Home

Termine     Autoren     Literatur     Krimi     Quellen     Politik     Geschichte     Philosophie     Zeitkritik     Sachbuch     Bilderbuch     Filme





Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


Anzeige

Glanz&Elend
Ein großformatiger Broschurband
in einer limitierten Auflage von 1.000 Ex.
mit 176 Seiten, die es in sich haben.

Ohne Versandkosten bestellen!
 

Bücher & Themen
Artikel online seit 19.03.14








 


»Gestreichelt worden bin ich in meinem Leben nicht«

Die Autobiographie und die Tagebücher von Fritz J. Raddatz
zeigen nicht nur eine längst versunkene Welt der bundesdeutschen
Nachkriegs-Literaturbohème.
Wer genau liest, entdeckt einen aufrechten und empfindsamen
Intellektuellen – und einen großartigen Schriftsteller

Von Lothar Struck
 

Da sind sie also endlich: Die letzten Tagebücher von Fritz J. Raddatz, 2002-2012 (TB II),  knapp vier Jahre nach den ersten von 1982-2001 (TB I) und insgesamt elf Jahre nach Raddatz' Autobiographie »Unruhestifter« (UST), die ja auch zu einem großen Teil auf Tagebuchaufzeichnungen beruht. Da liegt also ein Leben in Selbstzeugnissen auf mehr als 2000 Seiten vor – ein Leben eines deutschen Intellektuellen, der gleichzeitig so gravitätisch »undeutsch« war: gut gekleidet, allen Moden trotzend, streitbar bis -lustig, stilvoll, ein Ästhet – von der Tischdekoration, den »richtigen« Speisen und Getränken, edler Kunst, der Kunst der Plauderei bis hin zum scharfen Disput. Kurzum: Alles das, was man spätestens in den 70ern als »spießig« galt, als langweilig, gar reaktionär. Allenfalls Raddatz' offensives Bekenntnis zu seiner Bi- bzw. Homosexualität passte nicht so ganz in dieses Klischee.

Zuordnungen über Raddatz, die nach diesen Büchern immer wieder zu lesen sind: Messerbänkchen (das Wort kommt in den TB I nur 3x vor), Sockenfarbe (dabei sind es doch, wie Raddatz anmerkt, »Strümpfe«), Sudelbücher, »Dandy« (das kann er nicht mehr hören - zu Recht), Verkommenheit des Betriebs. Alles entsprechend multipliziert von Schreibern, die keine Leser mehr sind. Und dann natürlich Raddatz' Gegner, zum Teil wirklich Feinde – die High Society der deutschen Publizistik: Helmut Schmidt, Gräfin Dönhoff (die »Kuh«), Reich-Ranicki (für den er im UST sogar seine Tagebucheintragungen dahingehend verändert, dass der Name nicht genannt wird und damit auch nicht im Personenverzeichnis auftaucht). Dann deren Satrapen wie »Widerling« Karasek (TB II), die vielen Heckenschützen in den Redaktionen (dem »Spiegel«, der »Zeit«, hauptsächlich) und Verlagen (too much to mention), die ihn nach außen loben, antichambrieren aber in Wirklichkeit das Lindenblatt mit dem Messer in der Hand suchen (es war bei Raddatz leider oft ein leichtes Finden). Sein Befund, es seien ausschließlich Journalisten, die ihn »geschlachtet« hätten (bis auf die wenigen wie Ralf Michaelis oder Roger de Weck) – mehr als ein Körnchen der Wahrheit. Raddatz schmückt sich fast mit der These, die Schriftsteller hätten ihn oft genug (wenn auch nicht ausschließlich) »verteidigt«. Vielleicht ist das symptomatisch für jemanden, der fast immer im Hauptberuf Verleger war (nie offiziell, aber eben immer so agierend), selbst als Feuilleton-Chef der »Zeit« (in dem er dafür sorgte, das Autoren auf den Seiten Gehör bekamen – eben vor den angestammten Redakteuren). Also just das Gegenteil jenes sogenannten Literaturpapstes, der tatsächliche Egomane (nicht Raddatz), der angeblich nur den Leser im Auge hatte – den er jedoch nur als Applausäffchen für seine billigen, selten von Kenntnis getrübten Geschmacksurteile brauchte; das Gegenteil dessen, was Raddatz intendierte, der oft genug Widerspruch geradezu erbat, dabei aber nie ein gewisses intellektuelles Niveau unterschritt.

Als er dies schreibt, ist er am vermeintlichen Tiefpunkt seiner »Zeit«-Karriere angelangt; ein lächerliches Fehlerchen diente hochwillkommen als Entlassungsgrund, wobei: der Genießer schweigt allerdings ob der Abfindung, die es ganz sicher gegeben haben dürfte. Und später wurde er dann doch jahrelang ein ordentlich honorierter Freischreiber für die »Zeit«. Als dann diese Zeit endet, fühlt er sich nutzlos, ausgebrannt. Aber er zeigt neben dem unvermeidlichen Selbstmitleid (er habe, so einmal, summa cum laude in Hypochondrie promoviert) immer auch das Gegenteil; nur die zwei Jahre (April 2008 bis Mai 2010), die er glaubt qua ärztlicher Bulletins an Krebs erkrankt zu sein droht (allzu verständlich) zuweilen die Depression.

Raddatz' Dutzend

Raddatz gnadenlose und radikale Selbstentblößung beginnt also 2003 mit seiner Autobiographie. Zwischen den einzelnen Kapiteln zu seinen Lebensstationen gibt es Portraits von »Lebensmenschen« (Thomas Bernhard), die Raddatz' Vita in unterschiedlicher Art und Weise geprägt haben. Es sind zwölf Personen – Raddatz' Dutzend sozusagen -, die hier ihren »Auftritt« erhalten: Seine Schwester (»die Schnecke«), zu der er einen virtuosen, anrührenden Abschiedstext schreibt, da sie zum Zeitpunkt der Niederschrift (2002) im Wachkoma liegt: »Adieu, meine kleine Schnecke, mein Schwesterlein – kein Biomalz, keine Korallenkette, keine Liebe erreicht dich mehr«. Im TB II erreicht ihn die Todesnachricht (sie stirbt im Mai 2006): »Ein schwarzer Blitz« ist das für ihn, aber auch ein Ende »nach Jahren der Qual und der Quälerei« und sofort wird Raddatz elegisch und darin fast pathetisch: »was für ein Lebensbogen, wieviel Wirrnis, wieviel Jagd nach dem Glück, wieviel Ungeduld und wieviel verschlampte Unbürgerlichkeit prägte(n) dieses Leben«. Abgesehen vom letzten Punkt - ist es nicht auch eine Blaupause zu Raddatz' eigenem Leben?

