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Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


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Glanz&Elend
Ein großformatiger Broschurband
in einer limitierten Auflage von 1.000 Ex.
mit 176 Seiten, die es in sich haben.

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Wege in die Welt

Neue Bücher über Peter Handkes Prosa. Sein Œuvre
zeigt eine weite, zuweilen jedoch labyrinthische Welt.
Die vorliegenden Aufsätze sind Versuche, Wege in diese
Welt aufzuzeigen; Aus-Wege gibt es überall zur Genüge.

Von Lothar Struck

 

Mit dem von Anna Estermann und Hans Höller unlängst herausgegebenen Band »Schreiben als Weltentdeckung« liegen jetzt Beiträge von drei Tagungen zu Peter Handkes Literatur aus Anlaß seines 70. Geburtstags 2012 in schriftlicher Form vor. Einzig zum Symposium »Peter Handke: Lebensgeschichten/Werkgeschichten« im September 2012 in Mürzzuschlag gibt es bedauerlicherweise keine Textsammlung. Nur einige wenige Beiträge sind auf der Webseite »Handkeonline« abrufbar. So Martin Sexls kluger Text »Poesie als Medienkritik« über die »Jugoslawien-Kriege im Werk Peter Handkes«, Georg Schiffleithners erhellende Spurensuche »Gehen, sehen, schreiben. Zur Entstehung von Peter Handkes 'Die Lehre der Sainte-Victoire'« und mein Versuch, Handkes Jugoslawien-Engagement aus einer Re-Verwandlung des Dichters von Epiker zurück zu den Ursprüngen des Sprachkritikers abzuleiten, die er in seinem »Niemandsbucht« sozusagen öffentlich »verhandelt«.

Nun aber das aktuelle Buch. »Schreiben als Weltentdeckung« reflektiert das Abschiedssymposium von Hans Höller vom 17.10.-20.10.2012 in Salzburg. Der Nebentitel verspricht »neue Perspektiven der Handke-Forschung«. Und tatsächlich geht es mit Klaus Amanns Beitrag über die Voraussetzungen und Hintergründe zum Ahnen- und Partisanendrama »Immer noch Sturm« fulminant los. Amann dokumentiert eindrucksvoll Handkes jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Widerstand der Kärntner Slowenen gegen den Nationalsozialismus, die durch die österreichische Innenpolitik der 1980er Jahre (Waldheim und das Aufkommen der Haider-FPÖ) noch befördert wurde. Überzeugend auch Amanns Ausführungen über die Verwandlung von Handkes Familie »die vor die schicksalhafte Entscheidung gestellt ist, Widerstand…zu leisten« und im Stück zu Mittätigen des Widerstands gegen die Nazis werden.

Jugoslawien in Spanien

Auch Karl Wagner beschäftigt sich mit dem »Großen Fall« mit einem verhältnismäßig aktuellen Buch des Schriftstellers. Er entdeckt einen ersten Hinweis auf einen »großen Fall« in »Wunschloses Unglück« 1972 und rekurriert auf eine inzwischen durch eine Neuübersetzung getilgte Stelle in Knut Hamsuns »Der Hunger«, in der ebenfalls von einem »großen Fall« die Rede war. Aber was ist damit gemeint? Am Ende des Buches wird, so Wagner, eine fast dystopisch anmutende »Zeit- und Weltenwende« suggeriert. Oder, so wird zwischen den Zeilen gefragt, handelt es sich um eine Gewaltphantasie wie die der Hauptfigur Keuschnig in der »Stunde der wahren Empfindung«? Und dann? Vielleicht – so die Frage des Amateurs nach diesem anregenden Text – ist es eine Andeutung eines bevorstehenden »Aus-der-Welt-Fallens«, einer Form von existenzieller Lebenskrise?

