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Artikel online seit 04.01.13

Provokation für die postheroische Gesellschaft

Ernst Jüngers Kriegstagebücher 1914- 1918
als Protokolle aus einer fragmentierten Welt


Von Klaus-Jürgen Bremm



 

Er sei sehr neugierig, wie sich eine Schrapnellbeschießung ausmache, notierte am 4. Januar 1915 der Kriegsfreiwillige im 73. Infanterieregiment, Ernst Jünger, auf einer der ersten Seiten seines Tagebuches, das er bis zu seinem Lungenschuss im August 1918 regelmäßig führte. Da war der nachmalige Verfasser der Stahlgewitter genau drei Tage an der Front.

Als die Granaten dann schließlich 50-100 Meter vor seiner Stellung platzten, ließ er sich jedoch in seinem Schlaf nicht stören. Seine künstliche Kaltblütigkeit will man dem Frontnovizen einfach nicht abnehmen und staunt über die bizarre Blasiertheit des Autoren, wenn er nur drei Tage später schreibt: »Im allgemeinen ist mir der Krieg schrecklicher vorgekommen, wie er wirklich ist.«

Anders als in dem weinerlichen Buch von Remarque leiden die Soldaten bei Jünger nicht am Krieg und trauern auch nicht sehr über tote Kameraden. Stattdessen wird weiter »gescherzt und gelacht«, sobald die Trage mit dem blutüberströmten Verwundeten hinter der nächsten Schulterwehr verschwunden ist und einige Schaufeln Erde die Blutlachen bedecken.

Selbst wenn Jünger einmal ins Grübeln gerät, und dann von »einem heroischen und großartigen Eindruck« spricht, »den dieser unendliche Zug des Todes ausübt«, dürfte dies bei Angehörigen moderner postheroischer Gesellschaften kaum weniger Irritation auslösen.

Das ungewöhnliche Textkonvolut, das insgesamt 15 Tagebuchkladden umfasst, hat nun der Heidelberger Germanist Helmuth Kiesel in einer schönen Transkription beim Stuttgarter Klett-Cotta-Verlag herausgegeben. Es seien eher schmucklose Notizen, kommentiert der Ernst Jünger-Experte, die in der Hitze des Augenblicks entstanden seien und Jünger selbst bemerkt dazu: »Ich habe mich während des ganzen Krieges bemüht, meine Impressionen sofort, zwischen zwei Sprüngen, spätestens am Abend des Kampftages zu Papier zu bringen.« Das scheint jedoch nicht auf alle Passagen seines Textes zuzutreffen. Viele Beschreibungen wirken ausgearbeitet und erreichen in ihrer drastischen Bildersprache fraglos literarische Qualität. Am 29. Juni 1916 schreibt der inzwischen zum Leutnant und Zugführer beförderte Jünger:

»Am Vormittag ging ich zur Ortskirche, wo die Toten alle untergebracht werden. Heute standen 39 simple Holzkisten da, fast aus jeder war eine große Blutlache herausgelaufen, es war in der ausgeräumten Kirche ein entsetzlicher Anblick.«

Wer könnte sich diese Szene nicht als ein Bild von Otto Dix vorstellen? An dessen berühmtes Triptychon erinnert auch Jüngers Beschreibung eines verwüsteten Bauernhofes auf einer Höhe im Niemandsland zwischen den Fronten:

»Dabei die üblichen Bilder der Zerstörung. Zerrissene Tornister, dazwischen eine Menge abgebrochene Gewehre, Zeugfetzen, dazwischen als grausiger Kontrast ein Kinderspielzeug, Nähmaschine, Granatzünder, tiefe Löcher der krepierten Geschosse, Flaschen, Erntegeräte und Maschinen, zerrissene Bücher, zerschlagenes Hausgerät, Löcher, deren geheimnisvolles Dunkel einen Keller verrät, in dem vielleicht die Gerippe der unglückseligen Hausbewohner von den überaus beschäftigten Rattenschwärmen benagt werden. […]. In den Ställen die Skelette der Haustiere, das alles durchzogen von einem langen, jetzt schon halb verschütteten Annäherungsgraben, bevölkert von Schwärmen huschender Ratten. Darüber der Geruch des Brandes, der Verwesung im Schweigen des Todes, nur an der Front donnern die schweren Geschütze.«