Diffiziler ist der Auftritt des »Pfaffen«, seines Pflegevaters, der ihn nach dem Tod seines EK-I-Vaters (die Mutter war unmittelbar nach der Geburt gestorben; »an mir«, wie Raddatz dies pathetisch-selbstanklagend nennt), in Obhut nimmt und, wie man es heute nennt, sexuell missbraucht hat, den Pubertierenden womöglich auf den unumkehrbaren Weg zur Homosexualität brachte (wie er im TB II mutmaßt). Wobei der Missbrauch schon mit 11 Jahren begann, damals bei seinem Vater, der ihn mit seiner Stiefmutter, dem Irmchen, zum Koitus gezwungen hat, um dem Jungen zu zeigen, wie das geht. Nun also der »Pfaffe«, den er sich auf dem Totenbett des verhassten Vaters 1947 noch ausgesucht hatte. Ein Mann mit grossen menschlichen Eigenschaften, (literatur-)gebildet, »ZK und Pfarrer, Oberst der Volkspolizei und Vertrauter der Kirchenleitung, SED-Mitglied und Nicht-mehr-Marxist« (TB I), Protestant, aber Anhänger der »Hochkirche«.  Hans-Joachim Mund (»Jochen«), der »Pfaffe«, ist für Raddatz ein »Vielfach-Verräter« (TB II), der Buben missbrauchte, seine Frau betrog aber ständig nach außen heile Welt zeigte. 1986 stirbt er, qualvoll. Raddatz' Besuche, und wie er das Sterben dieses Mannes beschreibt, mit dem er sein ganzes Leben nicht »fertig« sein wird – das ist schlichtweg großartig, weil jenseits des bei diesen Gelegenheiten so üblichen Geschwätzes von Opfer und Täter und Schuld und Nicht-Schuld. 

In die Zeit der Jugend mit dem Pfaffen fällt auch die erste Begegnung mit der jungen Ruth Pisarek, deren jüdische Familienverhältnisse Raddatz mit bewegender Empathie erzählt, zum Leuchten bringt (UST) und noch im TB II gibt es Zusammenkünfte mit Ruth, aber auch herrliche Briefe und immer wieder stellt sich Raddatz die Frage, was gewesen wäre, wenn sie beide ein Paar geworden wären – es ist (in welcher Kritik zu Raddatz' Büchern hat das jemals gestanden?) die große Frage seines Lebens: Was wäre aus meinem Leben geworden, wenn ich diese Frau geheiratet und von ihr Kinder bekommen hätte? Aber Raddatz wird nie larmoyant (hier, wo er es sein dürfte, ist er es nicht; an anderen Stellen bis an die Grenze zur Unerträglichkeit) und es sind diese Eintragungen, die mich fesselten und mir den Mann (wie dies auch immer möglich ist) nahebrachten.

Auftritt dann – vor allem im UST – der »Verräter« Walter Harich, der, wie sich später herausstellt ein IM der Stasi war und der Raddatz, so seine Diktion, fertigmachen wollte und – von Augstein initiiert – auch sollte, mit dem Verriss von Raddatz' Marx-Biographie und der dort platzierten Plagiats-Beschuldigung. Wie froh sich Raddatz nach über vierzig Jahren noch zeigt, von Grass und Dieter E. Zimmer (und einigen anderen) »verteidigt« worden zu sein. Merkwürdig, dass dann Rudolf Augstein (»der Herausgeber«) in der Autobiographie trotzdem als einer der Zwölf auftritt. Er wird für ihn zum »West-Harich«, der seinen Ruhm durch die »Spiegel-Affäre« begründet habe, sein Vermögen aufgebaut und seinen Einfluss noch Jahrzehnte später dieser Sache ursächlich zu verdanken hatte. Aber aus »dem politischen Seismographen des Landes wurde ein mehr zänkischer als witziger Neureich im Cadillac« (das sagt ausgerechnet FJR, der so vehement-gekonnt seine Kritiker angreift, die ihn aufgrund seiner Automobile charakterisieren – bei Feinden treibt er genüsslich das gleiche Spiel). Vernichtend wie Raddatz fast ohne jegliches Mitgefühl Augsteins persönlichen Niedergang, seine Tabletten- und Alkoholsucht, seine Fremdgeherei, seine Aussetzer seit Mitte der 1980er Jahre en détail beschreibt. Augstein habe es, so mitleidlos-mitleidig Raddatz, »versäumt, sich rechtzeitig umzubringen« (TB I). Nichts wird ausgelassen; das, was im UST steht, ist noch harmlos im Vergleich zu dem, was im TB I dann ausgeführt wird. Aber doch, eines wird ausgelassen: Ständig schimpft Raddatz über Helmut Schmidts Offizierskarriere in der Wehrmacht, nennt ihn am Rande der Diffamierung »Hitlers Leutnant«, lässt sich später belehren, dass Schmidt sogar Oberleutnant war – aber Hinweise auf Augsteins Leutnant-Dienstrang finden sich nirgendwo. Zweierlei Maß; selten bei Raddatz, dem »Gerechtigkeitsidioten« (Peter Handke, den FJR naturgemäß verabscheut).

Wieder anderer Ton beim »Auftritt der Verleger«: Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Kein schlechtes Haar findet er – ein bisschen anekdotenschwelgerisch - an demjenigen, der ihn stante pede zum stellvertretenden Verlagschef machte, den jungen Mann, schalten und walten ließ  und dieser es »dankte« mit einem hoch anspruchsvollen Programm, wie es später nur noch Suhrkamp vermochte (wobei Raddatz an Unseld nichts findet, ihn für einen guten Rechteaufkäufer erklärt, aber keinen Talentsucher und –finder). »Ersatzvater« könnte man das Verhältnis Raddatz/Ledig-Rowohlt nennen (noch ein Ersatzvater, aber ein anderer als der »Pfaffe«), welches dann, am Ende mit einer Hinterfotzigkeit sondergleichen vom Verleger aufgekündigt wird: per Telegramm (heute wäre es wohl eine SMS). Die beiden treffen sich weiterhin unzählige Male; nachtragend ist FJR bei den Großen nicht.