Clemens Peck analysiert »Don Juan (erzählt von ihm selbst)« und verknüpft die Bilderwelt des Handkeschen Don Juan mit Roland Barthes Essay »Die helle Kammer«. Pecks Analysen wirken zuweilen etwas bemüht. Belebend dagegen Boris Previšićs Erläuterungen über Topographie und Rhythmus von Handkes schwierigstem Werk, dem 2002 erschienenen »Bildverlust«. Previšić zeigt die »Mehrfachcodierung des Handlungsraums« im »Bildverlust« und bestätigt damit Thomas Deichmanns These. Tatsächlich finden sich in der erzählten »Sierra de Gredos« mehr als nur Nuancen des untergegangenen Jugoslawiens und werden zu einer Phantasielandschaft, einem Phantasie-Raum, verwoben.  Die »akustische Poetologie«, die der Autor im Roman erkennt, erschließt sich mir leider nicht. Zu feinen Höhepunkten des Bandes gehören neben Oswald Panagl Beitrag über Handkes Übersetzungen aus dem Griechischen vor allem die Ausführungen des kurz darauf leider verstorbenen Adolf Haslinger zum »Aranjuez«-Stück.

Der Tormann und der Realismus

Ansonsten beschäftigen sich die Beiträge mit länger zurückliegenden Texten. Anna Estermann macht einen »romantic turn« Handkes bereits ab 1970 aus: Weg von der experimentellen Literatur hin zum epischen Erzählen. Es beginnt, so die These, mit der »Tormann«-Erzählung 1970 und dem »Kurzen Brief zum langen Abschied« 1972. Die Exkurse über den »Neuen Realismus« der Kölner Schule und den für Handke einige Zeit sehr wichtigen Nouveau Roman von Alain Robbe-Grillet sind lehrreich. Estermann zeigt, dass Handke am Ende gar nicht so weit weg war vom »Neuen Realismus« eines Dieter Wellershoff. Auch der Princeton-Auftritt werde, so die Autorin, in dieser Hinsicht bis heute missverstanden. Handke habe sich nicht gegen den Realismus an sich sondern nur gegen einen traditionellen Realismus gewandt, der »eine vom Autor erfundene, also per se subjektive Vorstellung von Wirklichkeit als objektiv gegebene Realität« ausgebe und damit versuche »ihren willkürlichen 'unnatürlichen' Charakter vergessen zu machen.« Wie Handke lehnt auch Wellershoffs Programmatik die »Reproduktion vermeintlich universeller Modelle« ab und verwarf das konventionelle Erzählen mit allwissendem Erzähler zu Gunsten eines »subjektiven Blicks«. Vor allem stimmten beide darin überein, dass Texte »authentische Erfahrungen« statt Meinungen wiedergeben sollten. Estermann mutmaßt, das Handke mit seiner experimentellen, nouveau-roman-ähnlichen 'dinghaften' Prosa nicht mehr genügend »Wirkungsmacht« erzielt habe und damit zu einem »allumfassenden Realismus« (Handke im Gespräch mit Günther Nenning) übergegangen sei. War Handke also mit seinem sprachkritischen Gestus (vorerst) ans Ende gekommen und schwenkte aus opportunistischen Gründen um, wie man dies zwischen den Zeilen lesend interpretieren kann? Oder wollte sich Handke nur nicht wiederholen und versuchte sich dadurch verstärkt im epischen Erzählen? Vielleicht war der »romantic turn« nur ein kleinerer, evolutionärer Schritt, der dann 1978 zur klassischen Wende Handkes führte und weniger spektakulär, als der Text dies Glauben macht?

Die Erzählung über »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter« ist auch Gegenstand von Norbert Christian Wolfs Beitrag. Er rekurriert auf den Zusammenhang zwischen Erzählung und der Lektüre Handkes von Klaus Conrads psychiatrischer Studie »Die beginnende Schizophrenie - Versuch einer Gestaltanalyse des Wahns«. Handke selber hatte auf diese Lektüre hingewiesen. Mit Können und partieller Freude dekonstruiert Wolf  die voreiligen und falschen Wortmeldungen des Feuilletons, die die schizophrene Persönlichkeitsstruktur des Monteurs Bloch, der Hauptfigur, trotz eindeutiger Indizien nicht wahrgenommen hatten bzw. falsch deuteten. Der schriftstellerischen midlife-crisis des Helden Andreas Loser in »Der Chinese des Schmerzes« widmet sich Leopold Federmair und verknüpft Eigenschaften der fiktionalen Figur z. B. mit Handkes »Dialektik von Weltekel und Weltfrömmigkeit«. Für kurze Zeit entstehe eine »Feier des Lebens«; das Kontinuum dieses ephemeren Glücks findet sich übrigens später im »Versuch über den geglückten Tag«. Federmair nennt das Handkes »Diesseitsreligion«. Evelyne Polt-Heinzl widmet sich den »Versuchen« Handkes (den »Versuch über den Pilznarren« gab es damals allerdings noch nicht). Herwig Gottwalds Ausführungen über das Böse bei Peter Handke enden mit einer leicht moralinsauer daherkommenden Anmerkung über persönliche Äußerungen des Schriftstellers zur Gewalt in Interviews (angegeben wird eines der Interviews mit André Müller). Andreas Bieringers Text über die Liturgie in Peter Handkes Erzählungen belässt es weitgehend dabei, die liturgischen Elemente in der Prosa aufzuzählen (so zum Beispiel die Kirchenszene in »Der Große Fall«) statt sie zu analysieren.

