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© R. Reifenrath |
Unheimlich/anheimelnd- Seit „Künstliche Intelligenz“ (KI) als jüngste Sau durchs mediale Dorf getrieben wird, machen sich alle Intelligenzler unter den deutschen Journalisten öffentlich Gedanken, was die KI für ihr Gewerbe bedeuten könnte oder dürfte. Immerhin ist ja die bislang verschwiegene Assistenz der KI als anonyme Hilfstruppe zur Erstellung von Leitartikeln eines ehemaligen Chefredakteurs des Berliner „Tagespiegel“ & eines ostdeutschen Politikers, der sich ein rituelles erinnerungspolitisches Lippenbekenntnis als sogenanntenr „Gastbeitrag“ für die FAZ von KI fabrizieren ließ, von der (empörten) Kollegenschaft denunziert, die beiden Sünder mit der gebührenden moralischen Verachtung bestraft & die unter ihren Namen kursierenden Machwerke „depubliziert“ worden. Tant pis pour des omlettes, könnte man naserümpfend etwas arrogant dazu bemerken, weil die unter ihren Namen publizierten Beiträge der zwei Erwischten offenbar nicht als von KI kontaminiert erkannt worden waren: weder von der Kollegenschaft noch vom lesenden Publikum! Wie ist die namenliche Betrügerei überhaupt herausgekommen & warum waren beide sofort geständig? Das ist zumindest psychologisch erstaunlich, weil ertappte geistige Betrüger (vor allem Politiker oder Künstler) bei uns gewöhnlich erst einmal alles abstreiten & nur, wenn nichts mehr hilft, das lange entschieden Verleugnete zugeben – z.B. dass sie ihre Promotion zwar nicht von einer künstlichen, wohl aber einer (bezahlten) fremden Intelligenz haben schreiben lassen. (KI war damals noch nicht auf der Welt.) Die Reflexionen angeblich nicht-künstlicher, also menschlicher Intelligenzen, denen man in letzter Zeit, in allen (Print-)Medien begegnet, sind von einer bestürzenden Homogenität, Simplizität & Hilflosigkeit. Sie laufen alle auf das gleiche Mantra hinaus. Ich habe mich jetzt über einen Text (FR, 29.6.26) amüsiert, der stolz darauf ist (bzw. es behauptet), von einem Menschen zu stammen - einem Tanjew Schultz, der als Professor am „Institut für Publizistik der Gutenberg-Universität“ in Mainz arbeitet & Journalisten ausbildet. „Könnte nicht (…) eine KI“ auch hinbekommen, was den Anonymi der SZ täglich mit dem „Streiflicht“ gelingt? - fragt der Mainzer Professor sich & seine FR-Leser. „Das wäre nicht dasselbe“, antwortet er sich & fährt fort: „Selbst wenn die KI denselben feinen Sprachwitz hinbekäme, es wäre ein seelenloser und verantwortungsloser Text“! Ich habe die beiden starken Worte des Publizistik-Professors kursiviert, weil mir ihr vollmundiges humanistisches Pathos exemplarisch für die erkenntniskritische Hilflosigkeit zu sein scheint, mit dieser jüngsten der prometheischen Demütigungen des Menschen heute umzugehen. Tanjew Schultz' intellektuelles Desaster setzt sich mit der folgenden Behauptung fort: „Authentizität ist ein Grund, warum von Menschen geschriebene Texte denen der KI überlegen sind“. Das klingt vertraut & beruhigend. Wenn man nur wüsste, woran man so etwas Vages wie „Authentizität“ erkennen kann, gar zweifelsfrei bestimmen! Und selbst wenn das der Fall wäre, muss ein von Menschen geschriebener Text doch nicht per se & automatisch – durch seine seelenhafte Verantwortlichkeit? - einem KI-Text „überlegen“ sein. Denn wie es in der Konkurrenz zwischen zwei oder mehreren menschlichen Texten unter- & überlegene gibt, gute gelungene oder schlechte misslungene, so müsste es auch diese qualitative Differenz zwischen „authentischen“ & „nichtauthentischen“ KI-Texten geben. Die „Über- oder Unterlegenheit“ dürfte im Falle faktischer Korrektheit (was ist zutreffend, bzw. wahr?) & logischer Stimmigkeit der Argumentation vergleichsweise noch leicht zu entscheiden sein. Wenn es sich jedoch um einen literarischen Text fiktionalen Charakters handelt, dürfte die Einschätzung seiner Qualität(en) & seine Herkunft vom Menschen oder dessen Simulation als KI schwieriger, um nicht zu sagen heute bereits so gut wie unmöglich sein. Geradezu rührend ist die Lösung des authentischen KI-Dilemmas, die Tanjew Schultz am Ende seiner fruchtlosen Bemühungen vorschlägt: “Deshalb könnte und sollte es das Qualitätsversprechen ernst zu nehmender Redaktionen sein, ihren Leserinnen und Lesern zu garantieren: Hier schreiben noch Menschen für Menschen“. Wenn es solche, wie dieser Mainzer Professor sind, frage ich mich aber, ob ich nicht doch lieber lesen möchte, was die KI zu sagen hat. Vermutlich würde sie mich zwar mit der Behauptung belügen, dass sie mir als Mensch schreibt – aber dafür nicht auf die wahnwitzige Idee kommen, sie könnte ihren Lesern garantieren, was doch allenfalls als ein Versprechen fungieren kann, dass „hier noch Menschen für Menschen schreiben“. Ein anheimelndes Versprechen, das an den Slogan „Hier bedient Sie der Chef persönlich!