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Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


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Glanz&Elend
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Patrick Modiano,
Dezember 2014
Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Mit einem Klick auf die Buchcover kommen Sie auf die jeweilige Seite des Verlages.

Das Essay als pdf-Datei


Rekonstruktionen

Über Patrick Modianos Erzählen der Erinnerung
als Metamorphose des Menschen und seiner Gesundung

Ein Essay von Lothar Struck

Wer die Wettquoten zum Literaturnobelpreis bei »Ladbrokes« in den vergangenen Jahren studiert hatte, konnte von der Wahl Patrick Modianos zum Preisträger 2014 nicht besonders überrascht sein. Für große Teile des deutschen Literaturjournalismus hingegen war es eine veritable Wissenslücke. Modiano, 1945 geboren, hat im deutschsprachigen Raum lange ein tristes publizistisches Dasein zubringen müssen. Im Februar 1981 schrieb Peter Handke seinem Verleger Siegfried Unseld, er lese gerade Une jeunesse. Modiano schriebe »wie Simenon, ein Nachfahr von Bove«. Handke, ein großer Verehrer von Simenon, hatte damals begonnen, Bücher von Emmanuel Bove (1898-1945) zu übersetzen (Meine Freunde 1981, Armand 1982 und 1984 Bécon-les-Bruyères - Eine Vorstadt), die im Suhrkamp-Verlag erschienen waren. Boves Protagonisten waren häufig Kleinbürger, die an den Zeitläuften scheiterten. Im Begleitwort zu seiner Übersetzung des Romans Armand schrieb Handke: »Boves Kunst besteht darin, daß es ihm gelingt, aus dem Verhängnisballett immer wieder auszuscheren. Und in ein paar kleinen, unscheinbaren Sätzen, ein fast tonloses Lied anzustimmen.« In Modiano erkannte Handke eine Art Nachfolger Boves. Dessen Figuren streifen das »Verhängnisballett« ihrer Kindheit und Jugend irgendwann ab – und beginnen zu leben.

Handke trug zwar zur Popularisierung Boves bei, aber es gelang nicht, seine Romane zu bündeln; sie erschienen in mehreren Verlage, und es gab ein Dutzend Übersetzer. Ein ähnliches Schicksal drohte auch Patrick Modiano. Ende der 1970er Jahre erschienen vier Romane bei Ullstein  (Übersetzer: Walter Schürenberg), ohne jedoch auf große Resonanz zu stoßen. Nach Peter Handkes Übersetzung von Une Jeunesse (1985: Eine Jugend) publizierte der Suhrkamp Verlag zwischen 1989 und 2000 fünf weitere neue Romane Modianos, alle übersetzt von Andrea Spingler. Seit dem Jahr 2000 hat Modiano in Deutschland im Hanser-Verlag und – mit einer Ausnahme – in Elisabeth Edl als Übersetzerin eine Obhut gefunden. Zwischen 1977 und 2014 wurden 23 seiner 28 Bücher in sechs Verlagen publiziert (neben Ullstein, Suhrkamp und Hanser [Taschenbücher bei dtv] je ein Buch bei Propyläen, Diogenes und dem Kowalke-Verlag). Es gibt sieben Übersetzer. Elisabeth Edl fertigte neun Übertragungen an, Andrea Spingler fünf, Walter Schürenberg vier und Peter Handke zwei; je ein Buch bei Suhrkamp und eines bei Hanser (Eine Jugend und Die Kleine Bijou).

