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Glanz&Elend Literatur und Zeitkritik
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Glanz&Elend
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Ein genozidaler Massenmörder
aus der Mitte der Gesellschaft

Die Biographie über eine der Schlüsselfiguren nationalsozialistischer Vernichtungspolitik, Reinhard Heydrich.

Von Klaus-Jürgen Bremm, Osnabrück

Bruno Heydrich brachte es als Opernsänger und Komponist 1916 immerhin zu einem Eintrag in Hugo Riemanns Lexikon, dem damals wichtigsten deutschen Kompendium zur Musik, sein ältester Sohn dagegen verewigte sich in den Annalen des Schreckens. Neben Hitler, Himmler und Göring war Reinhard Heydrich, der scheinbar allmächtige Chef des Reichssicherheitshauptamtes und zuletzt stellvertretende Reichsprotektor in Böhmen und Mähren der wohl bedeutendste  Protagonist der Judenvernichtung im Dritten Reich. Als unermüdlicher  Organisator von Deportation und Massenmord aber wurde er von keinem anderen übertroffen. Innerhalb von nur elf Jahren stieg der gescheiterte Marineoffizier zum uneingeschränkten Herrn der deutschen Polizei auf, die der anfängliche Amateur in Himmlers Diensten zu einem Instrument des Terrors perfektionierte. Heydrich war zielstrebig, energisch und vor allem ideologisch gefestigt und schien darin alle zu überragen. Man ist versucht zu spekulieren, ob es diese scheinbar vollkommene Verkörperung des nationalsozialistischen Herrenmenschenideals noch an die Spitze der SS geschafft hätte, wenn nicht zwei  tschechische Fallschirmagenten am 27. Mai 1942 in einer Haarnadelkurve bei Prag dem Wirken dieser monströsen Persönlichkeit ein abruptes Ende bereitet hätten.

Die jetzt beim Siedler-Verlag erschienene Biografie der »Blonden Bestie« von dem jungen Historiker Robert Gerwarth ist die vorläufig letzte einer mittlerweile langen Reihe von biografischen Studien, die Hitlers Paladinen und Vollstreckern gewidmet sind. Hinter diesem deutlichen Kurswechsel in der Forschung steckt auch die Erkenntnis, dass sich die fortschreitende Radikalisierung des Regimes nicht allein – oder vielleicht auch überhaupt nicht - durch die lange favorisierten Strukturuntersuchungen erklären lässt. Gerade in dem anarchischen NS-System spielten aber Einzelpersönlichkeiten eine vergleichsweise größere Rolle als in geordneten politischen Verhältnissen,  entschied doch erst deren Nähe zum »Führer« über ihren tatsächlichen Handlungsspielraum innerhalb des Regimes. Eine zentrale Kategorie in diesem Kontext ist die Figur des »vorauseilenden Gehorsams«, der durch gewollt  unklare Befehle oder Andeutungen seitens der Regimespitze geradezu provoziert wurde. Wer es nicht genau wusste, wählte im Zweifel die extremere Option, da es sonst die Rivalen taten.

