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| Glanz&Elend Literatur und Zeitkritik |
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Von Michael Knoll Wie sehr das Thema Internet aber zu den Kernthemen zumindest einer jüngeren Generation von Politikern geworden ist, zeigt ein lesenswertes Buch von Björn Böhning und Alexander Görlach. Beide gehören zu den jungen Movers and Shakers des politischen Berlins. Böhning war zwischen 2004 und 2007 Chef der Jusos, seit 2007 leitet er das Grundsatz- und Planungsreferat in der Senatskanzlei Berlin. Görlach war stellvertretender Pressesprecher der CDU/CSU-Fraktion Deutschen Bundestag, Chef der Online-Ausgabe des Debattenmagazins Cicero, 2009 gründete er sein eigenes Online-Debatten-Magazin, The European. Beide sind, wie sie selber angeben, digital natives. Wer ein rasantes und hartes Gegeneinander des Linken und des Rechten erwartet, wird enttäuscht. Nein, trotz ihrer eigentlich gegensätzlichen politischen Haltung tragen sie viel Verbindendes und Gemeinsames zu Tage. Görlach eher von einer diskursiv-reflektorischen Ebene, Böhning stärker mit praktischen Bezügen. Das Denken beider kreist um die politischen Implikationen des Internets, die Auswirkungen des virtuellen Lebens auf das reale, die Veränderungen unseres Lebens und Arbeitens durch Computer, Internet und Email. Veränderungen, die, wie Böhning an einer Stelle richtig formuliert, den Charakter einer »Kulturrevolution« haben, »die eine Umwälzung der Gesellschaft ausgelöst hat, deren Ende wir heute noch nicht absehen können«. Ob sie allerdings in jedem Punkt Recht haben, sei dahingestellt. So haben mich zwei Dinge doch sehr überrascht. Zum einen folgende Aussage von Alexander Görlach: »Wir stapeln und horten kein Wissen mehr. Denn Wissen ist überall. Die Leistung ist herauszufiltern, welches Wissen relevant ist.« Aus der Feder eines im besten bildungsbürgerlichen Konservativen hätte ich anderes erwartet. Wie wird den die intellektuelle Leistung beigebracht, herausfiltern zu können, welches Wissen relevant ist? Erklärt sich das alles von selbst? Natürlich ist das Internet eine riesige Bibliothek voller Wissen. Es ist aber auch ein gigantischer Hort falscher Aussagen, wirrer Ideen und wilder Verschwörungstheorien. Wer nicht vorher gelernt hat, kritisch gegenüber Geschriebenen zu sein, Wahres von Unwahrem unterscheiden und Relevantes von Nichtrelevanten erkennen zu können, wird das Internet als Informationsfriedhof benutzen, aber kein neues Wissen aufbauen. Nebenbei sei bemerkt, dass Wissen immer schon als Differenz genutzt wurde, gerade in vermeintlich egalitären Gesellschaften. Pierre Bourdieus Studien sind immer noch gültig. Der richtige Gebrauch eines Smartphones wird auch in Zukunft nicht genügen, in die besten Kreise der Gesellschaft gelassen zu werden. Zum anderen seien die Aussagen zu den Veränderungen der Arbeitswelt, die Görlach hymnisch beschreibt, von Böhning sachlich zur Kenntnis genommen wird und wesentlich skeptischer betrachtet wird, kritisch bemerkt. Diese Veränderungen kommen nur wenigen zu Gute. Weder arbeitet die Masse in Start-Up-Unternehmen in der Medienbranche noch in intellektuell spannenden Büros von Senatskanzleien. Die Entgrenzung von Raum und Zeit, die die moderne Informationstechnologien ermöglicht, kommt bestimmten Berufsbildern zu Gute, die man vielleicht in Berlins Mitte häufig antrifft, die in Gegenden mit starker industrieller Basis Utopie ist. Ein Auto lässt sich eben nur in einer Fabrik zusammenbauen, da hilft ein Rechner mit Internetzugang