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Die kanadische Autorin Alice Munro ist hierzulande noch fast so etwas wie ein Geheimtip, obwohl ihre jüngeren Werke schon seit einigen Jahren auf deutsch vorliegen und ihre Fangemeinde stetig wächst. Der kleine Schweizer Dörlemann Verlag mit seinem feinen Gespür für literarische Perlen hat nun ihr Erstlingswerk „Tanz der seligen Geister“ in einer wunderschön gestalteten Ausgabe herausgebracht. Unter dem Titel „Dance of the Shadows“ wurde dieser Band mit 15 Erzählungen erstmals 1968 veröffentlicht und gleich mit dem Governor General’s Award bedacht. Dieser Auszeichnung folgten im Laufe der Jahre zahlreiche weitere nationale und internationale Literaturpreise, zuletzt erhielt Alice Munro 2009 den Man Booker International Prize für ihr Lebenswerk. Abgesehen von einem einzigen Roman („Kleine Aussichten“, 1971) hat Alice Munro bislang ausschließlich Short Stories veröffentlicht. Im Bereich der Kurzgeschichte, so Jonathan Franzen in einem ZEIT-Interview, habe sie sogar Anton Tschechow übertroffen. Diese Meisterschaft zeigt sich bereits in ihrem Debut. Wie viele ihrer Erzählungen spielen auch die 15 Geschichten dieses Bandes im ländlichen Raum der kanadischen Provinz Ontario, wo Alice Munro aufwuchs. Während ihre späteren Werke sich zumeist um Frauen im mittleren Alter drehen, geht es im „Tanz der seligen Geister“ um Kindheit, Jugend und junges Erwachsenenleben; angesiedelt in der Zeit von den 1930er bis zu den 1960er Jahren. Es ist eine ärmliche und scheinbar in sich geschlossene Welt, namenlose Weiler oder eine Kleinstadt mit dem unpassend erscheinenden Namen Jubilee, mit der man sich nach einer Weile sehr vertraut fühlt, ohne dass man je das Gefühl von Fremdheit vollkommen verliert. Ambivalente Erfahrungen machen auch die Hauptfiguren – meist Mädchen oder junge Frauen - in den Erzählungen. Ein elfjähriges Mädchen zieht sich nach dem Tod eines Pferdes aus der bis dahin bevorzugten männlichen Welt des Vaters zurück, zwei Schwestern sehen sich nach vielen Jahren in ihrer Heimatstadt wieder, eine 13-Jährige erlebt ihren ersten Rausch, eine Gruppe neu zugezogener, wohlanständiger Familien will eine Alteingesessene und ihr heruntergekommenes Anwesen loswerden, eine Großmutter stirbt, ein Handelsvertreter nimmt seine beiden Kinder auf eine seiner täglichen Fahrten mit. Äußerlich erzählt Alice Munro keine Sensationen, für die Hauptfiguren jedoch sind dies Schlüsselszenen ihres Lebens, in der sie sich etwa der Komplexität von Geschlechterrollen und sozialen Beziehungen bewusst werden oder Brüche in ihrer festgefügten Welt erfahren. In „Tanz der seligen Geister“, der letzten Erzählung des Bandes, veranstaltet die Klavierlehrerin Miss Marsalles wie jedes Jahr ein Fest für ihre Schüler und Schülerinnen samt ihren Eltern. Doch Miss Marsalles wird alt, die Kinder spielen von Jahr zu Jahr schlechter vor, das Buffet wird immer unappetitlicher und die Geschenke, die Miss Marsalles verteilt, möchte eigentlich niemand mehr annehmen. Dennoch folgt man auch dieses Jahr ihrer Einladung zum Fest, auf dem alles seinen gewohnten Gang geht, bis gegen Ende eine Gruppe behinderter Kinder erscheint und ein Mädchen aus dieser Gruppe so ergreifend schön Klavier spielt, dass das Publikum vollkommen konsterniert ist und die Ich-Erzählerin kommentiert: „Miss Marsalles hat mit so etwas keine Probleme, aber andere Menschen, Menschen, die in der Welt leben, haben damit sehr wohl welche.“ Wer lebt hier in der Welt? Wer oder was ist normal? Bei Alice Munro sind es oft diejenigen, die auf den ersten Blick befremdlich oder grotesk wirken, die scheinbar Schwachen, die Außenseiter, die ohne Scheuklappen durch die Welt gehen und gegen die Regeln verstoßen. Gegen Grundsätze zu verstoßen, ist auch Alice Munro nicht fremd, jedenfalls nicht beim Schreiben. Vielfach bricht sie die Regeln der Kurzgeschichte: Am Anfang bekommt man meist keine oder nur versteckte Hinweise darauf, worum es eigentlich geht. Manche Stories brauchen eine geraume Weile, um in Gang zu kommen. Sie baut Abschweifungen ein, die dazu führen, dass die Geschichten ganz leise, fast unbemerkt, eine andere Richtung einschlagen. Ein ‚ordentliches’ Ende findet sich selten, eher bleibt man mit einem Grübeln oder mit dem vagen Eindruck zurück, die Welt sei eine ungeordnete Angelegenheit und nichts sei jemals wirklich zuende. Die ruhige, unbeirrbare, genau hinschauende Beobachterin Alice Munro erzählt präzise, ohne sich in Details zu verlieren. Sie tut dies in einer schnörkellosen, poetischen Sprache, die schüchtern geblümte Tapeten und königliche Verdrossenheit kennt; Heidi Zerning hat sie kongenial ins Deutsche übersetzt. In „Ein Gläschen Medizin“ beschreibt die jugendliche Ich-Erzählerin ihren ersten Rausch: „Ich knipste eine Stehlampe neben dem Sessel an und das Zimmer fiel über mich her. [...] Ich hatte mir einen großen seelischen Umschwung vorgestellt, eine Aufwallung von Heiterkeit und Leichtsinn, ein Gefühl von Gesetzlosigkeit und Flucht, begleitet von leichtem Schwindel und vielleicht von einer Neigung, laut zu kichern. Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass die Decke sich drehen würde wie ein großer Teller, den jemand nach mir geworfen hatte, oder dass die blassgrünen Kleckse der Sessel anschwellen, miteinander verschwimmen und sich auflösen würden und mit mir ein Spiel voll ungeheurer, sinnloser, unbelebter Bosheit treiben würden.“
Am Ende des Buches hat man
das unbestimmte Gefühl, dass alle Erzählungen irgendwie zusammenhängen, und in
der Tat kommen einige Personen und Orte in mehreren Geschichten vor. Manche
Kritiker behaupten deshalb auch, bei Alice Munros Erzählbänden handele es sich
um sehr lose konstruierte Romane. Das weist die Autorin strikt zurück, sie
schreibe definitiv Short Stories. Wie immer man diese Werke nennen mag: Sie
seien denjenigen, die noch nichts von Alice Munro gelesen haben, unbedingt
empfohlen. Wer sie dagegen schon kennt, wird es ohnehin kaum erwarten können,
bis 2011 der zweite Band ihrer frühen Erzählungen auf deutsch erscheint. |
Alice Munro
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