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Christiane Pöhlmann über Ennio Flaianos wiederaufgelegten Roman »Alles hat seine Zeit«
Der Name Mussolini wird nicht ein
einziges Mal erwähnt. Auch Kriegshandlungen im engeren Sinne werden nicht
beschrieben. Im Grunde ist nicht einmal klar, ob der Roman während des
eigentlichen Abessinienkriegs zwischen Oktober 1935 und Mai 1936 oder in der
anschließenden Besatzungszeit spielt. Der historisch-politische Kontext, die
italienische Kolonialpolitik in Äthiopien, wird weitgehend ausgeblendet, um
archetypische Fragen nach Schuld und Verantwortung zu stellen. Um aber auch, wie
sich am Ende zeigen wird, nicht nur ein Buch gegen den Krieg, sondern gegen die
Armee, gegen das Militär zu schreiben; diese Unterscheidung sollte nicht
unterschätzt werden. Denn die Geschichte ist als Ich-Erzählung gestaltet, folglich sollte dem Protagonisten einiges Misstrauen entgegengebracht werden, und zwar nicht erst ab dem Zeitpunkt, als klar wird, dass er Realität und Imagination nicht mehr klar zu trennen weiß, als er sich immer stärker in den Fallstricken der eigenen Psyche verfängt. Nein, auch jene scheinbar noch wahnfreie Figur ist schwer zu fassen. Flaiano lotet das Innenleben seines Ich-Erzählers in einer Tiefe aus, über welche dieser selbst gar nicht verfügt, ohne ihm dabei jedoch Tiefe anzudichten. Der ganz und gar durchschnittliche Mann, Italiener und Soldat, der auf den Unterwerfungsausweis und die geziemende Anrede durch die Eingeborenen besteht, wird hier differenziert vorgeführt, sympathisch und kleinmütig, unglückselig und selbstbezogen. Über seinen Zahn vergisst der Protagonist Mariam vorübergehend, wird aber schon bald von einem Strudel aus Schuldgefühlen und Wahnvorstellungen mitgerissen. Er wittert eine Verschwörung, fürchtet, man könne ihm auf die Spur kommen, obwohl er alle Spuren kalt und systematisch beseitigt hat. Er begeht weitere Verbrechen, um einer etwaigen Entdeckung zu entgehen. Schließlich wächst sich seine Paranoia zu einem doppelten Wahn aus, denn er meint, sich bei Mariam mit Lepra infiziert zu haben. Nun flieht er auch vor der medizinischen Anzeige. Am Ende seiner Kräfte landet er schließlich bei Johannes, den er für Mariams Vater hält. Zu Selbstmord wie Flucht gleichermaßen unfähig, bleibt er immer länger bei ihm. Irgendwann kommt es zu einem Kampf zwischen beiden, damit auch zu einem Rollenwechsel, denn nun pflegt er Johannes – was ihn jedoch nicht daran hindert, Mordabsichten zu entwickeln. Schließlich erlebt er einen ersten Moment echter innerer Größe, denn er fragt Johannes direkt nach Mariam und der Krankheit. Johannes lacht nur und legt ihm Verbände auf. Er gesundet und kehrt, dies der zweite Moment von Größe, zu seiner Einheit zurück. Ob er seinen Vorgesetzten seine Taten gesteht, bleibt unklar, vermutlich nicht, denn er stößt auf hartnäckiges Desinteresse. Immerhin erzählt er einem Leutnant alles, und es könnte sich bei dieser Geschichte durchaus um den Roman selbst handeln. Damit bleibt jedoch auch ungewiss, welche Entwicklung der Protagonist wirklich durchlebt, ob er eine Katharsis erfährt oder eben nur zwei Momente innerer Größe. Nur diese beiden Male ist er fähig, mit sich selbst im Einklang zu handeln, zu vergessen, dass man nach Afrika geht, "um das Gewissen von sich abzuschütteln". Anschließend scheint er sehr rasch wieder bereit, auf gesellschaftliche Konventionen zu vertrauen, gibt das individuelle Schuldgefühl zugunsten des Verbrechensbegriffs auf, noch dazu bei Kriegs- oder Besatzungsrecht. "Es scheint mir unnütz, von Verbrechen zu reden, zumal ja niemand mich sucht." Gleich darauf heißt es jedoch: "Allerdings hat man kein Recht, so großzügig zu sein." Auch greift er in seiner Erzählung der Handlung, nie aber der inneren Entwicklung vor. Doch nichts steht der optimistischen Lesart von der Katharsis so entgegen wie der Schluss. Während seiner Flucht hat er immer wieder den Geruch nach Fäulnis wahrgenommen, damals für ihn ein sicheres Indiz seiner Lepra-Erkrankung. Am Ende, als es heißt, sie würden in vier Tagen abziehen, nimmt er diesen Geruch am Leutnant wahr. "Ich beschleunigte meinen Schritt, doch die Spur jenes Gestanks zog vor mir her." Die Einheit kehrt zurück nach Italien – und mit ihr jenes Armeerecht auf die Überlegenheit des Weißen, auf Vergewaltigung und Mord. Mit ihr der Oberleutnant in seinem nunmehr legitimierten Wahn. Geschichte wiederholt sich doch. Grausamer kann ein Buch nicht enden.
Ennio Flaiano, Jahrgang
1910, hat selbst am Äthiopienfeldzug teilgenommen, obwohl er ein erklärter
Anti-Militarist war und den Kriegsdienst verweigern wollte (das ist in Italien
erst seit 1972 möglich). Er hat sich in der Nachkriegszeit vor allem als
Drehbuchautor einen Namen gemacht, u. a. mit "La Strada". "Alles hat seine Zeit"
ist sein einziger Roman, für den er 1947 den damals erstmals verliehenen Premio
Strega bekam. Sein erstes Drehbuch stammt aus dem Jahr 1942, insgesamt hatte er
also noch kaum schriftstellerische Erfahrung. Umso erstaunlicher ist es, wie
vollendet er Ton und Inhalt voneinander scheidet. Die Hitze Afrikas und die
Monotonie des Soldatenlebens sind deutlich spürbar, ohne dass die Lektüre je zäh
oder monoton wäre. Es passiert im Grunde wenig, die Sprache scheint extrem
sachlich, doch am Ende zeigt sich, wie viel vage – aber nie beliebig – bleibt.
Der Roman ist einer dieser paradoxen Glücksfälle: Er lädt zu einer Lektüre ein,
die in einen zutiefst pessimistischen Widerhall ausläuft, einen Schmerz, der
jede Zeile lohnt. Christiane Pöhlmann |
Ennio Flaiano
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