Die Gretchenfrage

Bieringers Text findet sich nur leicht verändert in dem zusammen von ihm und Jan-Heiner Tück herausgegebenen Band »'Verwandeln allein durch Erzählen'«, in dem die Beiträge des Symposiums an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien vom November 2012 (bis auf eine Ausnahme) versammelt sind und das »Spannungsfeld von Theologie und Literaturwissenschaft« im Werk von Peter Handke ausgelotet werden sollte. Der Anspruch der Herausgeber war hoch:  Man wollte sich nicht wie ein »Trüffelschwein« darauf beschränken, die Literatur Peter Handkes »religiös relevante Stellen hin« abzusuchen, so in der Einleitung. Das Ziel war ein interdisziplinärer Dialog von Literaturwissenschaft und Theologie.

Leider gelingt dies eher selten. Zu groß die Versuchung, sich dann doch mit Zitaten aus dem Werk Peter Handkes auszurüsten. Manches Dichterwort liest man dann in mehreren Beiträgen; die Redundanzdichte nimmt am Ende deutlich zu. Der überzeugendste Beitrag von der »theologischen Seite« ist von Jan-Heiner Tück, der die »eucharistische Poetik« im Werk Handkes untersucht. Aber auch Tück macht sich nicht frei davon, bei Handke eine Absage an eine Diesseits-Religion festzustellen. Damit steht Tück in interessantem Gegensatz zum Federmair-Text im Salzburger Symposium, der Handkes »Feier des Lebens« eindeutig säkular verortete. Auch Hans Höller sprach in Wien von einem »weltlichen Evangelium« Handkes, einer »Verschränkung des Mythischen mit einer freien, weltzugewandten Haltung.« Genau hier lag dann ein Kritikpunkt des Theologen Elmar Salmann, der vor allem in den Tagebüchern eine »Überfrachtung des mystischen Moments« konstatierte, während er ansonsten Handke als übenden »Gyrovahen« im Sinne Sloterdijks sieht. Einzig Bischof Egon Kapellari vereinnahmte den Dichter nicht, sieht die Frage nach Gott bei Handke offen und bemerkte – zweifellos richtig - Einflüsse von Faulkner, Bernanos und Paul Claudel. Statt »Du musst« wähle Handke ein »Du kannst« – so paraphrasiert auch Kapellari Sloterdijk. 

Einseitige Fokussierung auf das Katholische

Hans Baloch untersucht in einem leider zu kurzen Text die »Aufmerksamkeit für die raum-zeitliche Existenz des Menschen« in Peter Handkes Werk. Jakob Deibls Erläuterungen über die blinden Fenster in Handkes Erzählung »Die Wiederholung« sind etwas sperrig. Die Umdeutung der Handkeschen Erzählungen als biblische Erzählung überzeugt nicht. Auch Alex Stocks »theologische Anmerkungen« überzeugen nicht. Grundsätzlich definieren die Theologen in diesem Band Religion zu einseitig über den Katholizismus. Wobei: Selbst Einordnungen zu Handkes Oster- und Pfingstaffinität und seine geradezu abgöttische (!) Verehrung der Adventzeit (nebst seinem Ekel auf Weihnachten) werden nicht beleuchtet. Nur einmal ist vom orthodoxen Christentum die Rede, zu dem sich Handke seit Mitte der 1990er Jahre nicht zuletzt durch seine zahlreichen Jugoslawien-Reisen immer stärker hingezogen fühlt, wie man beispielsweise im »Sommerlicher Nachtrag« oder »Unter Tränen fragend« lesen kann. 1999 kündigte Handke wegen des Schweigens des Vatikans zu den Bombardements der NATO auf Serbien seinen Austritt aus der katholischen Kirche an (den er dann jedoch nicht vollzog). Auch das hätte man erwähnen und die Gründe Handkes, die einiges über dessen Verständnis der Institution Kirche sagen, befragen können. Schließlich unterbleiben vollends Hinweise über Handkes Beschäftigung mit dem sufistischen Islam, für den es einige Andeutungen im Werk gibt.