Der Erstling – eine wilde Phantasmagorie

Zur Konfusion trug noch bei, dass die deutschen Übersetzungen nicht chronologisch zu den französischen Originalen erfolgten. Modanios Erstling La Place de l'Etoile von 1968 erschien erst im Jahr 2010 (Place de l'Etoile; Elisabeth Edl). Wer das Buch gelesen hat, ahnt warum. Dem Leser eröffnet sich ein psychedelisch-groteskes Varieté, eine wilde Phantasmagorie durch die französische  Kultur- und Geistesgeschichte. Hauptfigur ist der Jude Raphaël Schlemilovitch, der von der Ausgangsposition des besetzten Frankreich der beginnenden 1940er Jahre mühelos zurück in vergangene Jahrhunderte reist. Mal ist er ein glühender Anhänger des Zionismus, dann wieder ein antisemitischer Jude. Raphaël jagt wie im Drogenrausch durch Raum und Zeit; gelegentlich glaubt man, einige Motive dieses Buches in Littells Roman »Die Wohlgesinnten« leicht paraphrasiert wiederzufinden. Modianos Anspielungen sind für einen Nicht-Romanisten zuweilen schwer zu entschlüsseln bzw. kaum zu bemerken. Im ausführlichen Nachwort lüftet Elisabeth Edl einige Schleier, gesteht jedoch zu, dass das Buch eigentlich mit Fußnoten versehen erscheinen müsste. 

Wer Modianos Literatur kennenlernen möchte, sollte besser zuerst auf die drei Romane der sogenannten »Pariser Trilogie« zurückgreifen: Abendgesellschaft (La ronde de nuit, 1969), Außenbezirke (Les boulevards de ceinture, 1972) und Familienstammbuch (Livret de famille, 1977). Übersetzt wurden sie von Walter Schürenberg. Erstmalig erschienen sie in Deutschland 1981 bei Ullstein, inzwischen liegen sie als Taschenbuch »Pariser Trilogie – Drei Romane« bei Suhrkamp vor.

Abendgesellschaft und Außenbezirke spielen während der Besatzungszeit Frankreichs. Während in Abendgesellschaft ein junger, 20jähriger Protagonist zum Doppelagenten zwischen Kollaboration und Widerstand wird, trifft in Außenbezirke der Ich-Erzähler Serge Alexandre auf eine illustre Gesellschaft von »Schmierfinken, Kanaillen, Schakalen« am Rande von Paris, die sich mit kriminellen Geschäften, Sexspielchen und Alkohol vergnügt und sich mit der Besatzung arrangiert haben. Der Ich-Erzähler dieser Geschichte, ein gewisser Serge Alexandre, stößt eines Tages zu dieser Gesellschaft, in der auch sein Vater lebt, der ihn jedoch nach Jahren der Abwesenheit nicht erkennt. Serge gibt sich als Schriftsteller aus, bekommt prompt ein Engagement wird »Pornoschreiber, Gigolo, Vertrauter eines Alkoholikers und eines Erpressers«. Der Roman ist als Anrede auf den Vater formuliert. Das Wort »Papa« wird dennoch in Anführungszeichen gesetzt. Fassungslos sieht der Sohn, wie sein Vater innerhalb der Gruppe erniedrigt wird. Modiano zeigt fast nebenbei die hässliche Fratze des Antisemitismus der französischen »Eliten«, die sich unter der Nazi-Besatzung nicht großartig verbiegen mussten.

Ich = Patrick Modiano

Im Gegensatz zu Abendgesellschaft und Außenbezirke wird in Familienstammbuch größtenteils die Zeit nach dem Krieg erzählt. Nicht nur aus diesem Grund erscheint eine Zusammenfassung zu einer »Pariser Trilogie« eher nicht geboten. Die Ursache für diese Einordnung liegt womöglich in der Publikationsgeschichte von Modianos Büchern in Deutschland. Nach Außenbezirke hatte er 1975 mit Villa Triste einen neuen Roman in Frankreich publiziert, der in Deutschland bereits 1977 bei Ullstein erschienen war (übersetzt von Walter Schürenberg; 1994 als Das Parfum von Yvonne bei Suhrkamp). Und so nahm man das danach erschienene Buch Livret de famille (1979)/Familienstammbuch in die »Trilogie« auf. 

Familienstammbuch besteht aus 15 titellosen, mit römischen Ziffern versehenen Erzählungen, die vorwiegend das Leben eines Ich-Erzählers aufzeigen, der mehr als nur einmal unmissverständlich benannt wird: Er heißt Patrick Modiano. Eine Chronologie gibt es nicht, aber zumeist wird erwähnt, wie alt Modiano zum Zeitpunkt der Geschichte ist. Die Zeitspanne reicht von 1950 bis 1975, vom ersten wunderbar erzählten Schultag über zahlreiche Adoleszenz-Erzählungen bis zur Taxifahrt mit Frau und einjähriger Tochter 1975.