“ erinnert, mit dem früher manche Kneipe ihr Publikum bei der Stange halten wollte. Nachgeburten - Der Tag wird kommen, an dem die hinlänglich mit den publizierten Texten eines Autors – sagen wir: Dickens, Faulkner, Hemingway, Conrad, Gadda, Hamsun, Tolstoi etc. – aufgefütterte KI, einen bislang ungeschriebenen Roman von einem dieser Autoren buchstäblich gebiert. Gewissermaßen: als eine posthume Jungfernzeugung. Gleiches wird auch musikalisch möglich sein. Beethovens oder Mahlers Zehnte Symphonie könnte vollendet, die Zahl von Haydns 104 Symphonien je nach Wunsch um etliche posthum generierte vergrößert werden – um nur einige spektakuläre musikalische Wünsche zu erwähnen. Zumindest in der Kunst (nicht zu vergessen: auch im Film) gäbe es eine postmortale Kreativität, bzw. „Unsterblichkeit“ - nicht bloß, wie bisher, als Metapher für reproduzierbares Fortleben oder herausragender ästhetischer Exzellenz! Was wird sich dadurch für kunstaffine Kenner & Liebhaber ändern? Vermutlich: nichts. Das Repertoire ihrer Interessen hätte sich nur erweitert, bzw. könnte sich jederzeit verändern; da wir im Kapitalismus leben werden, wird der Kreator dieser literarischen oder musikalischen Kunststücke aus der Hinterlassenschaft toter Künstler sein Copyright einfordern. Es könnte z.B. besonders attraktive Konzerte geben, auf denen nur die neu generierten Werke zu Gehör gebracht werden. Business as usual. Fundsache- In den Sechziger/Siebziger Jahren konnte man als junger Intellektueller immer wieder beim Hören der vielen Abendstudios in den Rundfunksendern der BRD oder bei der Lektüre des „Merkur“, der „Neuen Rundschau“ & anderer kulturpolitischer Zeitschriften jener goldenen Zeit der allgemeinen BRD-Kultur auf seinen Namen stoßen: Hans G Helms. Das G ohne Punkt, der eine Abkürzung signalisiert hätte. Man begegnete dem Autor auf vielen Feldern, nicht nur im literarischen musikologischen, stadtplanerischen, ökonomischen sondern auch als einem intimen Kenner z.B. der klandestinen Entwicklungen der internationalen Waffenentwicklung zur immer technischeren Kriegsführung, die er aus der Lektüre der einschlägigen Fachliteratur recherchierte & ans Licht der Öffentlichkeit zog. Roboter, KI oder Drohnen: Hans G. Helms hat sie alle prognostiziert – Jahrzehnte bevor sie produziert & weltweit eingesetzt wurden. Von Adorno durch einen enthusiastischen Essay über Helms' einzige eigenkünstlerische Arbeit nobilitiert, gab sich der einzelgängerische Autor von unzähligen Rundfunkfeatures, die er zu Zeitschriften-Essays & Büchern umarbeitete, mit seinen zumeist sehr umfangreichen & oft brilliant formulierten kritischen Einsichten in die kapitalistische Gesellschafts- & Weltordnung als unideologischer marxistischer Denker zu erkennen – ohne geistige Scheuklappen oder parteipolitische Optionen. Aber Hans G Helms wurde trotz seiner intellektuellen Qualität & Originalität als „eingreifender Intellektueller“ nie zu einer öffentlichen Person, gar so bekannt wie z.B. der ähnlich versatile H.M. Enzensberger. Woran ihm wohl auch nicht gelegen war. So verschwand der 1932 Geborene mit seinem Tod 2012 vollständig aus dem kulturellen Bewusstsein in Deutschland. Umso erfreulicher ist ein dreiteiliger Aufsatz von Stefan Steiner in der hervorragenden österreichischen Dreimonatszeitschrift „wespennest“, die ihre Nummern immer unter ein Thema stellt. Das jüngste Heft (Nr.190, 14€) hat das Schwerpunkt-Thema „risiko“. Darin hat der Wiener Historiker den zweiten Teil seiner detaillierten Recherche zum Schaffen & zu der Person des einzigartigen Autors vorgelegt. Der dritte Teil, der sich mit dem Helmsschen Spätwerks befasst, wird im „wespennest“ 191 erscheinen. Somit liegt zum ersten Mal &
posthum eine umfassende Werk-Darstellung des erstaunlich produktiven Autors &
auch seiner intellektuellen Physiognomie vor. Zu wünschen wäre heute zumindest
ein Sammelband als Querschnitt des weitreichenden Oeuvres von Hans G Helms, den
Steiner zur Krönung seiner umfangreichen Recherchearbeit besorgen sollte. Ob
sich dafür ein Verlag oder eine fördernde Institution findet? Denn schließlich
ist Hans G Helms heute eine bislang noch nicht einmal vergessene Legende. |
»Petits
riens«, |
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