Dann »Ma Reine« (UST), die in den Tagebüchern nur noch Mary Tucholsky heißt. Raddatz auch hier dicht an der Person, sie nicht nur als Stofflieferantin für seine Tucholsky-Studien sehend, sondern sich der Sache annehmend; dienend gar. Dabei vergisst er nie brummend zu erwähnen, dass dies keine bzw. kaum pekuniäre Ausbeute bringt; sein Engagement in der Tucholsky-Stiftung, als Vorsitzender, ist eine Herzenssache. In den TB II dann das Ende dieser Tätigkeit, auch dies eher würdelos, weil ohne ausgesprochenen Dank (der eben nicht nur finanzieller Natur ist); Kersten, der es nun unternimmt, Raddatz auch anwaltlich berät, wird als kühler Technokrat geschildert, etwas was einem Menschen wie Raddatz fremd bleibt, vielleicht weil er es gerne selber sein möchte und nicht kann -  er muss Ästhet bleiben, um etwas zu spüren, sich zu spüren.

Dumme Gänse

Den Jet-Set-Bedarf von Raddatz bedient über viele Jahre »die Mondäne«, eine weitere der Zwölf aus dem UST. Wolfram Schütte decouvrierte die nur sparsam Verhüllte als Gabriele Henkel. In TB I kommt sie noch unter dem Pseudonym vor, allerdings fehlte schon dort dieser wunderbare 4. September 1988, der im UST noch die Seiten 281 bis 286 füllt, ein Parforceritt bzw. eine Parforcefahrt durch die New Yorker Bussi-Bussi-Gesellschaft mit dem damals noch nicht so alten Fritz als Beifahrer, ein wunderbar-leichtes und bissiges Feuilleton über den ganz normalen Wahnsinn der Superreichenschickeria und ihrer Hohlheit in »walfischlangen Riesenlimousinen«, die von einem Ende der Stadt in das andere fahren – und wieder zurück, zwischendurch ein Bild von 380.000 Dollar kaufend, schließlich endend auf einer Party bei Ann Getty in ihrer »muffig riechenden Riesenwohnung« mit leeren Bücherschränken, »dramatisch-tote[m] Pomp«, schlechter Bedienung (es gibt nicht einmal einen Cracker) und mäßigem Essen. Höhepunkt ist Henry Kissinger als Gast, der unverblümt Ann Getty »eine dumme Gans mit viel Geld« nennt. So wird man – wieder so ein Raddatz-Aperçu – zum »Underberg der Reichen«. Frau Henkel – eine Frau, die vor lauter Genusssucht nicht genießen kann und unter einer Art Geltungs-ADHS zu leiden scheint; ein bemitleidenswerter Mensch, eine Seelenruine, mit der Raddatz wenig Mitleid hat, die er zwar noch versucht zu retten aber dass diese Eintragung in TB I fehlt, gar der Bruch mit der Mondänen schon angesprochen und in TB II dann endgültig ist – dies zeigt, dass sie sehr wohl verstanden hat (oder ihr dieses Verstehen nahegebracht wurde). So ist das mit den Paradiesvögelchen, wenn die Wahrheit ans Fenster klopft. Die »Mondäne« als dauerbeleidigte Spießerin, die sich Widmung und Ansehen erkaufen muss; ein Ansehen, dass sie ansonsten mit rein gar nichts erringen könnte.

An die Stelle der Mondänen treten aus der Abteilung Schickeria im Laufe der Jahre immer mehr die »unhamburgisch verkommene« Millionärin Antje Landshoff und die tatsächlich mondäne (und intellektuelle) Inge Feltrinelli, die große italienische Fotografin und Verlegerin, in den Vordergrund. Feltrinellis Mann, der bereits 1972 verstorbene Giangiacomo, ist auch einer der Lebensmenschen in Raddatz' Autobiografie, den er in seiner Rolle als Milliardär und Marxist, als Mäzen und Revoluzzer mit Grandezza verklärt. Sein früher Tod, womöglich war es Mord, dürfte Raddatz davor bewahrt haben, von ihm, diesem »herrisch-bescheidenen, selbstbewusst-schüchternen« Mann enttäuscht zu werden.

Schließlich »der Lehrer« – es ist Hans Mayer, den man nicht mehr unbedingt so genau kennt, dem von Raddatz eine gehörige, sogar abstoßende Portion Eitelkeit attestiert wird, hochmütig bis in die Haarspitzen, aber dann, eben doch »ein hervorragender Hochschullehrer…von geradezu panischer Bildung, ein Rhetor allererster Kategorie mit nicht endenwollenden Assoziationen, mühelos die kompliziertesten Vorträge und Vorlesungen…ohne das kleinste Blatt Papier bewältigend.« Ja, da spricht er, der Respekt, den man bei Raddatz nicht auf dem Rummelplatz erhält und der doch so viel Kritik aushalten muss. Raddatz' intellektuelle Treue solchen Menschen gegenüber – im TB I immer wieder aufscheinend – zeigt sich daran, wie er deren Schicksal bis zur bitteren Neige mit großer Anteilnahme begleitet, etwa in der Schilderung des Besuches bei Hans Mayer, wenige Jahre vor seinem Tod, »berührt von dem klapprig gewordenen Blinden, der Spezialtasten hatte installieren lassen, um das Telefon bedienen zu können, und von der erleichterten Herzlichkeit, der Freude, mit der er mich begrüßte.« Später werden die Besuche bei Todkranken, Sterbenden fast eine Pflicht von Raddatz; es sind Pretiosen und man ist sicher: Jemand, der so erzählen kann, kann kein schlechter Mensch sein.

Und noch die Freunde, die schon im UST nicht nur in ihren Würdigungen auftreten und die Tagebücher dann auf eine besondere Art und Weise strukturieren: Günter Grass und Paul Wunderlich. Wunderlichs Tod 2010, mehr noch der körperliche Verfall des Malers, der praktisch schon vor seinem Tod dem Vergessen anheim gefallen ist (während, die Raddatz schimpft, das »miese Geschmiere« seines Herrn Polke reüssiere und Höchstpreise erziele), trifft den Freund ins Mark, auch wenn es in den TB II zunächst gar nicht so erscheint, weil der Tod immer auch erwartet wird. Wunderlich war ein Mensch, der Raddatz' Ästhetizismus teilte; auch er fuhr in schicken Autos (Rolls Royce) durch die Gegend, auch er legte Wert auf den richtigen Champagner und vor allem dessen Temperatur. Auch er ein unverschämter und zumindest lange Zeit erfolgreicher Geldjongleur wie Raddatz, der schon mal Vorträge hielt, die eine Jahresmiete einer seiner Zweitdomizile finanzieren half.