Modiano thematisiert hier den Zufall bzw. Entscheidungen, die das Leben anderer verändern bzw. sogar erst ermöglichen. Wäre seine Mutter, eine Schauspielerin, 1940 für einen Film in die USA emigriert, hätte sie seinen Vater nicht kennengelernt. Hätte der vermeintliche Nazi-Kollaborateur aus Lausanne Erfolg gehabt und den Vater Modianos, der sich als Jude in Paris versteckt hielt, erwischt, wäre er seiner Mutter nicht begegnet. »Ohne diese Epoche…wäre ich niemals geboren worden«, so lautet denn auch ein paradox anmutendes Fazit. Die Nazi-Zeit als Geburtshelfer – das ist die Perversion, der Modiano auf den Grund geht. Er ist abgestoßen und fasziniert zugleich von diesem Fatum. Und man erinnert sich an Literatur von Holocaust-Überlebenden, die mit der »Schuld« des Davongekommen-Seins nicht klargekommen sind.

So suggestiv Modiano in Familienstammbuch als Ich-Erzähler auftritt – die Erzählungen selber sind durchaus literarisch bearbeitet. Man merkt es daran, wenn er innig über Ereignisse seiner Eltern erzählt, die sich eindeutig vor seiner Geburt ereignet haben. Oder wenn sich »Erinnerungen« an den Frühsommer 1937 einstellen und evoziert werden. »Man ist immer begierig, seine Ursprünge kennenzulernen«, heißt es schon in Außenbezirke. Der Episoden-Roman ist eine literarische Selbst- und Familiensuche, eine Huldigung an das Dasein im Wissen um der Unabänderlichkeit der äußeren Ereignisse – respekt- und furchteinflößend zugleich.

Und noch einmal 28 Jahre später

28 Jahre später, 2005, schreibt Modiano einen sehr viel deutlicheren dokumentarischen Prosatext über seine Jugend (im Wesentlichen bis zu seinem 20. Jahr), der kaum literarische Verfremdungen enthält: Un pedigree (deutsch: Ein Stammbaum, 2007 von Elisabeth Edl). Ein schweres, fast unerträgliches Buch, obwohl es nur knapp 120 Seiten umfasst. Schonungslos auch zu sich selbst erzählt er von seinen Eltern, seinen Aufenthalten in zahlreichen Internaten, den kleinen kriminellen Aktionen, mit denen man sich finanziell über Wasser gehalten hatte. Da ist die aggressive, lieblose, fahrige Mutter, die sich mit Schauspiel- und Theaterengagements mehr recht als schlecht durchschlägt. Und der ruhelose Vater mit seinen zahlreichen dubiosen Bekannten und Freunden, der ständig irgendwelche zwielichtigen Geschäfte vor- oder nachbereitet, die oft genug nichts abwerfen. Er ist ein kleines Rädchen in der Pariser Unterwelt mit im Gegensatz dazu fast aristokratischem Auftreten. Beide Elternteile sind von erschreckender Hartherzigkeit Patrick gegenüber, wollen ihn loswerden, beuten ihn sogar finanziell aus, wenn er Geld von anderen erhält. Kaum ein Wort übrigens zum jüngeren Bruder Rudy, der 10jährig stirbt und dem Modiano viele seiner frühen Bücher gewidmet hat. Die im Buch zitierten Briefe des Vaters, in denen dieser sich zum großen Erziehungsberechtigten aufspielt, sind erschütternde Dokumente. Im letzten Brief an den Vater revanchiert sich der Junge und siezt den Vater. Modiano, kommentiert nachträglich äußerst sparsam; wie nebenbei die Information, dass er nach dem letzten Vaterbrief vom 9. August 1966 diesen nie mehr wiedergesehen habe. Abrupt das Ende des Buches, als er im Sommer 1967 konstatiert, sich »zum ersten Mal leicht gefühlt« zu haben.

