintlicher rationaler Begründung und des täglichen Freifahrtscheines für einen überflüssigen Kulturkampf und Mobilmachungsjournalismus pervertiert ist. Er verteidigt den typisch französischen Absolutismus literarischer und satirischer Freiheit, natürlich in der Variante des staatstreuen und gesellschaftlich konformen Befürchtungsszenarios und zugleich in der von Charlie Hebdos primitiver Haudrauf-Methode gegen Politik, Religion und Minderheiten deutlich unterschiedenen Softvariante des sanfter sich gebenden Zynismus, kokettierend zwischen Frustration und Dystopie, in Form einer atheistisch-interreligiösen und philosophie-geschichtlich verbrämten Travestie des Nihilismus, wie er zu einem alten neoliberalen Gewohnheitsmenschen gehört, der jederzeit vor lauter Sinnleere zum Überlaufen bereit ist. Und das in aller Bescheidenheit eines Augen-zu-und-durch, damit das Buch dem Leser die Augen öffnet: »Wenn man will, sollte man auch ein islamphobes Buch schreiben können.« Und so etwas sei natürlich einfacher zu bewerkstelligen.
Aber Houellebecq wahrt selbst für sein Werk eine autonome Position auf einer imaginären Grenze, im Niemandsland, das weder von der einen noch von der anderen Seite, weder von der national-konservativen, noch der liberal-multikulturellen oder islamistischen Seite beeinflusst worden sei. Auch ein pathetisches, leicht instrumentalisierbares Helden- und Märtyrertum schließt er aus. Apathie und Eigensinn sind ihm Gegengift, so auch auf dem Podium.
Den Helden kann er nur jenseits des Helden, als alltäglich-professionellen »Sturkopf«, als Starrsinningen und Suchtkranken denken. Als denjenigen, der sich am Zeichentisch und Schreibtisch auf seine Konzentration auf die Kunst als letztes Lebenselixir in einem spaßfreien gesellschaftlichen Kampf konzentriert. Und eben hier bringt er das Voltaire zugeordnete Zitat, ausgerechnet via Schopenhauer, dem deutschen Pessimisten: »Wir haben nur noch drei Tage zu leben. Also machen wir es so leicht wie möglich.« Das ist eine Verdrehung von Carpe Diem und Memento Mori, oder jenem Frederizianischen Sanssouci (ohne Sorge), das auch dem Soldatenkönig-Sohn kaum vergönnt war.
Voltaire und Schopenhauer. Aufklärung und Pessimismus. Führt Houellebecq mit diesem Fake-Zitat nicht etwas anderes im Schilde? Denn gegen diese kleinliche Art, sein Glück im Untergang noch hastig als mikro-ästhetische Henkersmahlzeit zu genießen, spricht ein anderes, nicht zitiertes Zitat aus »Die Welt als Wille und Vorstellung« Bd. 2, § 46, »Von der Nichtigkeit und dem Leiden des Lebens«.
»Ganz in Uebereinstimmung mit der von mir bewiesenen Wahrheit sagt auch der von Natur und Glück so begünstigte
Voltaire: le bonheur n'est qu'un rève, et la douleur est réelle; und setzt hinzu: il y a quatre-vingts ans que je l'éprouve. Je n'y sais autre chose que me résigner, et me dire que les mouches sont nées pour être mangées par les araignées, et les hommes pour être dévorés par les chagrins.«
In der Übersetzung:
»Glück ist nur ein Traum, und der Schmerz ist real. Ich bin dafür seit 80 Jahren der lebende Beweis. Für mich bleibt wohl nur noch die Resignation und Entsagung übrig. Ich sage mir, dass Fliegen geboren werden, damit die Spinnen sie fressen, und die Menschen, damit der Kummer sie verzehrt.
«
 