Lektorat? »Hohlsaumklöppelei«

Das Verhältnis zu Grass ist schwieriger, der barocke Gemütsmensch und der filigrane Feingeist passen so gar nicht zueinander. Die politischen Kapriolen von Grass, insbesondere dessen DDR-Verklärung rügt Raddatz scharf; für ihn, den Grenzgänger, ist die Einheit ein Segen. Nach UST kam es zu Verstimmungen wie man in den TB II jetzt erfährt. Grass erkannte Indiskretionen, überlas aber die Bewunderung, die Raddatz ihm entgegenbrachte. Seine Frau vermittelte zunächst erfolgreich, aber dann heißt es plötzlich knapp »Nun also wieder mal Krach mit Grass « – und das war's dann. Erklärung vorher und nachher Fehlanzeige. Hier kommt ein Punkt ins Spiel, der wichtig ist. In beiden Tagebuchausgaben versichert Raddatz, die Eintragungen selber nicht verändert zu haben. Allerdings habe er Stellen gestrichen; teils aus Gründen drohender Redundanzen, teil aber auch aus persönlichkeitsrechtlichen Überlegungen. Die Versicherung, nichts geändert zu haben, stimmt nicht ganz. Wer UST und TB I vergleicht, erkennt durchaus hier und da Differenzen. So scheint die Mondäne zwischen Autobiographie und TB I (5. Oktober 1986) von der Milliardärin zur Millionärin verarmt zu sein. Auch Eintragungen beispielsweise vom 27.8.1986, 20.4.1989, 8.4.1990 und 24.2.1992 wurden verändert, geglättet und/oder entschärft; fast immer steht im UST etwas mehr.

Wie man in den TB II jetzt schön nachlesen kann, wird das Lektorat zum UST für Raddatz zu einem Geduldsspiel. Vor allem sind auch rechtliche Aspekte zu berücksichtigen. Insgesamt jedoch scheint es, als würde Raddatz' Text zum ersten Mal einem Lektorat unterzogen, so verwundert bis abfällig schreibt er darüber (»Hohlsaumklöppelei«). Schließlich die Resonanzen, die er einerseits begierig erwartet, dann aber zumeist mit Enttäuschung kommentiert. Die Leute lesen nur ein Füllhorn von Klatsch, Tratsch, Bonmots und Anekdoten. Die Portraits von Menschen, die von ihm niemals despektierlich oder respektlos geschildert werden, diese Emphase bis hin zur Liebeserklärung – das taugt natürlich nicht für's »Hau-druff«-Feuilleton. Später wird man diese Sensationslüsternheit noch stärker in der Rezeption zu den TB I lesen; auch im TB II. Immer wieder weist Raddatz darauf hin, dass sich etliche seiner Aufzeichnungen deutlich jenseits des Betriebsklatschs bewegen – alleine: es ist zwecklos, weil die Vermarktung längt dahingehend stattfindet. Es interessieren die griffigen Attribute, die Ausfälle, die vermeintlich »klaren Worte«, die Allüren der anderen wie der von Raddatz selber. Beides wird allerdings auch mit einer schonungslosen Offenheit inszeniert (bis auf die Korrekturen, deren wahres Ausmaß wir nicht kennen; s.o.). Raddatz zieht über andere her – aber er reflektiert immer auch seine Position, schützt sich selber nicht, hofiert und kritisiert seine Eitelkeit. Natürlich gibt er sich am Ende immer »Recht«, aber das ist immanent in Tagebüchern und dem Autor nicht ernsthaft anzulasten.

Schon Schirrmacher wollte die Tagebücher haben, aber dann unterblieb das Angebot (TB I). Viele Jahre später, nach dem UST, packt es Raddatz. Er bietet seine Aufzeichnungen an – und ist überrascht, dass man ihm nicht das zahlen möchte, was er sich vorstellt. Es ist überhaupt eine Zeit, in der er sich abgeschoben fühlt. Man fragt ihn zwar noch, aber seine Honorarvorstellungen passen nicht mehr in die Zeit, in der Freischreiber 300 bis 500 Euro schon als gute Honorare empfinden. Die allgemeine Oberflächlichkeit des Betriebs widert ihn an – es unterbleiben versprochene Rückrufe, alles soll eilig geschehen, meist kostenlos (»Kein Geld habe ich selber«). Ab und an wird er selber initiativ – »Nuttentour des Greises« nennt er das in seiner ihm eigenen Selbst-Unerbittlichkeit. Tief enttäuscht zeigt er sich vom Propyläen-Verlag, der nach dem UST auf seine diversen Projekte ausweichend, schließlich gar nicht eingeht. So kommt er mit Alexander Fest von Rowohlt in Kontakt. Dabei spielt eine gewisse Rolle, dass er mit Fests Vater Joachim, dem langjährigen Herausgeber der FAZ und Hitler-Biograph einige Jahre vor dessen Tod eine intellektuelle Freundschaft einging, die sich Raddatz so nicht hätte vorstellen können. Fest bemühte sich ehrlich um Raddatz' Freundschaft; dieser bewunderte Fests Kunstgeschmack. Sein Tod am Schreibtisch trifft ihn, er pflegt sogar die Mär, Fest habe an einem Text über ihn, Raddatz, geschrieben. Auch von seinem Sohn ist Raddatz nun sehr angetan.

»Trampolin für alle und alles«

Alexander Fest organisiert das Tagebuch-Projekt – in TB II ist dies sehr gut nachzulesen. Neben der pekuniären Ausbeute dürfte auch der Wunsch, noch zu Lebzeiten an der Redigierung (sprich: Auswahl der Stellen) der Tagebücher mitzuarbeiten, eine Rolle gespielt haben. Beide Bände zeigen, wie verwoben Raddatz um deutschen Literaturbetrieb war, was er einerseits genießt (»Ich bin das Trampolin für alle und alles«, TB I, 1984), ihn andererseits auch belastet. Als er 1986 die Position als Feuilletonchef der Zeit nach fast elf Jahren verlor, erkennt er, dass sehr viel der Zuwendung, die ihm entgegengebracht wurde, nicht ihm galt, sondern nur der »Position«. Man muss sich fragen, wie naiv ein Mensch sein kann, dies nicht zu bemerken, zumal Raddatz ja kein Neuling war.

