|
Home Termine Autoren Literatur Blutige Ernte Quellen Politik Geschichte Philosophie Zeitkritik Sachbuch Bilderbuch Filme Töne Preisrätsel |
|||
| Glanz&Elend Literatur und Zeitkritik |
Anzeige Glanz&ElendDie Zeitschrift kommt als großformatiger Broschurband in einer limitierten Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben. Ohne Versandkosten bestellen! |
||
|
Bücher-Charts l Verlage A-Z Medien- & Literatur l Museen im Internet Glanz & Elend empfiehlt: 50 Longseller mit Qualitätsgarantie Jazz aus der Tube u.a. Sounds Bücher, CDs, DVDs & Links Andere Seiten Quality Report Magazin für Produktkultur Elfriede Jelinek Elfriede Jelinek Joe Bauers Flaneursalon Gregor Keuschnig Begleitschreiben Armin Abmeiers Tolle Hefte Curt Linzers Zeitgenössische Malerei Goedart Palms Virtuelle Texbaustelle Reiner Stachs Franz Kafka counterpunch »We've got all the right enemies.» |
Die
Biographie über eine der
Schlüsselfiguren nationalsozialistischer Vernichtungspolitik,
Reinhard Heydrich. Bruno Heydrich brachte es als Opernsänger und Komponist 1916 immerhin zu einem Eintrag in Hugo Riemanns Lexikon, dem damals wichtigsten deutschen Kompendium zur Musik, sein ältester Sohn dagegen verewigte sich in den Annalen des Schreckens. Neben Hitler, Himmler und Göring war Reinhard Heydrich, der scheinbar allmächtige Chef des Reichssicherheitshauptamtes und zuletzt stellvertretende Reichsprotektor in Böhmen und Mähren der wohl bedeutendste Protagonist der Judenvernichtung im Dritten Reich. Als unermüdlicher Organisator von Deportation und Massenmord aber wurde er von keinem anderen übertroffen. Innerhalb von nur elf Jahren stieg der gescheiterte Marineoffizier zum uneingeschränkten Herrn der deutschen Polizei auf, die der anfängliche Amateur in Himmlers Diensten zu einem Instrument des Terrors perfektionierte. Heydrich war zielstrebig, energisch und vor allem ideologisch gefestigt und schien darin alle zu überragen. Man ist versucht zu spekulieren, ob es diese scheinbar vollkommene Verkörperung des nationalsozialistischen Herrenmenschenideals noch an die Spitze der SS geschafft hätte, wenn nicht zwei tschechische Fallschirmagenten am 27. Mai 1942 in einer Haarnadelkurve bei Prag dem Wirken dieser monströsen Persönlichkeit ein abruptes Ende bereitet hätten. Die jetzt beim Siedler-Verlag erschienene Biografie der »Blonden Bestie« von dem jungen Historiker Robert Gerwarth ist die vorläufig letzte einer mittlerweile langen Reihe von biografischen Studien, die Hitlers Paladinen und Vollstreckern gewidmet sind. Hinter diesem deutlichen Kurswechsel in der Forschung steckt auch die Erkenntnis, dass sich die fortschreitende Radikalisierung des Regimes nicht allein – oder vielleicht auch überhaupt nicht - durch die lange favorisierten Strukturuntersuchungen erklären lässt. Gerade in dem anarchischen NS-System spielten aber Einzelpersönlichkeiten eine vergleichsweise größere Rolle als in geordneten politischen Verhältnissen, entschied doch erst deren Nähe zum »Führer« über ihren tatsächlichen Handlungsspielraum innerhalb des Regimes. Eine zentrale Kategorie in diesem Kontext ist die Figur des »vorauseilenden Gehorsams«, der durch gewollt unklare Befehle oder Andeutungen seitens der Regimespitze geradezu provoziert wurde. Wer es nicht genau wusste, wählte im Zweifel die extremere Option, da es sonst die Rivalen taten.