Die Texte der Literaturwissenschaftler bieten in diesem Buch einen größeren Erkenntniswert. Helmuth Kiesel gelingt es, Handkes Theaterstück »Über die Dörfer« als »Artistenevangelium« zu verorten. Novas Setting am Schluss – ein langer philosophisch-politischer Monolog - vereine Elemente christlicher Liturgie mit »jesuanische[m]« »Grundgestus« und erinnere an Nietzsches Zarathustra. Erhellend dabei, wie Handke die damalige apokalyptisch-depressive Grundstimmung der Gesellschaft (die sich auch in der Literatur zeigte) in eine »große Ermutigung« versuchte zu wenden, also (abermals) gegen den Mainstream anschrieb.

Großartig ist der Beitrag von Mirja Kutzer (»Lieben auf Leben und Tod«). Sie klärt anknüpfend an den »Kurzen Brief« über die Liebe im Werk von Peter Handke auf. Die Liebe zu einer Frau sei, so die Kutzers Lesart von Handke, in Bezug auf Dauer praktisch zum Scheitern verurteilt. Liebesbeziehungen sind am Ende fast immer »Verfallsgeschichten«. Dauerhaft sei für Handke nur die Liebe zu Gott. Es ist dann sehr interessant, wie die Autorin den Bogen von der Liebe zum Erzählen schlägt. Liebe ist essentiell für Handke, um zum Erzählen zu kommen. Erzählen kann nämlich ebenfalls Dauer stiften, in dem dort beispielsweise das (sich später verflüchtigende) Begehren bewahrt werde. Nur das »durch die Liebe angestoßene Erzählen, das in den Sammlungen von Geschichten das Begehren bewahrt [figuriert] einen Raum zwischen dieser und der ANDEREN Welt« und eröffnet Wege, »die Leben und Entwicklung ermöglichen.« Erzählung sei eine »Form der Heilsvermittlung, der Ermöglichung von Leben im Bedingten«, sie stiftet »Gemeinsamkeit«, und zwar »ohne Individuelles aufzuheben«.

Was der »Bildverlust« genau ist

Auch Anna Estermanns Text über den »Bildverlust«-Roman und Handkes »weltliche Religion der Bilder« ist sehr anschaulich. Estermann weist dem Roman eine Sonderstellung im Werk Handkes zu und belegt dies in der Gegenüberstellung mit »Mein Jahr in der Niemandsbucht« und »Der Wiederholung«.  Nach der Lektüre des Beitrags von Estermann hat man zumindest die eine zentrale Frage des Buches beantwortet bekommen: Was ist denn eigentlich der »Bildverlust«? (Diese Frage, so erklärte Herbert Burda, habe er Handke nach seiner Lektüre gestellt; die Antwort war – keine.) - Wer es nicht aushalten kann mit der Antwort: Man vergleiche das Bild einer Autofahrt im »Bildverlust« auf Seite 704f  und ein ähnliches Setting aus »Die Wiederholung« Seite 30f.)

Sehr angenehm zu lesen ist Klaus Kastbergers Hinweis über die Bedeutung des Salzes im Werk von Peter Handke (hier leicht variiert). Erich Kock mutmaßt, dass Handke die Evangelien als »ungeliebte Verwandte« empfindet und empfiehlt dem Schriftsteller die Lektüre von Jean-Pierre Caussade und Gerard Manley Hopkins. Der Band schließt mit einem sehr schönen Prosatext von Arnold Stadler in Form eines Briefes an Peter Handke.  

Im Tück/Bieringer-Band sind einige Texte zusätzlich zum Symposium abgedruckt. Einer jedoch fehlt: Katharina Pektors Aufsatz über das Parzifal- bzw. Fragemotiv bei Handke. Man findet das philologisches Meisterstück unter dem Titel »Schütteln am Phantom Gottes – Handkes Wiederholung von Wolframs 'Parzival'« im sündhaft teuren Band »Peter Handke – Stationen, Orte, Positionen«, herausgegeben von Anna Kinder. Hier sind die Texte der Konferenz, die im Februar 2012 im Deutschen Literaturarchiv Marbach im Rahmen des Suhrkamp-Forschungskollegs stattfand, abgedruckt. 