Die mehr als 1600 Seiten Tagebücher sind ein Füllhorn der zeitgenössischen deutschen (sehr am Rande: französischen) Literaturgeschichte. Es gibt hinreißende Eintragungen zu Uwe Johnson, Hubert Fichte, den spitzbübisch-melancholischen Cioran. Vieles natürlich über Walter Kempowski, den Raddatz »entdeckt« hatte, der aber mit den Jahren ein immer herrischer werdendes Wesen entwickelte. Raddatz nennt ihn in TB I noch einen »Dorf-Thomas-Mann«, in TB II dann einen »Uwe Johnson für kleine Leute« – und man ist sich nicht sicher, was schlimmer ist. Anders der stets über allen Dingen zu schweben scheinenden Enzensberger, der »an Menschen überhaupt nicht interessiert« ist (was womöglich nur ein Teil der Wahrheit ist, denn an einem Menschen ist er interessiert: an sich selber) und der sogar noch in seiner Abwesenheit »brüllend« präsent ist. Mit Wehmut und gleichzeitig Respekt erträgt und beobachtet Raddatz die ungestümen Annäherungen des hoffnungslos in Drogen erstickenden Thomas Brasch und dessen »zärtliche[r] Ungebärdigkeit«; er spricht dann die Rede an Braschs Grab. Wie ein roter Faden durchziehen die atemlos assoziierenden, dem Wahnsinn nahen Anrufe Rolf Hochhuts die beiden Tagebücher genauso wie die die »Legosätze« von Rühmkorf, den er nahezu schamlos bloßstellt (aber auch am Sterbebett besucht). Walter Jens und Raddatz waren vermutlich in gegenseitiger Abneigung verbunden, Jens habe, so eine Eintragung, einen »Charakter wie ein Bürstenhändler«. Besonders in den TB II entwickelt er eine noch wachsende Sympathie zu Joachim Kaiser – auch deshalb, weil ihm die Freunde so langsam wegsterben. Umso ergriffener seine Schilderung der leeren Telefonate mit dem einst so intellektuell sprühenden Kaiser nach seinen beiden Schlaganfällen.

Manchmal gibt es nur ein paar wenige Abkanzelungen, wie etwas über den »guten Handwerker« Tankred Dorst, die »eisenharten Mimose« Botho Strauß, mit der er nicht zuletzt wegen dessen Jünger-Verehrung nicht klar kommt, dessen dramatisches Werk er aber eine gewisse Zeit mit dann wachsender Ernüchterung begleitet. Gadamer ist für ihn ein »gebildeter Schwätzer«, Georg Stephan Troller »von Beruf Zeitgenosse« (ähnlich Nooteboom, den er zum »Berufs-Holländer« macht und Harry Rowohlt, der von »Beruf Erbe«), Brodsky »eingebildet«, Thomas Bernhard ein »Literatur-Clown«, Bazon Brock ein »Schwätzer« und Pavel Kohout bescheinigt er eine »mittelmässige Intelligenz«. Beuys Kunst ist »ideologisch aufgetakelte Scharlatanerie«, Adolf Muschg schreibt »gehobene Unterhaltungsliteratur«, wie auch Updike (»sehr gut gemachte«), was später, in TB II, eine andere Konnotation bekommt, da Raddatz beim Wiederlesen bzw. Wiederhören von Goethes Wahlverwandtschaften auch hier fast nur Unterhaltungsromanqualitäten erkennt (bis auf zwei Motive). Ein Stück von Elfriede Jelinek war »Plateau statt Niveau«, ein Programmgeschäftsführer eines großen Verlags ist »herzzerreißend unbedeutend«. Bei Ulla Berkéwicz-Unseld entdeckt er eine »leicht ordinäre Eleganz«, ihre Prosa hält er für »Un-Bücher«. Frank Schirrmacher, auf dessen Schmeicheleien er sich zunächst gerne einlässt, bleibt am Ende zwar »diabolisch-genial«, aber: »Ein Herr ist er nicht«.  Ähnliches gilt für Augstein-Filius Jakob, »der diesen Namen nur wie eine Tarnkappe trägt« (TB II), aber immerhin, da staunt das Fritzchen, 20 Millionen »schwer« sein soll. Selten schlagwortartig Positives, wie etwa über Lettau, der aktuell die »avancierteste« Literatur schreibe (das war 1991), Ransmayr (»sehr sympathisch«),  Rushdies Prosa, dem er eine »Schlangenbeschwörer-Eleganz« attestiert oder eine wunderbare Hommage an Katharina Thalbach (TB II).

In diesen Szenen erfüllt das Tagebuch seinen Zweck als Abführmittel. Aber leicht macht es sich Raddatz auch hier nicht immer. Selbst Leute wie Uwe Johnson, mit dem es einen schmerzlichen, nie mehr versöhnten Streit gab, werden fair behandelt. Liest man gerade diese Causa, so schüttelt man ein wenig den Kopf über die Schärfe; zwei sich ehrverletzend gebende Männer des 19. Jahrhunderts duellieren sich mit Füllfeder. Immer wieder reflektiert Raddatz auf sich selber. Ist er soviel besser? Wie hätte er reagiert? Wo »verbiegt« er sich? Dass die Antworten für ihn milde ausfallen – wen wundert es? Was zählt, ist die Geste, die Frage, das Nachhören in sich selber. 

Und wer lesen möchte und nicht nur Klatsch – der kommt hier eben auch auf seine Kosten. Die Eintragungen zu Grass, Wunderlich, Kempowski, Hochhuth sind eben auch immer Suchbewegungen. Wie definiert er Freundschaft? Sind das seine Freunde? Teilen sie seine Gefühle? Auch bei denen, die seine Sicht der Dinge scheinbar gar nicht interessiert (bspw. Mayer, Hochhuth, Brasch, Kaiser, in Grenzen auch Grass), die sich nur »erleichtern« wollen in endlosen (Telefon-)Monologen, sucht Raddatz den Wesenskern. Er will nicht einsehen, dass alles nur Schauspiel ist (einmal sieht er sich inmitten einer Gesellschaft – eigentlich sein Wasser – als ein Schauspieler).