Also Pessimismus, nur individuell oder sogar kollektiv? Und wenn ja, von allen Menschen als geplagtes endzeitliches enttäuschtes Totum, oder nur einem Segment, der sozial und politisch ausgelaugten Mitte der Gesellschaft, den nihilistisch, materialistisch und atheistisch gewordenen Exchristen, die alles und alle, sich selbst und andere, vor allem immer wieder auch Fremde und Andere in spaßgesellschaftlicher neronischer Hegemonie bis zum bitteren Ende verachten und quälen? Vor allem geht es Houellebecq in seinem neuen Roman-Vademecum um die Sorglosigkeit und um die »Verantwortungslosigkeit« als Voraussetzung einer spätästhetizistischen Klein-Kunst, einer Tätigkeit, bei der sich der Autor oder Zeichner oder Dramaturg ganz auf sein Tun konzentriert und verlangen darf, dass der Staat ihn bei seinem entwurfsarmen Existenzial-Klaumauk beschützt, bei der Ausübung seines Grundrechtes, ganz ohne Blick auf die Konsequenzen, zumal dann, wenn Gruppierungen und Lager mit anderer Meinung oder anderem Glauben massiv betroffen sind, und die symbolisch-kommunikative Gegenwehr, nicht nur in Einzelfällen, unter Terror- und Sympathie-Verdacht gestellt wird.

Houellebecq umkreist das absolute Recht auf die freie Rede, Meinung und Kunst in den Termini der Monade, nicht einer Leibnizianischen, sondern Schopenhauerschen Entität im Stadium des endlosen Verfalls, die ihn blind vor den gesellschaftlichen Ereignissen abschottet und nur auf seine innere Stimme als Reflex zu den erlittenen äußeren Prozessen und Entwicklungen der letzten Jahrzehnte hören lässt. Diese Rede zum Recht auf freie Kunst und freien Verfall klingt wie ein aufgedunsenes Echo der 1980er Jahre, die definitiv vorbei sind. Houellebecq erfährt in Köln auf dem Podium keine peinlichen Fragen sondern fährt wie von selbst in die Rolle eines Überlebenden und angeblichen Divinatoren, der allein aus der Kraft der Literatur ein Orakel über die Zukunft in der Form einer Jetztzeit-Satire zu liefern imstande ist. Zu diesem Orakel wird auch ein Betäubungsmittel, eine einzige Zigarette als Kultgegenstand erlaubt. Alle inhalieren aus der Ferne mit. So entsteht der Gleichklang einer Buch- und Zigarettenreklame. Der Geruch von Freiheit und Abenteuer. Die interne Gefahr des Kulturkollapses und die externe Terrorbedrohung konvergieren zu einem Betroffenheitsabend tiefsinniger Endzeitschönheit. Und so werden als Beweis seiner ungebrochenen Kunstfertigkeit Passagen aus dem Roman in sonorem Verkündungs-Deutsch vorgetragen, zu denen sich Houellebecq fast schamvoll selbst auf die Fremdsprache hinhörend wie von einem fremden Text Notizen macht, als handelte es sich um ein sakrosanktes Vermächtnis, von dessen Gegenwärtigkeit er ein Stück abbekommen will.

Streiflichter aus dem Roman

Die Vorlesung in Köln umfasst mehrere Streiflichter und dialogische Exkurse. Diese leiden unter einer schlechten Übersetzung der Wortbeiträge und hauchdünner Vorbereitung. »Es ist üblich, dass man seine Exfreundinnen weiterhin duzt, aber statt eines echten Kusses gibt man sich Küsschen auf die Wange.« Diesem routiniert abgeklärten Abschiedsgedanken aus dem Roman (S. 34 ff.) folgt eine Expertise von Myriam, der ehemaligen jüdischen Freundin der Hauptfigur François, dem Ich-Erzähler und gealterten Literaturdozenten, wonach dieser trotz seines Machogehabes und seiner zweideutig naturalistisch-symbolistischen Vorliebe zwischen Mallarmé und Huysmans nicht in das Konsum-und-Partner-Raster der aktuellen Frauenzeitschriften passe. Mit Boris Cyrulnik spricht François, der Ich-Erzähler, sogleich den Startheoretiker der Resilienz, der Widerstandskraft und des Überlebenswillens von Menschen in außergewöhnlichen Krisen-, aber auch in Alltagssituationen an. Und zwar im Widerspruch zu seiner Liebe zu Nick Drake, dem britischen Folk-Geheimtipp und mittlerweile VW-Verkaufsikone (»Pink Moon«). Nick Drake hat jenen wunderbarem Hochwasserhosen-Lyrismus, der wohl auch den aktuellen Kleidungsstil Houellebecqs für die popkulturell Unbedarften erklärt. Eine tragische Figur, die den Mythos, mit 26 Jahren 1976 an einer Überdosis Antidepressiva zu sterben, für sich reklamierte und damit den Forever 27 Club von Hendrix, Joplin, Morrison und Cobain toppte. Die Kampfzone ist zur diskursiven Verhandlungsfläche des Lebens und Sterbens geworden, das Projekt Sex und Kinderkriegen wird wegen Selbstdefinitionsbedarf bis aufs weitere aufgeschoben.

