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Es sei die Frage aller Fragen an die Deutsche Geschichte, so der Historiker und ehemalige Gastprofessor am Frankfurter Fritz Bauer Institut, Götz Aly. Weshalb nur billigten so viele nichtjüdische Deutsche während des Nationalsozialismus die Unterdrückung, Ausplünderung und schließlich die massenhafte Ermordung von sechs Mio. Juden? Antworten darauf existieren schon viele und Aly ist in jedem Fall zuzustimmen, wenn er von einer sehr breiten Basis der Billigung und Täterschaft unter den nichtjüdischen Deutschen spricht. Die Verantwortung für Diktatur, Krieg und Shoa sieht der Historiker, der schon vor sechs Jahren ein lesenswertes Buch über »Hitlers Volksstaat« veröffentlicht hatte, daher nicht nur bei den nationalkonservativen Eliten: Auch die große Masse der Deutschen sei Hitlers genozidalen Phantasien willig gefolgt.
Wo aber lagen die tiefen Wurzeln des so mörderischen deutschen
Antisemitismus? Folgt man Aly, so war es seit Beginn der Moderne der Neid und
zwar nicht nur der Neid auf den augenscheinlichen materiellen Erfolg der Juden
in einer sich rapide industrialisierenden Welt. Der deutsche Neid, so glaubt Aly, habe sich als zentrale Triebfeder des deutschen Antisemitismus erwiesen, der sich schließlich gegen Ende des 19. Jahrhundert zu einer nationalen Ideologie steigerte. Der Verfasser spricht vor allem vom Neid der so genannten Modernitätsverlierer, die grummelnd mit ansehen mussten, wie zielstrebige jüdische Einwanderfamilien aus Kongresspolen die Bildungs- und wirtschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten konsequent nutzten, die ihnen der wirtschaftsliberale preußische Staat trotz aller Laufbahnbeschränkungen in Verwaltung, Justiz und Militär bot. Um 1900 machten im prozentualen Vergleich bereits zehnmal mehr deutsche Juden das Abitur als nichtjüdische Deutsche und im Mittel verdienten sie vor dem Ersten Weltkrieg fünfmal so viel wie ihre christliche Konkurrenz. Aly zeichnet hier einen drastischen Kontrast zwischen angeblich christlich geprägter Bärenhäuterei und jüdischem Waagemut, geistiger Flexibilität hier und tumben Sicherheits- und Versorgungsdenken auf Seiten der nichtjüdischen Mehrheit. »Wer den Antisemitismus in der deutschen Mehrheitsbevölkerung verstehen will, muss auch über die Gewandtheit und den Bildungswillen, die Geistesgegenwart und den schnellen sozialen Aufstieg so auffällig vieler Juden sprechen.« Mit Erstaunen registriert der Leser, dass nun ausgerechnet ein ehemaliger Redakteur der taz den Deutschen die Erfindung von Kommunismus und Sozialismus vorhält und sogar noch ein Loblied auf den liberalen Freiheitsbegriff anstimmt, wie er in Großbritannien und Frankreich geprägt worden war. Dagegen diagnostiziert Aly auf Seiten der nichtjüdischen Deutschen eine »vulgäre Befindlichkeit der Gleichmacherei«: »Zumal in Krisenzeiten verbanden sie mit Freiheit das Gefühl von Unbequemlichkeit, Ungewissheit und Überforderung, während ihnen Gleichheit gemütliche Geborgenheit, Daseinsvorsorge und minimales individuelles Risiko bedeutete.« War es aber tatsächlich so, dass die gewaltige Transformation der Deutschen aus einem Volk der Träumer und Dichter zu einer Nation der Ingenieure, Arbeiter und Wissenschaftler allein durch die wenigen hunderttausend jüdischen Deutschen bewirkt wurde? Gab es nicht auch auf christlicher Seite eine Arbeitsethik, einen Geist des Protestantismus, den der einflussreiche Sozialwissenschaftler Max Weber sogar als wichtigste geistige Quelle des neuzeitlichen Kapitalismus ausmachte? Zählten denn zu den klassischen Tycoons der sich industrialisierenden Welt des 19. Jahrhunderts wie Daimler, Krupp, Borsig, Maffai, Thyssen, Siemens oder Bosch tatsächlich besonders viele jüdische Deutsche? Spätestens diese Namensliste sollte doch stutzig machen. Immerhin konzediert Aly, dass noch während der Weimarer Zeit ein beachtlicher Aufholprozess zugunsten der Nichtjuden stattfand, so dass eine angeblich neue Aufsteigergeneration im geistigen Dunstkreis des Nationalsozialismus der geplanten Eliminierung des Judentums völlig neue Seiten abgewann. Nicht ideologische, sondern vor allem ökonomische Motive führten also zum Holocaust. Das erscheint zunächst nicht abwegig. Alys Ansatz öffnet durchaus eine neue und vielleicht fruchtbare Perspektive auf die Genese des Antisemitismus in Deutschland des späten 19. Jahrhundert. Doch in seiner dichotomischen Gegenüberstellung von Juden und christlichen Deutschen überdehnt der Verfasser seinen Ansatz maßlos und gleitet sogar ins Pauschale ab, wenn er etwa resümiert: »Unbeholfene christliche Studenten, wenige innovative Unternehmer oder Kaufleute, die sich verkalkulierten, konnten nicht dauerhaft auf die besseren Ergebnisse der jüdischen Konkurrenten schimpfen (ob damit der Eisenbahnunternehmer Bethel Henry Stroussberg gemeint ist?). Das steigerte die eigene Moral, steigerte die Versagensangst. Es lag nahe, den Neid und Sozialantisemitismus zur Rassenverleumdung weiterzuentwickeln.« Abgesehen davon, dass dies alles doch recht spekulativ klingt und der Beweis dafür wohl kaum jemals erbracht werden kann, scheint bei Aly auch eine gute Portion Selbsthass als Deutscher im Spiel zu sein. Wie sonst sollte man diesen und noch viele andere diffamierende Sätze in seinem Buch erklären? Es ist zudem erstaunlich, auf welch dünner Quellenbasis der Verfasser zu seiner Beurteilung der Gesellschaft des Kaiserreiches und der Weimarer Republik gelangen zu können glaubt. Eine wissenschaftliche Kulturgeschichte ist seine Studie gewiss nicht. Zu undeutlich bleibt der Kontext, in dem die von ihm zitierten Gewährsleute stehen, zu wenig wird versucht, bestimmte antisemitische Milieus abzugrenzen und in ihrer historischen Entwicklung nachzuzeichnen. Darüber hinaus arbeitet Aly mit einem essayistisch angereicherten Alltagsbegriff des Neides, bezeichnet ihn, man staune, als eine der sieben Todsünden – die einzige übrigens, die keinen Spaß bereite – und zitiert dazu schließlich noch Kant: Der Neider richte sich auf die Zerstörung des Glücks anderer. Auf wen sonst - abgesehen von dieser kurzen Einlassung des Königsberger Philosophen - sich seine Ausführungen gründen, verrät er dem Leser leider nicht.
Als Diskussionsbeitrag hätte Alys Essay durchaus seinen Wert, wenn
der Autor nicht wieder einmal der Provokation vor wissenschaftlicher
Sachlichkeit den Vorrang gegeben hätte. Ein echtes professionelles und
methodensicheres Nachspüren seiner Thesen wäre gleichwohl eine lohnende Aufgabe.
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Götz Aly |
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