nur wenig. Wer dies jetzt als Old School betrachtet, sollte wissen, dass mehr als ein Viertel der Beschäftigten in Deutschland im Sekundärsektor, also im industriellen Bereich, arbeitet. Befremdlich auch die Aussage, dass der Umbau in die Dienstleistungsgesellschaft noch nicht vollzogen wurde. Zum einen ist dies nicht ganz richtig, etwa 70 Prozent aller in Deutschland Beschäftigten arbeitet im Tertiärsektor, allerdings werden zu diesem Bereich eben auch Friseure, Pizzalieferanten etc. hinzugezählt, denen bei ihrer täglichen Arbeit das Internet nur wenig nutzt. Zum anderen möchte man sagen, Gott sei Dank gab es diesen Umbau nicht in dem Maße, wie es etwa in Großbritannien geschah. Denn was der Umbau der britischen Wirtschaft weg vom industriellen Sektor hin zu Finanzdienstleistungen mit sich brachte, ist seit der Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2008 offensichtlich. Die Briten wären froh, wenn sie noch Autos herstellen könnten. Stattdessen haben sie ihre Hoffnung in die Ausgestaltung von bunten Zertifikaten mit Fantasiezahlen gesetzt, von denen nun die ganze Welt weiß, dass sie nicht einmal das Papier wert sind, auf denen sie stehen. Absolut spannend sind Görlachs und Böhnings Ausführungen zur Zukunft der Zeitungen und des Journalismus. Zwei Aspekte sind wesentlich, auf die die beiden aufmerksam machen. Zum einen sagen sie die wohl wahrscheinliche Konzentration auf zwei, drei Zeitungshäuser voraus. Das Geschäftsmodell Tageszeitung sei obsolet, aktuelle Meldungen seien über das Internet schneller zu bekommen. Schon jetzt beginnt zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung wesentlich mehr Wert auf Analysen und Deutungen zu legen. Der Markt wird aber zum anderen von den Öffentlich-Rechtlichen Medien kaputt gemacht. Über die Gebühren der Fernseh- und Radionutzer haben ARD und ZDF umfangreiche Internetredaktionen aufgebaut, die eine starke Konkurrenz zu den Online-Redaktionen von Spiegel, Zeit, FAZ, SZ etc. sind. Vielleicht fehlt dem Buch die Frage, warum im Netz eine eigentümliche Tendenz zur Monopolisierung innewohnt. Google als DIE Suchmaschine. Facebook als DAS Soziale Netzwerk. Wikipedia als DAS Online-Lexikon.
Man merkt, dass beide ein Buch für
ihre Generation und ihre Schicht geschrieben haben. Für eine Generation, die die
Unterscheidung zwischen virtueller und realer Welt nicht mehr macht. Für eine
Schicht, die mit der Revolutionierung von Leben und Arbeit neue Spielräume
erhält. Und die noch nicht erkannt hat, dass die 9to5-Spießer neben finanzieller
Sicherheit eine Freiheit genießen, die unbezahlbar ist, nämlich die
Unerreichbarkeit nach Dienstschluss. Der Enthusiasmus und der Glaube an eine
neue, andere, vielleicht auch bessere Welt, die sich mit den Potentialen von
Computer und Internet auftut, drückt ein Lebensgefühl aus, das auf den digital
immigrant fremd wirkt. Und vielleicht können die digital immigrants den
politischen Erfolg der Piraten deshalb so schlecht erklären. Wenig spannend sind
die Wählerwanderungen der etablierten Parteien zu den Piraten, gesellschaftlich
von Bedeutung ist die Fähigkeit der Partei, 23.000 bisherige Nichtwähler zu
bewegen, für sie die Stimme abzugeben. Böhning und Görlach ist es zuzutrauen,
hier adäquate Antworten zu geben. Ein weiteres Buch, das vor allem das Kapitel
»Von der Demokratie zur Internet-Volksherrschaft?« ausführt, wäre ein Gewinn für
die etablierten Parteien und alle politisch Interessierten. |
Björn Böhning/Alexander Görlach |
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