»Der Regierungswechsel hatte im Viertel keine sichtbaren Spuren hinterlassen.« (S. 154) Die Romanfigur François geht davon aus, dass er seinen Posten an der Universität behalten wird. Die neugewählte muslimische Regierung unter Mohamed Ben Abbès kommt 2022 an die Macht, durch die Koalition des anwachsenden muslimischen und des schwächelnden sozialistischen Lagers gegen den rechten Front National. Sie führt ein theokratisches Gouvernement ein mit dem »Bekehrungseifer« von Scharia und Polygamie, die allerdings  durch den »Ozean dieser riesengroßen Zivilisation« gebremst zu werden scheint, wie der Protagonist vermutet. In dem weniger spektakulären Einkaufszentrum Italie 2 treten nun vermehrt Frauen in Hosen auf, die Anzahl der Schleier nimmt draußen nicht zu. Und damit wird dem an »Elementarteilchen« erinnernden Lustkalkül der Hauptperson, Einhalt geboten, wonach François nicht mehr seine Don-Juaneske Liebe zur Geometrie als Voyeur in aller Öffentlichkeit am berockten triangulären Frauenunterkörper ausleben kann. Da wird ihm von seiner Islamisch gewordenen Universität Paris-Sorbonne mitgeteilt, dass er nur noch an einer laizistischen Institution seine über allen fachlichen Zweifel erhabene Lehrtätigkeit fortsetzen könne. Die großzügig berechnete frühzeitige Rente umfasse die volle Summe, die an sich erst ab dem 65. Lebensjahr fällig wäre. Der Haupteingang des Universitätsgebäudes, in dem Françcois seine Pensionierung unterschreibt, enthält als Außenverzierung die neuen Insignien, Stern und Mondsichel, innen Plakate mit Kalligrafien aus dem Koran und Fotos von Pilgern, die die Kaaba umrunden. Sein Freund Steve nimmt eine Stelle an der neuen Universität an zu einem fürstlichen Dreifach-Salaire und doziert über Rimbaud, der in seinem abenteuerlichen und aufreibenden Leben als Dichter der Moderne sich sogar einer »schlussendlichen Konversion zum Islam« unterzogen habe und die nun als »unumstößliche Tatsache dargestellt« werde. Das Thema der Kollaboration und Heteronomie wird deutlich angesprochen.

»Ich befand mich im besten Alter, war von keiner tödlichen Krankheit direkt bedroht...« (S. 161) Die Lebensplanung des Frührenters setzt ein, der seine noch vorhandene Vollvitalität vom Kontakt zum weiblichen Geschlecht abhängig macht. Myriam nimmt Abstand, geht nach Israel, lernt jemand anderes kennen. François erlaubt sich die Begegnung mit professionellen Liebesdienerinnen und wählt Muslimas aus, die er wie ein Spezialmenü à la Carte verspeist. Die gebildete Tochter eines Radiologen ist gut erzogen, war nie verhüllt, stammt aus liberalem Elternhaus und studiert Literatur. Die Sexualpraktiken werden kurz aber explizit ausbuchstabiert, Enttäuschung empfindet der Gourmand bei der Tatsache, dass die Begleiterin keine Lust zeigt, angeblich »Angst bekam, Lust zu empfinden«. Die exakte Spiegelung scheitert. Die nächste Dame ist wiederum zu geflissentlich-ordinär. Die Selbst-Beobachtung frisst das Erlebnis auf. Das Leben ist nur noch ein stillgestellter einsamer Konsum.