Es geht darum, die »Empfindung von Abhängigkeit und Luftmangel« zu durchbrechen und zu überwinden. Etwa wie Odile und Louis in Eine Jugend (Une jeunesse, publiziert 1981). Es ist die retrospektive Erzählung von sieben Monaten, die die beiden fast gleichaltrig 19jährigen kurz nach dem Kriegsende in Paris durch- und erlebten. Die Erinnerung geht fast genau 15 Jahre zurück. Louis und Odile werden im Nachkriegs-Paris wie Billardkugeln hin- und hergestossen. Odiles Karriere in einem Varieté scheitert; einmalig prostituiert sie sich für Geld. Zusammen mit Louis schließen sie sich immer mehr dem kriminellen Milieu an, verschieben Geld. Der Alltag und die Zukunftslosigkeit zehrt jedoch zu sehr an ihren Kräften, um eine auch nur halbwegs romantische Stimmung aufkommen zu lassen. Am Ende emanzipieren sie sich von ihrem Paten, dessen Stern sinkt, und behalten das Geld, welches sie eigentlich als Boten überbringen sollten.

In der ewigen Gegenwart

Wie Odile und Louis in Eine Jugend verlässt auch Jean Moreno in Vorraum der Kindheit (1989 Vestiaire de l'enfance; übersetzt von Andrea Spingler, erschienen 1992 bei Suhrkamp) im Alter von 20 Jahren Paris. Er lebt nun seit etwas mehr als 20 Jahren unter dem Namen Jimmy Sarano in einer nicht näher benannten nordafrikanischen Stadt an einem Meer (es gibt eine Medina und der Ruf des Muezzins erklingt). Dort schreibt er Radiofeuilletons für einen mehrsprachigen Radiosender (»Radio-Mundial«). Die Atmosphäre in dem Ort hat etwas verschlafen-kolonialistisches, obwohl die Handlung eindeutig Mitte der 1980er Jahre spielt. Man lebt in der »Zeitlosigkeit«, einer »ewigen Gegenwart«. Es gibt kein Zurückschauen, nur ein Hier und Jetzt. Das Leben wird verdöst, wie man an Jimmy sehen kann, der sich mit eher lächerlichen und nutzlosen Textschreibereien beschäftigt. Jimmys Leben gerät durch Marie durcheinander; eine Frau, die neu in der Stadt ist und durch eine jugendliche Lässigkeit auffällt, die er noch aus seiner Pariser Zeit kennt. Die zweite Hälfte des Romans besteht zunehmend aus Jimmys Erinnerungssplittern; die Zeit der fast gewaltsamen Vergangenheitsvergessenheit ist vorbei. Die so sorgsam gebastelte Neu-Welt gerät ins Wanken.

Interessant, dass Modiano Jimmy/Jean mit biographischen Daten versieht, die den seinen ähneln. So ist die Figur am 20. Juli 1945 geboren, Modiano nur zehn Tage später. Der Geburtsort Boulogne-Billancourt ist sogar identisch. Der Roman endet mit der ausführlichen Erzählung des letzten Tages von Jean in Paris, den er im Schwimmbad seines »Exils« herbeibeschwört. »Alles vermischte sich wie bei einer Doppelbelichtung« – die Erinnerung hat gesiegt; man kann ihr auf Dauer nicht entkommen.