Hans Höller und Handkes Wende zum Klassischen

Wobei das nicht ganz richtig ist, denn der Vortrag von Hans Höller mit dem Titel »Die Idee einer neuen Klassik: Peter Handke und die Literatur nach 1945« fehlt im Buch von Anna Kinder. Der Grund könnte im Eklat von Marbach liegen, der sich im Anschluss an den Vortrag von Jürgen Brokoff entzündete, in dem Brokoff Handkes Jugoslawien-Engagement kritisch beleuchtete und unter Verwendung sinnentstellter Zitate wahrheitswidrig eine »Verhöhnung der muslimischen Opfer« und anti-islamische Affekte vorwarf. In der anschließenden Diskussion kam es dann ganz schnell zu einem auch ad hominem geführten Disput zwischen Brokoff auf der einen und Höller und Fellinger auf der anderen Seite.  

Im Herbst letzten Jahres ist dann Hans Höllers Buch über das Klassische im Werk Handkes mit dem Titel »Eine ungewöhnliche Klassik nach 1945«erschienen. Höllers These: Die existentielle Schreib- und Lebenskrise Handkes von 1978 führte zu einer neuen Orientierung in seinem Werk. Höller bezeichnet dies als Wende zum »Klassischen«, wobei er sich um die Fragilität und Ambiguität des Begriffs bewusst ist. So hütet er sich vor einer Definition, was die Sache nicht einfacher macht. Höller sieht Handkes Idee vom Klassischen »auf die Befreiung aus den lebensgeschichtlichen und den historischen Traumen gerichtet, genauer: auf ein freies Eingedenken des Form-Prinzip des Werks«. Geschehen, Handlung, soll in Rhythmus und Bild verwandelt werden, wie es Handke im Nachwort von »Boštjans Flug« beschreibt (und in dem Buch von Florjan Lipuš aus Vortrefflichste verwirklicht sieht).

Diese Definition bleibt sehr abstrakt. Etwas einfacher wird es mit einem Zitat Handkes aus der  Dankesrede zum Kafka-Preis 1979: »Ich bin, mich bemühend um die Formen für meine Wahrheit, auf Schönheit aus – auf die erschütternde Schönheit, auf Erschütterung durch Schönheit: ja, auf Klassisches, Universales, das, nach der Praxis-Lehre der großen Maler, erst in der steten Natur-Betrachtung und –Versenkung Form gewinnt.« Dass Handke diese Wende zur »Schönheit« ausgerechnet beim Kafka-Preis ausspricht, hat eine gewisse Brisanz. Stark vereinfacht ausgedrückt: Handke wendet sich 1979 (vorübergehend) ab von Franz Kafka als einer seiner literarischen Leitfiguren. Stattdessen »erwählt« er nun Goethe, den er bereits einige Jahre zuvor in einem Filmdrehbuch mit dem ursprünglichen Titel »Wilhelm Meisters Lehrjahre«, das er später in »Falsche Bewegung« umbenannte, selbstbewusst paraphrasiert hatte. Dabei gibt es Parallelen von der Hinwendung Handkes zu Goethe mit dem Verständnis eines Thomas Mann, der das Klassische in seiner Lessing-Rede von 1929 als »geistige Lebensform« definierte. Handke selber jedoch legte Wert auf den Unterschied, wie er in einer Eintragung im Journal »Die Geschichte des Bleistifts« formulierte: »Das Pathos meiner Herkunft bewahrt mich vor dem Klassizistischen (das Zeichen des Bürgerlichen ist) und verlangt von mir das Klassische (das nicht nur mich adelt).«

Das Pathos der Herkunft oder: Ist Handke ein sozialdemokratischer Schriftsteller?