Über einen freien Auftrag, die Kommentierung einer Huysmans-Ausgabe für den renommierten Pléiade-Verlag unter dem Leiter Bastien Lacoue gerät François in Kontakt mit dem Hochschullehrer Robert Rediger. »Als ich die Rue des Arènes Nr. 5 erreicht hatte, begriff ich, dass Rediger nicht nur in einer bezaubernden Straße im fünften Arrondissement wohnte, sondern dass er in einem Stadtpalais ... wohnte«. Ausdrücklich werden hier die emphatischen Floskeln des Immobilienmarktes insistent wiederholt, der neogotische Stil des Gebäudes mit dem neobabylonischen Gesamtbild der Métro-Station Monge, Ausgang »Arènes de Lutèce« und seinem römischen Bezug kontrastiert. Außerdem wird das flankierende Türmchen am Stadtpalais hervorgehoben, zur Erinnerung an den Wohnort von Jean Paulhan, bis zu seinem Tod 1968 Mitherausgeber der »Temps Modernes« (nach Charlie Chaplins gleichnamigem Film), einem linken, politischen, literarischen und kulturwissenschaftlichen Projekt, an dem damals Jean Paul Sartre maßgeblich beteiligt war. Paulhan war zugleich der Konspirateur für Dominique Aury, alias Pauline Réage, bei der Verfassung der »Geschichte der O«. Rediger ist zugleich eine Schlüsselfigur für den zeitgenössischen Philosophen Robert Redecker, der Papst Benedikts islamkritisches Regensburg-Zitat 2007 in einem ähnlich pointierten Artikel aufgriff und von den »Intimidations islamistes« sprach und seine Stelle an der Universität in Toulouse aufgeben musste, um an einem unbekannten Ort unter Polizeischutz zu leben.
Dies ist die eine Form der Soumission, der Unterwerfung, bei der sich staatlichen Mächte plötzlich außerstande sehen, einer kritischen Stimme noch Schutz zu bieten, angesichts der unsichtbaren, aber für real gehaltenen Fern-Bedrohung. Die Romanfigur Rediger bewegt sich im Sinne der Soumission in eine affirmative Richtung: Der ehemals nationalistische Parteigänger tritt über zum Islam, mit allen damit verbundenen Vergünstigungen, der Vielehe und der Liebe zu einer Minderjährigen und dem Job als Präsident der Universität Sorbonne. Seine Dissertation trägt den Titel »Die Nietzsche-Lektüre von Guénon«. René Guénon ist keine semi-fiktive Figur, sondern ein einflussreicher Mitbegründer der französischen traditionalistischen Schule, die die Philosophie wieder als Metaphysik direkt mit Religion und Mystik in einem vormodernen Sinne verbinden wollte. Dieses Projekt zeitigt merkwürdige Folgen: entweder, indem Guénons Positionen sich im Zeitalter von Historismus, Relativismus und Agnostizismus nicht mehr auf Dauer rational stabilisieren lassen, oder in dem anderen Sinne, dass Guénon ein breit gefächertes Bildungs- und Glaubenserlebnis erfährt, das ihn als Grenzgänger zum Islam führt. Zunächst römisch-katholisch und freimaurerisch gesonnen streifte er später seine christlich-mitteleuropäische Bindung ab zugunsten einer islamisch-mystischen Bekehrung zum Shadili-Sufismus in Nordafrika und Kairo.
Houellebecqs Held ist an dieser Stelle genau so verwirrt und ermüdet wie Huymans, der sich selbst missverstehende und von anderen fehlgedeutete Polystilist und Konvertit an der Jahrhundertwende und wie die Zuhörer in Köln 2014: »Ich war nur mit Mühe dazu in der Lage, ihm zuzuhören. Ich stand kurz vor einem Kollaps.« Nicht umsonst kritisiert Rediger seine eigene Nietzsche-Guénon-Arbeit, während er bei François umfangreicherer Dissertation Nietzscheanische Bezüge gerade zwischen dem künstlerischen Überschwang der Ideen wie in der Geburt der Tragödie im Gegensatz zu den rationaler und sparsamer argumentierenden Unzeitgemäßen Betrachtungen hervorhebt. Rediger versucht »wirklich angesehene« Hochschullehrer »von internationalem Format« zu gewinnen. Einzige Bedingung ist die Aufgabe des bisherigen Glaubens und der bisherigen Lebensform, ganz gleich ob Theismus, Deismus, Atheismus oder rebellischer Humanismus, vor allem der Rückzug aus dem Engpass der westlichen Debatte zwischen Kommunismus und Liberalismus. Rediger schmeichelt sich durch eine maliziöse Rede bei François ein, den Untergang des christlich-jüdischen und des säkularen »Abendlandes« in der Geste der Unterwerfung des intellektuellen Mannes unter den Islam zu besiegeln und damit die verbundene unbedingte Unterwerfung der Frau unter den Mann zu gewinnen, »wie sie in Geschichte der O beschrieben wird«, um sich im Genuss unterm Gesetz hinzugeben.
Im Gegensatz zum transzendenten Pessimismus des Christentums und der Modereligion des lebensverneinenden Buddhismus bejahe der Islam die Schöpfung und den Schöpfer in einer unvergleichlichen Intensität, der man nicht durch Übersetzung aus dem Arabischen gerecht werden könnte. Man müsse sich in den Originalwortlaut, in die Musikalität der Klänge, auch ohne unmittelbares Verstehen, versenken. Zu diesen ontotheologischen Floskeln gesellen sich zugespitzte evolutionistische und bevölkerungspolitische Argumente, die zugleich von der antichristischen Militanz eines neu-hart ausgelegten Nietzsche flankiert werden, der am windelweichen Humanismus und den Menschenrechten vorbeimarschiert. An der Grenze zu einer spätrömischen, hellenistischen und byzantischen Verwirrung, bei der auch die funktionale Auslagerung der Brüsseler und Straßburger EU-Gewalten nach Rom und Athen eine Rolle spielt, beschließt Houellebecq mit einer freudigen Erwartung seines voraussichtlichen Konvertiten François sein Werk in einem narrativen Optativ, der dem heutigen verblassenden europäischen Polylog den Zerrspiegel der Wahl vorhält: Unterwerfung jetzt, so oder so. Der Untergang des Abendlandes als genüssliches Exotikum.