Zäsuren

Das Vergessen und die dann doch eintretende Erinnerung gehen in Modianos Büchern fast immer mit einem radikalen, von außen aufgezwungenen Bruch innerhalb der Biographie seiner Protagonisten einher. Es ist ein Bild für den Abschied von der Jugend, jener »Krankheit«, von der man »schnell geheilt wird«, wie es in der Abendgesellschaft heißt. Aber es gilt die Schwelle zum Erwachsenwerden, zum Leben hin, zu meistern. Dies gelingt Modianos Protagonisten oft genug zunächst nicht. Sie sind die Verlassenen, Vernachlässigten, Verstossenen wie Thérèse in Die Kleine Bijou (La Petite Bijou, 2001, übersetzt 2003 von Peter Handke), die urplötzlich eine Person zu erkennen glaubt, die sie für ihre Mutter hält. Diese wird als überaus hartherzig und egoistisch beschrieben (Parallelen zu Modianos Mutter aus Ein Stammbuch sind signifikant) und hatte das Kind vor 12 Jahren mit Ziel Marokko verlassen. Thérèse folgt der Person, findet ihre Wohnung, nimmt Kontakt mit der Concierge auf und bezahlt sogar teilweise die rückständige Miete. Den direkten Kontakt, der klärend sein könnte, nimmt sie jedoch nicht auf, was an Serge Alexander aus Außenbezirke erinnert, der sich ebenfalls seinem Vater nicht zu erkennen gab.

Thérèse zeigt veritable Angstzustände und Zeichen einer Depression, die mit großem Einfühlungsvermögen und äußerst präzise erzählt werden. Thérèse initiiert einen Suizid-Versuch, der jedoch scheitert. Auch der Buchhändler Jean Bosmans aus Der Horizont (L'Horizon 2010; übersetzt von Elisabeth Edl 2013) erinnert sich, wie er vor fast 40 Jahren von seiner Liebe Margaret verlassen wurde. Die beiden hatten sich Mitte der 1960er Jahre am Rande einer Demonstration kennengelernt. Sie glauben, dass sich eine gemeinsame Zukunft abzeichnet, werden ein Paar. Mehr erfährt man nicht – Modiano ist kein Erzähler der Liebe. Sie glauben, ihr Leben verlaufe nun »in anderen Bahnen«. »DIE BRÜCKEN ABBRECHEN« heißt es einmal als Imperativ, den sich beide – auf unterschiedliche Art und Weise – vorgenommen haben. Aber die »Gespenster der Vergangenheit« sind nicht zu bannen; sie trüben die »ewige Gegenwart«, den »Horizont« der Beziehung mit Jean. Überstürzt und ohne Nachricht an Jean verlässt Margaret Paris. Jean beginnt nach Jahrzehnten die Fäden wieder aufzunehmen, findet eine Spur von Margaret in Berlin, wo sie womöglich eine Buchhandlung besitzt. Er reist nach Berlin und umkreist die Gegend um den Laden. Ob er den Laden schließlich betritt, bleibt ungewiss.

Der Schriftsteller Jean aus Gräser der Nacht (L'Herbe des nuits, 2012; Elisabeth Edl) rekonstruiert aus 40 Jahren Abstand mosaikartig die Vergangenheit, wertet dafür sein damals angelegtes schwarzes Notizbuch aus, in dem er Termine von Verabredungen, Adressen, Telefonnummern, Lexikonartikel oder einfach nur abgeschriebene Annoncen aus Zeitungen festgehalten sind. Er erfährt aus Gesprächen und ihm zugespielten Polizeiakten die Gründe für die urplötzliche Auflösung seiner Clique. Seine damalige Freundin soll eine Frau getötet haben, und einer seiner Freunde war Agent einer marokkanischen Spezialeinheit (von Ferne schimmert wohl die Ben-Barka-Affäre von 1965 durch, die seinerzeit in Frankreich großes Aufsehen erregte und bei Modiano in anderen Büchern ebenfalls thematisiert wird). Die Notizbucheintragungen aus der großen zeitliche Entfernung, das Studium der Polizeiunterlagen, die Erinnerungen während ausgiebiger Straßenspaziergänge in Paris und Jeans Träume bilden eine Collage von Erinnerungen an diese drei Monate, diese kurze Zeit von Jeans Lebens, die nachträglich als eine Initiation in das Leben erscheint und nun, im Alter, übermächtig zu werden droht.