Die Welt der Frontsoldaten, zu der auch die Gegenseite und selbst noch die nicht geborgenen Toten zählen, bildet in Jüngers Aufzeichnungen einen geschlossenen Raum mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und oft bizarren Wertungen. Alte Gegensätze aus der Welt des Friedens rücken plötzlich ganz dicht aneinander: Sensibilisierung und Verrohung, Abstoßung und Faszination, Erschütterung und Abstumpfung. Alle Erfahrungen treffen ihre Protagonisten mit unmittelbarer Wucht. Es zählt nur der Augenblick. Das Hier und Jetzt. Nicht die große Politik und nicht einmal militärische Zielsetzungen spielen hier eine Rolle. Die Soldaten marschieren nach einer vom Verfasser nicht weiter hinterfragten Regie stoisch von einem Punkt der Front zum nächsten, bringen ihre Verwundeten nach hinten, zählen ihre Toten und nutzen jede sich bietende Gelegenheit, von den ihnen noch verbliebenen Daseinsmöglichkeiten eine möglichst große Scheibe zu ergattern. Es wird gescherzt, Skat geklopft, getrunken oder geschlafen, wann immer es die gegnerische Artillerie erlaubt.

Jünger versucht nirgends, dem Geschehen einen tieferen Sinn zu geben. Nicht Religiosität oder Ideologien und am wenigsten noch der Hass auf den Feind, den man ohnehin nur selten sieht, spielen in seinen Aufzeichnungen eine Rolle. Das gegenseitige Totschießen führt zu nichts und es bedeutet auch nichts. Wer getroffen wird, scheidet aus, tritt vielleicht in eine andere Welt, einen neuen Lebensraum mit eigenen Gesetzlichkeiten und Erscheinungsformen, wie etwa der Verwundete, der nun nach den Spielregeln der großen unbekannten Inszenierung in die ganz andere Sphäre der Lazarette und Hospitäler eintaucht. Er ist somit auch nicht mehr länger Gegenstand von Fürsorge oder Zuneigung der Zurückgebliebenen. Als sein Bursche beim Verpflegungsgang einen Schuss in den Hals erhält, sorgt sich Jünger daher auch nicht weiter um dessen Schicksal, sondern um sein ausbleibendes Abendbrot.

Aus seinen Texten tritt vor allem eines mit aller Deutlichkeit hervor: Der Krieg hat alle bisher miteinander verwobenen Bereiche des Daseins fragmentiert, hat sie in Unterwelten aufgeteilt, die in keiner sinnhaften Beziehung mehr zueinander stehen. Es löst daher im Dezember 1915 auch durchaus keine Euphorie aus, als Jünger ein seltsam unbekanntes Gefühl beschleicht: Friede? Für einen Augenblick glauben er und seine Kameraden, dass der Friede eingetreten sein könnte, als sie sehen, wie deutsche und englische Soldaten ihre Gräben verlassen und sich im Niemandsland treffen, sich unterhalten und Tauschgeschäfte eingehen. Deutlich wird daran: Der Friede, wenn er denn einträte, käme ganz plötzlich von außen, fast wie ein neuer launiger Einfall der unbekannten Regie. Doch er wäre mehr als nur das trostreiche Abkommen zwischen einem britischen und einem deutschen Leutnant, sich später einmal einander in London oder in Berlin zu besuchen. Der Friede brächte vor allem die Restitution eines verlorenen Sinnkontextes und würde mit aller Macht die Überlebenden vor die große Frage stellen, was denn ihr Leiden und ihr Sterben überhaupt bewirkt haben.

Auch Jünger scheitert vorläufig an dieser Frage, wenn er am Ende seiner Aufzeichnungen nach vier Jahren an der Front eher hilflos und kryptisch von einer »Sache« spricht, an der nun sein Herz hänge, und für die er gekämpft und geblutet habe. Dass ihn diese Frage schließlich 80 weitere Jahre beschäftigen würde, ahnte er da wohl noch nicht.

 

Ernst Jünger
Kriegstagebuch 1914- 1918
Hrsg. von Helmuth Kiesel
Klett-Cotta
654 Seiten
32,95 Euro

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