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Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


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Weises Kammerspiel über Liebe und Literatur

Navid Kermanis neuer Roman »Sozusagen Paris«

Von Jürgen Nielsen-Sikora

 

In Platons „Symposion“ erzählt der Philosoph Sokrates, wie ihm einst Diotima, die weise Priesterin aus dem arkadischen Mantineia, erklärte, was sie unter „Eros“ (Liebe) verstehe. Für Diotima beschreibe Eros, so Sokrates, den Aufstieg aus den Niederungen körperlicher Begierde hin zur Liebe des Schönen und Göttlichen.

Platons Symposion (Gastmahl, Trinkgelage) ist ein literarisches Meisterwerk. Der Dialog gehört zu den einflussreichsten Schriften des Philosophen. Darin erläutert er seine eigene Sichtweise der Liebe in Gestalt der Diotima: Wahre Liebe ist gleichbedeutend mit der Schau des absolut Schönen, einer reinen Idee. Doch das Göttliche zeige sich nicht zuletzt in den schönen Dingen.

Dieser Gedanke scheint auch einem alten persischen Manuskript zugrunde zu liegen, das Navid Kermani gerne zitiert. In dem Buch der vom Koran Getöteten zieht es den Hörern der heiligen Schrift das Herz zusammen – so schön ist die wörtliche Offenbarung Allahs an den Propheten Mohammed.

Navid Kermani hat seine Romane immer wieder um dieses Thema kreisen lassen. So auch dieses Mal: Nach der Lesung über seine „Große Liebe“ aus längst vergangenen Teenagertagen lässt sich eine Frau Ende Vierzig das Buch signieren. Sie entpuppt sich als eben jene Jugendliebe, von der sein Roman handelt, aus dem er soeben gelesen hat. Beim gemeinsamen Abendessen mit den Veranstaltern stellt sich heraus, dass sie inzwischen Bürgermeisterin des Ortes ist. Schnell nimmt sie die Runde für sich ein. An den Roman denkt (außer der Schriftsteller selbst) niemand mehr. Und auch er ist nach so langer Zeit fasziniert von der Frau, in die er einst verliebt war.
Nach dem Essen verbringen beide den Rest des Abends und die halbe Nacht in der Wohnung der Bürgermeisterin, während ihr Mann nebenan arbeitet und erst am Ende des Buches aus seinem Zimmer hervorkommt.

Mit dem Eintritt in die Wohnung wird der Roman zum Kammerspiel. Zwischen Wohnzimmer, Küche, Balkon und Toilette dreht sich das Gespräch der beiden um Liebe, um Sex (Tantra), die Ehe, die Literatur und das ganz alltägliche Leben. Die Exkurse des Ich-Erzählers über diese Themen sowie über die französische Literatur des 19. Jahrhunderts machen diese Kammer zugleich zu einem unendlichen Raum, der einmal mehr an die „platonische“ Liebe erinnert und das Reich der Ideen (der Liebe) in seinem ganzem Ausmaß zu begreifen versucht. Immer wissend, dass die Schatten dieses Reiches, die irdische Welt, ihre Fallstricke bereithält.

Die Begegnung ruft zwar Momente der Verzückung in Erinnerung (und es sind eben diese Momente, in denen man den Tod überwindet, „meinetwegen beim Sex oder weniger sensationell das Kind, das ins Spiel versunken ist, als Erwachsener im Konzert, bei Schubert oder Neil Young oder was weiß ich, auch am Meer, in den Bergen, wenn dich die Schönheit einer Landschaft überwältigt, oder unterm Sternenhimmel...“). Doch das Leben ist mindestens genauso ernüchternd. Das zeigt der unnachgiebige Blick des Erzählers auf die Ehe, die seine Jugendliebe führt und die ihn zu der Erkenntnis drängt, jede unglückliche Ehe sei unglücklich auf ihre je eigene Weise.

Sozusagen Paris führt die Stadt der Liebe im Titel, der Erzähler ist Paris aber auch selbst – sozusagen. Der Roman bietet aber noch viel mehr als die Geschichte einer alten Liebe, deren Strahlkraft bis in die Gegenwart der Protagonisten hineinreicht. Das Buch wird durch die Exkurse in die Literatur von Flaubert, Proust, Stendhal, Zola, Balzac und Bernanos (und nicht zuletzt von Adorno) selbst zu einer Theorie des Romans. Diese Doppelperspektive zeigt sich auch in den harten Auseinandersetzungen mit dem Lektor, der diesen Roman offensichtlich äußerst kritisch gegengelesen hat. Der Erzähler rekonstruiert den Streit um einzelne Wörter, ganze Abschnitte und verschiedene Beschreibungen, der (so will es zumindest der Roman) der Veröffentlichung vorausging.

Der Roman, den Navid Kermani geschrieben hat, richtet das Wort auch an den Leser. Von ihm wüsste er nur allzu gerne, wer er ist und was er über das Buch denkt: „Daß du mir über so viele Seiten hinweg deine Aufmerksamkeit schenkst, kann ich mir ohne – ich will nicht sagen: Liebe – aber ohne alle Narrheit auch nicht erklären. Immer frage ich mich, wer du bist...“

Und er richtet das Wort an den Rezensenten, namentlich an den Kollegen Wolfram Schütte, dessen Urteilen er vertraue und dessen Besprechungen ihn immer wieder faszinierten: „Und Sie glauben nicht, was für ein Fest es für mich war zu entdecken, daß auch Sie meine Literatur – ich wage wieder nicht zu sagen: lieben –, aber mit Aufmerksamkeit verfolgen – das ist viel wichtiger – und darauf reagieren.“

Für Wolfram Schütte kann ich nicht sprechen, wage aber zu sagen: Ich liebe dieses Buch mit all seinen weisen Exkursen (vor allem zu Madame Bovary) genau so wie Platons „Symposion“ – jenen Dialog, der mich immer wieder aufs Neue verzückt.

Artikel online seit 21.10.16
 

Navid Kermani
Sozusagen Paris 
Hanser Verlag
2
88 Seiten
22,00 €
ISBN 978-3-446-25276-9
ePUB-Format
ISBN 978-3-446-25415-2


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