In den sehr stark autobiographischen Romanen Familienstammbuch und Ein Stammbaum übernimmt Modiano die Rolle des Verlassenen selber. Aber auch als er die Kälte und Unfähigkeit seiner Eltern fast protokollarisch wie eine Art Zwang »herunterbetet« (Ein Stammbaum), verfällt er nicht in Larmoyanz oder gar einen selbstgerechten Anklageton. Seltener erzählt Modiano aus Sicht der Weggeher, ja: Flüchtlinge, wie Serge Alexandre in Außenbezirke und vor allem Jimmy Sarano alias Jean Moreno in Vorraum der Kindheit. Modiano nimmt niemals eine wertende oder gar moralische Position ein. Beiden Seiten – den »Flüchtlingen« wie den Verlassenen – ist gemein, dass sie die Erinnerung an das Gewesene löschen wollen. Man gibt sich neue Namen, wechselt den Ort und verlässt Bekannte und Freunde, nicht selten: Kinder – und führt ein »geheimes anderes Leben«, meist ohne Nachricht und ohne neue Adresse. So soll ein Leben in der Gegenwart entstehen, in der das Vergangene keinen Raum mehr hat. Man fühlt sich an ein Tagebuchnotat Peter Handkes erinnert, in dem zwischen einer Weltflucht vor einem Problem und der Mitnahme des Problems auf dieser »Flucht« differenziert wird. Modianos Figuren versuchen die Flucht vor dem Problem. Aber das ist unmöglich: »Was man vergessen wollte, kommt wieder« (Die Kleine Bijou). Irgendwann ereignet sich etwas, das die künstlich errichtete Welt zum Zusammenbrechen bringt. Eine neue Person, die Erinnerungen wachruft, ein Bild, eine Geste – ein  Déjà-vu genügt. Sofort stürzen die aufgestauten Erinnerungsmassen auf den Protagonisten ein. Lange Zeit bewusst Verdrängtes strömt unaufhaltsam heran.

Dabei soll die »Suche nach der verlorenen Zeit« die Vergangenheit nicht verklärend heraufbeschwören. Hier liegt der grundlegende Dissens zu Prousts monumentalem Romanprojekt, mit dem Modianos Romane gelegentlich voreilig verglichen werden. Obwohl er sich auf die Schriftsteller des 19. Jahrhunderts beruft, erläutert er in seiner Nobelpreisrede, warum das Zurückholen nicht mehr funktioniert: »Ich denke, dass die Erinnerung nach der verlorenen Zeit leider nicht mehr mit Marcel Prousts Kraft und Offenheit durchgeführt werden kann. Die Gesellschaft, die er beschreibt, ist die des 19. Jahrhunderts, also eine stabile Gesellschaft. Prousts Erinnerungen ließen die Vergangenheit in all ihren Einzelheiten wie ein lebendes Bild wieder erscheinen. Heute habe ich das Gefühl, dass die Erinnerungen immer weniger sicher sind und sich in einem ständigen Kampf gegen Gedächtnisverlust und Vergessen befinden.«

Es gibt keine Idyllen, derer zu gedenken wäre. Stattdessen Kränkungen, gescheiterte Lebensentwürfe, Zäsuren. Schließlich leben Modianos Helden in gefährlichen, mindestens jedoch Umbruchzeiten: Besatzung, Nachkriegszeit, 60er Jahre-Proteste. Es gibt einschneidende Lebensabschnitte, die oft nur wenige Wochen oder Monate dauern. Hier stellen sich Weichen, werden Lebenspläne entworfen, entstehen Liebschaften , aber nahezu alles vergeht, verliert sich oder scheitert. Jahrzehnte später erst raffen sich die Figuren zu präzisen Rekonstruktionen des Geschehenen auf. Erst wenn man sich den Erinnerungen stellt, ihnen den entsprechenden Raum in seiner Biographie einräumt, sie als einen Teil des Lebens begreift, ohne sie zu verleugnen oder sich ihnen zu entziehen, erst dann befreit man sich von ihrer dämonischen Kraft.

