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Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


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Glanz&Elend
Ein großformatiger Broschurband
in einer limitierten Auflage von 1.000 Ex.
mit 176 Seiten, die es in sich haben.

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Ein schlichter Titel- kein schlichtes Buch

In »Oh...« wird der Leser in die Gedanken von Michelè entführt, die
nicht nur mit zahlreichen familiären Problemen zu kämpfen hat, sondern
in ihrem Haus von einem vermummten Einbrecher vergewaltigt wurde.

Von Raffaela Schönlein


 

Väter in Gefängnissen, Mütter in Ekstase?

Der Plot setzt bereits mit einem unausgesprochenen Stöhnen ein, als Michèle den Schaden an ihrem Körper und der Einrichtung begutachtet, nachdem sie von einem unbekannten Täter in ihrer Wohnung überfallen worden ist. Erst im Verlauf der nächsten Seiten wird dem Leser klar, dass es sich bei diesem unerfreulichen Ereignis nicht etwa »nur« um einen Raubüberfall, einen Einbruch oder einen schlechten Scherz handelt, sondern um eine Vergewaltigung. Während Michèle die erlitteneTortur - trotz weiterer Terror-SMS und Einbrüche des Täters in ihr Schlafzimmer - weitestgehend ausblenden kann, hat sie noch an anderen Fronten zu kämpfen: Ihr erwachsener, aber unfähiger Sohn Vincent zieht mit seiner Freundin Josie zusammen und plant, deren ungeborenes Kind, das nicht von Vincent, sondern einem Gefängnisinsassen stammt, aufzuziehen.  Die Mittvierzigerin Michèle stellt sich auch gegen die Ehe ihrer 75- jährigen Mutter mit einem jüngeren Mann bis die Mutter  in ein Krankenhaus eingeliefert wird und die Sorge um sie vorherrscht. Zugleich weigert sich Michèle, den letzten Wunsch der Mutter zu erfüllen und ihren Vater im Gefängnis zu besuchen. Das »Monster von Aquitanien« hatte seinerzeit dreißig Kinder in einem Feriencamp erschossen und so auch die Familienmitgliedern, einschließlich der jungen Michèle, zu Aussätzigen gemacht. Väter hinter Gitter spielen am Rande ebenso eine Rolle wie diverse sexuelle und partnerschaftliche Verstrickungen. Michèle muss mit ansehen wie ihr Exmann Richard, gegen jede Abmachung der beiden, eine junge Schönheit an Land zieht. Sie selbst hingegen pflegt seit der Trennung eine Affäre mit dem Ehemann ihrer besten Freundin Anna, der noch dazu den passenden Namen Robert  Vangerlove trägt, und auch Michèles Mutter ist keine Heilige. Gleichzeitig wird Michèle mehr und mehr von ihrem Nachbarn Patrick in den Bann gezogen, der in Zeiten der Krise ausgerechnet als Banker arbeitet. Auch sonst kommt die Arbeitswelt in »Oh…« nicht zu kurz, wenn Michèle mit ihrer Freundin die eigene Produktionsfirma am Laufen hält und dafür Berge von Drehbüchern wälzt, bewertet und prüft, was für zusätzlichen Zündstoff sorgt, da sich ihr Exmann Richard für den größten Drehbuchautor aller Zeiten hält, Michèle jedoch nicht überzeugen kann.

Kurzer Roman- in einem Zug

All das zeigt bereits, dass es dem Leser schwerfällt, sich im ersten Viertel des Buches ohne kehliges »Oh...« und ohne Verheddern in den Handlungssträngen zurechtzufinden, zumal eine Szene direkt in die nächste übergeht und keinerlei Unterteilung in Kapiteln stattfindet. Sind die ersten Seiten jedoch überwunden, kristallisieren sich hervorragend gezeichnete Charaktere- mit all ihren Macken- heraus. Zunehmend wird der Leser in den Sog der Frage gerissen, wer der Vergewaltiger Michèles sein könnte und wie sie die Steine, die ihren Lebensweg verstellen, aus dem Weg räumt.

Himmelsleuchten und Vogelschau

Schon zu Beginn des Romans wird in einer geradezu antiken Orakelwendung auf den Tick Michèles aufmerksam gemacht, sich an Naturerscheinungen zu orientieren, seit sie als Jugendliche eine Unglücksmaschine verpasste: »Ich könnte keinen Grund dafür nennen, aber die Zeichen des Himmels erscheinen mir stets als die vortrefflichsten und zwingendsten, und eine Wolke in Form eines X - das kommt selten genug vor und hätte umso mehr meine Aufmerksamkeit erregen müssen  - kann mich eigentlich nur zur Vorsicht mahnen.« Diese Vorsehung erfüllt sich auch im weiteren Verlauf des Romans, wenn sich die Beschreibungen der Natur wie ein roter Faden durch das Buch ziehen und eine besondere Stimmung erzeugen. Der Roman spielt im Winter, sodass die Atmosphäre immer wieder an ein Wintermärchen erinnert, das jedoch nicht in einem Happy- End, sondern in zwei Todesfällen, einem tierische und einem menschlichen, endet.  Die Schilderung von Wetter und Tierwelt macht einen großen Teil der poetischen Sprache des Romans aus und deutet dem aufmerksamen Leser auch den Peiniger Michèles voraus, falls er gewillt ist, auf schwarze Vögel zu achten. Ansonsten ist der Roman in phasenweise recht kurzen, auf die Dauer abgehackt wirkenden Sätzen geschrieben, die aber in entscheidenden Szenen zum Spannungsaufbau beitragen. Die Geschehnisse werden aus Sicht Michèles erzählt, die dabei sprunghaft von einer Begebenheit zur nächsten wechselt, gleichzeitig jedoch Einblick in die Gedankenwelt einer verletzlichen Frau gewährt, die nur äußerliche Stärke vorgibt, aber auch eine dunkle Seite offenbart. Der Roman spitzt sich gegen Ende zu einem psychologischen Duell zu, das in einer unerwarteten Wendung endet. So viel sei aber verraten, dass das Lieblingswort Michèles auch den Roman beenden wird: »'Oh', sagte ich und nickte kurz.«

Artikel online seit 22.05.15
 

Philippe Djian
Oh...
Roman
Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz
Diogenes
Hardcover Leinen, 240 Seiten
978-3-257-06904-4
€ (D) 21.90

 


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