Raddatz' Affinität zu Frankreich spielt insbesondere in den TB I eine große und wichtige Rolle. Hier erhält er die Anerkennung, die er vom deutschen Betrieb vermisst. So werden seine Essays vor allem in Frankreich geschätzt, seine Romane dort nicht auf Biographismen abgeklopft. Der Hang zur Extravaganz, der im französischen Kulturbetrieb noch lange zum guten Umgangston gehörte, kam ihm entgegen. Die Tischkultur ist perfekt. Erstaunlich, dass ein Mann mit einer derart großartigen, in den Tagebüchern immer wieder aufblitzenden Sensorik bezüglich der Differenz zwischen Sein und Schein, dass eine solche Person auf der anderen Seite diesem potemkinschen Fassadenleben so rettungslos verfallen ist. Schon wenn man die Gabel in der falschen Hand hat, ist man bei Raddatz durchgefallen. Dieser zwanghafte Drang zur geschraubten Distinguiertheit, den er anscheinend braucht, um sich abzugrenzen, ist eigentlich nur mit einem lebenslangen Minderwertigkeitskomplex erklärbar; vielleicht gibt die Lektüre über seine Nachkriegs- und Hungerjahre Aufschluss darüber. Fast töricht dieser Glaube, es gäbe es eine Kausalität zwischen Kleidung, Auftreten, Kunstgeschmack, intellektueller Potenz und Humanität. Ein Großteil der ihm selbst beigebrachten Enttäuschungen erlebt Raddatz, weil diese Kausalität eben nicht existiert. Es schmerzt zu lesen, wie Raddatz' Beharren auf diese Formen immer wieder konterkariert wird. Daher sind seine Äußerungen zu den vermeintlichen Stilkatastrophen von Personen und Ereignissen zwar zum Teil ziemlich lustig (etwa wenn ein Regierender Bürgermeister von Hamburg mit dem Fischmesser »Stullen« zu schmieren beginnt oder, im TB II, auf einer Kreuzfahrt mit der »MS Deutschland«, einem »Wasser-Altersheim«), aber in der Summe das Unergiebigste und Langweiligste in diesen ansonsten so oft wunderbaren Büchern.

Die Entzauberung der Klassiker

Wunderbar eben, weil Raddatz auch ein Schriftsteller ist, brillant und mitfühlend erzählen kann. Und dies nicht nur in den Momenten, wenn ihn ein Freund, eine Freundin gestorben ist, wenn er einfühlsam und fast zärtlich dessen/deren Leben rekapituliert. Auch dieses Ringen mit Ruth, die Briefe an sie, die Schilderungen ihres miteinander Redens, diese versteckte Sehnsucht nach dem ungelebten Leben als Familienmensch – das ist einfach große Literatur. Wie auch diese überraschende Schilderung im TB II eines »One-Night-Stand« mit Klaus Mann Ende der 40er Jahre nach einem Vortrag über deutsche Exilliteratur. Zu Klaus Mann hatte es im UST noch geheißen: »…oft, sehr oft habe ich mich gefragt, ob er sich über den jungen Deutschen, der zu schüchtern war, ihn anzusprechen, gefreut hätte, ob wir uns kennengelernt hätten, ob sein ankerloses Leben gar anderen, neuen Kurs aufgenommen hätte, wenn…Es hat ihm nicht genützt, dass sein Foto dann auf meinem Schreibtisch stand.« In einer Eintragung im Oktober 2008 erinnert sich Raddatz nun anders, erzählt von der Kontaktaufnahme Klaus Manns mit ihm, dem 15- oder 16jährigen (Raddatz mischt das großzügig), von einer Fahrt mit dem Jeep zu Manns Offizierswohnung, der Chesterfield-Zigarette, den Blicken beim Duschen – und eben mehr. Und dies alles ohne Pathos, ohne Verklärung und eigentlich weiß man nicht, ob das stimmt oder ob die Eintragung in den Memoiren richtig war, aber trotzdem (deswegen?) ist es eben Literatur. Und selbst Raddatz' sprühnebelhaft aufkommende Sentimentalität (nicht nur hier) hat Stil, etwa wenn er kurz nach dieser Erinnerung (oder dem Traum?) von seinen Tränen über ein Zitat Thomas Braschs erzählt. Die Bücher sind voll von diesen Momenten, aber gewürdigt, da hat Raddatz Recht, hat dies kaum jemand.

Unter einem anderen Aspekt sind die beiden Tagebücher eminent interessant. Raddatz liest nämlich etliche Klassiker der Literaturgeschichte noch einmal (später lässt er sich auf Hörbücher ein). Die Resultate sind ernüchternd, zum Teil sogar erschütternd: Kaum ein Buch behält beim neuen (Er-)Lesen seinen vormals hohen Status; oft wird gleich der Schriftsteller mit verdammt. Bei Montaigne macht Raddatz noch ein Fragezeichen, eindeutig dagegen die Verdikte zu Virginia Woolf (»seelische Spitzenklöppelei«), Tolstoi, Proust (»schwer erträgliche geschmäcklerische Zierlichkeit« [TB I] bzw. »etwas Frisörhaftes« [TB II]), Balzac (»mickrig«), Döblin (durchaus in Übereinstimmung mit Kaiser), Walter Benjamin (Zweifel an dessen »Beträchtlichkeit«; auch hier scheinbar d'accord mit Kaiser), Joseph Conrad. Selbst das Monument Thomas Mann, dessen Tagebücher er genussvoller findet als einen »Coitus« (mit »C«!), bleibt nicht ganz verschont. Die »Buddenbrooks« bestehen noch, aber den »Felix Krull« findet er doch arg »Rokoko-verzuckert« und erkennt, dass der Ich-Erzähler unmöglich die Bildung haben kann, die sich in dessen Wortwahl zeigt. Über das »Wahlverwandtschaften« -Verdikt wurde schon berichtet. Goethe wird bei ihm zum »Stephen King avant la lettre«. Aber hier fragt er sicherheitshalber noch einmal nach: »Oder liegt das Desinteresse nur an mir«?

Die Stellen, so idiosynkratisch sie an eine Stimmung gebunden scheinen, sind dennoch sehr aufregend, weil sie die gängige Kanonisierung aus der Position eines Kenners befragen, der für seine exzentrischen Urteile nichts mehr zu befürchten hat. Das Vergnügen den Kaiser nackt finden zu dürfen, merkt man Raddatz an. Allerdings: Naiv, eine Art »erster Leser« ist er ja nicht; eher das Gegenteil. Muss man fürchten, dass, je mehr man gelesen hat, desto größer und auch umfassender das Kritik-Potential wird? Und ist es nicht auch eine gewisse Furcht, die sich nach den Entdeckungen zeigt, die einher geht mit dem Gedanken, in seinem Leben womöglich den falschen Idealen angehangen zu haben, wenngleich seine Hausgötter Benn, Heine, Thomas Mann (bis auf den »Krull«), Tucholsky Unberührbare bleiben. Es stellt sich die Frage, wieviel Bestand ein literarisches Urteil hat bzw. wie sich die Kriterien im Laufe eines Leselebens vielleicht ändern. Auch hier weicht Raddatz von der Norm der selbsternannten Kritikerdenkmäler ab, die ihre Urteile nie mehr verändern, revidieren, relativieren. Einen Essay über das Wieder-, Neu- und Anderslesen von Literatur hat er aber nicht geschrieben. Leider.