Das »Pathos« seiner Herkunft  wird Handke in seinem Werk immer wieder aufgreifen. Ob in »Wunschloses Unglück« 1972, »Über die Dörfer« 1981, »Die Wiederholung« 1986 oder zuletzt – meisterhaft – »Immer noch Sturm« 2010 (um nur die offensichtlichsten Spuren zu nennen). Aber Höller macht nun bei Handke eine spezifische Klassik aus, die auf »eine von traumatischen Erfahrungen erschütterte Welt bezogen« sei und zwar auf »das tägliche Szenario der vielen einzelnen Fälle des Großen Falls«, wie er noch ein wenig rätselhaft anfügt. In einer Artikelserie im »Logbuch Suhrkamp«, die als Begleittexte zu seinem Buch fungieren, schreibt Höller, dass Handke die »Idee der künstlerischen 'Arbeit' nach 1945 unter neuen historischen Voraussetzungen rekonstruier[en]« will und unter anderem die abhängigen Arbeitsverhältnisse und die schlechte Entlohnung kritisiert. Der Schriftsteller Handke wird zum Nach-Denker (im Gegensatz zum Vordenker) einer sozial engagierten Poetik. Aber geht es bei Handke tatsächlich um eine »Poetik der Befreiung des Menschen«, wenn er von der Arbeit auf einem Hof in Kärnten, dem Studium an einer Obstbaumschule in den 1930er Jahren in Jugoslawien oder von den mangelnden sozialen Chancen seiner Mutter erzählt? Vereinfacht (und damit provokativ) gefragt: Ist Handke ein sozialistischer oder zumindest sozialdemokratischer Dichter (wenn auch nicht im Sinne Brechts oder Sartres), der sich »der Wiederherstellung eines umfassenden Begriffs von Arbeit« verschrieben hat?

Auch die traumatischen Erfahrungen der Opfer des Nazi-Regimes sieht Höller bei Handke weitergeführt. So wird eines der elementaren Erzählmotive Handkes, die »Verwandlung«, von der erfahrungsgesättigten Prosa einer Ilse Aichinger und anderen Shoah-Überlebenden (Fred Wander und Ruth Klüger etwa) von Höller abgeleitet und damit ein von Handke gewolltes Kontinuum konstruiert, das er nun in seiner klassischen Wende fortschreibe: »Wenn Brecht vor allem die gesellschaftliche Veränderung im Auge hatte, geht es Handke, darin Aichingers Erzählen in dieser Zeit verwandt, um die 'Verwandlung' traumatischer Erfahrungen, um die 'Erschütterung' des 'Totgewichts' in uns.« Ist das aber von jemandem, der 1942 geboren wurde und damit eine ganz andere Sozialisation als die 20 Jahre ältere Ilse Aichinger erfahren hat, überhaupt zu erbringen?  Kann man Handkes Schreiben überhaupt in eine Reihe der Literatur der Überlebenden der Nazi-Zeit stellen?  Soll aus der Rede von 1979 sei eine Art Gelöbnis herausgelesen werden, sich in diese Reihe zu stellen? Wäre das aber für einen 1942 geborenen nicht eine zu große Bürde?

Schönheit UND Schrecken

Richtig ist, dass das Aufscheinen der Schönheit, des »geglückten« Moments, die Feier des Augenblicks, bei Handke immer nur von kurzer Dauer (ephemer) sind. Kaum erzählt, schwinden diese Schönheits-Evokationen und die Stimmung "kippt" zu Gunsten eines diffusen, manchmal auch drastischen Bildes eines nahenden oder lange zurückliegenden Schreckens. Mal sind es die Geräusche eines Düsenjets, der als Dokument für einen drohenden, fernen Krieg erlebt wird. In einer bukolischen Landschaft wird auf einmal ein Bunker oder ein Bombentrichter entdeckt. Oder ein Ort erinnert durch seine Vergangenheit an eine Katastrophe, wie beispielsweise in der Geschichte »Versuch des Exorzismus der einen Geschichte durch eine andere«, als »eine Sonntäglichkeits-Stille«, die sich über einen Bahnhof legt und schwelgerisch erzählt wird, jäh ins Gegenteil wendet: »…und die Kinder von Izieu schrien zum Himmel, fast ein halbes Jahrhundert nach ihrem Abtransport, jetzt erst recht.« Die traumatischen Erfahrungen – mögen es auch die von anderen Generationen sein – werden in Handkes Erzählungen also durchaus hervorgebracht bzw. gespiegelt. Diese Kippbilder bei Handke sind zahlreich: Schönheit und Schrecken – nur wenn beides gesehen, wahrgenommen wird, entsteht Welt. 

