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Ein
schlichter Titel- kein schlichtes Buch |
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Väter in
Gefängnissen, Mütter in Ekstase? Kurzer Roman- in einem Zug All das zeigt bereits, dass es dem Leser schwerfällt, sich im ersten Viertel des Buches ohne kehliges »Oh...« und ohne Verheddern in den Handlungssträngen zurechtzufinden, zumal eine Szene direkt in die nächste übergeht und keinerlei Unterteilung in Kapiteln stattfindet. Sind die ersten Seiten jedoch überwunden, kristallisieren sich hervorragend gezeichnete Charaktere- mit all ihren Macken- heraus. Zunehmend wird der Leser in den Sog der Frage gerissen, wer der Vergewaltiger Michèles sein könnte und wie sie die Steine, die ihren Lebensweg verstellen, aus dem Weg räumt. Himmelsleuchten und Vogelschau Schon zu Beginn des Romans wird in einer geradezu antiken Orakelwendung auf den Tick Michèles aufmerksam gemacht, sich an Naturerscheinungen zu orientieren, seit sie als Jugendliche eine Unglücksmaschine verpasste: »Ich könnte keinen Grund dafür nennen, aber die Zeichen des Himmels erscheinen mir stets als die vortrefflichsten und zwingendsten, und eine Wolke in Form eines X - das kommt selten genug vor und hätte umso mehr meine Aufmerksamkeit erregen müssen - kann mich eigentlich nur zur Vorsicht mahnen.« Diese Vorsehung erfüllt sich auch im weiteren Verlauf des Romans, wenn sich die Beschreibungen der Natur wie ein roter Faden durch das Buch ziehen und eine besondere Stimmung erzeugen. Der Roman spielt im Winter, sodass die Atmosphäre immer wieder an ein Wintermärchen erinnert, das jedoch nicht in einem Happy- End, sondern in zwei Todesfällen, einem tierische und einem menschlichen, endet. Die Schilderung von Wetter und Tierwelt macht einen großen Teil der poetischen Sprache des Romans aus und deutet dem aufmerksamen Leser auch den Peiniger Michèles voraus, falls er gewillt ist, auf schwarze Vögel zu achten. Ansonsten ist der Roman in phasenweise recht kurzen, auf die Dauer abgehackt wirkenden Sätzen geschrieben, die aber in entscheidenden Szenen zum Spannungsaufbau beitragen. Die Geschehnisse werden aus Sicht Michèles erzählt, die dabei sprunghaft von einer Begebenheit zur nächsten wechselt, gleichzeitig jedoch Einblick in die Gedankenwelt einer verletzlichen Frau gewährt, die nur äußerliche Stärke vorgibt, aber auch eine dunkle Seite offenbart. Der Roman spitzt sich gegen Ende zu einem psychologischen Duell zu, das in einer unerwarteten Wendung endet. So viel sei aber verraten, dass das Lieblingswort Michèles auch den Roman beenden wird: »'Oh', sagte ich und nickte kurz.«Artikel online seit 22.05.15 |
Philippe Djian |
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