Sich selbst abgehängt

Schon am Ende der TB I zeigt sich, dass Raddatz mit dem Alter Schwierigkeiten hat; nicht nur die »Fassade« beginnt – pardon – zu bröckeln (die Morgentoilette dauert zunehmend länger). Auch die Bekannten, Freunde, Feinde und Weggefährten sterben ihm sozusagen weg. Und er findet sich in der Welt immer schlechter zurecht. In den TB II wird dies zu einem dauerhaften Thema; praktisch keine Eintragung ohne eine gewisse Bitternis. Mit dem Internet kommt er überhaupt nicht zurecht; um es als Informationsmedium zu nutzen braucht er seinen Lebenspartner Gerd, der auch sonst Raddatz' Faktotum ist (was er sehr schätzt und ihn nur gelegentlich ob dessen Phlegma ungeduldig werden lässt). Er kann nicht einmal mehr bestimmte Artikel in der Zeitung lesen, weiß nicht (will es nicht wissen) was ein iPhone ist, was DSDS bedeutet, kann mit einer »Cloud« nichts anfangen. Es zeigt sich immer deutlicher: Raddatz hat den »Anschluss verpasst«. Er hat es versäumt, mit der Zeit zu gehen (was ja nicht zwingend bedeuten muss, sich ihr anzubiedern). Und vor allem hat er es verpasst, sich neuen Menschen zuzuwenden. Das wichtige Personal der TB II besteht bis auf wenige Ausnahmen aus den Personen der 1980er/1990er Jahre.

Woran liegt das? Hat das Neue keinen Bestand bei ihm? Rainald Goetz wirft er vor, sich der Aufmerksamkeitsökonomie mit seinem Eventismus anzubiedern. Er quantifiziert ihn als einen »Digital-Konditor«. Den Feuilletonstreit um Christian Kracht nimmt er wahr, aber nur dahingehend, das ein »Spiegel«-Kolumnist den anderen »Spiegel«-Kolumnisten angreift, was man aus Gründen der Kollegialität nicht mache. Freigiebig bekennt er von Kracht nichts gelesen zu haben und fügt dann großkotzig hinzu: »aber ich glaube einfach nicht, daß er bedeutend« ist. Altersstarrsinn? Aber andererseits: Wenn selbst Virginia Woolf, Proust und Goethe ihren Status verlieren…

Er schickt am 4. August 2012 Wolfgang Herrndorf eine Karte und beklagt sich (wie üblich) keine Antwort bekommen zu haben. Erst hier bemerkt der Leser, dass Raddatz Herrndorf schätzt – aber vorher: kein Wort hierüber. Was schätzt er an ihm? Sein Internet-Tagebuch, in dem er eben auch seinen Freitod vorbereitet, etwas was Raddatz für sich selber auch in Anspruch nimmt? Oder »Tschick«? Oder Herta Müller, die 2009 den Literaturnobelpreis bekommt. Bei Raddatz hierzu: Nichts. Eine Diskussion mit ihm, Herta Müller und Kempowski 2003 im mdr nebst überfordertem FAZ-Redakteur als Moderator (Jochen Hieber) wird erwähnt (weil Kempowski nach der Sendung vollkommen ausrastet). Selbst man von Müllers Literatur nicht affiziert ist – wo ist Raddatz' Radar? Stumpf geworden; abgeschaltet. Das ist natürlich in Ordnung. Aber dann: Was soll das Zetern?

Raddatz, dieser großartige Kenner und Förderer der ostdeutschen Literatur – verharrt bei Brecht, Anna Seghers, Uwe Johnson, Jurek Becker, Hermann Kant, Heiner Müller, Stephan Hermlin, Christa Wolf; noch ein bisschen Drawert. Aber kein Hilbig, kein Peter Hacks, kein Loest, kein Schädlich, kein Uwe Tellkamp, nichts zu Strittmatter und keine Silbe über Eugen Ruge. Als wenn dies alles Mist wäre; diese fingerspreizende Ignoranz schreit einem geradezu aus den Tagebüchern entgegen. 

Auch die deutschsprachige Literatur aus Österreich und der Schweiz – Fehlanzeige. Als hätte sich die Schweiz nach Dürrenmatt aufgelöst, und Österreich nach Handke, Mayröcker und Jelinek (deren Stücke im TB I immerhin noch gelangweilt angesehen werden) literarisch inexistent; der Nobelpreis 2004 für Jelinek, der er sich 2008 rühmt, für Rowohlt entdeckt zu haben – keine Erwähnung. Kein Jandl, kein Ransmayr, kein Robert Schindel, nichts über Werner Schwab. Auch aus Frankreich kommt für ihn auch nichts Gutes mehr; Raddatz macht einen veritablen Niedergang der französischen Kultur aus. Einziges Beispiel hierfür ist Michel Houellebecq: »Ficken statt Sartre« heißt es einmal. Bißken wenig.

Und da wundert sich Raddatz, das er, der die zeitgenössischen Strömungen derart übersieht, überhört, überliest, nicht mehr als Referenzgröße dient? Man mag das ja alles schrecklich finden, aber dann müsste es doch mindestens Niederschlag (sic!) im Tagebuch gefunden haben. Bis dahin ist anzunehmen: Raddatz tut sich den Tort nicht an, interessiert sich nicht für das Zeitgenössische – und mutiert dabei gleichzeitig zum Nörgler, erstickt von der »eigenen Bizzarrerie«, wie er dies einmal nennt. »Bleibe doch, wie du warst«, ruft er dem sich verändernden, alten Freund Wunderlich fast faustisch zu. Es ist in Wahrheit wohl sein Lebensmotto der letzten zwanzig Jahre, aber die Welt tut ihm den Gefallen nicht.

