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Glanz&Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Seitwert


»Was ich gesehen habe, ist mir unbegreiflich«

Nach über 65 Jahren erscheint Jan Karskis »Bericht an die Welt« in einer deutschen Ausgabe bei Antje Kunstmann.

Von Herbert Debes



Als die Deutsche Wehrmacht auf Geheiß des Führers am 1. September 1939 Polen überfällt, flieht ein polnischer Offizier mit versprengten Truppenteilen der geschlagenen Armee Richtung Osten und läuft geradewegs den Sowjets in die Arme, die ihn und Tausende seiner ahnungslosen Kameraden in die Sowjetunion verschleppen, wo viele von ihnen im Frühjahr 1940 dem Massaker von Katyn zum Opfer fallen werden. Durch ein Täuschungsmanöver gelingt es ihm jedoch, zurück nach Polen zu gelangen, den deutschen Bewachern zu entkommen und in Warschau zur polnischen Untergrundbewegung zu stoßen, wo er gegen die Nazis kämpfen will.

Damit begann die abenteuerliche Odyssee des jungen katholischen Leutnants Jan Kozielewski, alias Witold, schließlich Jan Karski genannt, durch verschiedene Schauplätze des II. Weltkrieges. Im von den Nazis besetzten Polen wurde Karski bald zum Nachrichtenkurier zwischen der polnischen Untergrundregierung und ihrer Repräsentanten erst in Frankreich, später in England und avancierte zu einer wichtigen Figur des polnischen Widerstands gegen die Nationalsozialisten.
Seine herausragende Bedeutung als Zeuge des Holocaust erhielt er jedoch erst, als ihn jüdische Partisanen zweimal ins Warschauer Ghetto einschleusten, damit er mit eigenen Augen sehen könne, und er die Möglichkeit erhielt, als ukrainischer Wachmann verkleidet das Todeslager Belźec zu betreten, wo er Augenzeuge der Judenvernichtung wurde.
Seine bedeutendste Mission als Kurier des polnischen Untergrundstaates führte ihn dann 1942 nach England und Amerika. Dort erstattete er General Sikorski, dem Premierminister der polnischen Exilregierung, dem britischen Außenminister Anthony Eden und schließlich Präsident Roosevelt persönlich Bericht.
Sein »Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund«, »Story of a Secret State«, entstand in einem Hotelzimmer in Manhattan noch unmittelbar unter dem Eindruck der Ereignisse, und wurde 1944 in den USA mit vierhunderttausend verkauften Exemplaren zu einem Erfolg auf dem Buchmarkt. Danach entzog sich Jan Karski konsequent der Öffentlichkeit und arbeitete als Politologe an der Universität von Georgetown bis Claude Lanzmann, der bereits 1978 einen Dokumentarfilm über ihn gemacht hatte, Karski dazu überreden konnte, sich als Zeitzeuge für den Film »Shoah« (1985) interviewen zu lassen.
Im Oktober 1981 hielt Jan Karski auf Einladung Ellie Wiesels und der amerikanischen Holocaust Memorial Council erstmals einem Vortrag zu dem Thema »Die Entdeckung des Plans für die »Endlösung‹«, der die drei Fragenkomplexe behandelte:
»1. Was wußten die westlichen Politiker und die Öffentlichkeit im Westen? Wann haben sie es erfahren?
2. Wie haben sie diese Information erhalten?
3. Wie haben sie reagiert? Welche Beweise gab es?«
Nicht zuletzt als Resonanz auf seinen Vortrag, der die tatsächlichen barbarischen Dimensionen der unfaßbaren Geschehen ebenso offenbarte wie den gnadenlos pragmatischen Umgang der Siegermächte mit der Tatsache der Vernichtung des Jüdischen Volkes, verlieh das Yad-Vashem-Institut im Juni 1982 Jan Karski den Titel »Gerechter unter den Völkern«.

Nun ist Karskis »Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund« nach über 65 Jahre erstmals in einem deutschen Verlag, bei Antje Kunstmann, erschienen.
Mut und Integrität seines Verfassers machen das Buch zu einem Dokument der Zeitgeschichte von höchstem Rang. Karskis Bericht sollte bundesweit Schullektüre werden, damit die Nachgeborenen lesen können, aus welchen Stoff die wahren Helden der Geschichte gemacht sind. Herbert Debes

ps. Das bei Rowohlt erschienene Buch mit dem Titel »Das Schweigen des Jan Karski« können Sie sich schenken. Es handelt sich dabei um auf Effekt gestrickten, spekulativen Betroffenheitskitsch der übelsten Sorte.
 

Jan Karski in Shoah



Jan Karski
Mein Bericht an die Welt
Geschichte eines Staates im Untergrund
Aus dem Englischen und Französischen von Franka Reinhart und Ursel Schäfer
Kunstmann Verlag
528 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
28.00 EUR
ISBN 978-3-88897-705-3

Leseprobe

Was wusste die Welt damals vom Holocaust im besetzten Polen?
Lesung aus den Erinnerungen Jan Karskis
Uwe Neumann liest aus Jan Karskis »Mein Bericht an die Welt«, Podiumsgespräch: PD Dr. Bernward Dörner, TU Berlin; PD Dr. Susanne Heim, Editionsprojekt »Judenverfolgung 1933–1945«, Berlin; Marta Kijowska, Journalistin /Buchautorin, München; Prof. Andrzej Zbikowski, Universität Warschau
Moderation: Dr. Helga Hirsch, Publizistin
16. Juni 2011, 18:00 Uhr, Berlin, Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Ort der Information, Cora-Berliner-Straße 1

 


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