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Glanz&Elend Literatur und Zeitkritik
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»All Hail Discordia«

In Memoriam Tristan Egolf.

Von Stefan Geyer 

Am 16. Mai 2003 ist der junge amerikanische Autor Tristan Egolf im Studio des Frankfurter Mouson Turms zu Gast. Begleitet und vorgestellt wurde er von dem damaligen Suhrkamp-Verlagsleiter Günter Berg und Egolfs Übersetzer und Freund, Frank Heibert. Egolf selbst, ein sympathischer, ruhiger, junger Mann mit kurzen Haaren, schaute freundlich ins Publikum, machte aber den Eindruck, als fühle er sich sich bei dieser literarischen Veranstaltung etwas fehl am Platz.

Im Jahre 1998 erschien im renommierten französischen Verlag Gallimard das erste Buch Egolfs »Lord of the Barnyard« (dt. Monument für John Kaltenbrunner, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000). In den USA hatte sich kein Verlag für den Roman interessiert, was allerdings nicht weiter wundert. Egolfs Stil hat nichts zu tun mit jener geschmeidigen Creative-Writing-Gefälligkeit, die bei jungen amerikanischen Autoren so weit verbreitet ist - er schreibt rauh, schnell, hart und doch sehr kunstvoll. In einem anderen Ton lassen sich die Geschichten Egolfs auch nicht erzählen. Es sind Geschichten von Aussenseitern, Nonkonformisten, Unangepassten, Menschen, die das spießige Gefüge ihrer Umgebung durcheinanderbringen.

Egolf selbst war so ein Underdog, ein politischer Aktivist, der sich gegen den Irakkrieg und Präsident Bush engagierte und ein Punkmusiker, der obskure Undergroundbühnen in Philadelphia bespielte. Er tingelte als Straßenmusiker durch Europa und dort wurde die Tochter des französischen Autors Patrick Modiano auf ihn aufmerksam, die Kaltenbrunner erfolgreich an Gallimard vermittelte. Es folgte ein kleiner Welterfolg und in Deutschland erschien das Buch schließlich bei Suhrkamp.

Monument für John Kaltenbrunner war ein großer Erfolg und mit diesem Debut hat Egolf einen Maßstab gesetzt, dem er in den folgenden Büchern nicht mehr ganz gerecht werden konnte. John Kaltenbrunner ist ein Held, schon in jungen Jahren ein Genie und erfolgreicher Geschäftsmann. Das weckte Argwohn bei den »Fabrikratten, Trolls, Schmalzköppen und Methodistenvetteln«, die in einem Kaff namens »Baker«, irgendwo in Pennsylvania, wohnen. Es entwickelt sich eine aberwitzige Geschichte, die vom Kampf Kaltenbrunners gegen den Rest der Welt berichtet und im totalen Chaos endet, atemlos, grotesk, brutal, schreiend komisch und tragisch in einem. Egolf ist nicht der Mann für Happy Ends.

In seinem zweiten Roman »Skirt and the Fiddle« (dt. Ich & Louise, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2003), jagt er den talentierten aber gescheiterten Musiker Charlie Evans und seinen Kumpel Tinsel Greetz zur Rattenjagd durch die Kanalisation von »Philz Town« (Philadelphia). Mit diesem Drecksjob läßt sich am meisten Kohle verdienen, Kohle, die Charlie dringend braucht, um das verhasste »Philz Town« endlich verlassen zu können. Nachdem er das erste Rattengeld in einer ausschweifenden Nacht versoffen hat, erwacht Charlie in der Luxuswohnung einer Traumfrau, Louise. Wie er da hin gekommen ist, bleibt ihm ein Rätsel. Aber es entwickelt sich eine – ja, Liebesgeschichte, die allerdings eher einer rasenden Achterbahnfahrt ähnelt.

2009 erschien der letzte Roman Egolfs, »Kornwolf« (Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006). Owen Brynmor, ein gescheiteter Journalist, kehrt wiederwilllig in seine Heimatgemeinde »Stepford«, Pennsylvania, zurück – er will Boxer werden. Um Geld zu verdienen, verdingt er sich als Lokalreporter und recherchiert die Legende vom »Kornwolf«. Dabei trifft er auf den Outsider Ephrahim Bontrager, der durch sein unorthodoxes Verhalten die ganze Gemeinde gegen sich aufbringt, die schließlich zu einer regelrechten Hetzjagd auf ihn aufbricht. Sehr lesenswert und informativ ist das Nachwort, das der Übersetzer Frank Heibert für diesen Roman verfasst hat.

Gehe immer aufrecht, lass dich nicht fertigmachen vom Mainstream, bleib du selbst, das ist die Botschaft Egolfs, »All Hail Discordia« sein Credo. Er hat es uns in drei wunderbaren Romanen hinterlassen.
Ziemlich genau zwei Jahre nach jenem Abend im Frankfurter Mouson Turm, am 7. Mai 2005, nahm sich Tristan Egolf das Leben. Er war ein Kurt Cobain der Literatur.

Am 19. Dez. 2011 wäre Tristan Egolf 40 Jahre alt geworden.
 

Bibliografie:

Tristan Egolf
Monument für John Kaltenbrunner
Deutsch von Frank Heibert
Suhrkamp 2000 (vergriffen).

Ich & Louise
Deutsch von Frank Heibert
Suhrkamp 2003.

Kornwolf
Deutsch von Frank Heibert
Suhrkamp Verlag, 2009


 


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