In vielen Passagen ist »Unterwerfung« ein mattes Remake seiner früheren Werke, Brillanz und Fahrt nimmt der Kurzroman erst in den finalen Ausführungen Redigers auf. Ohne Zweifel sind Houellebecqs Person und sein Buch mitten in eine reale Kampfzone geraten. Diese konfliktreiche Situation ist nicht nur in Frankreich und nicht allein militärisch zu beherrschen, sondern ist zivilgesellschaftlich in ganz Europa und global zu lösen. Dazu bedarf es anderer Instrumente als zeichnerischer und romanhafter Karikaturen und Spekulationen. Auch Houellebecqs Roman ist voll von asymmetrischer Ranküne und Ressentiments. Die hochkulturelle Verbrämung ändert daran nichts. Der Diskurs der Integration unter neutralen demokratischen Prämissen einer für alle gesicherten Freiheit und Chancengleichheit tut not. Das Spiel der staatlichen Souveränität in Verbindung mit einer einzigen kulturellen Hegemonie und der Arroganz und Gewalt gegenüber den Banlieues oder der Konsum von Exotismus, das alles funktioniert nicht mehr.

Artikel online seit 26.01.15
 

Foto: Michel Houllebecq, Screenshot 19.01.15

Michel Houllebecq
Unterwerfung
Roman
Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek
DuMont Buchverlag
271 Seiten
22,95
978-3-8321-9795-7


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