Gerwarth hat für seine Biografie den klassischen chronologischen Ansatz gewählt, in dessen Rahmen er systematische Betrachtungen einbaut. Erstaunlich hierbei ist, dass der junge Heydrich bis in die Spätphase der Weimarer Republik trotz seiner langjährigen Zugehörigkeit zu dem durchweg reaktionären Offizierskorps der Marine keinerlei Politisierung und vor allem auch keine Spur einer Affinität zu völkischen oder nationalsozialistischen Parolen erkennen ließ. Seine politische Radikalisierung soll, so sein jüngster Biograf, der als Professor an der Universität von Dublin »Moderne europäische Geschichte« lehrt, erst 1931 mit seinem Eintritt in Himmlers damals noch unbedeutende SS begonnen haben. Eine Schlüsselrolle hierbei spielte, so Gerwarth, seine Frau Lina von Osten, die genau wie Heydrich aus einer Familie stammte, die ihren Wohlstand und ihr bürgerliches Prestige aus der Kaiserzeit nicht in die Republik hatte retten können. Anders als die Heydrichs aus Halle waren die von Ostens einschließlich ihrer ältesten Tochter schon lange vor der Machtergreifung zu überzeugten Nationalsozialisten geworden. Gerwarth zufolge war es nun vor allem Heydrichs Bemühen, nach seiner Entlassung aus der Marine wieder beruflich Tritt zu fassen und damit auch seinen Schwiegereltern zu imponieren, das ihn mehr und mehr an Himmlers SS kettete. Die Anfänge waren jedoch schwierig. Als Expertise für die geforderte Tätigkeit als Leiter eines internen Nachrichtendienstes der SS brachte der ehemalige Oberleutnant zur See und Funkoffizier nur die fleißige Lektüre diverser Detektivromane mit.  Wie wenig Heydrich von der Polizeiarbeit verstand, sollte auch noch später durch sein stümperhaftes Verhalten in der so genannten Blomberg-Fritsch Affäre offenkundig werden, als er den Oberbefehlshaber des Heeres mit einem homosexuellen Rittmeister außer Diensten verwechselte. Doch Himmler schien fest auf ihn zu bauen und holte seinen neuen Mann nach der Machtergreifung als Chef der politischen Polizei nach München. Nur drei Jahre nach Heydrichs Eintritt in den schwarzen Orden landeten die beiden am 30. Juni 1934 ihren ersten großen  politischen Coup, als sie in einer für Deutschland bis dahin wohl einzigartigen Mordaktion die SA entmachteten und deren Führungsregie um den immer selbstbewusster auftretenden Ernst Röhm liquidieren ließen.  Schon hierbei entpuppte sich Heydrich als neuer NS-Typus,  der stets eine innere Distanz zu den so genannten alten Kämpfern hielt. Seine Gefolgschaft wählte er lieber aus der Masse der aufstiegswilligen Universitätsabsolventen, die wie er aus der Mitte der deutschen Gesellschaft kamen und sich im Kontext des »Führerstaates« als eine »Generation des Unbedingten« entpuppte. Kaum einer der ehrgeizigen Juristen oder Agrarwissenschaftler, die im Reichssicherheitshauptamt von der Umsiedlung und Dezimierung ganzer Völker im Osten träumten,  verweigerte sich dabei der genozidalen »Praxis«. Wie den gleich mehrere Musikinstrumente spielenden Heydrich hinderte sie weder ihre meist gute bürgerliche Herkunft noch ihr universitärer Abschluss in dem als Experimentierfeld einer rassistischen Bevölkerungspolitik abgesteckten Osteuropa buchstäblich über Leichenberge zu gehen. Als handlungsleitendes Motiv sieht Gerwarth in dieser Gruppe durchaus nicht nur Karriereambitionen, sondern tatsächlich weltanschauliche Motive. Wie ihr unnahbarer und herrischer Chef sahen sie in dem Paradigma einer Hierarchie der Rassen eine tiefe Wahrheit und folgten kompromisslos der Imagination eines »rassereinen« deutschen Herrschaftsraumes im Osten. Im Kampf gegen eine jüdisch dominierte Welt sahen sie sich von scheinbar unerbittlichen Feinden umgeben. Eine Lage, die praktisch jedes Gewaltmittel rechtfertigte. In diesem Wahrnehmungskontext handelten sie sogar durchaus rational, wenn sie selbst kleine Kinder massenhaft umbringen ließen, um zu verhindern, dass diese später als Rächer ihrer Eltern auftraten. Seine Männer sollten aber gleichwohl, so forderte Heydrich wiederholt, »anständig, zielgerichtet und nach Möglichkeit unauffällig morden.« Ihrer selbst gesetzten Aufgabe widmeten sie sich dann auch mit einem verklärenden und scheinbar rationalen Heroismus,  der es ihnen, wie auch ihrem allmächtigen Chef ermöglichte, Massenexekutionen beizuwohnen oder sie gar zu kommandieren, um vielleicht noch am selben Abend im beschaulichen Kreise der Familie zu musizieren. Heydrich selbst schien aber auch offen für bodenständigere Zerstreuungen im vertrauten Kreis: So erfährt der Leser, dass sich der vielbeschäftigte Chef des Reichssicherheitshauptamtes als ausgebildeter Militärpilot im Frühjahr 1940 zum Jagdgeschwader 77 nach Norwegen versetzen ließ. Abends spielte er dann gerne mit den anderen Offizieren Skat und kümmerte sich dabei wenig um die durchaus aufrichtigen Sorgen des Reichsführers SS. Mit Heinrich Himmler verband Heydrich, bei aller sonstigen Distanz zu NS-Größen, bis zu seinem Ende ein besonders enges und vertrautes Verhältnis. Über seine Beziehung zu Hitler enthält Gerwarths Biografie allerdings nur sporadische Nachrichten. Es ist eine der wenigen Leerstellen in seiner ansonsten schlüssigen Studie. Einen weiteren Mangel könnte man darin sehen, dass der Verfasser zwar die spannende These von der anfänglichen weltanschaulichen Indifferenz seines Protagonisten vertritt, doch die rasche  Ideologisierung Heydrichs in den frühen Jahren seiner Zugehörigkeit  zur SS nur sehr dürftig skizziert. Gab es hier  vielleicht ein »Damaskuserlebnis« für den machtbewussten Technokraten oder verlief seine Selbstindoktrinierung nach 1931 linear? Darüber hätte man gerne mehr erfahren. Wie tief bei ihm nationalsozialistische Anschauungen reichten und wie sehr er Himmlers verquaste Theoreme tatsächlich verinnerlichte, bleibt somit offen. Dass der Reichsführer aber nach seinem Tod die beschleunigte Ermordung von zwei Millionen Juden im Generalgouvernement unter dem Decknamen »Operation Reinhard« ablaufen ließ, zeigt, welch ein unglaubliches Gewaltpotential dieser Mann noch über seinen Tod hinaus entfesseln konnte.
 

Robert Gerwarth
Reinhard Heydrich
Eine Biographie
Siedler Verlag, München 2011
467 Seiten
29,99 €
ISBN 978 3 88680 894 6

Leseprobe

 


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