Es stellt sich dann nichts weniger als eine Katharsis ein. In Ein Stammbaum fühlt sich Modiano plötzlich »leicht« - zum ersten Mal im Leben. Für Thérèse beginnt noch auf der Krankenstation nach ihrem Suizidversuch das Leben neu; es ist der letzte Satz in Die Kleine Bijou, eine Verheißung, ein »Horizont«. Auch Jean Bosmans (Der Horizont) atmet eine »leichte Luft« und begibt sich sogar auf die Spur seiner ehemaligen Liebe Margaret. Louis und Odile aus Eine Jugend nehmen nach sieben Monaten in der Halb- und Ganovenwelt von Paris in den 1960er Jahren ihr Schicksal selber in die Hand und bestehen ihren »Paten«. Durch das Erzählen der Erinnerung ereignet sich eine Metamorphose des Menschen, seine Gesundung. Das Leben kann dann endlich »die Oberhand gewinnen« (Der Horizont).

Die Topographie von Paris

Dies gilt erst recht für die Bücher, in denen sich Modiano mit der Okkupation der Nazis beschäftigt. Hier ist es entweder die Erinnerung der Nachgeborenen, die sich der Verdrängung und Abschottung der Kollaborateure als überlegen erweist. Oder die Erinnerung an die Opfer, die Ermordeten, denen durch die Erzählung das »ewige Leben« eingehaucht wird. Besonders zu Beginn seines Schreibens wählte Modiano auch eine an den magischen Realismus erinnernde Variante: Seine Figuren erinnerten sich an die Besatzungszeit, obwohl sie damals noch gar nicht geboren waren. So schreibt der Erzähler Modiano einmal in Familienstammbuch, dass er »ganz sicher [war], im besetzten Paris gelebt zu haben«. Aber auch in dieser Thematik verblüfft sein Erzählen durch größtmögliche Nüchternheit, die man aber nicht mit Empathielosigkeit verwechseln darf.

Fast alle Romane Modianos könnte man auch als Ortserzählungen von und über Paris  bezeichnen. Selbst wenn sich die Protagonisten inzwischen in andere Orte verzogen haben, erinnern sie sich an ihre Pariser Zeit, die prägend war. »Ich liebe sie, diese Stadt. Mein Mutterboden. Meine Hölle. Meine alte, allzu geschminkte Mätresse«, schwärmt der Erzähler schon in Abendgesellschaft. Dabei bekommt das Pariser Universitätsviertel zuweilen einen separaten Status als eine Art exterritoriales Gelände, ein leicht glorifiziertes »Königreich« (Eine Jugend), welches vom üblichen Überlebenskampf der Stadt unbehelligt bleibt. Nicht selten tummeln sich dort »Geisterstudenten«, die vor allem das intellektuelle Klima genießen; durchaus eine Selbsteinstufung Modianos, der zwar eingeschrieben war, aber nie eine Vorlesung besucht hat (Ein Stammbaum).

Immer wenn Jean aus Gräser der Nacht mit anderen durch die Straßen flaniert, bekommen die topographischen Einzelheiten die gleiche Widmung wie die Personen. Straßenzüge und Stadtviertel werden mit Ereignissen und Menschenschicksalen identifiziert: »Es war eine Manie, alles kennen zu wollen, was im Laufe der Zeit und in aufeinanderfolgenden Schichten irgendeinen Ort von Paris ausgefüllt hat.« Die Veränderungen im Stadtbild werden akribisch vermerkt. Jede Straße in einer Stadt ist eine Art Speicher, »Begegnung, Kummer, ein Moment des Glücks« für all diejenigen, »die dort geboren wurden und lebten« und deren Geschichten nun drohten, dem Vergessen anheim zu fallen, so Modiano in seiner Nobelpreisrede 2014, in der er die Bedeutung der Topographie von Städten für die Dichter des 19. Jahrhunderts herausstellt: »Balzac und Paris, Dickens und London, Dostojewski und Sankt Petersburg, Tokio und Nagai Kafū, Stockholm und Hjalmar Söderberg«. Orte wie Paris sind für den Dichter wesenhaft; Gedächtnisspeicher, denen die »Erinnerung« entlockt werden muss, bevor das Vergessen (der Abriss eines Gebäudes, eines Stadtviertels) droht: »Damals war ich genauso empfänglich wie heute für Menschen und Dinge, die im Begriff sind zu verschwinden«, so Jean über sich reflektierend. In seinem jahrzehntealten Notizbuch entdeckt er schließlich freudig ein »Verzeichnis der Pariser Bänke entlang verschiedener Strecken«.

