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Der
Darmstädter Dichter Karl Wolfskehl, einst enger Mitarbeiter des Dichterfürsten
Stefan George, schrieb 1942 aus seinem neuseeländischen Exil an einen alten
Frankfurter Freund: »Geliebter Edgar«, gemeint war Edgar Salin, unterdessen
Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Basel, er übersehe jetzt
die »hiesigen sehr eigenartigen Möglichkeiten«. Er glaube nämlich, »ein
Neuseeland-Buch würde das Interesse europäischer Leser, und nicht bloß als
Fernruf und Kuriosität, anregend befriedigen.« Ein für ihn schmerzlicher Irrtum.
Wolfskehl starb 1948 im neuseeländischen Exil. Zu dem geplanten Buch ist es
nicht gekommen, damals. Sein Brief ist jetzt allerdings in der Sammlung
enthalten, die Christiane Freudenstein im Fischer Verlag herausgebracht hat:
»Neuseeland erzählt. Vom anderen Ende der Welt«,
Berichte, Dokumente, Geschichten aus diesem fernen Land, angefangen mit
Katharine Mansfield, über Janet Frame, Lloyd Jones, Keri Hulme, sozusagen ein
erster Ein- und Überblick (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2012,
320 S.,
12,- €) in und über die Literatur dieses fernen Landes.
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Das
Staatsoberhaupt von Neuseeland, einer konstitutionellen Monarchie, lebt (als
Königin von England) in London. In Neuseeland leben dafür noch immer gut 32
Millionen Schafe, ihre Zahl geht in den letzten Jahren allerdings schon fast
beängstigend zurück. 2008 waren es noch knapp 34 Millionen. Die Zahl der Rinder
ist allerdings stetig angestiegen, auf jetzt fast fünfeinhalb Millionen.
Einwohner hat Neuseeland nur knappe 4, 5 Millionen. Auf einen Quadratkilometer
kommen also im Schnitt gerademal 16 Menschen. Das ist nicht viel, und manchmal
kann man mit dem Auto ungestört lange fahren, bis ein anderes Auto entgegenkommt
oder eine Tankstelle zum Beispiel dem freien Blick auf die meist bewundernswerte
Landschaft stört. Zur Vorbereitung einer solchen Reise, vielleicht auch als
»anstatt«, sei, noch vor aller Literatur, die
»Gebrauchsanweisung für Neuseeland« von Joscha Remus (Piper
Verlag, München 2012, 219 S., 14,99 €) empfohlen. Der Autor kennt und liebt das
Land, und er versteht es auch, seine Begeisterung nachvollziehbar zu vermitteln.
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Lloyd
Jones, 1955 in Lower Hutt geboren, zählt zu den gegenwärtig erfolgreichsten
Autoren von Neuseeland. Sein Roman »Mister Pip«, auch bei uns einhellig
gepriesen, wurde in immerhin dreißig Sprachen übersetzt. Jetzt ist ein neuer
Roman erschienen. Es ist die Geschichte einer geheimnisvollen Frau aus Afrika,
die all den Menschen, denen sie auf ihren Wegen begegnet, ein Rätsel bleibt:
»Die Frau im blauen Mantel«. (Aus
dem Englischen von Grete Osterwald, Rowohlt Verlag, Reinbek, 2012, 319 S., 19,95
€)
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Antony
McCarten, 1961 in New Plymouth geboren, auch auf dem Theater erfolgreich, zudem
kam sein Film »Superhero« in diesem Sommer in die deutschen Kinos, dieser Autor
weiß, was wo heutzutage abgeht. Der jüngste Sohn der Familie Delp ist an Krebs
gestorben. Dieser Tod läßt die Familie zerbröckeln. Vater und Mutter haben kaum
mehr etwas miteinander zu tun. Jeffrey, ihr zweiter Sohn, achtzehn Jahre alt,
hockt nur noch vor seinem PC und eines Tages verschwindet er ganz. Doch der
Vater, ein Anwalt, resigniert nun nicht etwa. Er macht sich auf die Suche – und
zwar, so versteht sich, erst einmal Online. Er kämpft um seinen Sohn. Das
erweist sich deutlich schwieriger als gedacht. Der Roman lässt sich darum als
Einführung in die Welt der Online-Spiele, zugleich als Satire auf unsere neue (Cyber-)Welt,
aber eben auch als Tragödie einer Familie lesen. Nicht ohne Witz, tieftraurig
und, vor allem, ausgesprochen zeitgemäß. »Ganz
normale Helden« (aus dem Englischen von Manfred Allié und
Gabriele Kempf-Allié. Diogenes Verlag, Zürich, 2012, 454 S., 22,90 €).
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Keri
Hulme zählt zu den modernen Klassikern der neuseeländischen Literatur. Sie wurde
1947 in Christchurch geboren und stammt mütterlicherseits von den Ureinwohnern
Neuseelands, den Maori, ab. Für ihren Roman »Unter dem Halbmond« erhielt sie den
englischen Booker-Preis, eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen
unserer Zeit. Der Fischer Verlag bringt nun zur Messe ein Band mit Erzählungen
heraus: »Steinfisch« (aus dem
Englischen von Christel Dormagen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main,
2012, 265 S., 14 €). Es sind Geschichten aus dem mythischen Untergrund ihres
Landes, voller Realismus und voller Magie. »Traumfahrten« also, häufig voller
Gerüche, auf denen auf denen »es aber nie nach Blumen« riecht.
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»Am
Rande der Welt lebte ein alter Mann, sein Pferd hieß Sydney Bridge Upside Down.«
Der Mann hatte ein »Gesicht voller Narben«, sein Pferd war »ein lahmer Klepper«.
Mit den beiden, dem Mann und dem Pferd, beginnt dieser Roman, weil sie beide
»immer irgendwie dabei waren in jenem Sommer, als hier oben an der Küste die
schrecklichen Dinge passierten«. David Ballentyne, 1924 in Auckland geboren,
präsentiert uns mit »Sydney Bridge Upside Down«,
einen Klassiker der neuseeländischen Literatur (Hoffmann und Campe Verlag,
Hamburg 2012, 336 S., 19,99 €). Ein Sommer in Calliope Bay. Dort lebt ein
Dreizehnjähriger mit Vater und Bruder. Die Mutter ist in die Stadt gegangen, für
den Sommer, für immer? Der Junge weiß es nicht. Er streunt in der Gegend umher.
Eines Tages kommt seine Cousine Caroline. Und die Tragödie beginnt.
Dieser Beitrag haben wir übernommen mit freundlicher Erlaubnis des
Strandgut Magazins- Frankfurt/Main
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