Ungerührt Raddatz' Hass auf Menschen, die sich in der Öffentlichkeit mit einer falschen Aura umgeben, in ein unpassendes Kleid schlüpfen um sich als Helden, als Lichtgestalten zu inszenieren. Leute wie Schmidt, die sich als Alleswisser geben; Gräfin Dönhoff, die nicht widerspricht, als sie zur Widerstandskämpferin gegen Hitler hochstilisiert wird (was nicht stimmt); Augstein, der, das wusste Raddatz vielleicht noch nicht so genau, sein »Sturmgeschütz der Demokratie« aus Hauptsturmführern der SS rekrutierte (wie neue Recherchen von Lutz Hachmeister zeigen). Aber noch mehr hasst er ihre Apologeten in der Journaille, die großzügig bestimmte Fragen nicht stellen, über dunkle Flecken hinwegsehen sich zu willigen Legendenbastlern werden, um damit schneller auf die entsprechenden Pöstchen zu kommen. In jeder Tagebuchzeile über solche Personen ist dieser Ekel förmlich physisch erlebbar und – man verzeihe mir das Wort dieses eine Mal - authentisch.

Dabei hat Raddatz nichts gegen den schönen Schein – solange er eingelöst wird, »gedeckt« ist durch Persönlichkeit und Konsequenz. Als Grass Reich-Ranicki wegen einer Neuerscheinung umwirbt (wenig später macht es Martin Walser auch), wendet sich Raddatz voller Ekel ab. Beide, Grass und Walser, wurden mehrmals aufs Unflätigste von Reich-Ranicki beschimpft. Aber nun schmieden sie ausgerechnet mit ihm eine Allianz. Etwas, was für Raddatz niemals infrage kommen würde: sich derart zu verbiegen. Die Folgen dieses konsequenten Handels sind weithin sichtbar: Einen von »3800« möglichen Literaturpreisen habe er bisher erhalten (2010, den Hildegard-von-Bingen-Preis; prompt gab es auch bei der Verleihung einen kleinen Eklat), so stellt er in einer Mischung aus Resignation – und Stolz fest. Der Irrwisch Reich-Ranicki dagegen wurde überhäuft. Raddatz deutet dies nicht als Ausweis für die Qualität (bzw. fehlende Qualität) seiner Arbeit, was natürlich stimmt. »Man ist also beliebt, wenn man sein Rückgrat krümmt«, so eine bittere Sentenz. Gekrümmt hat sich Raddatz wohl zu wenig. Und vermutlich glaubte man, den mondänen Raddatz nicht auszeichnen zu müssen und das Geld lieber anderen zukommen zu lassen. Die Preislosigkeit ist nicht anderes als der Preis seiner intellektuellen Freiheit, seines mangelnden Opportunismus. Ein Preis, der nichts mit üppigen Honoraren, herrlichen Champagnerpartys und schönen Kunstgegenständen zu tun hat. Das hat er nicht richtig begriffen; ahnt es nur instinktiv.

Und trotzdem: Irgendwann sinniert Raddatz darüber nach, warum man ihm diese beruflichen Möglichkeiten geboten habe: bei »Volk und Welt«, »Kindler« (kurz), bei »Rowohlt«, der »Zeit« – immer in der jeweiligen Position ein »Nobody«. Er findet einen schönen Ausdruck dafür: vielleicht habe er einen gewissen »Intellekt-Appeal« gehabt. Ein Ausdruck angelehnt an das »Sex-Appeal«, was Frauen angeblich zur Karriere benötigen. Raddatz glaubt – hier ganz Romantiker – an die Libido des Intellekts, an die Kraft der ästhetischen Potenz. Er ahnt, dass das heute längst nicht mehr zählt. Heute zählen Abschlüsse, Noten, Punktzahlen, »Scheine«. Entsprechend sieht es ja »im Betrieb« aus. Raddatz hätte heute keinen Platz mehr; wäre vielleicht – nur vielleicht – ein Blogger oder führte einen Salon. Schon die schwankende Vita – immer gegen den Strom. So geht er in die DDR, weil er den Staat für das bessere Deutschland hält, den aufkommenden Adenauer-Mief antizipiert. Dann die verhältnismäßig schnelle Desillusionierung. Gemein macht er sich nicht; keine bunten Hemden. Anfangs versucht noch einiges, stößt an die Grenzen der SED-Kulturkader – und verlässt das Land.

»Glücksimpotent« nennt er sein Leben einmal – nicht frei von Koketterie. Und, sicherlich in einer melancholischen Stunde: »Gestreichelt worden bin ich in meinem Leben nicht«. Trotz tausend Männeraffären und zwanzig Frauen, wie er süffisant und leicht angeberisch schreibt. Betroffen ist er von einem Interview von Maximillian Schell, der sein Leben rückblickend als gescheitert beurteilt (»Ich bin ja nix geworden«). Ausgerechnet das leicht schmalzige »My Way« von Frank Sinatra bemüht Raddatz einmal; ein andermal nennt er sich Oscar Wilde (dabei kann FJR besser schreiben). Am Ende sagt ihm sein Lebensgefährte eine scheinbar bittere Wahrheit: Es wird nichts von ihm bleiben – sein Werk wird bald dem Vergessen anheim fallen. Da mag man Raddatz beruhigen, tatsächlich in den Arm nehmen: Nein, das Werk, seine Essays, seine Romane, werden bleiben. Vor allem aber werden diese Tagebücher bleiben. Nicht nur als zeithistorische Dokumente einer längst verloschenen Zeit. Sondern als Dokumente eines wahrhaft wunderbaren Protagonisten just dieser Epoche. Es wird wohl irgendwann als die goldene Epoche der deutsch(sprachig)en Literatur bezeichnet werden. Und alle werden fragen, wer wohl dieser Fritz J. Raddatz gewesen ist. Lothar Struck

Zitiert wird aus folgenden Ausgaben von Fritz J. Raddatz' Büchern: »Unruhestifter« [UST], List Taschenbuch, 2. Auflage 2006; »Tagebücher 1982-2001« [TB I], Rowohlt digitalbuch, Kindle-Ausgabe, ohne Datum; »Tagebücher 2002-2012« [TB II], Rowohlt-Verlag, 1. Auflage März 2014.

 

Fritz J. Raddatz
Tagebücher 2002 - 2012
Rowohlt
720 Seiten
24,95
978-3-498-05797-8

Leseprobe

Den Beitrag können Sie hier
als pdf herunterladen

 


Glanz & Elend
- Magazin für Literatur und Zeitkritik
Home     Autoren     Literatur     Krimi     Quellen     Politik     Geschichte     Philosophie     Zeitkritik     Sachbuch     Bilderbuch     Filme     Impressum