Andere Motive

Neben Paris spielen immer wieder Annecy, Lausanne und Wien (das Café Hawelka!) als andere Erzählorte (zumeist Rückzugsplätze) eine Rolle - wie auch die stets namenlos bleibenden mittelmeerischen, nordafrikanischen Städte. Die autobiographischen Konnotationen sind leicht zu rekonstruieren, wenngleich Elisabeth Edl in ihrem Nachwort zu Ein Stammbaum warnt, dass das »für Modiano so charakteristische Vexierspiel zwischen Fiktion und Biographie…nicht mit Hinweisen durchbrochen werden [darf], die auch der Autor selbst nicht gibt.« Was aber, wenn der Autor genau diese Lesart geradezu herausfordert und zuweilen literarische Verfremdungen bewusst vermeidet?

Sich wiederholende Motive bleiben natürlich nicht aus. Da ist beispielsweise die fast magische Affinität zur Zahl 20, die so oft als Zäsurdatum oder einfach nur als Symbol für eine Generation besteht (und so auch die 40). Oder der Oktober: Einige wichtige Ereignisse seiner Protagonisten spielen in diesem Monat und in Gräser der Nacht heißt es einmal: »Ich glaube, das Jahr beginnt im Oktober«.

Auch sein Faible für skurriles hat Modiano mit seinem Erstling nicht ganz abgelegt. In Vorraum der Kindheit bestreitet Jean alias Jimmy seinen Lebensunterhalt aus einem Erbe einer ihm kaum bekannten Amerikanerin. Einzige Bedingung war, dass er Tag und Nacht von einem Chauffeur über- und bewacht wird und sich dies gefallen lässt. Modiano geht mit dieser Skurrilität sorgsam um und vermeidet damit, dass der Roman in eine Burleske umkippt.

Etwas übersinnlich auch die Erinnerungspassagen in seinen Romanen, in denen er Zeitkorridore und regelrechte Parallelwelten evoziert: für winzige Momente erscheinen die Personen aus vergangenen Zeiten als gegenwärtig wie in einem Traum. Surreal auch, wenn sich eigentlich stillgelegte Telefonnummern als eine Art offene Leitung entpuppen, in denen Menschen miteinander kommunizieren. Es ist »Das Netz« (Die Kleine Bijou): »Die Nummer ist nicht mehr vergeben. So wird sie benutzt, Bekanntschaften anzuknüpfen und Rendez-vous zu vereinbaren.« In Gräser der Nacht wird der Faden weiter gesponnen. Die Nummern, unter denen so eine Art von Funksprechverkehr möglich ist, »waren nur ein paar Eingeweihten bekannt, die sich ihrer bedienten, um im geheimen miteinander zu verkehren.«

In den späten Romanen erscheint immer wieder das Motiv des Hundes als Sehnsuchtsobjekt (meistens von Kindern). In Ein Stammbaum verwendet Modiano die Hund-Metapher sogar auf sich selbst: »Ich bin ein Hund, der so tut, als habe er einen Stammbaum«. Der Umgang des Menschen mit einem Hund wird zu einem Kriterium für dessen Menschenfreundlichkeit. Eltern, die ihren Kindern Hunde verwehren oder diese gar »verlieren«, sind hartherzig, kalt und empathielos.

Man sollte sich durch den schmalen Umfang der Romane nicht der Täuschung hingeben, dass es sich um leichte Lektüre handelt. Wenn man sich jedoch auf den Modiano'schen Kosmos einlässt, ist es auch ohne Stadtplan von Paris und trotz so manch erahnbarer übersetzerischen Klippe möglich, für kurze Augenblicke verzaubert zu werden. Und Paris kann ja überall sein.

Die Übersetzungen aus der Nobelpreisrede wurden von mir, LS, nach der englischen Version vorgenommen. Das Original findet sich hier:  http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2014/modiano-lecture_en.pdf

Artikel online seit 09.02.15
 
 


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