Aber Handke belässt es nicht bei einem bloßen Erzählen von Gegensätzen. Immer spielt auch das mit, was Fabjan Hafner »Erneuerungssehnsucht«  nennt und ein spezifisches Merkmal Handkes ist. So erläuterte er 1986 im Gespräch mit Herbert Gamper sein Ideal, »das Ursprunghafte oder das Frische oder die Verbundenheit des Worts mit dem ursprünglichen Ding zu wiederholen, oder zu erneuern«. Und ein Jahr später zu Jože Horvat fast programmatisch: »[D]ie Sprache [kann] von der Ideologie schrecklich mißbraucht werden. So war es in Deutschland in diesem Jahrhundert. Dennoch glaube ich, daß trotz dieses schrecklichen Mißbrauchs jegliches deutsche Wort noch immer verwendbar ist…aber nur, wenn ihm der Dichter eine besondere Bedeutungswandlung oder Richtungsänderung ermöglicht und es damit erlöst. Dann ist auch dieses Wort schön.« (»Noch einmal vom Neunten Land«, Wieser Verlag). Der epische Erzähler Handke geht über die »'Verwandlung' traumatischer Erfahrungen« hinaus. Er restituiert das, was gemeinhin Hoffnung genannt wird, Handke jedoch »Zuversicht« nennt. Handke ist überzeugt, dass ein Schriftsteller, der ausschließlich seine Erschütterungen verarbeitet und keinerlei Zuversicht ermöglicht, ästhetisch am Ende gescheitert ist, sei die Prosa auch noch so stimmig.

So eigenwillig einige von Höllers Ableitungen auch sein mögen (nur für mich?), so luftig und instruktiv wird das Buch, wenn es um die verschiedenen, immer wiederkehrenden Motive in Handkes Prosa geht. Da erfährt man, dass seine »Licht- und Farbsemantik« beileibe nicht nur »Beiwerk« ist. Wichtiges erfährt man über den Schwellenkundler Handke und seine Nähe zu Walter Benjamin. Das schönste Kapitel im Buch beschäftigt sich mit den immer wieder im Werk vorkommenden Motiven Handkes, vom Apfel angefangen über den Weberknecht, den Spatzen, aber auch dem Bus, jenes »großräumige Fahrzeug des Erzählens« – alles Gegenstände, die sowohl für sich in den Erzählungen stehen als auch darüber hinausgehende, symbolische Bedeutungen haben. Höller gelingt es, diese (positiven) Doppelbödigkeiten sicht- und erfahrbar zu machen.

Peter Handke gehört zu den »meistbeforschten deutschsprachigen Gegenwartsautoren« (Anna Kinder). Sein Œuvre zeigt eine weite, zuweilen jedoch labyrinthische Welt. Die vorliegenden Aufsätze sind Versuche, Wege in diese Welt aufzuzeigen; Aus-Wege gibt es überall zur Genüge. Es sei erwähnt, dass bis auf wenige Ausnahmen die Texte in verständlicher Sprache verfasst sind. Ganz ohne Vorkenntnisse wenigstens einiger Handke-Bücher machen diese Erläuterungen natürlich wenig Sinn. Aber der Handke- Leser wird im ein oder anderen Fall womöglich ins Staunen kommen. Das ist nicht wenig.  Lothar Struck

Bemerkung: Der besseren Lesbarkeit wegen wurden zum größten Teil die Titel der entsprechenden Aufsätze nicht gesondert genannt. Das ist in keinem Fall als eine Wertung zu verstehen oder soll die Beiträge der Autorinnen und Autoren diskreditieren.

Artikel online seit 10.11.14

 

Anna Estermann, Hans Höller (Hrsg.)
Schreiben als Weltentdeckung

Neue Perspektiven der Handke-Forschung
Passagen Literaturtheorie

9783709201367
292 Seiten
Preis 32,90 EUR


Tück, Jan-Heiner/Bieringer, Andreas (Hrsg.)
»Verwandeln allein durch Erzählen«
Peter Handke im Spannungsfeld von Theologie und Literaturwissenschaft Verlag Herder
248 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag
19,99 €
978-3-451-32673-8

Hans Höller
Eine ungewöhnliche Klassik nach 1945 - Das Werk Peter Handkes
Suhrkamp
Klappenbroschur, 195 Seiten
17,95 €
978-3-518-42344-8

 


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