Gerwarth hat für seine
Biografie den klassischen chronologischen Ansatz gewählt, in dessen Rahmen er
systematische Betrachtungen einbaut. Erstaunlich hierbei ist, dass der junge
Heydrich bis in die Spätphase der Weimarer Republik trotz seiner langjährigen
Zugehörigkeit zu dem durchweg reaktionären Offizierskorps der Marine keinerlei
Politisierung und vor allem auch keine Spur einer Affinität zu völkischen oder
nationalsozialistischen Parolen erkennen ließ. Seine politische Radikalisierung
soll, so sein jüngster Biograf, der als Professor an der Universität von Dublin
»Moderne europäische Geschichte« lehrt, erst 1931 mit seinem Eintritt in
Himmlers damals noch unbedeutende SS begonnen haben. Eine Schlüsselrolle hierbei
spielte, so Gerwarth, seine Frau Lina von Osten, die genau wie Heydrich aus
einer Familie stammte, die ihren Wohlstand und ihr bürgerliches Prestige aus der
Kaiserzeit nicht in die Republik hatte retten können. Anders als die Heydrichs
aus Halle waren die von Ostens einschließlich ihrer ältesten Tochter schon lange
vor der Machtergreifung zu überzeugten Nationalsozialisten geworden. Gerwarth
zufolge war es nun vor allem Heydrichs Bemühen, nach seiner Entlassung aus der
Marine wieder beruflich Tritt zu fassen und damit auch seinen Schwiegereltern zu
imponieren, das ihn mehr und mehr an Himmlers SS kettete. Die Anfänge waren
jedoch schwierig. Als Expertise für die geforderte Tätigkeit als Leiter eines
internen Nachrichtendienstes der SS brachte der ehemalige Oberleutnant zur See
und Funkoffizier nur die fleißige Lektüre diverser Detektivromane mit. Wie
wenig Heydrich von der Polizeiarbeit verstand, sollte auch noch später durch
sein stümperhaftes Verhalten in der so genannten Blomberg-Fritsch Affäre
offenkundig werden, als er den Oberbefehlshaber des Heeres mit einem
homosexuellen Rittmeister außer Diensten verwechselte. Doch Himmler schien fest
auf ihn zu bauen und holte seinen neuen Mann nach der Machtergreifung als Chef
der politischen Polizei nach München. Nur drei Jahre nach Heydrichs Eintritt in
den schwarzen Orden landeten die beiden am 30. Juni 1934 ihren ersten großen
politischen Coup, als sie in einer für Deutschland bis dahin wohl einzigartigen
Mordaktion die SA entmachteten und deren Führungsregie um den immer
selbstbewusster auftretenden Ernst Röhm liquidieren ließen. Schon hierbei
entpuppte sich Heydrich als neuer NS-Typus, der stets eine innere Distanz zu
den so genannten alten Kämpfern hielt. Seine Gefolgschaft wählte er lieber aus
der Masse der aufstiegswilligen Universitätsabsolventen, die wie er aus der
Mitte der deutschen Gesellschaft kamen und sich im Kontext des »Führerstaates«
als eine »Generation des Unbedingten« entpuppte. Kaum einer der ehrgeizigen
Juristen oder Agrarwissenschaftler, die im Reichssicherheitshauptamt von der
Umsiedlung und Dezimierung ganzer Völker im Osten träumten, verweigerte sich
dabei der genozidalen »Praxis«. Wie den gleich mehrere Musikinstrumente
spielenden Heydrich hinderte sie weder ihre meist gute bürgerliche Herkunft noch
ihr universitärer Abschluss in dem als Experimentierfeld einer rassistischen
Bevölkerungspolitik abgesteckten Osteuropa buchstäblich über Leichenberge zu
gehen. Als handlungsleitendes Motiv sieht Gerwarth in dieser Gruppe durchaus
nicht nur Karriereambitionen, sondern tatsächlich weltanschauliche Motive. Wie
ihr unnahbarer und herrischer Chef sahen sie in dem Paradigma einer Hierarchie
der Rassen eine tiefe Wahrheit und folgten kompromisslos der Imagination eines
»rassereinen« deutschen Herrschaftsraumes im Osten. Im Kampf gegen eine jüdisch
dominierte Welt sahen sie sich von scheinbar unerbittlichen Feinden umgeben.
Eine Lage, die praktisch jedes Gewaltmittel rechtfertigte. In diesem
Wahrnehmungskontext handelten sie sogar durchaus rational, wenn sie selbst
kleine Kinder massenhaft umbringen ließen, um zu verhindern, dass diese später
als Rächer ihrer Eltern auftraten. Seine Männer sollten aber gleichwohl, so
forderte Heydrich wiederholt, »anständig, zielgerichtet und nach Möglichkeit
unauffällig morden.« Ihrer selbst gesetzten Aufgabe widmeten sie sich dann auch
mit einem verklärenden und scheinbar rationalen Heroismus, der es ihnen, wie
auch ihrem allmächtigen Chef ermöglichte, Massenexekutionen beizuwohnen oder sie
gar zu kommandieren, um vielleicht noch am selben Abend im beschaulichen Kreise
der Familie zu musizieren. Heydrich selbst schien aber auch offen
für bodenständigere Zerstreuungen im vertrauten Kreis: So erfährt der Leser,
dass sich der vielbeschäftigte Chef des Reichssicherheitshauptamtes als
ausgebildeter Militärpilot im Frühjahr 1940 zum Jagdgeschwader 77 nach Norwegen
versetzen ließ. Abends spielte er dann gerne mit den anderen Offizieren Skat und
kümmerte sich dabei wenig um die durchaus aufrichtigen Sorgen des Reichsführers
SS. Mit Heinrich Himmler verband Heydrich, bei aller sonstigen Distanz zu
NS-Größen, bis zu seinem Ende ein besonders enges und vertrautes Verhältnis.
Über seine Beziehung zu Hitler enthält Gerwarths Biografie allerdings nur
sporadische Nachrichten. Es ist eine der wenigen Leerstellen in seiner ansonsten
schlüssigen Studie. Einen weiteren Mangel könnte man darin sehen, dass der
Verfasser zwar die spannende These von der anfänglichen weltanschaulichen
Indifferenz seines Protagonisten vertritt, doch die rasche Ideologisierung
Heydrichs in den frühen Jahren seiner Zugehörigkeit zur SS nur sehr dürftig
skizziert. Gab es hier vielleicht ein »Damaskuserlebnis« für den machtbewussten
Technokraten oder verlief seine Selbstindoktrinierung nach 1931 linear? Darüber
hätte man gerne mehr erfahren. Wie tief bei ihm nationalsozialistische
Anschauungen reichten und wie sehr er Himmlers verquaste Theoreme tatsächlich
verinnerlichte, bleibt somit offen. Dass der Reichsführer aber nach seinem Tod
die beschleunigte Ermordung von zwei Millionen Juden im Generalgouvernement
unter dem Decknamen »Operation Reinhard« ablaufen ließ,
zeigt, welch ein unglaubliches Gewaltpotential
dieser Mann noch über seinen Tod hinaus entfesseln konnte. |
Robert
Gerwarth |
|
|
|
|||